Die Befreiungsbewegung in der Südafrikanischen Republik

 

Erster, von Franz Lee verfasster und veröffentlichter Artikel

in

“Internationale Politik”, Belgrad, 14. Jhg. Heft 318/319, Juli 1963


Pandemonium Electronic Publications, Mérida, Venezuela, 1999


Schon seit den frühesten Anfängen der Menschheitsgeschichte bildete die Versklavung der Vernunft eines der erfolgreichsten Instrumente aller Unterdrücker. Indem sie die Vergangenheit der Unterdrückten einfach auslöschten und ihre Gegenwart der Ausbeutung entsprechend einrichteten, gelang es den herrschenden Klassen, sich die unterdrückten Völker ohne den Einsatz von Armeen und Polizeikräften zu unterwerfen. Um nachzuweisen, wie die Geschichte in den südafrikanischen Schulen und auf den dortigen Universitäten verdreht wird und wie diese Verdrehungen den Schülern als „Evangelium der Wahrheit“ beigebracht werden, will ich hier den Verlauf der Ereignisse während der letzten fünfzig Jahre analysieren. Die grosse Lüge - zusammengesetzt aus der sogenannten „weissen Superiorität“ und der „schwarzen Inferiorität“ - dringt in jede Pore der Geschichte ein und gelangt bis in die kleinsten Kapillaren jeder Wissenschaft. In Wirklichkeit ist von dieser Lüge die gesamte südafrikanische Gesellschaft durchdrungen. Daher ist es kein Wunder, wenn die Afrikaner - etwa 12 Millionen Neger, Mischlinge, Malaien, Inder und Chinesen (die Japaner sind aus kaufmännischen Erwägungen als Europäer registriert) - gezwungen sind, „mit Ideen gegen Ideen zu kämpfen“!

Die arbeitenden Massen, d. h. in der Hauptsache die unterdrückten Nichteuropäer, die Millionen von Arbeitern und Bauern, die auf den Feldern, in den Bergwerken und Fabriken tätig sind, scheinen dazu bestimmt, dieses Land aus seiner jetzigen Krise herauszuführen. Die gesamte Wirtschaft Südafrikas ruht auf ihren Schultern. Sie haben die Zivilisation geschaffen und die Grundlagen für die kulturelle Entwicklung gelegt. Dieser Fortschritt wäre ohne ihre billige Arbeitskraft unmöglich gewesen. Angesichts ihres Beitrags ist es unbedingt notwendig, ihnen den ihrer Würde und ihrem Wert entsprechenden, gerechten Platz in der Gesellschaft zuzuweisen.

Ich möchte nun den Uhrzeiger etwas zurückdrehen, zurück bis zum Tag der Union im Jahre 1910. Durch das Gesetz über die Union vom 31. Mai 1910 waren sämtliche schwarzen Bewohner auf ihrer eigenen Scholle politisch rechtlos geworden; die sogenannten Bestimmungen über die Rassenschranken (color bars) gegenüber den Schwarzen, die in der Praxis ständig zur Durchführung gelangten, wurden in die Verfassung des Landes aufgenommen. Die Regierungspolitik des „divide et impera“ hatte ihren Anfang genommen und seither musste die nichteuropäische Bevölkerung wohl oder übel in der untergeordneten Stellung einer billigen Arbeitskraft gehalten werden.

Das Herrenvolk, die Afrikander Südafrikas halten sich für Nachkommen der holländischen Einwanderer aus dem 17. Jahrhundert und der französischen Flüchtlinge (Hugenotten) aus dem Jahre 1685. Sie behaupten von sich, Europäer und die einzigen Verteidiger der christlichen Zivilisation in Südafrika zu sein. Sie halten es für ihre „Pflicht, jede Gefahr für die westliche Lebensart“ zu beseitigen, jede „Gefahr der schwarzen Horden“ aus dem Wege zu räumen, die „Vernichtung der christlichen Zivilisation durch die schwarzen Barbaren“ zu verhindern und besonders jede „Bedrohung der europäischen Zivilisation“ aufzuhalten.

Um dieser Gewaltpolitik, dieser ungeheuerlichen Aktion der Anhänger des Apartheid entgegenzutreten, schufen die Afrikaner im Jahre 1912 ihren Afrikanischen Nationalkongress (ANC), der alle Afrikaner vereinigte. Das katastrophale Bodengesetz vom Jahre 1913 hatte die Aufmerksamkeit des unterdrückten Volkes auf diese Organisation gelenkt.

