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Franz J. T. Lee


SÜDAFRIKA VOR DER REVOLUTION


Band III














Verantwortlich:


Alexander Defense Committee

6 Frankfurt am Main 1, Wingertstraße 13




Juli 1967 Unkostenbeitrag: DM 5, -- 10/-




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"Außerhalb der Revolution gibt es kein Leben. Unter diesen Umständen muß man viel Menschlichkeit, großen Wahrheits- und Gerechtigkeitssinn besitzen, um nicht in einen extremen Dogmatismus, in eine kalte Scholastik zu verfallen, um sich nicht von den Massen zu isolieren.

Täglich muß man kämpfen, damit diese Liebe zur Menschheit sich durch konkrete Taten manifestiert, die als Vorbild dienen und mobilisierende Funktion haben."



Ernesto 'Che' Guevara: in 'Mensch und Sozialismus' (FAZIT-Reihe, I 1966)












Franz J. T. Lee





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INHALTSVERZEICHNIS (Fortsetzung)


Einleitung

301



A. NEUERE SCHRIFTEN


Sharpeville (ADC-Beitrag)

302

UNO-Rede in New York

307

Der schwarze Mensch und die Gewalt in Südafrika

312

Unterdrückte aller Länder vereinigt Euch!

316

Freiheitskampf in Südafrika (Ein Interview)

320

Von Verwoerd zu Vorster

326

Bantu-Erziehung

329



B. ÄLTERE SCHRIFTEN


Die sozio-ökonomische Struktur der Apartheid

343

Der burische Nationalismus

359

Transkei -- das erste Bantustan

364

Politische und wirtschaftliche Sanktionen gegen Südafrika

374



C. DOKUMENTATION


Apartheidsgesetzte in der Praxis

383

Rassenschande in Südafrika

390

Äusserungen südafrikanicher Minister

391

"Kommunismus" und "Sabotage"

394

Folter und Misshandlung in südafrikanischen Gefängnissen

398

Das Bantuerziehungsgesetz und andere Gesetze

402

Kulturabkommen zwischen Süd­afrika und Deutschland

409

Literaturliste

414





301


EINLEITUNG


Der erste Band dieser Essaysammlung wird bald in seiner dritten Auflage erscheinen. Band II erlebt gerade seine zweite Auflage. Dies zeigt welch grosses Interesse sich in bestimmten Kreisen, vor allem unter der gesellschaftskritischen Studentenjugend an den Problemen der erwachenden dritten Welt, entwickelte. Wert­voll für mich war die sich an die Lektüre dieser Bände anschlies­sende Kritik.

Auch der vorliegende dritte Band dient hauptsächlich der Infor­mation. Seine zentrale Intention möchte ich mit den berühmten Worten José Martis charakterisieren: "Jeder gerechte und ehren­hafte Mensch kämpft für Freiheit, ganz egal in welchen Bereichen sie verletzt wird. Denn dieser Kampf ist zugleich die Herstellung seiner Integrität als Mensch. Der aber der sieht wie Freiheit mit Füssen getreten wird und nicht für sie kämpft oder gar ihre Ver­nichter unterstützt, ist kein wirklicher Mensch."

Der dritte Band enthält einige meiner Essays aus dem Jahre 1965, aber auch Artikel und Reden aus der zweiten Hälfte des Jahres 1966. Drei der Vorträge hielt ich während meiner viermonatigen Aufklärungsreise durch die USA und Kanada, von Juli bis Novem­ber 1966. Im vierten Band dieser Reihe wird ein detaillierter Bericht über diese Reise erscheinen. Die Dokumentation im An­hang wurde Anfang 1966 fertiggestellt.

Ohne Hilfe, besonders Übersetzungen, Tippen und Korrekturlesen hätten die vorliegenden Arbeiten niemals den gedruckten Zustand erreicht. Daher gilt mein freundschaftlicher Dank: Monika Rehm, Inka Schmeling, Antonia Grunenberg, Gudrun Hempel und Bettina Decke.

Ich hoffe, dass dieses Buch ein weiterer Beitrag zum analytischen Verständnis der Emanzipationsbewegung der südafrikanischen Massen, weg von der neokolonialistischen Ausbeutung zu einer freien Gesellschaft ist.


F. J. T. L.

Frankfurt am Main, 15. Juni 1967.





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SHARPEVILLE — MÄRZ 1960


Am Morgen des 21. März 1960 kamen mehr als 6000 Afrikaner bei der Polizeistation des afrikanischen Wohnviertels von Sharpeville, südlich von Johannesburg zusammen. Sie hatten ihre Pässe zu Hause gelassen, um die Polizei zu Inhaftie­rungen wegen Verstosses gegen die Passgesetze herauszufor­dern. Damit entsprachen sie dem Aufruf von Robert Sobukwe, dem Präsidenten des vor kurzem gegründeten Pan-Africanist-Congress. Die Demonstranten manifestierten ihren Beschluss, sich nicht länger mit einem System zu beruhigen, das sie zu Spielbällen in der Hand der Herrschenden reduzierte, ei­nem System, das ihr Leben abhängig machte vom Wink eines Polizeibeamten oder Vorgesetzten.

Trotz der ernsten Situation war die Menge in einer festli­chen Stimmung. Alle waren unbewaffnet. Auch Frauen und Kin­der waren anwesend. Kleine Jungen warfen ihre Mützen in die Höhe zu den Flugzeugen, die über den Demonstranten kreisten.

Im Laufe des Morgens erhielt die Polizeistation Verstärkung; reguläre Polizisten, Truppen der Sicherheitspolizei und Ar­meekontingente. Um 11.30 Uhr tauchten zwei Saracen-Panzer (französischen Ursprungs) auf, drei weitere folgten. Noch immer war die Menge zuversichtlich und ruhig. Die Polizei gab keine Befehle zur Auflösung der Demonstration.

Plötzlich wurden mehrere Schüsse abgegeben, gefolgt von einem Kugelregen aus Gewehren und automatischen Schuss­waffen. Die Menge brach sofort auseinander, jeder drehte der Polizeistation den Rücken und rannte nach Deckung. Die Beschiessung dauerte noch ungefähr 40 Sekunden. Im Ganzen. wurden 705 Kugeln verbraucht. Es wurde nicht etwa über die Menge hinweg gezielt, sondern direkt in sie hinein. Das Ziel der Polizei war nicht zu verletzen, sondern zu töten.

Acht der 69 ermordeten Menschen waren Frauen, zehn Kinder. 180 Personen wurden verletzt, davon waren 31 Frauen und 19 Kinder. Fast alle wurden von hinten von den Kugeln getroffen.




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Was in Sharpeville geschah, passierte an diesem Tag über­all in Südafrika. In Evaton, Vander Bijl Park, Philippi, Nyanga, Johannesburg, Wynberg, Cato Manor und Langa fanden ähnliche Anti-Pass-Demonstrationen statt, an denen nach einem Bericht des PAC mehr als 38000 Afrikaner teilnahmen.

Wie in Sharpeville wurde auch in Langa und Vander Bijl Park auf fliehende Demonstranten geschossen. Am 21. März wurden 74 hilflose Afrikaner getötet, 240 verwundet und 1043 ins Gefängnis gesperrt.

Die Antwort auf diese Massaker folgte schnell. Der General­streik wurde vom African National Congress und dem Pan-Africanist Congress ausgerufen. Obwohl der Streik kaum vorbe­reitet war, lähmte er für mehr als zwei Wochen die Ökonomie Südafrikas. In Kapstadt herrschte der Streik in allen Wirtschaftsbereichen: Fast alle der 60000 afrikanischen Arbeiter hatten die Arbeit niedergelegt. Die Industrie lag still.

Obwohl die Regierung öffentliche Versammlungen in den Zentren des Aufstands untersagt hatte, fanden bis zum zweiten April weitere Massendemonstrationen mit dem Ziel, die Gefängnisse zu überfüllen, statt. Im Ganzen hatten sich 270000 Afrika­ner am Generalstreik und den Demonstrationen um die Polizei­stationen beteiligt.

Einen Moment lang schien es, als würden diese Aktionen ihr unmittelbares Ziel, die gewaltsame Aufhebung des Passystems, erreichen. Am 24. März wurden die Passgesetze in Kapstadt ausser Kraft gesetzt ("suspendiert"), was am nächsten Tag auf ganz Südafrika ausgedehnt wurde. Aber diese Massnahmen konnten die südafrikanischen Massen nicht bestechen. Sie forderten nicht die Aufschiebung, sondern die Aufhebung der Passgesetze. Am 26. März verbrannte Häuptling Albert Luthuli, Präsident der ANC, seinen Pass, worin ihm in. den folgenden Tagen Tausende von Afrikanern folgten. Die Demonstrationen gewannen an Eindringlichkeit und Grösse.

Als die Regierung begriffen hatte, das ihre trügerischen




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Konzessionen nicht in der Lage waren, die Protestbewegung aufzuhalten, griff sie wieder zu ihrer normalen Methode: dem Zwang. Am 30. März wurde der Ausnahmezustand ausgerufen. Bis zum 8. April waren mehr als 2000 Menschen, darunter der der grösste Teil der städtischen Führungselite politisch mundtot gemacht.

Das Fehlen stabiler Organisationen und klar artikulierter Programme hinderte die Massenbewegung am Fortschreiten. Am 9. April brach der Generalstreik zusammen, die letzte grosse Anti-Pass-Demonstration hatte am 2. April stattge­funden.

Im Laufe der Kampagne waren 83 Afrikaner erschossen worden, 365 wurden verletzt und mehr als 20000 inhaftiert.

Aber diese Vorgänge in den Städten waren nur e i n Aus­druck der umfassenden und tiefgreifenden Bewegung in den unterdrückten Völkern Südafrikas. Viele Jahre hindurch hatte der afrikanische Bauer einen Kampf geführt gegen Ausnutzung und Verfolgungen des südafrikanischen Regimes, vor allem aber gegen die von der Regierungspolitik eingefädelte Zwangsreduzierung seines Viehbestandes. Ihre spontanen Anstrengungen gewannen nach und nach bessere Organisation und Koordi­nation - und hauptsächlich durch den Einfluss der AAC und des Unity Movement einen klareren Begriff vom politischen Charakter ihres Widerstandes.

Im März 1960 schlug diese Widerstandsbewegung in Pondoland, der nördlichen Transkei in eine wirkliche revolutionre Kraft um. Obwohl die Führungskader des Unity-Movement eine revolutionäre Erhebung für verfrüht hielten, wegen der im­mer noch ungenügenden Organisation und mangelnder Verbin­dung zu anderen Teilen des Landes, konnte nichts den Massen­aufstand in Schach halten. Auf grossen illegalen Veranstaltungen diskutierten und beschlossen die Bauern ihre Strategie und Taktik. Sie schufen ihnen verantwortliche Volksgerichts­höfe (popular courts), die Spitzel und andere Agenten der Regierung verurteilten. Ebenfalls aus den Reihen.dieser Versammlungen entstand ein Exekutiervorgang, bekannt als "Mountain




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Committee”. Dieses funktionierte als de facto Regierung in weiten Teilen des östlichen Pondoland. Bis Ende 1960 wurde die Revolution in Pondoland brutal durch eine Serie von militärischen Angriffen der Regierung niedergeschlagen. Die politische Macht des Mountain Committee nahm zunehmend ab und die Institutionen der "Bantu-Authorities" mit ihren ge­kauften Häuptlingen eroberte erneut Machtpositionen. Aber diese Restauration besass keine Stabilität, die zentrale Regierung konnte das Ganze kaum zusammenhalten und die "Bantu Authorities" konnten nur wenig Autorität in den Augen des Volkes für sich buchen. Dafür spricht wohl am beredsten die Tatsache, dass heute, 7 Jahre später noch immer der Aus­nahmezustand die Transkei beherrscht.

Das Jahr 1960 war in vieler Hinsicht ein Wendepunkt für die südafrikanische Befreiungsbewegung:

1. Es wurde klar und deutlich, dass jede Befreiungsbewegung eine Massenbewegung sein muss. Aktionen, die von Individuen oder kleinen Gruppen getragen werden, seien sie auch noch so dramatisch und heroisch, sind nicht in der Lage einen repressiven, totalen Staat zu verändern.

2. Die schrecklichen Niederlagen von 1960 zeigten, dass der Freiheitskampf, um erfolgreich zu sein, einer guten Organisation und einer langfristigen Planung bedarf. Ein Führungsprinzip müsste ent­wickelt werden, das so tief in den Massen veran­kert ist, dass die unvermeidlichen Inhaftierungen und Exekutionen die Bewegung nicht führungs- und orientierungslos machen. Die verschiedenen Zweige der Bewegung müssten auf nationaler Ebene koordi­niert werden. Der Zusammenbruch der Revolution in Pondoland demonstriert die Verfehltheit solcher geographisch beschränkter Erhebungen, selbst wenn sie die dortige Bevölkerung ganz erfassen und gut geführt sind.




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3. Sharpeville widerlegte die Überlegung, dass ge­waltfreie Methoden der Tyrannei der Apartheid ei­nen Schlag versetzen könnten. Besonders unter dem lebendigen Eindruck der Erinnerung an jene Hun­derte von unbewaffneten Männern, Frauen und Kindern, die in Sharpeville auf der Flucht erschossen wur­den, setzte sich in allen Bereichen der südafri­kanischen Befreiungsbewegung der Gedanke durch, dass die Selbstverteidigung mit der Waffe in der Hand ein legitimes Mittel der Unterdrückten gegen die Gewalt der Unterdrücker sei.

