Soziale Ursachen der Streikbewegung in Südafrika
Dr. Franz J. T. Lee
Publizist (Südafrika)
aus
“Internationale Politik”, 24. Jhg.,
Heft 554, 5. Mai 1973
Mitte
Februar 1973 legten 16.000 afrikanische, farbige und indische städtische
Arbeiter in Durban, Südafrika, ihre Arbeit nieder. Sie protestierten gegen die verheerenden sozialen Bedingungen unter der
Apartheid und forderten höhere Löhne. Durban (700.000 Einw.), Hauptstadt der
Natalprovinz, ist die drittgrösste Stadt und der grösste Überseehafen Südafrikas
– 27% der Bevölkerung sind weiß, 30% schwarz, 38.5% Inder und 4,5% Farbige. Die
Streikenden legten
wichtige Versorgungsbetriebe, die kommunalen Dienste, Bus- und Eisenbahnverkehr
lahm, so dass für eine Woche das Wirtschaftsleben in Durban still stand.
Diese
Ereignisse erinnern an die katastrophalen Geschehnisse im März 1960 - an das
Massaker in Sharpeville in dessen Verlauf 83 unbewaffnete afrikanische
Demonstranten - Männer wie Frauen und Kinder - erschossen, 365 schwer verletzt
und mehr als 20.000 inhaftiert wurden (vgI. F.J.T. Lee, Südafrika vor der
Revolution?, Ffm 1973, S. 51-54). Über 300.000 afrikanische Arbeiter
beteiligten sich damals am Generalstreik. Auch in Mueda, Mozarnbique, streikten
afrikanische Arbeiter - über 500 wurden erschossen - und Anfang 1961 brachen in
Luanda, Angola Unruhen aus, es kam zu einem Blutbad, in dessem Verlauf etwa
3.000 Afrikaner getötet wurden; der Aufstand verbreitete sich nach Baixa de
Cassange, dort wurden 5.000 Afrikaner von den Portugiesen niedergemetzelt. Im
Juli 1960 streikten 40.000 afrikanische Arbeiter in Rhodesien (Simbabwe), 11
Afrikaner wurden erschossen. Ende 1959 kam es in Windhuk, Südwestafrika
(Namibia) zu Massendemonstrationen, 11 Demonstranten wurden von der
südafrikanischen Polizei erschossen.
Warum
die periodischen Streiks, Aufstände und Unruhen in Südafrika? Als
Wanderarbeiter in der Industrie, den Minen und auf den Plantagen stellen die 15
Mill. Afrikaner in der Republik Südafrika 70% der Arbeitskräfte dar. Dort leben
sie in Slums, Ghettos, Arbeitslagern und verkümmerten Townships. Ihren
eigentlichen Wohnsitz sollen die zahlreichen Reservate, die hunderte von
Kilometern von ihren Arbeitsplätzen entfernt liegen und nur 13,7% der
Gesamtfläche ausmachen, bilden. In Wirklichkeit sind diese Reservate,
neuerdings zum Teil in Pseudostaaten sog. „Bantustans” umfunktioniert, nichts
anderes als Wohnsitz der industriellen Reservearmeen, auf denen die
superbilligen Arbeitskräfte kanalisiert werden. Getrennt von ihren Familien
arbeiten die schwarzen Wanderarbeiter unter Vertrag 9 Monate pro Jahr, ein
raffiniertes Passystem kontrolliert das Ganze. Die schlechtbezahlte
Arbeitskraft der Afrikaner ist für die Industrie die Grundbedingung der hohen
Profitrate, manchmal 30% netto pro Jahr. Hauptgewinner sind u. a. die
amerikanischen, englischen, französischen und westdeutschen Investoren, die
dort über 5 Milliarden Dollar investiert haben. 99% des Kapitals im Bergbau,
94% des Industriekapitals, 88% des Finanzkapitals und 75% des Handelskapitals
standen Ende der 60er Jahre unter Kontrolle des Auslands.