Nach dem alten Republiksgesetz hatten die Afrikaner in Transvaal und im Freistaat kein Recht auf Bodenerwerb. Sie konnten Grund und Boden nur in den überfüllten Reservaten kaufen. Durch den Bodenhunger waren sie gezwungen, sich auf dem im Eigentum der Europäer stehenden Grundstücken „rechtlos anzusiedeln“. Als Eindringlinge lebten sie hier ganze Generationen hindurch. Die logische Folge dieses ungerechten Gesetzes war die, dass Tausende und aber Tausende afrikanischer landloser Bauern ihre Herden an die weissen Farmer verkaufen mussten, die ihnen unverschämt niedrige Preise boten und die traurige Lage der Afrikaner rücksichtslos ausnutzten. Viele Afrikaner wurden als billige landwirtschaftliche Arbeiter in Dienst genommen, doch ihre Löhne waren beinahe gleich Null. Andere wiederum zogen mit ihren Herden davon und kilometerlange Strecken waren mit Spuren des Todes besät. Die Flüchtlinge durften nicht einmal ihre Toten begraben. Welch furchtbare Ankündigung der Dinge, die erst kommen sollten!

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges, im Jahre 1914, hegten die Afrikaner keine grossen Hoffnungen auf die Befreiung ihres Landes. Aber dennoch hielten sie Großbritannien die Treue, meldeten sich zum Eintritt in die Armee in der Hoffnung, sie würden das Herz der Weissen Königin (die in ihrem Befreiungskampf zu einer legendären Figur geworden war) erweichen und sie veranlassen, ihnen zu helfen. Hunderte von ihnen fielen auf den Kampffeldern Frankreichs. Während des Krieges verschlang viele der Ozean bei der Versenkung des Schiffes „Mendi“. Welchen Sinn und welches Ziel hatten aber alle diese Opfer?

Im Januar 1919 gründeten die Afrikaner von Kapstadt die Gewerkschaft der Industrie- und Handelsarbeiter (Industrial and Commercial Worker’s Union) - kurz ICU genannt. Diese Organisation proklamierte in den Kapstädter Docks einen erfolgreichen Streik, der von achttausend Arbeitern durchgeführt wurde. Damals bekamen die Unterdrückten zum ersten Mal die Wirksamkeit der Parole des Herrenvolks zu fühlen: Einheit ist Kraft! Und wie üblich griff die Regierung zur Anwendung physischer Gewalt. Im Juli 1920 hielten die Afrikaner ihre erste Arbeiterversammlung in Bloemfontein ab. Im Oktober wurde in Port Elisabeth einer ihrer Führer, Masabalala, verhaftet. Als die Masse seine sofortige Freilassung forderte, eröffnete die Polizei das Feuer, tötete 23 Personen und verwundete eine noch grössere Zahl. Ähnliche unmenschliche Aktionen haben sich in der Geschichte Südafrikas ständig wiederholt.

Die Regierung Smuts fuhr im Jahre 1921 fort, der Bevölkerung immer rücksichtslosere Schläge zu versetzen. In Queenstown wurden die schutzlosen Afrikaner, die sich in Bullhock versammelt hatten, durch Maschinengewehrfeuer wie Kriechtiere und Heuschrecken niedergemäht. Zu diesen Szenen des Vandalismus gesellte sich im Jahr 1922 die Tragödie des Blutbads von Bondelswart. Im Jahre 1923 gossen solche Blutbäder und drei neue Vergeltungsgesetze (das Gesetz über die Stadtgebiete, das Gesetz über die Rassenschranken und das Gesetz über die Administration der Eingeborenen) neues Öl in das bereits wütende Feuer. Diese Gesetze waren darauf ausgerichtet, den Zustand der Sklaverei in Südafrika aufrecht zu erhalten. Im Jahre 1926 konnte sich die ICU rühmen, die Zahl ihrer Mitglieder auf über 100 000 erhöht zu haben. Doch, statt sich zusammenzutun, liessen sich die ANC und die ICU in einen, Bestürzung erregenden offenen Konkurrenzkampf ein. In dieser Phase sahen sich die afrikanischen Arbeiter ihren unmittelbaren Arbeitgebern, ja sogar dem ganzen Staat mit seinem gut organisierten Apparat gegenübergestellt. Das Rückgrat dieses Staates bildete aber der britische Imperialismus mit seiner langen Geschichte von Erfahrungen in der kolonialen Ausbeutung und Unterdrückung. Als das Jahr 1930 näher rückte, erreichte die ICU-Bewegung ihren Höhepunkt, brach aber dann rasch zusammen. Sie zerfiel bald in Fraktionen, von denen jede ihren besonderen Führer hatte, und diese Führer hetzten gegeneinander. Interessant ist, dass die ICU eigentlich den Zersetzungskeim bereits in sich trug. Dekadente Kräfte, Bürokratie, Opportunismus, Abenteuertum und Strebertum riefen in der Organisation ein Chaos hervor. Der einzige progressive Schritt in dieser Zeit bestand in dem Versuch, eine einheitliche Gewerkschaftsbewegung ins Leben zu rufen.