4. Das Jahr 1960 hat die meisten Afrikaner überzeugt, dass sie keine Hilfe von der führenden Nation der westlichen Demokratien zu erwarten haben. Der politischen Krise von 1960 folgte eine ernste öko­nomische Depression. Grosse Kapitalmengen aus dem Ausland wurden zurückgezogen. Die Staatsschulden stiegen. Aber die US Regierung, die privaten Inter­essen des amerikanischen Finanzkapitals, interna­tionale Wirtschaftsorganisationen unter amerikani­schem Einfluss und die Transaktionen von Banken stellten das erforderliche Kapital bereit, das der südafrikanischen Regierung half, die Krise zu über­leben. Zur selben Zeit sprachen amerikanische Kon­zerne ihr Vertrauen in Südafrikas vorzügliches "Investitionsklima" aus, indem sie dort ihre di­rekten Investitionen um 23 Mill. Dollar vergrösserten. Heute liegen die direkten amerikanischen Investi­tionen in Südafrika bei 500 Mill. Dollar. Seit 1960 haben sie sich also fast verdoppelt. Die eben aufgezeigte Entwicklung zeigt deutlich, dass die Praxis der Apartheid in Südafrika nicht durch moralische Lippenbekenntnisse, sondern durch handfeste Profitinteressen bestimmt wird.

(Aus einem Rundschreiben des Alexander Defense Committee, New York, Februar 1967.)




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DIE REVOLUTIONÄRE BEWEGUNG IN SÜDAFRIKA


Vortrag vor dem Sonderausschuß des UNO-Komitees für Apartheid in New York am 14. September 1966.



Zuerst möchte ich dem Vorsitzenden, Herrn Achkar, und den Mitglie­dern des Komitees für die Möglichkeit danken, hier das politische und soziale Selbstverständnis eines massgeblichen Teils der unter­drückten Bevölkerung Südafrikas darlegen zu können.

Viele - Südafrikaner und Nichtsüdafrikaner - meinen, die Freiheits­bewegung sei zerschlagen in Südafrika. Sie halten daher eine revo­lutionäre Erhebung der unterdrückten Massen selbst - mit dem Ziel der Befreiung von der Tyrannei der Apartheidpolitik - für unrealist­isch. Da sie die Hoffnung verloren haben, durch eigene Aktion die Rassenschranken aufzuheben, klammern sie sich an die Idee, dass nur Interventionen von aussen imstande sind, die politische Situation zu verändern. Nach dieser Konzeption sollen ökonomische Sanktionen und militärische Interventionen die südafrikanische Regierung zur Vernunft zwingen.

Angesichts der konkreten historischen Erfahrungen ist diese Hoffnung jedoch eine Illusion. Zwar kann die Welt sich nicht genug tun in der Verdammung der Rassentrennung. Aber die einseitigen Aktionen von Staaten, die wirksamen Druck auf Südafrika ausüben könnten, und das Verhalten internationaler Körperschaften, die weitgehend vom In­teresse der ebengenannten Länder beeinflusst sind, legen den Schluss nahe, dass nicht das geringste reale Interesse an einer qualitativen Veränderung der Situation, in der die Schwarzen und Farbigen in Süd­afrika leben müssen, besteht. Der Beschluss des Internationalen Gerichthofs über den Status Südwestafrikas ist nur das letzte sich aufdrängende Beispiel für diesen Tatbestand. Nicht einmal die wertvolle Arbeit dieses Komitees - Sammlung und Analyse von Informatio­nen, Publizierung der Schrecken der Apartheid in der ganzen Welt und konkrete Vorschläge zu deren Überwindung - haben die geringsten Spuren im politischen Handeln der Völker hinterlassen. All dies schlägt der Hoffnung, dass das Ende der Apartheid in Südafrika durch internationale Interventionen erzwungen werden kann, ins Gesicht.

Die Gründe für die Erhaltung des status quo in Südafrika sind nicht schwer zu finden. Ende 1962 stiegen dort die ausländischen Investi­tionen auf 4,222 Mrd. Dollar, davon betrug der englische Anteil 60 %, der amerikanische 11 %. Im gleichen Jahr betrug der Nettoprofit, be­zogen auf den Nettowert der in Südafrika arbeitenden Firmen, 25 %. 99 % des Kapitals im Bergbau, 94 % des Industriekapitals, 88 % des Finanzkapitals und 75 % des Handelskapitals standen unter Kontrolle des Auslands. Mit Sanktionen gegen Südafrika schneidet sich daher das Ausland ins eigene Fleisch.




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Wenn es weder von innen noch von aussen Anhaltspunkte für eine radikale Änderung in Südafrika gäbe, so sähe die Zukunft der nicht­weissen Bevölkerung in der Tat düster aus. Jedoch bin ich über­zeugt, dass solche Schlussfolgerungen unhaltbar sind: Die Revolution hat eine sehr reale Chance in Südafrika. In den letzten dreissig Jahren entwickelte sich dort ein revolutionäres Potential, das auch jetzt nicht aufhört, sich zu vergrössern. Dieser Prozess steht in en­gem Zusammenhang mit der Geschichte von Organisationen, die sich um das "Unity-Movement" gruppieren und ausserhalb Südafrikas wenig bekannt sind. Ich glaube, dass Programm und Politik des "Unity-Movement" den Schlüssel zur südafrikanischen Revolution enthalten. Daher möchte ich jene so wichtige Entwicklung kurz skizzieren.

Eine Folge der britischen Eroberung Südafrikas und der Zerstörung der Burenrepubliken war die Entstehung einer Schicht schwarzer In­tellektueller, die jedoch vom führenden englischen Bevölkerungsteil durch Gewährung von Privilegien materiell und psychologisch in Ab­hängigkeit gehalten wurden. Die englische Kolonialmacht manifestier­te sich den nicht-weissen Massen als Bollwerk gegen die Brutalität

der Buren. Diese Existenz eines repressiven Abhängigkeitsverhältnisses unter dem Deckmantel von Schutzleistungen ist eine typische Erschei­nungsform des imperialen Liberalismus. 1932 fand dann das gemeinsame Interesse der Buren und Engländer an der Akkumulation von Kapital seinen politischen Ausdruck in der vom Geld geheiligten Ehe zwischen hollänischem Feudalismus und britischem Imperialismus: der Koalitionsregierung von Smuts und Hertzog. Produkt dieser national­liberalen Koalition waren die drei berüchtigten Hertzog-Gesetze.

Die Afrikaner wurden ihrer letzten politischen Rechte beraubt und verloren all ihr Land und ihre Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt.

Dieser Verrat des Liberalismus brachte die afrikanische Bevölkerung in Bewegung. Im Dezember 1935 fand die Gründung der "All African Convention" statt, einer repräsentativen Föderation aller afrikani­schen Arbeiter-, Bauern- und sonstigen Organisationen (AAC).

500 Delegierte diskutierten hier über Massnahmen gegen die Hertzog-­Gesetze. Ein demokratisches 10-Punkte-Programm wurde erarbeitet. Seine zentralen Forderungen sind:


1. Das allgemeine Wahlrecht: das Recht jeder Frau und jeden Mannes über 21 Jahre, zu wählen und in das Parlament und alle Körperschaften der Verwaltung gewählt zu werden.


2. Schulpflicht, freie und gleiche Erziehung aller Kinder, sowie unentgeldliche Verpflegung, freie Lernmittel und Schulaus­rüstung für Bedürftige.


3. Wahrung der Menschenrechte ( Habeas Corpus Rights).


4. Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Vereinigungsfreiheit.


  1. Freizügigkeit und freie Berufswahl: Abschaffung der Pass­gesetze, das Recht für die ganze Bevölkerung, nach eigener Wahl zu wohnen und zu arbeiten.




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6. Abschaffung der "Color-Bar-Laws": gleiche Rechte für alle Bürger ohne Ansehen der Rasse.


7. Neu- bzw. Umverteilung des Bodens.


8. Abschaffung des Steuersystems, das die Armen ausbeutet. Statt dessen Etablierung einer einzigen progressiven Steuer.


9. Absolute Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz und die Abschaffung aller mit der Menschenwürde unvereinbarer Strafen.


10. Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, gleiche Chancen, eine Lehre abzuschliessen und Arbeit zufinden, sowie die Fest­setzung eines Minimallohnes für alle Bürger.


Basis der Verwirklichung der geforderten Rechte sollte eine Politik absoluter Non-Kollaboration mit den Unterdrückern und uneingeschränk­te gegenseitige Solidarität sein.

Die Regierung antwortete mit Einschüchterungsversuchen und Verspre­chen von Privilegien, denen dann auch einige der ursprünglich mit der AAC verbundenen Gruppenführer auf den Leim gingen. Ihren gegen die Politik der AAC gerichteten strategischen Alternativen lag alle­samt der Kompromiß mit dem Liberalismus zugrunde. Vorangetrieben jedoch wurde der Freiheitskampf von denen, die sich an den radikal­demokratischen Grundsätzen des Programms der AAC orientierten und damit auch dem Prinzip notwendiger Einheit im revolutionären Kampf Rechnung trugen.

1943 wurde von der Regierung ein Ministerium für Mischlingsangele­genheiten gegründet. Nun begannen die Mischlinge erbitterter denn je zu kämpfen. Sie befürchteten ähnliche Restriktionen wie sie - als Resultat der Hertzog-Gesetze - die Afrikaner erdulden mussten. Jetzt konnte die Basis des Freiheitskampfes durch den Zusammenschluss aller Unterdrückten gegen den gemeinsamen Feind erweitert werden: Auf Ini­tiative der AAC wurde "The Unity Movement of South Africa" gegrün­det. Zwar schlossen sich ihm nicht alle Organisationen an, u.a. der "African National Congress" und der "Indian Congress". Aber deutlich sichtbar war mit der neuen Institution die Einheit der Unterdrückten politisch artikuliert. Die Einheitsbewegung bekannte sich zum 10-­Punkte-Programm und der Politik der Non-Kollaboration.

Seit ihrer Gründung 1935 sah die AAC in den wandernden Landarbeitern (migratory peasentworkers) den eigentlichen Brennpunkt des Freiheits­kampfes. Die Farmarbeiter bilden nicht nur die zahlreichste, sondern auch die am bittersten ausgebeutete Gruppe in Südafrika. Daher bil­den sie das stärkste revolutionäre Potential. Diese Gruppe wurde stetig und intensiv über das 10-Punkte-Programm und die Politik der Nicht-Zusammenarbeit unterrichtet. Als Folge verschärfter Unterdrückung, aber auch als Resultat der jahrelangen geduldigen, oft iso­lierten Aufklärungsarbeit der Einheitsbewegung kam es 1960 zu grossen Massenerhebungen. Am dramatischsten war wohl die brutal niedergeschla­gene Revolte in Pondoland, wo für Monate Bauernkomitees Regierungs­funktionen ausübten, und die "Anti-Pass"-Demonstrationen von Sharpe 





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ville, Johannesburg u.a., die von der Verwoerd-Polizei durch blindes Morden erstickt wurden.

Den Aktionen dieses Jahres fehlte es zum grössten Teil an adäquater Planung und Leitung, und die Befreiungsfront sollte fähig sein, aus den vergangenen Fehlern zu lernen. Zwei Dinge jedoch zeigten die grauenhaften und doch auch wundervollen Erhebungen der Unterdrückten mit aller Deutlichkeit: den Heroismus und die Unnachgiebigkeit der afrikanischen Menschen und erstmals in der Geschichte des modernen Südafrika - die schon ausdrucksfähige Existenz einer revolutio­nären Basis! Die Wanderarbeitermassen wurden aktiv!

Diese neue Situation verlangte einen ihr adäquaten Organisations­typ. Zur Erweckung politischen Bewusstseins und zur Ausbildung qualifizierter Kader leisteten die im "Unity Movement" zusammen­gefassten Gruppen ausserordentlich gute Dienste. Die Organisation der Massen selbst zu einer einheitlichen revolutionären Macht erforderte jedoch stärkere Zentralisierung. Dies wurde 1961 mit der Grün­dung einer politischen Partei erreicht, der "African Peoples Demo­cratic Union of Southern Africa". Auch sie bekannte sich zum 10­Punkte-Programm und der Politik der Non-Kollaboration. Die Wendung "Southern-" statt "South Africa" zeigt, dass der Freiheitskampf der APDUSA nicht isoliert, sondern Teil der Emanzipationsbewegungen auf dem ganzen afrikanischen Kontinent ist.

Seit den Aufständen von 1960 und der Gründung der APDUSA verschärften sich die Unterdrückungsmassnahmen der Rassenpolitik. Notstandspro­klamationen in den Reservaten, das "Ninety-day Detention"-Gesetz, das "One-hundred-eighty-day Detention"-Gesetz und das Sabotage-Ge­setz dienen noch immer dem verzweifelten Versuch des Regimes, eine Massenbewegung zu zerstören, durch brutalen Terror gegen ihre Avant­garde, durch Verbannung, Gefängnis und Mord. Jedoch gelang es der APDUSA und dem "Unity Movement", die ganze Basis der südafrikani­schen Gesellschaft zu durchdringen: in Bergwerken, in den Dörfern der Reservate, in Plantagen und Fabriken, überall, wo die Unter­drückten sich abarbeiten, um zu leben, verbreitete sich das Programm und organisierten sich die revolutionären Kräfte.

Die aufopferungsvolle Arbeit von Mitgliedern der APDUSA trug Früchte: einige der grössten Bauernorganisationen, darunter die MAKHULUSPAN und die FITA KHOMO wurden für die Einheitsbewegung gewonnen. "The Unity Movement" entwickelte sich zur Massenorganisation. Die zuneh­mende Politisierung der Bauernorganisationen, deren Integration in die Einheitsbewegung und ihre zunehmende Bereitschaft, sich mit Strategie und Taktik der APDUSA zu identifizieren, widerspricht energisch der These von der Demoralisierung und Schwächung des Wi­derstands gegen das Apartheidregime. Ganz im Gegenteil: Angesichts schärfster Verfolgungen wurde die Freiheitsbewegung nicht nur grös­ser, sondern auch bewusster und unnachgiebiger.