In
den Minen Südafrikas arbeiten 6.000.000 Afrikaner verglichen mit 80.000
Weissen. In der Bauwirtschaft 240.000 gegenüber 60.000, in der verarbeitenden
Industrie 610.000 gegenüber 280.000. Im Bergbau verdient ein Weisser
durchschnittlich DM 1.358 netto pro Monat, ein Afrikaner dagegen DM 80.00. Seit
1911 hat sich der lohn eines afrikanischen Goldbergwerkarbeiters nur um
Pfennige geändert. Heute verdient er genau soviel wie sein Grossvater vor dem
1. Weltkrieg, obwohl die Lebenshaltungskosten rapide gestiegen sind. Im
Bauwesen verdienen Weisse 6 mal mehr; in der verarbeitenden Industrie 5 mal
mehr als Schwarze. Das Existenzminimum für eine fünfköpfige afrikanische
Familie liegt zwischen DM 300 und DM 350.00 pro Monat. 80% der Afrikaner liegen
weit darunter, 33% verdienen durchschnittlich nur DM 160.00 pro Monat (vgl. Die
Zeit. 16.2.1973). In Soweto, ein Township in Johannesburg, wo 750
Wanderarbeiter leben, verdienen sie im Durchschnitt DM 235 pro Monat, nach
statistischen Aussagen leben 70% von ihnen in einer der reichsten Städte der
Welt unter dem Existenzminimum.
Die
4 Mill. Weissen machen nur 20% der Bevölkerung aus, vereinnahmen aber 74% des
Volkseinkommens. 40% der schwarzen Kinder sterben an Unterernährung und Krankheiten
vor Erreichung des 10. Lebensjahres. Südafrika hat die höchste Kriminalität der
Welt: auf 100.000 Südafrikaner kamen 1969 26 Morde (USA 7), 44
Notzuchtverbrechen (USA 15), und 439 andere Gewaltverbrechen (USA 141). In
Pretoria wird fast jeden 4. Tag ein Mensch gehenkt – 95% der Verurteilten sind
Schwarze und Farbige.
Vor
kurzem meinte eine UNO-Analyse: „Die Frage drängt sich auf, ob dieses
(Apartheid-) System tatsächlich weniger unterdrückerisch ist als offene
Sklaverei” Der Spiegel vom 68. Oktober 1971 wurde erstaunlich konkret: „Wie
eine riesige Viehherde - so halten die weissen Herren am Kap ihre schwarzen
Arbeitstiere gefangen.”
Seit
1971 können wir eine regelmässige Streikwelle in Südafrika registrieren. Und
dies trotz der Tatsache, dass das Streiken verboten und schwer bestraft wurde.
Am 2. August 1971 stürmten Tausende Afrikaner das Busdepot in Vooslorus,
Johannesburg, weil sie vergeblich auf ihre Busse warteten. Steine flogen, Busse
gingen in Flammen auf. Der Aufstand brauchte Tage um abzuflammen. Im März 1972
ereignete sich Ähnliches in Natal. Mitte 1972 besuchte Premier Hastings Banda
von Malawi seinen weissen Bruder, Premier Vorster, in Johannesburg. In Soweto,
wo 3/4 Mill. Afrikaner leben, sollte eine Parade stattfinden. Das Ganze wurde
zum eindeutigen Fiasko. Nur 7.000 erschienen; Banda und Vorster fuhren durch
menschenleere Strassen (vgl. Die Tat 24.2.1973). Im Juli 1972 demonstrierten
20.000 Menschen aller Hautschattierungen in Kapstadt. Ende 1971 streikten
40.000 Ovambos in Namibia (vgl. Metall, 15.2.1972) wie auch tausende von
weissen Studenten und Farbigen in Kapstadt.
Die
Streikenden von Durban haben zwar eine Lohnerhöhung von 15% bekommen, ob sie
ausreicht, werden wir von der künftigen Streikbewegung erfahren. Ihr Kampf ist
nicht nur ökonomisch, sondern erst recht sozial und politisch. Die
unterdrückten Afrikaner haben durch praktische Solidarität das fürchterliche
Streikverbot durchbrochen. Sie haben einen Teilerfolg für sich zu buchen,
dieser wird sie ermutigen, unaufhaltsam weiter zu kämpfen bis Apartheid und
Klassengesellschaft endgültig von der Landkarte verschwinden.