Im Grunde sahen die Afrikaner ein, dass sie als Arbeiter und Angehörige einer „inferioren“ Rasse unterdrückt waren. Wenngleich unter ihnen nur eine Minderheit lesen und schreiben konnte, begannen sich schon manche zu fragen, wo und wie sich das Menschengeschlecht in zwei Zweige gespalten habe: in die Rasse der „Herren“ und in die „inferiore“ Rasse. Sie konnten keinerlei Unterschied finden, weder in den Blutgruppen noch in der Anzahl der Knochen oder Organe, ja nicht einmal in der Fähigkeit zur Reproduktion. Sie hatten täglich Gelegenheit, zu fühlen, dass sie umso stärker unterdrückt und ausgebeutet wurden, je dunkler ihre Hautfarbe, je krauser ihr Haar und je molliger dieses seiner Textur nach war. Sie konnten nicht begreifen, daß das Gebäude dessen, was mit so grosser Beredsamkeit als „weiß“, „europäisch“, „christlich“ und zur „westlichen“ Zivilisation gehörend bezeichnet wurde, zum großen Teil durch ihren Schweiss und die billige Arbeitskraft Afrikas aufgebaut worden war. Die Europäer haben ohne Zweifel ihren wertvollen intellektuellen Beitrag geleistet, aber aus der Schlußanalyse lässt sich klar ersehen, „wer“ die saftigen Früchte ihrer Arbeit einheimst und „wer“ sich mit den Krümchen zufrieden geben muss, die vom Tisch des Herrn fallen.

Die afrikanischen Gewerkschaften waren machtlos. Das Gesetz über die Rassenschranken, das Gesetz über die Lehrlingszeit, das Gesetz über den Ausgleich in der Industrie und der Zusatz zum Gesetz über die Fabriken beseitigten auch jede noch übrig gebliebene Spur politischer Rechte und zogen die Schlingen der Sklaverei immer fester um die Hälse der Afrikaner. Bis 1935, bis zur Annahme der drei berüchtigten Hertzogschen Gesetze - der „Eingeborenengesetze“ - bedeuteten die beiden nationalen Organisationen ICU und ANC nur noch etwas mehr als leere Muschelschalen. Doch in der Erinnerung des Volkes ist der Widerhall ihrer Namen voller Hoffnung zurückgeblieben. In der Zwischenzeit aber waren die Afrikaner vom kapitalistischen System und seinen besonderen Ansichten und Methoden absorbiert worden. Mit Hilfe dieser Gesetze wollte das Herrenvolk, das von sich selbst behauptete, „das von Gott erwählte Volk“ zu sein, ein für allemal die Eingeborenenfrage lösen (Cape Argus and Times). Doch welches gesellschaftliche Problem ist in der Geschichte für ewige Zeiten gelöst worden?