Mit steigendem quantitativem und qualitativem Fortschritt der Bewe­gung werden auch die Akte individuellen Terrors - wie die Ermordung Verwoerds - seltener sein. Wir verabscheuen solche Vorfälle, die dem gesellschaftlichen Kampf um Freiheit und Würde widersprechen und sich aus der historischen Perspektive als vergeblich und irrati 





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onal erweisen. Allein nur durch die Aktion der Massen, die sich artikuliert in der Vermittlung der revolutionären Gewalt der Unter­drückten, mit einem korrekten Programm, kann das Monster der Apart­heid überwältigt werden.

Die Ermordung Verwoerds meint lediglich die Ersetzung seiner Posi­tion durch eine ähnliche, sogar noch reaktionärere politische Figur: Das System als solches bleibt bestehen, nur die Akteure wechseln. Verwoerd war der Ideologe und Architekt der Apartheidpolitik, der gegenwärtige Premier Vorster aber ist der Typ des Gestapo-Technokraten. Es sieht nämlich aus, als sei Verwoerds Ermordung der Regie­rung ein willkommener Vorwand, auch noch die letzten Ritzen des tota­litären Walls zu verkitten, der die Nicht-Weissen in Südafrika ein­sperrt, und damit die Unterdrückung zu intensivieren.

Trotz Niederlagen und Verrat geht die Befreiungsbewegung ihrem un­vermeidbaren Ziel entgegen. Weder repressive Massnahmen noch die irrelevanten Konzessionen der Regierung können auf die Dauer die südafrikanischen Massen von der Verwirklichung ihrer historischen Aufgabe ablenken: der totalen Vernichtung der Rassenschranken und des Systems ökonomischer Ausbeutung, dem sie dienen.

Nocheinmal möchte ich diesem UNO-Komitee danken für die Gelegenheit, hier sprechen zu können. Dankbar bin ich auch dem "Alexander Defense Committee". Es ermöglichte meine Reisen durch die USA und Kanada, deren Ziel es ist, durch Aufklärung materielle Hilfe anzuregen für die Verfolgten des Apartheidregimes. Die internationale Arbeit des ADC hat nicht nur einen abstrakt-humanitären Aspekt, sondern besitzt grosse politische Bedeutung, weil sie die revolutionäre Moral der verfolgten Freiheitskämpfer in Südafrika unterstützt.




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DER SCHWARZE MENSCH und DIE GEWALT in SÜDAFRIKA


Gekürzte Fassung eines Vortrags für das Alexander Defense Committee, New York, 17. November 1966.



Meine Damen und Herren, liebe Freunde: Südafrika, das Kap der guten Hoffnung, das Land unter der Sonne! Kommen Sie zu Besuch nach Kapstadt, in eine der schönsten Städte der Welt: welch Frieden auf den ersten Blick, welche Ruhe! Bald aber werden sie bemerken, dass das Land unter der Sonne seine dunkle Schattenseite hat. - Wollen Sie sich setzen? Bitte, geben Sie acht auf die Zeichen auf den Bänken: "Whites Only", "Non-Whites Only". Sie werden sehen, die Bänke für die Weissen sind gut gepflegt und bequem, die für die Nicht-Weissen sind schmutzig und verkommen; und

auf jede zehnte Bank für Weisse kommt nur eine Bank für die Schwar­zen.

Bleibt man ein wenig in Südafrika und beobachtet das Leben der Men­schen, entdeckt man das Fehlen jeglicher Kommunikation zwischen den Schwarzen und Weissen. Sie sehen sich nicht, sie grüssen sich nicht. Der Schwarze hält soweit wie möglich Abstand vom Weissen. Berührte er ihn auch nur, so könnte der Weisse die Polizei rufen, um ihn

ohne weitere Erklärung ins Gefängnis schleppen zu lassen. Mit allen Mitteln soll dem Schwarzen weissgemacht werden er sei kein Mensch, sondern die Negation eines menschlichen Wesens, eine Sache nur, eine Nummer.

Ein Pass wird ihm ausgestellt, den er dauernd bei sich tragen muss. Will er von einem Distrikt in den anderen, vielleicht bloss um Ar­beit zu suchen, braucht er einen amtlichen Stempel. Heirat unter Schwarzen bedeutet Verheiratung zweier Passbuchnummern. Die ganze Existenz eines Schwarzen ist reduziert auf sein Passbuch.

Sogar das Waschen wird ihm zum Problem. Eine Dusche steht kaum für ihn bereit. Er muss zum Fluss gehen. Aber das Passbuch? Die kost­baren Nummern und Stempel dürfen nicht schmutzig werden. Also de­poniert er den Pass sorgfältig irgendwo am Ufer und hofft, dass keine Polizei vorbeikommt. Einmal aber wird die Polizei vor ihm stehen. Sie wird sich hinstellen und schreien: "Kaffer, wo ist dein Pass, Junge?" Dies ist der erschreckendste Satz, den das Afrikaans für den Schwarzen bereithält: "Kaffer! Waar is jou pas, jong?"

Furchtsam und zitternd verlässt der Mensch das Wasser: "Baas (Herr), hier direkt neben Eurem Fuss liegt der Pass." - "Habe ich dir nicht ein für alle Mal gesagt, Kaffer, dass du den Pass stets bei dir tra­gen sollst? Los rein in den Wagen!"

Meine Damen und Herren, Sie könnten auch in einer Hütte in der "un­abhängigen Transkei" wohnen, auf einem Stück Land, dessen Besitz Ihnen verboten ist. Hier hat jeder Polizist jederzeit bei Ihnen




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Zutritt. Vielleicht ist es drei Uhr morgens: Der Polizist klopft nicht, ein Fusstritt stösst die Türe auf. Zwischen Frau und Kin­dern schlafend, schreckt Sie das Getöse auf. Und wieder die be­ängstigende Frage: "Wo ist dein Pass, Kaffer?" Im Dunklen tastet der Afrikaner nach seinem Passbuch. Hat er es nicht sofort zur Hand, so wartet draussen der Polizeiwagen, um ihn zur Sträflingsarbeit auf eine burische Farm abzutransportieren.

Aber selbst das dauernde Tragen des Passbuches sichert nicht vor dem Freiheitsverlust. Zur Ernte, wenn die billige schwarze Arbeits­kraft am knappsten ist, läuft das Räderwerk der Apartheid auf Hochtouren. Die Polizei organisiert Razzien auf "Passlose". Ist die

Zahl der notwendigen Arbeitskräfte dadurch immer noch nicht erreicht, könnte ein Polizist vor Ihnen auftauchen und Sie nach Ihrem Pass fragen. Fast stolz reichen Sie ihm das Dokument: Sie sind im Recht. Der Polizist nimmt den Pass - und zerreisst ihn. Und wieder die Frage: "Wo ist dein Pass, Kaffer?" Nun ist der Schwarze einfach ein Passloser mehr, ausgeliefert jener Willkür, die ihn in 60 Se­kunden zu drei Monaten Zwangsarbeit auf einer Farm verurteilt.


Vor der Ankunft der Weissen, bildeten die Schwarzen Südafrikas ein friedfertiges Volk. Aber sie waren und blieben auch freiheits­liebend. Von Anfang an fanden sie gegen die Plünderung ihres Landes und den Raub ihrer Freiheiten diese oder jene Formen des Widerstan­des. Seit dem 6. April 1652, als der erste Weisse seinen Fuss auf die Südspitze Südafrikas setzte, ist die südafrikanische Geschich­te eine Geschichte der Gewalt; die Geschichte der gewaltsamen Ent­eignung der schwarzen Menschen durch die weissen "Zivilisierten". Zuerst nahmen sie ihnen ihr Land und dann zwangen sie sie zu har­ter Arbeit auf Farmen, in den Fabriken und Minen.

Die südafrikanische Befreiungsbewegung ist daher so alt wie die Gewalt gegen die Eingeborenen. Nach der militärischen Unterwerfung der afrikanischen Völker, glaubten die Vertreter der Schwarzen, dass sie ihre Interessen gegenüber den weissen Herren auf dem Wege über Verhandlungen, Bitten und Petitionen verteidigen könnten. Gebroche­ne Versprechen, leere Worte und Vertrauensbrüche zerstörten jedoch die Hoffnungen der Schwarzen. Auch die Gründung des gegenwärtigen südafrikanischen Staates ist ein einziger Verrat an seiner schwar­zen Bevölkerung.

1909 kam es zu Verhandlungen über die Bedingungen eines Zusammen­schlusses der besiegten Burenrepubliken Transvaal und Orange-Frei­staat mit den britischen Kolonien Natal und Kapland. Zu dieser Zeit besassen die Afrikaner im Kapland ein beschränktes aktives und passives Wahlrecht. Die Kap-Liberalen, die englisch sprechenden "Freunde der Eingeborenen", schworen bei allem, was heilig, britisch und zivilisiert war, eine Verankerung dieser Freiheiten in der Verfassung der neuen Südafrikanischen Union. Auch eine Ausweitung dieser politischen Rechte auf Transvaal und den Orange-Freistaat sagten sie zu. Dort lebten die Schwarzen nämlich politisch völlig entmündigt. Die Engländer versicherten weiter, dass das britische Parlament die politische Union der genannten Territorien niemals





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ratifizieren werde, solange die politischen Freiheiten der Schwar­zen nicht garantiert seien.

Aber noch während die Kap-Liberalen so laut ihre Solidarität mit den Schwarzen verkündeten, hatten sie einen Geheimvertrag mit den burischen Politikern von Transvaal und dem Orange-Freistaat ge­schlossen. Sein Inhalt sah die Aufrechterhaltung des Status quo in den beiden Staaten vor, dort, aber auch im Kapland konnte eine Zweidrittel-Mehrheit, in dem von den Buren majorisierten Parla­ment sämtliche Freiheiten der Afrikaner vollkommen auslöschen.

Sobald die Nicht-Weissen diesen Betrug entdeckten, brach eine Ab­ordnung schwarzer und farbiger Delegierter nach London auf, um bei den britischen Liberalen gegen die fundamentale Verletzung ihrer liberalen und eingeborenenfreundlichen Prinzipien in Südafrika zu protestieren. Prompt aber verabschiedete das britische Parlament die Unionsgesetze, und heute ist die schwarze Bevölkerung Südafri­kas in ihrer Totalität politisch entrechtet.

Später versucht man die Unterdrücker durch passiven Widerstand zu erweichen. Aber in Südafrika führte gewaltfreier Protest niemals zu einer, für die Ausgebeuteten effektiven sozio-ökonomischen Ver­änderung, sondern zu einer Intensivierung des Polizeiterrors.

Am 21.März 1960 gingen Tausende von Afrikanern in Sharpeville und anderen Orten auf die Strasse, um gegen die Pass-Gesetze zu pro­testieren und höhere Löhne zu fordern. Ihre Pässe liessen sie zu Hau­se, um die Polizei zu Inhaftierungen zu provozieren. Entschlossen waren sie, solange in den Gefängnissen zu bleiben, bis ihre Forder­ungen, wenn schon nicht erfüllt, so doch mit ihren Abgeordneten dis­kutiert worden waren. Geduldig und ohne jede Gewaltmassnahme warte­ten die Demonstranten auf den Strassen. Aber die Regierung ging nicht auf ihre Forderungen ein. Sie hielt es nicht einmal für nötig, ihre Kerker mit Leibern zu füllen. Nein. Sie liess die Menschen ein­fach niederschiessen.Und selbst als die demonstrierenden Gruppen auseinanderbrachen und Männer, Frauen und Kinder in panischer Angst die Flucht ergriffen, wurde das Maschinengewehrfeuer nicht einge­stellt. Man fand Leichen mit Kugellöchern im Rücken. 72 Schwarze wurden gemordet an diesem Tag. Und dies war nur ein Tag in der 300 Jahre alten Geschichte des südafrikanischen Terrors. Aber exempla­risch zeigt er, wie das "Gewissen" der Unterdrücker auf gewaltfreien Protest reagiert. 4)

Die Nicht-Weissen haben die Konsequenzen aus ihren schrecklichen historischen Erfahrungen gezogen. Wir erkannten die Unwirksamkeit von Bitten, Verhandlungen, gewaltfreien Methoden und passivem Wider­stand. Die Einsicht drängte sich uns auf: Wenn die Polizei in un­sere Häuser dringt, unsere Frauen tritt und unsere ungeborenen Kinder tötet, müssen wir zu den Waffen greifen und uns selbst verteidigen. Diese Selbstverteidigung bedeutet keine Hypostasierung von Gewalt, als Antwort auf Gewalt will sie Gewalt ausrotten.

Gegen uns wurde ein riesiges Aufgebot an Macht in Bewegung gesetzt. Südafrika besitzt einen modernen, gut ausgerüsteten militärischen





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Apparat. Relativ gesehen unterhält es die stärkste Polizeitruppe der Welt. Die weisse Nation bewaffnet sich bis an die Zähne. Von anderen afrikanischen Staaten können wir keine Hilfe erwarten, sie selbst sind noch nicht frei. Die östliche Welt scheint an Hilfe nicht interessiert, mit ihr konnten wir kaum Erfahrungen sammeln. Umso grösser sind unsere Experimente mit der westlichen Welt und ihrem rücksichtslosen ökonomischen Interesse an der Apartheid. Wollen wir also unser Ziel erreichen, so müssen wir seine Verwirklichung sel­ber in die Hände nehmen.