Die Wurzeln dieser Sklavereigesetze sind in den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen des Landes zu suchen, das von der durch den Weltkrieg ausgelösten Wirtschaftskrise schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Um dieses Problem zu lösen, wurde die „fusionierte“ Regierung Smuts-Hertzog gebildet - eine politische Ehe zwischen dem holländischen Feudalismus und dem britischen Imperialismus. Das Gesetz über die Vertretung der Eingeborenen verfolgte in Wirklichkeit das Ziel, den Afrikaner in seiner eigenen Heimat zu einem Fremden zu machen. Das Gesetz über den Landbesitz der Eingeborenen war nicht dazu bestimmt, die furchtbare Landlosigkeit zu mildern, sondern diese im Gegenteil noch zu steigern. Den Afrikaner hatte man gezwungen, Grund und Boden nur in den bereits erschöpften Reservaten zu kaufen. Nebenbei gesagt umfassen diese Reservate nur 12% der gesamten Bodenfläche des Landes, und zwar die schlechtesten Landstriche, die aus Wüsten, Halbwüsten, dem Kalahari-Gebiet, aus mückenverseuchten Gebieten, wasserarmen Steinwüsten u. a. bestehen. Die drei Millionen Weissen besassen 88% des Bodens, und zwar waren es die reichsten Landstriche, voll mineralischer Reichtümer und äußerst bewässerungsfähig. Um die Eingoborenen zum Schweigen zu bringen, enthielt das Gesetz als Lockmittel das Versprechen vom „gelobten Land“, von mythischen Gebieten, die in kürzester Zeit freigemacht werden sollten. Das Amandement zum Gesetz über die Stadtgebiete bildete eine Ergänzung der übrigen beiden Gesetze und verfolgte den Zweck, die „Regimentierung“ der Afrikaner zu vervollkommnen und Reservoire der billigen Arbeitskraft zu schaffen. Dieses Gesetz hat die Eingeborenen des Rechts beraubt, dem Meistbietenden ihre Arbeitskraft auf offenem Markt anzutragen.

Das afrikanische Volk war zutiefst beunruhigt. In den Jahren 1935 und 1936 handelte es rasch und energisch, um sich der neugeschaffenen Lage zu widersetzen. Die Afrikaner sammelten ihre verstreuten politischen und anderen Organisationen und vereinigten sie auf der Allafrikanischen Versammlung (AAC). Über 500 Delegierte waren in Bloemfontein anwesend. Durch ihre Einmütigkeit brachten sie die Entschlossenheit zum Ausdruck, diesen Gesetzen Widerstand zu leisten. Der Grundton der Konferenz lautete: Einheit von Ziel und Kraft! Das Herrenvolk sah ein, dass die gefassten Beschlüsse nur einen Ausdruck der einheitlichen Weigerung des ganzen Volkes bedeuteten, die fatalen Gesetze hinzunehmen. So mussten die Machthaber rasch in Aktion treten und bedienten sich der Presse. Auf den Titelseiten der Zeitungen wurde ausposaunt, zwischen der Regierung und den afrikanischen Führern sei ein Einvernehmen erzielt worden. Welch furchtbare Lüge, welches Verbrechen! Diese Mitteilung fiel wie eine Bombe unter die Afrikaner und stürzte sie in ein regelrechtes Chaos. Man hatte den Zankapfel zwischen sie geworfen. Ein ganzes Jahrzehnt verbrachten sie so in einem tragischen Zustand des Schreckens und der Verwirrung, befassten sich mit gefälschten Vertretungen und gefälschten Räten. Sie mußten erst lernen, was unter dem Begriff einer „Entwicklung nach unseren eigenen Linien“ gemeint war. Das Herrenvolk aber genoss den Trick, den „Hunden“ von Zeit zu Zeit einen Knochen zuzuwerfen und sie dann sich selbst zu überlassen, damit sie untereinander stritten, während das Herrenvolk ungehindert sein geliebtes Fleisch verspeisen konnte. Die Afrikaner waren mit dem Kampf um Positionen in falschen Räten beschäftigt; sie verschwendeten ihre Energie im Kampf darum, welcher weisse „Messias“ sie im Parlament vertreten und im Namen der schwarzen „Sklaven“ auftreten würde. Die holländische reformierte Kirche - die offizielle Kirche der Republik wartete brennend darauf, eine Politik des Geborsams zu predigen, derzufolge der Mensch selbst seine rechte Backe darzubieten habe, wenn er von dem Unterdrücker auf die linke einen Schlag erhalte.