Unser Kampf hat mächtige, unbesiegbare Verbündete: zwei Drittel al­ler Menschen leidet unter ständigem Hunger. Ein Zeichen ihres ver­zweifelten Widerstandes sind die immer wiederkehrenden Massenerhe­bungen in der Kolonialwelt. Aber nicht nur dort, sondern auch im Zen­trum des grössten demokratischen Landes der Erde, in Watts und Harlem.


Mit den hungernden Massen der Weltbevölkerung stehen wir auf der Seite von Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Mit ihnen und für sie wollen wir Freiheit verwirklichen. Deswegen kann die Freiheits­bewegung nicht zerschlagen werden. Sie wird ihr historisches Ziel erreichen.


______________________________________


1) Afrikareisende berichten: "Am Sonntag, den 26 November 1497 er­reichte die Flotte die Bucht ... einige Hottentotten erschienen ... Sie waren freundlich und wollten in aller Freundschaft mit uns Handel treiben. ... Die Ermordung unserer Landsleute ist unzweifelhaft eine Rache der Schwarzen, weil die Weissen ihnen ihr Vieh nahmen." (Aus dem Apartheid-Bericht der UNESCO, 1967. Ahnliche Aussagen findet man auch in der "ENCYCLOPÄDIA BRITTANICA")


2) Gemeint sind die ersten sesshaften kolonialen Einwanderer.


3) In der Kap-Provinz gab es 1936 417524 Wähler, 382103 (91,5 %) davon waren weiss, 24793 galten als farbig (5,9%) und 10628 (2,6%) waren Afrikaner. In Transvaal betrug die Summe der weissen Wähler 349000; im Orange-Freistaat 101089; in Natal waren von 92116 Wählern 91752 weiss, 353 farbig und ein einziger schwarz.


4) genaueres lesen sie im Sharpeville-Artikel am Anfang des Buches.





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UNTERDRÜCKTE ALLER LÄNDER VEREINIGT EUCH!


Ossie Davis hielt diesen Vortrag am 17. November 1966 während einer Versammlung des "Alexander Defense Committee" in New York, im Anschluß an die Rede von Franz J. T. Lee.


Meine Damen und Herren, ich kam heute Abend, um Franz Lee zu treffen und zu hören. Hier zu sitzen und Ihnen zuzuhören, Herr Lee, war in der Tat ein erzieherisches und stimulierendes Erlebnis. Sie vermit­telten uns etwas von der Sprengkraft der Wahrheit dessen, was in Südafrika ­passiert und auch in anderen Teilen der Welt geschieht und geschehen wird.


Ich fuhr heute abend einen Wagen. Einen "Oldsmobile" der Firma Gene­ral Motors. Ich habe ihn bezahlt. General Motors investierte vor un­gefähr einem Jahr 135 Mill. Dollar in Südafrika. So partizipiere ich, selbst ein Schwarzer, durch General Motors an der Schändung und Er­niedrigung anderer Schwarzer. Ich unterstütze die Apartheid. Und hätte ich einen Ford gewählt, wäre es ebenso! Dies sage ich, um Ihnen zu zei­gen, dass wir alle mit dem gleichen Schicksal, der gleichen Schuld, der gleichen Problematik konfrontiert sind. Aber ich weiss, dass hier in meinem Land, in Amerika die Schwarzen die universelle Einheit des Kampfes, an dem wir alle teilhaben noch nicht ganz begriffen haben. Bald allerdings werden sie es begreifen müssen.


Auch die historische Entwicklung zeigt in diese Richtung. Zwar gibt es noch Widerstände, aber sie müssen überwunden werden. Ein solches Hindernis ist die psychologische und geistige Manipulation der Men­schen in diesen Land nach dem eben erwähnten Motto Hitlers: Die Macht über eine Nation gewinnt man durch die Kontrolle über ihre Erziehung. In den USA geschieht dies - weil wir es garnicht nötig haben - nicht direkt, sondern indirekt. Unsere Schulbücher schon schaffen eine Aura von Niedrigkeit und Untermenschentum um die schwarzen Menschen. Verstärkt wird dies durch die allgegenwärtigen Kommunikationsmedien, Film, Fernsehen, Zeitungen, Magazine. In der Tat sind s i e es, die heute den grössten Teil unserer Bildung liefern. Die Wirksamkeit der "Daily News" übertrifft oft die der Colleges. Die Erziehung, die unsere Konformität gewährleisten soll, ist bereits in eine bestimmte Richtung gelenkt. Aber nicht zu unseren Gunsten.


Jedoch, wie ich schon vorhin sagte, eine Gegenbewegung ist im Wachsen. Ich will nicht zu viel Ihrer Zeit beanspruchen und kurz jene histo­rische Perspektive diskutieren, deren Ziel die weltumspannende Soli­darität aller ausgebeuteten, armen, wegen ihrer Hautfarbe diskrimi­nierten Menschen und der Widerstand gegen jegliche Unterdrückung ist.


Ich hatte das Glück, einen jungen Mann zu kennen, der bis zu seinem




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Tode Enormes leistete. Ich meine Malcolm X. Malcolm besass einen riesigen Wissenshunger und schöpfte alle ihm zugänglichen Quellen aus. Und wie jeder von uns - sogar noch vollkommener - war er fähig das Gute und Wahre vom Falschen und Schlechten zu trennen. Daher hatte er gegen Ende seines Lebens jeglichen Rassismus und Rassen­hass von sich abgeworfen und aufgehört alle, die nicht so aussahen wie er, als blauäugige Teufel zu klassifizieren. Stattdessen erkannte er die eigentliche Basis der Unterdrückung, unter der nicht nur er und die Schwarzen in Afrika, sondern auch die Massen in Asien und so­gar die Weissen in den USA leiden. Malcolm begann zu sehen, dass die ökonomischen Interessen - von denen Sie so beredt sprachen - bereit sind jeden zu erdrücken, der mit der ökonomischen Expansion in Kon­flikt gerät.


Er reiste nach Afrika, sprach dort mit allen ihm erreichbaren Staats­männern, um eine Interessengemeinschaft zwischen den Schwarzen Afrikas und Amerikas ins Leben zu rufen. Er veranlasste die Organisation für afrikanische Einheit die amerikanische Form der Apartheid, "segregation" genannt, durch eine Resolution zu verdammen. Ebenfalls arbeitete er daran, eine legale Basis für die Diskussion und Lösung des amerikani­schen Negerproblems durch die UNO zu schaffen.


Denn in unserem Land behandeln wir unser Problem als Bürgerrechts­problem (civil rights problem), d.h. seine Lösung ist nur eine na­tionale Angelegenheit, die keine fremde Einmischung duldet. Nun mein­te Malcolm, dass unser Problem viel eher als Problem der Menschen­rechte anzusehen ist und wir den Fall deshalb der UNO übergeben sol­ten, um unser Mutterland aufzurütteln.


Kurz, Malcolm hatte eine einfache Intention. Es galt ihm, unter den Schwarzen auf beiden Seiten des Ozeans ein einheitliches solida­risches Bewusstsein zu schaffen, derart, dass, träte man in den USA auf einen schwarzen Fuss, ein schwarzer Mund in Afrika sagen würde: "Au, weg da von meinem Fuss!" und vice versa, träte man auf einen schwar­zen Fuss im Kongo, ein schwarzer Mund in Harlem antwortete: "Au, weg von meinem Fuss!"


Malcolm erkannte, dass zwischen den Armen in allen Völkern der Welt eine Beziehung besteht, die sie zu Brüdern der Unterdrückung macht. Er hielt es für wichtiger und adäquater, die Hilfe der Weissen, statt auf den Kampf der Schwarzen, auf die Mißstände in ihren eigenen Reihen zu konzentrieren. Hier, unter den Armen sollten sie zuerst arbeiten und soziales Bewusstsein zu intensivieren helfen. Erst dann sei die Basis für eine wahre Solidarität zwischen den Rassen zu schaf­fen.


Dies war die Stufe seiner Entwicklung, als er starb. Ich versichere Ihnen, er hat Unruhe und Bestürzung geschaffen, nicht nur in unserem Land, sondern auch in einigen Hauptstädten des Auslands. Malcolm ist tot. Aber schon haben wir einen anderen Dämonen zu zähmen: Stokely Carmichael.


Carmichael kam zu den gleichen Ergebnissen wie Malcolm X. Seine Spra­che ist die gleiche. Weil die SNCC, deren Vorsitzender er ist, die




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militärische Einmischung der Amerikaner in Vietnam aufs schärfste kritisierte, wurde er zur persona non grata.


Für Malcolm und Stokely ist die Basis der Unterdrückung ein und dieselbe Institution. Diese galt es, auszurotten durch den kollekti­ven Kampf aller Gegener der Unterdrückung: der Menschen in Südaf­rika, in Südmississippi, in Südvietnam, der hungrigen Massen in Watts, London und der ganzen Welt, die es mehr und mehr am eigenen Leibe spüren, wie die Armen immer ärmer werden, zugunsten der sich bereichernden Reichen. Vom sozio- ökonomischen Standpunkt gesehen, sind die Armen auch die Farbigen und die Reichen auch die Weissen. Die Hautfarbe als die eigentliche Trennungslinie zubetrachten, ist ein arges Missverständnis. Dies zu vermeiden, muss klargemacht werden, dass der wirkliche Gegensatz an seiner Wurzel, den Klassen- und öko­nomischen Unterschieden aufbrechen muss.


Sie, Herr Lee, kommen zu uns aus einem Land, das auch mein Land ist, trotz der Schuld, die mich mit ihm verbindet, denn ich partizipiere an der Unterstützung der Apartheid durch General Motors und die Machtelite meines Landes. Im tieferen Sinne ist Südafrika mein Land, weil seine Unterdrückten meine Brüder sind: Sie sind nicht nur durch ihre Hautfarbe gezeichnet, sondern ihre ökonomische Tragödie ist auch die meine. Wir, die Amerika, unser Land doch eigentlich aufbauten, werden nun eingeladen, die Herrlichkeiten von Johnsons "Great Society" zu kosten, um - wenn wir nur wollen - ehrenwerte Weisse zu werden.


Wir wissen Bescheid über unsere Investitionen in Südafrika. Wir wis­sen auch, dass die, die ihre Billionengewinne aus Südafrika ziehen, diese Profite gegen jeden verteidigen werden, auch gegen friedlie­bende Weisse und Schwarze. Aber jetzt spreche ich von jenen kleinen Verbrechern, den Schuldigen aus Mitläufertum, die ihre Rechte für ein Linsengericht verkaufen, die noch immer nicht begriffen haben, dass es eine fundamentale, umgreifende Einheit aller Unterdrückten auf der Welt gibt.

Die Geschichte hält harte Lehren für uns bereit und am ehesten wer­den wohl die überleben, die am schnellsten aus ihnen lernen. Wir stehen nun vor der brutalen Realität dessen, was in unserem Namen und im Namen der Demokratie in Südvietnam geschieht. Mein Wunsch, meine Hoffnung, ja, meine feste Überzeugung ist es, dass jene Lektio­nen der Geschichte unter den hier Anwesenden, und noch wichtiger, bei den Abwesenden nicht auf taube Ohren stossen. Es gibt Zeiten in denen die Menschen sehr genau ihr wahres Interesse und die reale Situa­tion ihrer Existenz kennen. Dieses "uni sono" mit der Wahrheit dul­det keine Ablenkung, sondern macht stark und zielbewusst. Manchmal sind wir wie Hunde, die auf der Jagd die Spur ihrer Beute verloren. Scheinbar ziellos schnüffeln sie herum, bis sie zuletzt die Spur finden. Dann beginnt die Verfolgung von neuem.


Oder, um mit einem mehr poetischen Bild zu schliessen: Wir sind Blu­men, die unter einem Felsen zusammengepfercht sind. Die Sonne er­reicht sie nicht, sie sind farblos, schwach und vegetieren am Boden dahin. Aber wird der Felsen bei Seite geschoben, folgen die Blumen ihrer Natur und wenden sich zur Sonne. Die Wahrheit unserer Situation




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erscheint schon am Horizont. Die Sonne unserer Befreiung geht auf. Für uns, die unterdrückten Völker der Erde, ökonomisch unterdrückt, politisch, sozial und vor allem geistig unterdrückt, kommt nun der Augenblick, unsere Gesichter zur Sonne zu heben und die Wahrheit zu trinken, denn für mich gelten noch immer die Worte: "Ihr werdet die Wahrheit wissen, und die Wahrheit macht Euch frei." Danke.




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FREIHEITSKAMPF in Südafrika


Ein Interview mit Franz J. T. Lee



Franz J.T. Lee, "Secretary of the Alexander Defense Committee" in Deutschland und europäischer Repräsentant der "African Peoples Democratic Union of Southern Africa", gab der New Yorker Zeitschrift "Young Socialist" auf einer Vortragsreise durch die USA und Kanada das folgende Interview. Dieses Interview fand am 5. September 1966 statt, einen Tag vor der Ermordung des südafrikanischen Premier­ministers Dr. Verwoerd; es wurde in der Oktober-Nummer 1966 des "Young Socialist" abgedruckt.


"Mr. Lee, wie kam es dazu, dass sie sich für die Freiheitsbewegung in Südafrika interessierten?"


In der Regel kommt jeder aus armen Verhältnissen stammende Afri­kaner früher oder später mit der rassendiskriminierenden Gesellschaft Südafrikas in Konflikt, wenn er danach trachtet, ein anständiges, menschenwürdiges Leben zu führen, oder wenn ihm das Wohlergehen sei­ner schwarzen Mitmenschen nicht gleichgültig ist.

Seit meiner Geburt stand ich zwischen diesen rassischen und wirtschaftlichen Konflikten, denn ich habe einen "weissen" Vater und eine "schwarze" Mutter. Meine Jugend war ein einziger Kampf um Überleben, um Erziehung, um Hoffnung und Freiheit.