Schliesslich machte sich der neue Wind doch auf und eine neue Ära brach an. Am Dingaans Tag, dem 16. Dezember 1943, hielt der AAC in Bloemfontain eine Konferenz ab, auf der die Bewegung zur Einheit der Nichteuropäer (NEUM) gegründet wurde. Ein Zehnpunktprogramm sollte die Grundlagen des politischen Kampfes der NEUM darstellen. Darin wurde verlangt: das allgemeine Stimmrecht; obligatorische kostenlose und einheitliche Schulbildung; Unverletzlichkeit der Person; Rede-, Presse- und Wahlfreiheit; Freizügigkeit und freie Berufswahl; volle Gleichberechtigung für alle Bürger; Überprüfung der Bodenfrage; Revision der bürgerlichen und Strafgesetzgebung; Revision des Steuersystems und der Arbeitsgesetzgebung.

Ich möchte hier betonen, dass die NEUM nicht etwa eine gegen die Weissen gerichtete oder rassistische Bewegung ist. In Wirklichkeit ist der Rassismus der NEUM völlig fremd und steht zu ihren Prinzipien in krassem Widerspruch. Der Rassismus ist ein Feind der Einheit der Nichteuropäer und in Wirklichkeit ein Feind der afrikanischen Einheit. Die Rassenharmonie kann aber nur auf einer Basis hergestellt werden: auf Basis der Gleichheit aller Rassen und Völker. Das teuflische Wort „Rasse“ aber, soll in Vergessenheit geraten. Die Politik der NEUM lautet: keine Zusammenarbeit; ihr praktischer Aspekt ist der politische Boykott.

Im Jahre 1948 kam die nationalistische (Afrikander) Partei zur Macht. Dr. Verwoerd wurde zum Minister für Eingeborenenangelegenheiten ernannt. Der politische Kampf in Südafrika konzentrierte sich um die „Angelegenheiten der Kaffern“. Daher beherrschte Dr. Verwoerd das politische Leben Südafrikas, und zwar angefangen vom Jahr 1948, nachdem er den grössten Teil der Parlamentstagungen auf die Erörterung der „Eingeborenenfrage“ verwandte. Es gelang ihm bald, das Gesetz über die Machtbefugnisse der Bantuneger sowie das Gesetz über ihre Erziehung im Parlament durchzubringen. Das Ziel dieser Gesetze bestand darin, inmitten des Industrialismus wieder den Tribalismus einzuführen; zweitens, die Schulen sind nicht mehr Ausbildungszentren sondern Zentren zur Indoktrinierung einer gehorsamen Annahme des Apartheid und der Segregation. Verwoerd selbst erklärte: „Die Politik meines Ministeriums lautet dahin, dass die Ausbildung der Bantus mit beiden Füssen in den Reservaten zu stehen hat und dass sie Wurzeln im Geist und Wesen der Bantugesellschaft besitzt... Für den Bantu ist kein Platz in der europäischen Gemeinschaft über dem Niveau gewisser Arbeitsformen“. Und als er das Gesetz dem Parlament unterbreitete, sagte er weiter: „Was für einen Nutzen haben wir davon, die Bantukinder in der Mathematik zu unterrichten, wenn sie diese in der Praxis nicht verwenden können?... Das wäre völlig absurd!“

Die Universitäten für Afrikaner sind in Universitäten für Xhosas, Zulus, Sothos usw. eingeteilt. Oder mit anderen Worten: es handelt sich hier um „Stammesuniversitäten“, die „ihre Wurzeln im Geist und Wesen der Bantugesellschaft haben. Die farbigen Studenten der medizinischen Fakultät dürfen einen weissen Leichnam nicht berühren, ja nicht einmal sehen; von einem Studium am lebendigen Körper eines Weissen gar nicht zu reden. Hier können wir genau beurteilen, auf ein wie faules Niveau der Intellekt des Herrenvolkes gefallen ist. Und das im zwanzigsten Jahrhundert, im Zeitalter der Sputniks und der Reisen auf den Mond!