Ich erkannte mit der Zeit, dass sich die Schwarzen, nur als soziale Wesen, nur durch gemeinsame Aktionen aus ihrer jetzigen Lage be­freien können. Ich verband mich der Freiheitsbewegung und trat 1960 dem "Unity Movement of South Africa" bei.


"Was ist die "African People's Democratic Union of Southern Africa", die als APDUSA bekannt ist?"


Nach dem Massaker von Sharpeville, wo schwarze Arbeiter friedlich gegen das verhasste Passagierscheingesetz und für höhere Löhne demon­strierten und dem Massaker in Pondoland, wo die schwarzen Bauern für die Erlangung von Land und Freiheit kämpften, wurde 1961 die APDUSA unter dem Banner des "Unity Movement" gegründet. Die APDUSA konstituierte sich als unmittelbares Resultat dieser Massaker: Eine Arbeiter- und Bauernorganisation war zur dringenden Notwendigkeit geworden.


"Und das Programm der APDUSA?"


Der Name der Organisation enthält eigentlich schon ihr zentrales Thema: Demokratie. In der Satzung der APDUSA wird folgendes Haupt 





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ziel genannt: Aufhebung der nationalen Unterdrückung und Befreiung des unterdrückten südafrikanischen Volkes von allen auf rassistischen Vorurteilen basierenden Restriktionen, sowie die praktische Allgemein­gültigkeit aller demokratischen Rechte, die gegenwärtig einer klei­nen, hauptsächlich weissen Gruppe der Bevölkerung sind.

Wie die südafrikanische Einheitsbewegung, lehnt auch die APDUSA strikt eine Zusammenarbeit mit den Unterdrückern ab und setzt den politischen Boykott als Kampfmittel ein.


"Viele amerikanische Studenten haben von dem "Group Areas Act", dem Bantu-Erziehungs-Gesetz und den Versuchen der Verwoerd Regierung, das Stammessystem wieder einzuführen, gehört. Könnten sie uns näheres darüber sagen und die Politik der APDUSA dabei berück­sichtigen?"


Zunächst zu dem Reservate-Gesetz. Es wurde 1950 verabschiedet und ordnet die Reservierung verschiedener Gebiete für die verschiede­nen Rassengruppen in Südafrika an. Im grossen Maßstab wurde eine Umsiedlung der Bevölkerung organisiert - hauptsächlich auf Kosten der Schwarzen. 1961 wurden 7500 Weisse, 95000 Schwarze und 5000 Asiaten umgesiedelt.

Afrikaner haben kein Wohnrecht in Weiss-Südafrika, das 86,3% des gesamten Landes für sich beansprucht. Nun strömten aber in den letzten 10 Jahren grosse Massen schwarzer Arbeitssuchender in die Großstadtgebiete. Das städtische Proletariat erreichte eine Stärke von 5 Millionen Menschen. Die Regierung plant, diese Arbeiter in die 264 Reservate zurückzuschicken. In Wirklichkeit sind diese Reservate nichts anderes als südafrikanische Arbeits- und Konzentrationslager. Auch dort ist es den Afrikanern nicht erlaubt, Land zu besitzen, zu kaufen oder zu verkaufen. Kurz, die schwarze Bevölkerung Südafrikas wurde allen Landes und aller politischen Rechte beraubt.

Darum fordert die APDUSA: " Land and Liberty”. Dieser revolutionäre Funke entzündete die Bantustan-Prärien 1) und vor diesem Feuer zitterten die Beherrscher Südafrikas schon während der letzten fünf Jahre.


"Und das Bantu-Erziehungs-Gesetz?"


Dieses Gesetz stammt von Premierminister Verwoerd und wurde 1953 verabschiedet. Seine sozialpolitischen Implikationen lassen sich an einem Ausspruch Hitlers von 1933 illustrieren: "Wenn man ein Volk beherrschen will, so muss man sich seiner Erziehung bemächtigen". 2) Die Versklavung des menschlichen Geistes mit dem Ziel der Unterdrückung einer bestimmten Schicht war seit jeher eine gut­funktionierende Waffe in den Händen der Herrschenden.

Bantu-Erziehung intendiert die erneute Versklavung der Afrikaner und ihre zwangsweise Rückkehr auf eine überwundene Stufe ihrer Stam­mesgeschichte. Sie bedeutet Ausschluss von aller modernen Erziehung,




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stattdessen aber intellektuelles und spirituelles Ghetto. Nur 0,0008% der schwarzen Bevölkerung besucht eine Universität oder besser ausgedrückt - eines der eigens für sie eingerich­teten Eingeborenen-Colleges. Dort müssen die Studenten u.a. Bantu-Recht, Bantu-Erziehung, Bantu-Geschichte und Bantu-Medizin studieren. Bantu-Recht ist der Komplex jener Gesetze, die von schwarzen Häuptlingen erlassen werden. Diese Häuptlinge sind die Tschombes und Onkel Toms des "Herrenvolks" von Südafrika. Dr. Verwoerd erklärt die Bantu-Erziehung so: "Bisher wurde er (der Ein­geborene) von einem Schulsystem betreut, das ihn von seiner eige­nen Gemeinschaft wegführte und ihn in die Irre leitete, indem es ihm die grünen Wiesen der europäischen Gesellschaft zeigte, auf de­nen er nicht grasen darf." 4) ..."Wenn heutzutage der Eingeborene Südafrikas erwartet, als Erwachsener politische Gleichberechtigung zu geniessen, macht er einen grossen Fehler." 5)

Bantu-Geschichte ist ganz offensichtlich die südafrikanische Geschichte der letzten 300 Jahre aus der Sicht der Herrschenden. Die Schüler müssen die sogenannten "Kaffernkriege" studieren und alles über die "primitiven, räuberisch-wilden" Häuptlinge Dingaan, Chaka oder Cetewayo lernen, die in Wirklichkeit militärische Genies und grosse Staatsmänner waren und sich gegen die weissen Eindring­linge zur Wehr gesetzt hatten.

Die Medizin der Bantu beschränkt sich auf die Erforschung und Bestimmung aller Kräuter und Stammesriten der Eingeborenen.

Mit moderner Erziehung hat die ganze Bantu-Erziehung nicht das geringste zu tun, nicht einmal mit Erziehung per se. Bantu-Erziehung ist ein Anschlag auf menschliche Intelligenz und Entfaltungsmög­lichkeit im 20. Jahrhundert.


"Können Sie uns bitte etwas über die gegenwärtige ökonomische Situation in Südafrika sagen, Mr. Lee?"


Südafrika ist das hochindustrialisierteste Land in Afrika, d.h. in der südlichen Hemisphäre überhaupt. Gegenwärtig erlebt es einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Als wichtigste Wirtschaftszwei­ge sind zu nennen: Bergbau, Industrie und Landwirtschaft. Die beiden ersten werden hauptsächlich von britischen und amerikanischen internationalen Finanziers, die 95 % des Kapitals investierten, kontrolliert. Nur den Agrarsektor kontrolliert die Burenregierung. Bergbau und ver­arbeitende Industrien sind natürlich bei weitem die wichtigeren.Ab­hängig jedoch sind alle drei von der billigen schwarzen Arbeitskraft. Die gesamte südafrikanische Wirtschaft ruht auf den Schultern der schwarzen Arbeiter. Hier genau liegt auch der wunde Punkt der süd­afrikanischen Gesellschaftsstruktur. Denn es werden die Massen bil­liger Arbeitskräfte sein, die das bestehende sozio-ökonomische Aus­beutungssystem durchbrechen und die Gesellschaft radikal verändern werden.

Von über 4222 Mrd. Dollar fremden Kapitals, das in Südafrika in­vestiert wurde, sind über 2500 Mrd. $ britischen, 800 Mill. $ west 




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europäischen und 464 Mill. $ amerikanischen Ursprungs. 1964 erreich­ten amerikanische Monopolkapitalisten den höchsten Nettoprofit der Welt: 27% vom Nettowert. Der Verdienst an Roh-Investitionen betrug 13%, während der Weltdurchschnitt bei 7,7% lag. Überseeische In­vestoren sind in allen strategisch wichtigen Sektoren der südafri­kanischen Wirtschaft vertreten. Grossbritannien, die USA, Frankreich, Westdeutschland, Kanada, Italien und Japan kontrollieren zu­sammen fast 75% des In- und Exports. Alle diese Länder führen gegen­über Südafrika eine Politik der Widersprüche: Offiziell verurteilen

sie das südafrikanische Apartheidsystem, während sie als "Wirtschaftspartner" an der Perpetuierung der Apartheidpolitik mitarbeiten.


"Welche Bedeutung für den südafrikanischen Befreiungskampf hat der Freiheitskampf in Angola, die Etablierung des Smith Regimes in Rho­desien und die Entscheidung des Internationalen Gerichthofs über den Status Südwestafrikas? "


Die portugiesischen "Überseeprovinzen" in Afrika, die ehemals bri­tischen Protektorate und Rhodesien bilden eine Frontlinie der Ver­teidigung Südafrikas, sie sind Pufferstaaten zum Schutz der eben beschriebenen ausländischen Interessen der "freien Welt". Aus die­sen Grunde sind die Freiheitsbestrebungen in den genannten Gebie­ten die gleichen wie in Südafrika. Während der Kampf an verschie­denen Fronten ausgetragen wird - hinauf bis zum Kongo - ist er zugleich doch immer ein und derselbe: der Emanzipationskampf der kolonialen Welt.

In meinem Essaybändchen "Anatomy of Apartheid in Southern Africa" schrieb ich : "Die einseitige Unabhängigkeitserklärung der Regie­rung Smith signalisiert das Übergreifen der Apartheid auf Rhodesi­en."6) Rhodesien, die Republik Südafrika und auch Portugal sind

in Begriff sich zu einer "Herrenvolkallianz" zusammen zu schlies­sen. Daher wird eine Befreiungsfront aller Unterdrückten gegen Faschismus und Ultra-Kolonialismus im südlichen Afrika zur unmit­telbaren Notwendigkeit.

Die Entscheidung des Internationalen Gerichthofes passt genau in meine Darstellung. Er gehorchte den Gesetzen der kapitalistischen Welt, deren Interessen er vertritt und entschied sich gegen die unterdrückten Menschen Südwestafrikas. Aber "die südafrikanische Revolution wird das Werk der auf Millionen angewachsenen arbeiten­den Massen Südafrikas und Südwestafrikas sein. Ihr Kampf für Gleichheit, Gerechtigkeit, menschliche Würde, Freiheit und Frieden weiss sich solidarisch mit demselben Kampf in der ganzen Welt." 7)


"Sie haben in Westdeutschland das "Alexander Defense Committee" gegründet. Was ist das ADC und wie können wir es unterstützen?"


Gegründet wurde das ADC, um elf Gegnern der Apartheid, an der Spitze




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Dr. Neville Alexander, zu helfen. Alexander ist ein Führer der Uni­ty-Bewegung in Südafrika und der ihr angeschlossenen APDUSA. Im Juli 1963 wurden er und seine zehn Freunde verhaftet, angeklagt und schuldig gesprochen. Ihr Verbrechen: Sabotage. Zwar konnte man ihnen keine Sabotageakte beweisen, wohl aber, dass sie in Südafrika verbotene Bücher lasen und den Verwoerd'schen Polizeistaat stürzen wollten (in Südafrika sind sogar Bücher wie: "Black Beauty", Thomas Hardy's "The Return of the Native" oder Stendhal's "Le Rouge et le Noir" verboten!). Natürlich lasen Alexander und seine Freunde Bücher, die jeder Freiheitskämpfer liest und lesen muss, z.B. Bü­cher über den Guerillakampf.

Alle elf wurden zu Zuchthausstrafen zwischen 5 und 10 Jahren im Konzentrationslager Robben Island verurteilt. Nach südafrikanischem Recht können solche Strafen auf Lebenszeit verlängert werden.Robben Island hat seine historischen Parallelen im 3. Reich. Es erinnert an Belsen, Dachau und Auschwitz. Noch wird nicht gemordet in Gas­kammern. Aber die Gase, Soman, Tabun, Sarin werden schon massenwei­se in den Fabriken am Witwatersrand produziert.

Das "Alexander Defense Committee" trug die Kosten des Prozesses und hilft den notleidenden Familien der Verurteilten. Ausserdem be­zahlt es die Studienkosten der elf Gefangenen. (Die "Studiensonder­erlaubnis" ist eine besondere Konzession der Regierung, ein Resul­tat des internationalen Interesses und Drucks im Falle Alexander.) Das ADC hilft auch anderen Opfern der Unterdrückung und versucht, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die momentane Situation in Südafrika zu lenken.

In England, Irland, den USA, Kanada u.a. Ländern wurden Komitees gegründet, um diese notwendige Arbeit weiter zu führen. Im Augen­blick gibt es 13 Niederlassungen desADC in den USA, ihr Hauptbüro ist in New York. Im letzten Jahr organisierte das ADC eine "national lecture tour" für Isaac B. Tabata, den Präsidenten der Unity-Bewe­gung in Südafrika. In diesem Jahr veranstaltete man eine Vortrags­reise durch die USA und Kanada für mich.

Ich habe in den Vereinigten Staaten und Kanada grosses Inter­esse für den Freiheitskampf in meiner Heimat gefunden. Besonders in Studentenkreisen.

Unsere Entschlossenheit, für Frieden und Demokratie in Südafrika zu kämpfen, ist unbesiegbar, aber wir brauchen Ihre moralische und materielle Unterstützung dringend.

Alle Spenden können an das "Alexander Defense Committee", 873 Broadway 2nd Floor South, New York, New York 10003, gesandt werden.




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ANMERKUNGEN


1) "Bantustan-Prärien" - Anspielung auf "a single spark can set a prairie an fire" (Mao).

2) aus der südafrikanischen Zeitung "ILIZWI", 18.10.1961.

3) aus der südafrikanischen Sunday Times, 23.5.1965.

4) I.B. Tabata, Education for Barbarism, London, 1960, S.7.

5) nach Hansard, Band 11, 1953.

6) F.J.T. Lee, Anatomy of Apartheid, S.33.

7) F.J.T. Lee, Anatomy of Apartheid, S.43.




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SÜDAFRIKA   VON VERWOERD ZU VOSTER



"Einer Nation, die mit dem Rücken gegen eine Wand steht,bleibt nichts anderes übrig, als zu kämpfen oder unterzugehen."

(Dr. H.F. Verwoerd, November, 1962)


"In der geschichtlichen Entwicklung eines Volkes gibt es Zeiten, wo nicht nur die Vernunft, sondern das Blut sprechen muss. In einem solchen Stadium leben wir heute."

(Mr. B. J. Vorster, 1963)


Am 6. September 1966 posaunten die Schlagzeilen der Zeitungen über den ganzen Globus die Nachricht: Verwoerd ermordet! "Weiss-Afrika" vergoss Kübel von Tränen. Viele gaben "ihrem" Premier die letzte Ehre. Die schwarzen Tschombes eingeschlossen. Lobhymnen erschallten. Ergeben und treu diente Verwoerd seinen Herren als Höllenwärter des Rassismus bis zum bitteren Ende.


Balthazar Johannes Vorster steht nun an der Spitze der südafrika­nischen Regierung. Bedeutet dies eine Änderung in der Apartheid­politik? Wird sich der Lebensstandard der Nicht-Weissen verbessern? Nichts dergleichen! Keine radikale Veränderung konnte in den letz­ten vier Monaten festgestellt werden.


Verwoerd war der Ideologe und Architekt der Apartheid. Er baute aus dem primitiven Glauben der Buren an "Herrenrasse", "auserwähltes Volk" usw. ein System pseudowissenschaftlicher Rationalisierungen, dessen Gerüst "weisse Treuhänderschaft", "getrennte Entwicklung", "Bantu-Erziehung " und "Bantustans" sind.


Die "freie Welt" kritisierte Verwoerd. Aber sie akzeptierte ihn, sobald es darum ging, ihre 5 Milliarden Dollar Investitionen und ihre manchmal bis zu 29 % steigenden Profite zu sichern. Beiden, den Rassisten in- und ausserhalb Südafrikas und den Hochstaplern des internationalen Finanzkapitals beschert der gewaltsame Tod Ver­woerds eine Periode der Furcht und Unsicherheit: Wird Vorster so erfolgreich sein wie Verwoerd?

Vorster besitzt nicht die intellektuellen Fähigkeiten des Vorgän­gers. Er ist der ungeduldige Polizeichef - das Haupt der südafrika­nischen Gestapo. Als Justizminister im Kabinett Verwoerd fungierte er als erfindungsreicher Handlanger der Rassendiskriminierung.




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Verantwortlich ist er für den grössten Teil der repressiven Gesetz­gebung seit 1960, hauptsächlich aber für deren brutale Umsetzung in die Praxis, für Hausarreste, Verbannungen, Polizeiterror, organisierte Foltern, Entführungen und Morde. Er unterstützte Hitler im 2. Weltkrieg, stand deswegen unter politischem Arrest, später internierte man ihn im Orange-Freistaat in einem Konzentrationslager. Hier war er der Häftling Nr. 2229/42 in der Baracke 48, Block 1. Später bekehrte er sich zu einem ganz spezifischen Typ der parla­mentarischen Demokratie: dem südafrikanischen Faschismus.


Verwoerds Tod bedeutet so keinen fundamentalen Wechsel in der Apart­heidpolitik, für die er lebte und starb. Vorster kann weder als In­dividuum noch als Vertreter der politischen, ökonomischen und sozia­len Interessen in deren Dienst er steht, den einträglichen Status quo von Unterdrückung und Ausbeutung ändern. Auch wenn seine ausländi­schen Herren sich noch so sehr eine "Apartheid ohne Tränen" und ein paar schwarze Onkel Toms in der Regierung wünschen.


In einem Vortrag vor dem UNO-Sonderkomitee für Apartheid erklärte ich mit Nachdruck: "Die Ermordung Verwoerds meint lediglich seine Ersetzung durch eine ähnliche, sogar noch reaktionärere politische Figur. Das System bleibt erhalten. Nur die Akteure wechseln...." Der lebende Verwoerd war für die 15 Mill Unterdrückten in Südafrika ein Symbol des Todes. Sie vergossen keine Träne, obwohl sie Akte individuellen Terrors verabscheuen, weil diese der Sache der Frei­heit, Demokratie und Menschenwürde nicht dienen. Allerdings wenden sie sich gegen das ganze System der Ausbeutergesellschaft, dem die Apartheid dient. Sie geben der Regierung Verwoerd die Verantwortung

für den Terror der letzten 16 Jahre, für die Massaker in Sharpeville, Lange, Nyana (72 Afrikaner wurden hier brutal von der Polizei nie­dergemetzelt) und Pondoland (über 200 afrikanische Landarbeiter kamen im Maschinengewehrfeuer um). Das Verwoerdregime trägt eben­falls die Verantwortung für die Tatsache, dass einer von 263 Süd­afrikanern im Gefängnis sein Leben fristet, meisstens bloss weil er ein Gegner der Apartheid ist, ganz zu schweigen vom Konzentrationslager Robben Island und über 5000 arrestierten politisch Unliebsamen. Dieses Regime legalisierte den Terror und schuf ein politisches Sytem jenseits allen Rechtes. Die Afrikaner wurden ihres letzten Zip­felchen Lands beraubt, sie verloren ihre ohnehin äusserst spärlichen politischen Rechte und leben nun ohne die elementarsten Vorausset­zungen menschlicher Freiheit. Vier Fünftel der südafrikanischen Bevölkerung wurden in ihrem eigenen Geburtsland zu Fremden erklärt. Diese Zustände aufrechtzuerhalten war Verwoerds hoffnungslose Auf­gabe, sein Erbe tritt nun Vorster an.


Trotz existierender Differenzen werden in Zukunft die burischen Bodenbesitzer, die englischen Minenmagnaten, die "American Corpo­ration" und der Verband der südafrikanischen Industrieunternehmen sich fest zusammenschliessen müssen, um sich ihr Paradies am Fusse des schwarzen Kontinents zu erhalten. Diese Kapitalisten sind ganz und gar angewiesen auf eine Gruppe gutwilliger Arbeitstiere, auf das Reservoir billiger schwarzer Arbeitskräfte. Die materielle und intellektuelle Unterdrückung der Afrikaner bildet daher die not­wendige Basis der südafrikanischen Volkswirtschaft mit ihrem Schwer 




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punkt in den Minen, der Industrie und der Landwirtschaft.


In Südafrika soll eine Ideologie basierend auf Rassenvorurteilen und Herrenvolkideen sowohl die Konformität der sozial privilegier­ten weissen Arbeiter sichern, als auch die Passivität, Demut und Gottergebenheit der ausgebeuteten schwarzen und farbigen Massen.

Darüber hinaus ist die Regierung gezwungen - relativ ge­sehen - eine der stärksten Polizeimächte der Welt zu unterhalten: Der gewünschte Untertanengeist muss erzwungen werden, da der psycho­logische Terror kaum noch funktioniert.


Den herrschenden Interessen diametral entgegengesetzt ist das all­gemeine Interesse der Unterdrückten Südafrikas: Die Erlangung poli­tischer Macht zur Zerstörung der sozio-ökonomischen Struktur der Gesellschaft. Nur so kann in dem am höchsten industrialisierten Land der südlichen Hemisphäre ein Wirtschaftssystem aufgebaut werden, das den Interessen der ganzen Nation dient.


Bezeichnenderweise verschweigen die südafrikanischen und inter­nationalen Zeitungen auch weiterhin den zunehmenden Widerstand der Nicht-Weissen gegen das Vorster Regime. Dennoch ist diese Regierung. tagtäglich damit beschäftigt, die werdende Revolution in Schach zu halten. Die Intensivierung das Terrors von Seiten der Regierung wird in Zukunft ein Gradmesser sein für die Verstärkung des revo­lutionären Potentials in den Massen.


Trotz brutaler Unterdrückung erreichen die Massenorganisationen der Befreiungsbewegung eine immer stärker werdende Dynamik und einen zunehmend einheitlichen Charakter. Eine neue Nation, ein neues Südafrika ist im Aufbruch.




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BANTU   ERZIEHUNG


Es ist den Afrikanern verboten, die gleichen Busse, Züge, Taxis, die gleichen Parks, zoologischen oder botanischen Gärten zu be­nutzen, im gleichen Konzertsaal oder in der gleichen Kirche wie Weisse zu sitzen. Hinter diesen Verboten steht ein komplexes System kolonialer Unterdrückung, rassischer Diskriminierung und ökonomischer Ausbeutung. Dieses System, für das der Name "Baasskap", separate Entwicklung oder "Apartheid" geprägt wurde, raubt den Afri­kanern ihr Land und die ihnen zustehenden Bodenerträge. Es zwingt sie in Armut, Elend und Krankheit zu leben. Es verweigert ihnen moderne Erziehung, intellektuelle, philosophische und technische Bildung. Es pfercht die Afrikaner in Slums, Ghettos, Konzentrationslagern, überfüllten Reservaten und "Bantustans" zusammen. Dieses System ver­wehrt ihnen jegliche Form der Ausübung demokratischer Rechte, der Redefreiheit, Presse  und Bewegungsfreiheit. Das effektivste Mittel, diese Repressionen auch weiterhin aufrechterhalten zu können, ist die Versklavung des Bewusstseins der nicht weissen Bevölkerung.


Das bestehende Regierungssystem in Südafrika basiert auf dem "Bantuerziehungsplan" von Dr. H. F. Verwoerd. Es wurde nach dem Sieg der Boer Nationalist Party im Jahre 1948 unter Dr. D. F. Malan offiziell institutionalisiert. Damals war Verwoerd Minister für Eingeborenenangelegenheiten, wohl das wichtigste Ministerium in Südafrika. Die Politik der Bantuerziehung war Verwoerds Lösung der Eingeborenenfrage.


Im wesentlichen ist das Bantu-Erziehungssystem eine künstliche Wiederbelebung des veralteten Stammessystems. Während einer Parla­mentsrede im Jahre 1953 umschrieb Verwoerd dieses System folgender-




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massen: "Ausserhalb der Erfüllung der arbeitsteiligen Pflichten ist für (den Eingeborenen) in der europäischen Gesellschaft kein Platz ... Bis jetzt war er in ein Schulsystem integriert, das ihn dem Gemeinschaftsleben seines Stanmes entzog und auf falsche Wege wies, indem es ihm die grünen Weiden der europäischen Gesellschaft vor Augen führte, auf denen er nicht grasen durfte."


Indem Verwoerd die Schwarzen als grasende Tiere beschreibt, benutzt er nur die gängige Terminologie der Herrenrasse. 1954 schrieb er in seiner Schrift über die Bantuerziehung, "Bantu­ Education, Policy for the Immediate Future": "Die (Bantu) Erziehung sollte mit beiden Füssen in den Reservaten stehen. Sie sollte in der Denkart und Lebensweise der Bantugesellschaft verwurzelt sein. ... Ihre (der Bantu) Erziehung darf nicht in Widerspruch zu der Regierungspolitik stehen. ... Wer heute den Eingeborenen in Südafrika beibringt, dass sie erwarten dürfen, als Erwachsene unter einer Politik gleicher Rechte zu leben, macht einen grossen Fehler."


J. G. Strijdom, Nachfolger Malans als Premierminister beschrieb das Baasskap System wie folgt: "Unsere Politik besteht darin, dass die Europäer in Südafrika ihren Grund und Boden behaupten und ihre Herrschaft aufrechterhalten müssen. Wenn wir die Herrenvolk Ideologie und das Prinzip, dass der weisse Mann "Baas" bleiben muss, aufgeben, wenn unsere Privilegien auf die Nicht Europäer ausgedehnt werden, wenn den Nicht Europäern Stimmrecht und Volksvertretung gewährt wird und sie die gleiche Entwicklungsmöglichkeit wie die Europäer haben, wie können die Europäer dann noch "Baas" bleiben? Unser Standpunkt ist, dass sich der Europäer in jeder Hinsicht das Recht, über das Land zu herrschen und es als Land des weissen Mannes zu behaupten, erhalten muss."




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(Zitiert aus "African Nationalism, N. Sithole, 1961.)


C.R. Swart, gegenwärtig südafrikanischer Präsident sprach im Sinne Verwoerds, als er 1953 in einer Parlamentsdebatte die Bedeutung der Wiedereingliederung der Afrikaner in den Stamm hervorhob: "Meine Vorredner haben betont, dass das Ministerium für Eingeborenenangelegenheiten eine politische Strategie durchführen will, nach der die Eingeborenen ihrem Stamm nicht entzogen werden, sondern im Gegenteil in ihrer eigenen Lebensart erzogen werden sollen und ihnen beigebracht werden soll, gute Eingeborene als gute Stammesmitglieder zu sein. Sie sollen keinesfalls zu Imitatoren der Weissen werden". Swart fügte hinzu: "Dies ist die Politik, die wir verfolgen werden und meiner Meinung ist sie die einzig gesunde Politik".