Das Jahr 1958 brachte am politischen Horizont drei Erscheinungen zutage, die von den Leitern für das unterdrückte Südafrika gewählt worden waren: den Hochverratsprozess, die Verhaftung zahlreicher Afrikaner auf Sekukuniland und vom Stamm der Zeerusts und schliesslich die Ernennung Dr. Verwoerds zum Ministerpräsidenten. Der Hochverratsprozess war der grösste und längste seiner Art in den südafrikanischen Annalen. Dieses furchtbare Drama begann am 5. Dezember 1956, als 165 Weisse und Schwarze verhaftet wurden. Männer und Frauen wurden aus ihren Betten gerissen, Mütter von den Kindern getrennt. In einigen Fällen hatte man sogar beide Eltern abgeführt und die entsetzen Kinder ohne jede Fürsorge sich selbst überlassen. Am 19. Dezember begann in Johannesburg die Voruntersuchung; das Gerichtsgebäude war von mehr als 500 Polizisten umstellt. Volle neun Monate mussten die Angeklagten vor Gericht erscheinen, geduldig alle Kreuzverhöre über sich ergehen lassen, in deren Verlauf drei Millionen Worte gesprochen wurden. Die Polizei unterbreitete dem Gericht an die 12000 Dokumente, darunter auch russische Kochrezepte. Fünfundneunzig Personen (diese Ziffer wurde später auf 91 herabgesetzt) hatte man den Prozess wegen Hochverrats gemacht, welche Anklage die Todesstrafe nach sich zieht. Nur dank dem Interesse der Weltöffentlichkeit erhielten die Angeklagten den Rechtsbeistand führender Juristen und Advokaten Südafrikas. Die Anklage brach zusammen. Zum Zeichen der Rache aber wurden dem System der Sklavereigesetze Zusatzanträge zum Gesetz über die Bekämpfung des Kommunismus hinzugefügt. Die Angeklagten aber wurden, nachdem sie jahrelang in Gefängnissen zugebracht und unersetzliche Schäden erlitten hatten, letzten Endes freigesprochen.

Das zweite Ereignis war die Massenverhaftung von über 200 Afrikanern aus Sekukuniland und Angehörigen des Stammes dar Zeerusts, die des Mordes, der Brandstiftung und der Aufwiegelung zu Gewaltakten angeklagt wurden. Niemandem wurde gestattet, auch nur den Mund aufzutun oder gegen das Gesetz zu protestieren. Zwischen den Unterdrückten und den Herren klaffte ein tiefer Abgrund.

Gelegentlich der Ernennung Dr. Verwoerds zum Ministerpräsidenten sprachen alle Anzeichen dafür, dass er seine früheren Standpunkte nicht Lügen strafen würde. Er versprach, er würde seine Energie der Verwirklichung der „weissen Republik“ Südafrika, widmen. Die „Republik“, die „Burenrepublik“, die „Republik aller Rechtgläubigen“ hatte die christliche Zivilisation im schwarzen Kontinent zu erhalten. Der „Broederbond“ und „D.R.C.“ erblickten darin die Erfüllung des biblischen Alten Testaments - d. h. der heiligen Verheissung vom „Land, in dem Milch und Honig fliesst“. Wir sind Zeugen der teuflischen Durchtriebenheit von Verwoerds Plan. Wir haben Südafrika gesehen, als es im Jahre 1961 zur Republik wurde und aus denn Commonwealth austrat.

Im März 1960 kam es zur Kampagne des Panafrikanischen Kongresses gegen die Passierscheine für Schwarze. Dieses Abenteuer, das die Liberalen unterstützten, endete mit den Katastrophen von Sharpeville und Langa. Weshalb? Einfach aus dem Grunde, weil die Unterdrückung ebenso wie das Leben selbst, sich nicht in gesonderte Abschnitte aufteilen lässt. Alles bildet ein einheitliches Ganzes. Daher müssen die Menschen lernen, dass die Unterdrückung national ist. Der PAC, als Agent der Liberalen, stellt bloss eine Unannehmlichkeit für das gegenwärtige Regime Verwoerds, eine Einleitung zur Intervention der UNO dar.

Anfang 1952 spielte Dr. Verwoerd seinen Trumpf aus, indem er der Provinz Transkei eine falsche Unabhängigkeit anbot. Es handelt sich hier um das Märchen vom „Staat im Staate“, der wie die Afrikaner sarkastisch erklären - ein Baboon-Parlament besitzt. Um diesen Betrug aufzuzwingen, benötigte das Herrenvolk weitgehende diktatorische Vollmachten. Ein Gesetz des Dschungels - das Gesetz gegen Sabotage und das Gesetz über die Zensur - musste zur ständig wachsenden Liste der faschistischen Maßnahmen hinzugefügt werden. Beide Gesetze waren ihrem Umfang nach so weitgehend, ihrer Bestimmung nach so grausam, dass sie in allen zivilisierten Ländern ihresgleichen suchen.