Der "Bantu Education Act" wurde 1953 zum Gesetz. Damit begann ein Prozess, in dessen Verlauf 12 Mill. Afrikaner in einen Zustand primitiven Stammeslebens zurückversetzt werden sollen, der ihre Rechtlosigkeit, Stimmlosigkeit und Unwissenheit institutionalisieren soll. Die Durchführung dieses Gesetzes wird kontrolliert vom Ministerium für Eingeborenenfragen, das damit die Überwachung des Denkens und Handelns, des Glückes und der zukünftigen Entwicklung jedes Afrikaners zu seinem Ziel erklärt hat. Das Ministerium kontrolliert die Heranziehung billiger afrikanischer Arbeitskräfte auf den Farmen, die Hauptstütze der ungeheuer profitablen südafrikanischen Wirtschaft.


Das Ministerium zieht die Einkommen , Wohn , Kopf  und Arbeitssteuern von den Afrikanern ein, es setzt die verschiedenen Rassengesetze durch, besonders die berüchtigten Passgesetze, die 1960 zu den Massakern von Sharpeville, Langa und Nyanga führten, wo




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72 unbewaffnete, friedliche Demonstranten erschossen und weitere 200 schwer verletzt wurden.


Für andere nicht weisse Bevölkerungsgruppen   2 Mill. Farbige, 500000 Inder, 50000 Malayen und 5000 Chinesen   sind ähnliche Ministerien errichtet worden, oder sind zumindest geplant. Das Ganze läuft darauf hinaus, das jedem Nicht Weissen eine moderne Erziehung versagt wird und er gezwungenermassen im Südafrikanischen "Commonwealth of Poverty" leben muss.


Der Druck auf Verwoerd, die schwarze Bevölkerung in kürzester Zeit durch die Mühlen der Bantuerziehung zu jagen, hat sich in letzter Zeit eher verstärkt als vermindert. Der Grund dafür resultiert aus der Tatsache, dass ein grosser Teil der Arbeiter in Südafrika aus anderen afrikanischen Staaten kommen, hauptsächlich aus den ehemaligen britischen Protektoraten, den portugiesischen Kolonien Angola und Mozambique und Malawi. Jedes Jahr werden nachweislich Hunderttausende von Afrikanern aus diesen Ländern in die südafrikanische Industrie gepresst.


Die Revolutionsbewegungen die gegenwärtig in diesen Nachbarländern wachsen, bedrohen offensichtlich diese Zufuhr billiger Arbeitskräfte, was bei Vorster und seinen Ministern eine panische Angst hervorruft. Aber nicht nur das! In der Tat organisieren sich die südafrikanischen Massen mehr und mehr zum Kampf gegen das Regime der Apartheid.


Das Sabotage Gesetz, das 90 Tage Gesetz und die Proklamation 400 in den Reservaten sind für die Weissen zur unabdingbaren Notwendigkeit geworden. In Anwendung dieser Gesetze kann ein Polizist jeden Nicht Weissen verhaften und ihn auf unbestimmte Zeit ohne Haftbefehl und ohne gerichtliche Untersuchung festnehmen: die




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südafrikanischen Gefängnisse sind gefüllt mit Tausenden von politischen Gefangenen.


Zusammenfassend wäre folgendes festzustellen:

  1. Die Bantuerziehung wie auch die Universitätserziehung sind ein Betrug, trotz der Prahlerei und Propaganda der rassistischen Regierung.

  2. Die Bantu Erziehung hat im Vergleich mit der Erziehung der weissen Jugend nicht das geringste mit moderner Erziehung zu tun. Ihr Ziel ist es, den Afrikaner wieder zurückzuzwingen in die Traditionen der Stammesgesellschaft, ihn zu einer potentiell billigen Arbeitskraft zu machen, die Entwickluing seiner geistigen Kräfte zu verhindern und jeden Funken revolutionären Feuers in ihm zu ersticken.

  3. Die Bantu Erziehung hat der afrikanischen Jugend im letzten Jahrzehnt schon erheblichen Schaden zugefügt.



ERZIEHUNG DER SCHWARZEN VOR 1953


Die Idee der separaten Erziehung in Südafrika war nicht neu, als sie 1953 realisiert wurde. Schon seit 1910 gab es eine lose Form der Rassentrennung in den Schulen. Unterrichtspläne, Lesebücher, Büchereien und Prüfungsordnungen waren jedoch gleich für die verschiedenen Bevölkerungsteile. Die Unterrichtssprache war hauptsachlich Englisch und Afrikaans, in den Reservaten zum Teil Xhosa, eine Sprache, die fast von der Hälfte der afrikanischen Bevölkerung gesprochen wird.


Die "United Party", die die Interessen der Briten und der anderen Kapitalisten vertritt, praktizierte damals eine etwas libe-




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ralere Politik als heute. Während sie an der Macht war, erkannte sie nicht die drohende Gefahr. Sie sah nicht, dass der moderne Schwarze der industrialisierten südafrikanischen Gesellschaft, der "noble savage", begann sein Bewusstsein zu emanzipieren, dass er begann seine sozialen, politischen und ökonomischen Fesseln abzuschütteln. Erst nach dem 2. Weltkrieg, als Dr. Verwoerd von seinem Studium aus Nazi Deutschland zurückkehrte und seine Nationalistenpartei an die Macht kam, konnte das Projekt der Bantuerziehung in Angriff genommen werden. Wie Hitler hielt sich auch Verwoerd an das Prinzip: "Wenn du ein Volk kontrollieren willst, musst du seine Erziehung in die Hand bekommen."


Zu Beginn der 50er Jahre war das südafrikanische Erziehungssystem dem amerikanischen durchaus vergleichbar: Die ersten zwei Jahre waren auch hier als Kindergartenzeit bekannt, eingeteilt in die Standardabschnitte A und B. Zusammen wurden diese Abschnitte "sub Standards" genannt. Die nächsten 5 Jahre, als Standards I, II, III, IV und V, waren die erste Erziehungsstufe.


Aber auch damals beendete höchstens einer von 200 afrikanischen Schülern den Standardabschnitt V. Der Rest war für den Bergbau als billige Arbeitskräfte sehr nützlich. Die Schüler konnten bestenfalls ein paar einfache Sätze lesen, bis 1000 zählen, ihre Namen schreiben und die wichtigsten Befehle ihrer weissen Arbeitgeber verstehen.


Die nächsten 3 Jahre umfassten eine zweite Erziehungsstufe: die Standards VI bis VIII. Erst auf dieser Stufe bekamen die Schüler Zeugnisse vom Erziehungs  und Wissenschaftsministerium, das für alle Bevölkerungsteile zuständig war. Das 10. Schuljahr erreichten nur sehr wenige Schüler. In den nächsten zwei Jahren konnten die Schüler entweder einen Immatrikulationskurs besuchen,




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durch den sie ein Zeugnis erhielten, das sie zum Universitätsstudium berechtigte   oder aber sie absolvierten die Standards IX und X, die mit den "National Senior Certificate" abschlossen. Mit diesem Zeugnis konnten sie keine Universität besuchen, doch erlaubten sie den Eintritt in Sprachschulen oder den öffentlichen Dienst. Nach 12 Schuljahren konnte ein afrikanischer Student seinen Bachelor of Arts an jeder der "offenen" (multi racial) erlangen.


Grundschule und Mittelschule waren für die Weissen Pflicht, nicht jedoch für die Nicht-Weissen. Im Durchschnitt steuerte der Staat für die Erziehung eines weissen Schülers $ 180 jährlich bei, jedoch nur ungefähr ein Zehntel dieser Summe für die Bildung eines schwarzen Kindes. Dem gemäss hatte der Afrikaner immer mit der Armut zu kämpfen, meisst war er nicht in der Lage Schulgeld zu bezahlen oder Bücher und Kleider zu kaufen. So war es der überwiegenden Mehrheit der afrikanischen Kinder verwehrt, eine Schulbildung zu erwerben.


Die Situation in den 50er Jahren sah folgenderweise aus: Von den 200000 Kindern der 11 Mill. Afrikaner, die die Grundschule besuchten, erreichten 968 die fünfte Stufe des Erziehungssystems und 362 bestanden die Immatrikulationsprüfung.


Trotzdem wurden die Lehrer damals von Kindern und Eltern geliebt und respektiert. Der Unterricht umfasste fünf Schulstunden, Englisch war die fast von allen akzeptierte Unterrichtssprache. Viele Afrikaner ergriffen den Lehrerberuf. Auf zwei oder drei Klassen kam ein Lehrer. Dieser Lehrer unterrichtete alle Fächer und kannte die Stärken und Schwächen seiner Schüler. Viele dieser Lehrer gehörten damals der Befreiungsbewegung an.


Heute sind mit Hilfe der Anti Kommunismus Gesetze, des Sabotagegesetzes oder des 90 Tage Haft Gesetzes die meissten dieser Lehrer




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tot, stehen unter Hausarrest oder sitzen im Gefängnis, sind im Konzentrationlager Robben Island. Einige wurden fristlos entlassen, arbeitslos nun arbeiten sie möglicherweise in der Untergrundbewegung oder sind emigriert. Bornierte Lehrer, Marionetten der Regierung haben ihre Plätze eingenommen. Die Wissbegier der Massen ist ihnen vollkommen gleichgültig, sie werden von Schülern und Eltern gehasst.



GRUNDSCHULEN UND MITTELSCHULEN NACH 1953


Nach 1953 änderte sich die Lage: Die Lehrer in den Reservaten waren nicht länger mehr Angestellte des Erziehungsministeriums. Sie wurden jetzt zum grössten Teil von einer "Stammesautorität" kontrolliert, dem schwarzen "Oberhaupt" der "Bantugesellschaft". Diese Person hat die lokale Leitung der Schule in der Hand. Er braucht keine Qualifikationen aufzuweisen, auch Analphabetentum ist kein Hindernis. Er braucht nur ein Kreuz auf die offizielle Urkunde zu malen, wenn er den Inhalt nicht versteht, da sie auch von einem der angestellten Lehrer mitunterzeichnet wird.


Die Bantuautoritäten werden von der Regierung dazu benutzt, ihre eigenen Angehörigen zu unterdrücken und auszubeuten.


In den Grund  und Mittelschulen wird dem Religionsunterricht verhältnismässig viel Zeit eingeräumt. Denn dieses "Opium" eignet sich vorzüglich, die Sklaven gefügig zu halten, zufrieden mit ihrem Los, demütig und anspruchslos. Die grösste Zeit wird auf die handwerkliche Ausbildung des Schülers verwendet. Der Schüler muss lernen wie man mit Besen, Spitzhacke und Schaufel "wissenschaftlich" umgeht, denn mit diesen Instrumenten wird er wohl den grössten Teil seines Lebens sein Brot verdienen müssen.


Für die afrikanischen Schüler sind Speziallesebücher in einer pseudo afrikanischen Sprache mit der Bezeichnung "vernacular" extra




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angefertigt worden. Zur Zeit werden in den Büros des Ministeriums für Eingeborenenangelegenheiten sechs solcher Sprachen entwickelt. Nicht länger mehr kann man davon sprechen, dass Sprache ein Produkt des Volkes ist und sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt und verfeinert. Sie wird jetzt von Regierungsbeamten hergestellt; Englisch und Afrikaans sind von den Lehrplänen gestrichen. Um die Bedeutung dieses Faktums begreiflich machen zu können, muss hinzugefügt werden, dass z.B. die Afrikaner mit einem Immatrikulationszeugnis der Bantuerziehung in Xhosa nur unter härtesten Bedingungen in der Lage sein werden, an der weissen Universität in Kapstadt oder gar im Ausland zu studieren.


Alle international gebräuchlichen Bücher sind in den Eingeborenenschulen verboten. Ungefähr 20000 international verbreitete Bücher, einige der westlichen "Klassiker", nicht zu reden von der sozialistischen wissenschaftlichen Literatur, stehen auf dem südafrikanischen Index. Sie alle zu lesen ist ein Verbrechen: Die Volksbüchereien verkümmern unter der Axt der Apartheid.


Während sich die Zahl der Schüler in den ersten Klassen in den letzten 10 Jahren um das Zehnfache vergrössert hat, ist die Zahl der Schulen und der Lehrer im gleichen Zeitraum konstant geblieben. Augenblicklich haben deshalb alle Schüler täglich nur 2 1/2 Stunden Unterricht.


1962 standen den 3,3 Mill. Weissen 2600 Grund , Mittel , und Höhere Schulen zur Verfügung. Dazu kamen noch 34 Sonderschulen für "anormale" Kinder. Im gleichen Jahr gab es 718620 Schüler, von denen 48000 222 Privatschulen besuchten. 1964 kamen dagegen auf 12 Mill. Schwarze nur 7000 Schulen, wobei hinzugefügt werden muss, dass die Bezeichnung Schule in den meissten Fällen einer Übertreibung gleichkommt. Bestehen diese Schulen doch meisst aus grossen dunklen Räumen, Zelten oder wackeligen Häusern.




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Von diesen 7000 Schulen werden nur 169 staatlich finanziert, während der Rest nur sporadisch vom Staat unterstützt wird. 28000 Lehrer, 800 davon sind Weisse, müssen 1,5 Mill. Schüler unterrichten. In jeder Klasse sitzen ungefähr 60 Schüler.


Fragt man nach den Auswirkungen solcher Zustände, sprechen schon die Zahlen eine beredte Sprache. Sie wurden in der englischen Presse veröffentlicht: Der Johannesburger "Daily Mail" berichtete am 10. April 1965, dass 0,1 % der Schulanfänger die Immatrikulationsstufe erreicht. Eine andere Zeitung in Transvaal, die ''Sunday Times" veröffentlichte am 13. Mai 1965 eine noch niedrigere Prozentzahl: 0,06. Das heisst: Von 10000 SCHULANFÄNGERN DES BANTUERZIEHUNGSPROGRAMMS, DIE 1953 DEN KINDERGARTEN BESUCHTEN, ERREICHTEN 6 DIE IMMATRIKULATIONSKLASSE IM JAHRE 1965.