Die Sabotage wurde zum Verbrechen erklärt, das mit einer Mindeststrafe von 5 Jahren Gefängnis und maximal mit der Todesstrafe geahndet wird. Personen, die einen elektrischen Schalter vernichten, wodurch die öffentliche Ordnung bedroht werden könnte, oder die aus den Autoreifen eines Ministerwagens die Luft rauslassen, können wegen eines Verbrechens angeklagt werden, für das das höchste Strafausmaß - die Todesstrafe - vorgesehen ist, und zwar ohne jeden Prozess. Selbstverständlich handelt es sich hier um einen Racheakt für den früheren Mißerfolg der Regierung im Hochverratsprozess. Kurzum, ein Minister kann vollkommen und wirksam die Mittel zum Lebensunterhalt jeder Person vernichten, ohne daß diese Person unter irgendwelcher Anklage vor Gericht gestellt wird. Die Gesetze wurden gemacht, um den permanenten Ausnahmezustand auf das ganze Lund auszudehnen und zu verewigen. Ich frage mich einfach, wie ein unabhängiges Transkei in eine solche gespenstische Szene eingefügt werden könnte.

Wozu dieser offene Faschismus? Unter dem Banner der NEUM wurde im Jahre 1960 der Demokratische Bund des afrikanischen Volkes Südafrikas (APDUSA) geboren. Sein Ziel bestand darin, die Fabrikarbeiter und Bauern Südafrikas zu vereinigen und politisch zu erziehen. Der Hintergrund einer solchen Entwicklung enthüllt die Notwendigkeit, eine ganze unterdrückte Nation auf den Kurs des nationalen Kampfes für die Freiheit zu bringen. Daher stellt der APDUSA eine unbedingte Notwendigkeit dar. Dr. Verwoerd - nach allem ein „absoluter Mussolini“, der nur einen anderen Namen führt - verfolgt das Ziel, durch seine grausamen Gesetze die demokratische Bewegung des Volkes ins Herz zu treffen, solange sie sich noch in der ersten Entwicklungsphase befindet, und auf diese Weise alle Organisationen der Unterdrückten zu vernichten und gleichzeitig jeden Ruf nach Freiheit zu ersticken.

Da unsere Zauberuhr beim Jahr 1963 angelangt ist, spielt sie uns folgende Szene vor: die Reibungen zwischen den verschiedenen Klassen sind unerträglich geworden. Die unterdrückte Klasse aber ist bis an die äusserste Grenze ihrer Geduld und ihres Leidens gelangt. Sie kann dies einfach nicht mehr ertragen. Irgendwo muss es zur Explosion kommen. Die Unterdrückten - selbst die Kapstädter „Skollies“ und die „Tsotsis from Rand“ - sind politisch bewusste Menschen geworden. Schon sechsjährige Kinder sprechen von Unterdrückung, wenn sie ihre Eltern ohne Nahrung und Arbeit sehen. Die Apartheid ist ein kostspieliges Unternehmen. Daher befindet sich Südafrika am Rande des Bankrotts. Allmonatlich verlieren Hunderte durch die Wirtschaftskrise ihre Arbeit. Die Herren sind verzweifelt bemüht, mit Stimmzetteln in der einen und dem Gewehr in der anderen Hand die Situation zu ändern, die sich immer rascher verschlimmert. Und doch ist alles umsonst. Afrika erwacht aus seinem tiefen Schlaf. Die Sanduhr läuft rasch ab. Unterdrückung und Ausbeutung haben die Menschen physisch und geistig erschöpft. In ihrer Verzweiflung rufen sie aus: „Afrika, kehre zu uns zurück! Die Peitschen der Tyrannen können nicht ewig schwingen. Wenngleich die faschistische Tyrannei über dem ganzen Land lastet, wird das Herrenvolk mit all seiner Brutalität letzten Endes auf dem Misthaufen der Geschichte landen. Denn die Geschichte hat ihr Urteil über das Herrenvolkstum in Südafrika bereits gefällt.