Es stellt sich die Frage, wieviele von diesen die Prüfung bestanden die ihnen die Befähigung zum Studium bescheinigt. Zahlenmaterial für dieses Jahr ist nicht verfügbar. Doch lässt sich mit folgender Tabelle, die auf eine Veröffentlichung des Johannesburger "Star" vom 26. Februar 1962 zurückgreift, eine Schätzung des Bildungsstandes vornehmen:



Jahr

In der Immatrikulationsprüfung erfolgreiche Afrikaner

1953

47,3 %

1954

44,7 %

1955

38,7 %

1956

46,1 %

1957

39,2 %

1958

37,6 %

1959

18,8 %

1960

17,9 %

1961

25,2 %




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Aus diesen Zahlen ist folgendes zu sehen:


1. Die höchste Zahl derjenigen, die die Immatrikulationsprüfung bestanden, lag in den Jahren nach 1953, als gerade der "Bantu Education Act" durchgesetzt war. Noch hatte sich sein schädlicher Einfluss nicht auf das ganze Schulsystem ausgewirkt.


2. Nach der Institutionalisierung des Bantuerziehungsprogramms ist ein deutlicher Abfall in den Prüfungsquoten zu erkennen, der sich dahingehend auswirkte, dass immer weniger Afrikaner an ein Universitätsstudium dachten.


3. Seit 1953 fielen jeweils die Hälfte der Prüfungskandidaten durch, und 1959/60, zur Zeit der Revolten in Sharpeville, bestanden weniger als 1/5 der Kandidaten die Prüfung.


Es versteht sich von selbst, dass das Bestehen der Immatrikulationsprüfung nicht von den geistigen Fähigkeiten des Kandidaten abhängig ist.



HÖHERE BANTU   ERZIEHUNG


Das Universitätssondergesetz, von 1960 verbot allen Nicht Weissen, an irgendeiner der bis dahin "offenen" Universitäten, Kapstadt, Wit­watersrand oder Durban zu studieren. Es wurden extra Stammesuniversitäten   oder, wie sie im Studentenjargon heissen, "Busch-Hochschulen" gebaut. Was sich in diesen höheren Lehranstalten abspielt, kann aus den Zahlen entnommen werden, die aus der Universität Fort Hare bekannt geworden sind:


Der Lehrkörper dieser Universität bestand 1959 aus 38 Lehrern. 11 davon waren Afrikaner, einschliesslich zwei farbiger Professoren.




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Viele waren sehr fortschrittlich. Sie interessierten sich für die Freiheitsbewegung der afrikanischen Jugend. Im Zuge des politischen Wandels 1960 wurden die meissten der nicht weissen Hochschullehrer entlassen oder gezwungen ihren Lehrstuhl abzugeben.


Die Zahl der Studenten in Fort Hare ging von 374 im Jahre 1954 auf 274 im Jahre 1964 zurück. Die BA Auszeichnungen der Abschlussklasse gingen von 60 auf 13 zurück! Nun gab es 24, meisst burische Professoren   und nur einen afrikanischen Hochschullehrer. Ausserdem lehrten 34 weisse und 10 afrikanische Dozenten. Das Spitzengehalt eines nicht weissen Professors lag unter dem Durchschnittsgehalt eines weissen Oberdozenten.


Wie schon erwähnt, gab L.F.Wood am 23. Mai 1965 als Mitglied der Nationalen Einheitspartei folgende Zahlen über die südafrikanischen Universitäten bekannt: Von der 3,4 Mill. starken weissen Bevölkerung besuchten 33526 eine Universität. Von der 12 Mill. starken schwarzen Bevölkerung besuchten ganze 946 eine sogenannte Stammesuniversität. 1 % DER WEISSEN BEVÖLKERUNG UND 0,0008 % DER AFRIKANISCHEN EINWOHNER GENOSSEN EINE UNIVERSITÄTSAUSBILDUNG!


Schon diese kurze Darstellung erhellt, dass das Bantu Erziehungssystem unmittelbares Produkt und wichtiger Bastandteil der Apartheidpolitik ist. Seine Intention ist es, den Afrikaner gewaltsam wieder in den Stamm einzugliedern. Hand in Hand damit geht die Unterdrückung des Bewusstseins und die Verhinderung einer demokratischen Organisierung der Afrikaner. Endzweck dieses Systems ist die Erhaltung billiger afrikanischer Arbeitskraft. Die 13 Jahre lange Praktizierung der Bantuerziehung hat die Lage der Afrikaner erheblich verschlechtert.


Die Frage ist, ob sich dieses System auf die Dauer halten kann. Wird es die Erwartungen und Wünsche der weissen Oberklasse erfüllen?




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Das ist eine andere Frage.


Ein erfolgreiches Erziehungssystem müsste denen zusagen für die es aufgebaut wird. Es müsste von den Afrikanern akzeptiert werden, und dürfte ihnen nicht wider Willen aufoktroyiert werden. Das Erziehungssystem müsste in der Tat ein Produkt des Volkes sein und seinen besten Interessen und Bedürfnissen entsprechen. Es müsste den realen sozialen, ökonomischen und politischen, sowie den kulturellen Verhältnissen entsprechen. Es muss jene Tendenzen unterstützen, die sich für eine bessere Welt, eine hoffnungsvollere, friedliche, glückliche und freie Zukunft engagieren.


Diese Elemente sind die Quintessenz jeder Erziehung. Im Bantuerziehungsplan des südafrikanischen Herrenvolks aber sind sie absolut nicht vorhanden. Kein einziger Nicht Weisser hat auch nur Mitspracherecht bei der Durchführung dieses Systems; keiner akzeptiert es; keinem ist es einsichtig; es läuft den Bedürfnissen der schwarzen Bevölkerung direkt zuwider: es ist ein absurder Anachronismus.


Überall in Südafrika muss das Bantuerziehungssystem mit Polizeiknüppeln, Maschinengewehren, bewaffneter Unterdrückung und den "allmächtigen" Rassengesetzen künstlich aufrechterhalten werden. Das ganze Apartheidsystem kommt einer Vergewaltigung der Intelligenz und der Menschenwürde gleich.


Isaac B. Tabata, schärfster Gegner des Bantuerziehungssystems schrieb schon vor sieben Jahren: "Ich glaube gewiss, dass sich die weisse und schwarze Bevölkerung Südafrikas eines Tages von ihrem gleichgültigen Spiessertum und ihrer Niedergeschlagenheit losreissen wird und sich auf ihre Verantwortung besinnt. Dann wird dieses Kapitel der Erniedrigung, des Elends und der Demoralisierung aus dem Buch der Geschichte ausgestrichen werden (I.B. Tabata, Education for Barbarism).





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Dieser Tag wird eher als erwartet kommen. Aber die unterdrückten und ausgebeuteten Afrikaner brauchen die geistige und materielle Hilfe aller Menschen, die gegen jegliche Art von Unterdrückung kämpfen. Sie brauchen die Unterstützung all derer, die die "Verdammten dieser Erde" befreien wollen, die erkannt haben, welche Gefahren die "Formierte Gesellschaft" und Johnsons "Great Society" für die Menschheit bedeuten.




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DIE SOZIO-ÖKONOMISCHE STRUKTUR DER APARTHEID IN SÜDAFRIKA



Geht man von der Öffentlichkeit aus, so ist in der west­lichen Welt niemals dem Kampf eines unterdrückten Volkes so viel Sympathie entgegengebracht worden, wie der schwarzen Befreiungsbewegung in der Südafrikanischen Republik.


Die amerikanische Presse zum Beispiel, ist sich überraschenderweise einig in der Verurteilung der barbari­schen Apartheidpolitik der Afrikaandernationalisten (Buren).


Und doch ist die Sympathie nirgendwo so unaufrichtig wie in diesem Fall. Hartnäckig verschweigt die Presse die Konsequenzen, die sich aus einer Beseitigung des Apartheidsystems ergeben würden.


Die Politik der Rassendiskriminierung sichert mehr als nur die politische Vorherrschaft des weißen "Herrenvol­kes" - der Befürworter und Mitglieder von Verwoerds (jetzt Vorsters) Nationalistenpartei.


Sie ist unentbehrliche Grundlage für das Sklavensystem der weißen Farmer und für die riesigen Profite, die die englische und andere ausländische Investoren aus den Bergwerken ziehen.


Nur, wenn man das berücksichtigt, wird die Frage nach der Befreiung der nichtweissen Bevölkerung in den Polizei­stasten eines Malan, Strijdom, Verwoerd und Vorster überhaupt erst relevant.


Die Befreiung der Afrikaner in Südafrika ist unmöglich ohne die Beseitigung des herrschenden ökonomischen Systems. Diejenigen, die die Apartheid verurteilen, ohne die Notwendigkeit einer radikalen Umwandlung der südafrikanischen Gesellschaft mitzureflektieren, ver­fallen einem schweren Irrtum, wenn nicht Sympathie geheuchelt ist.


Es ist völlig klar, daß der südafrikani­sche Kapitalismus von der Aus­beutung und Unterdrückung der arbeitenden Massen lebt.




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Wenn wir hier nicht das weisse Proletariat berücksichtigen, dessen Stimmen von den Afrikaandern zur Unterstützung in den Wahlen gekauft wurden und dessen Löhne als zweithöchste der Welt direkt hinter denen der Vereinigten Staaten rangieren, so entpuppt sich das Geheimnis dieses kapitalistischen Systems als eine Diskriminierung der unterschiedlichen Hautfarben.


Nahezu 75 % der Schwarzen, die die überwiegende Mehrheit der sudafrikanischen Bevölkerung bilden, leben auerhalb der Städte. Hier die offiziellen Zahlen für Oktober 1964: 11915000 Afrikaner, 1703000 Farbige, 520000 Asiaten und 3335000 Weisse in Südafrika.


Von diesen arbeiten wiederum 3000000 praktisch in Skla­verei auf weißen Farmen, während der Rest, 5250000 in den sogenannten Reservaten und zukünftigen Bantustans (gegenwärtig ist das unabhängige Transkei der erste) verzweifelt um die Selbsterhaltung kämpft. Den Reservaten steht dabei nur 13 % der gesamten Bodenfläche von Südafrika zur Verfü­gung.


Entsprechend dem Land Act von 1913 und dem Amendment Act von 1945 ist es “keinem Afrikaner gestattet, irgendwo in Südafrika Land zu besitzen, zu kaufen oder zu verkaufen" Art. 25, Abs. 6). Afrikanern steht nur in den Reservaten Land zum Siedeln und Bebauen zur Verfügung.


Dagegen besitzen 20 % der Bevölkerung - vor allem Burenfarmer - 86,3 % der gesamten Bodenfläche. Um es noch genau­er auszuführen: die gesamte Fläche Südafrikas beträgt 472359 Quadratmeilen, der Rest, etwa 56000 Quadratmeilen, entfällt auf die Bantustans.


Auch unter den weißen Farmern ist das Land nicht gleich­mäßig verteilt. 63 % der Weißen besitzen 12 % der Gesamtflä­che, 27 % besitzen 32 % und 10 % verfügen über 56 % der gesam­ten Bodenfläche.


Die ökonomische Situation in den Reservaten verschlechtert sich von Jahr zu Jahr, weil den Afrikanern keine modernen Landmaschinen zur Verfügung stehen. Die primitiven Acker­baumethoden ihrer Vorfahren waren nur zu den Zeiten sinn­voll und ökonomisch, als die Afrikaner allein über ihr Land verfügten.




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Seit den 10 "Enteignungskriegen", den sogenannten Kaffern- oder Xhosakriegen, die vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum beginnenden 20. Jahrhundert ausgetragen wurden, wurden die Afrikaner in die "Eingeborenenreservate" Südafrikas und in die drei "Britischen Protektorate" gezwungen, die zu den klimatisch und ökonomisch ungünstigsten Gebieten gehören.


Die traditionelle Weidewirtschaft und die von Tieren gezo­genen Pflüge erwiesen sich als immer unzureichender. Vor allem aber wurden den Afrikanern nunmehr hohe Steuern auf­erlegt; z.B. wird bis heute die Kopfsteuer immer dann er­höht, wenn der Bedarf an billigen Arbeitskräften steigt. Andere Steuern sind die "Unionssteuer" und die "Bantu Authorities’ Tax".


Aber nicht nur der Expansionsdrang der Weißen führte dazu, das die Eingeborenen das Land ihrer Vorväter verließen. Es wurde ein System entwickelt, daß die Afrikaner zwang, nied­rig bezahlte Arbeitsplätze außerhalb ihrer "Labor Concen­tration Camps" (Arbeitsläger), d.h. den Reservaten, von de­nen Transkei, Zululand, Zeerust und Bekhukhuniland die größten sind, anzunehmen.


Die Enteignungen verwandelten die unabhängigen äfrikani­schen Bauern in "Squatters" (ein Squatter besitzt auf sein Land keinen Rechtsanspruch mehr), Pächter und Wanderarbeiter auf weißen Farmen. Der Rest wurde durch Hunger, Armut und hohe Steuern in die Industriestädte und Bergwerke auf der Suche nach Arbeit getrieben.


Das "Border Industries Project" (Grenzindustrieprojekt) von heute zielt darauf ab, die Industrieunternehmen der Afrikaander näher an die Reservate heranzubringen, doch bleiben da­bei das kapitalistische Ausbeutungssystem und seine Zwangs­maßnahmen grundsätzlich unverändert.


Die soziale und rechtliche Position des afrikanischen Land­arbeiters ist unsagbar schlecht. Er arbeitet 60 Stunden und mehr pro Woche und verdient oft kaum genug, um sich auf ärmliche Weise zu ernähren und zu kleiden. Er ist gesetzlich




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einem System unterworfen, das an Brutalität der Sklaverei gleicht, wenn nicht noch übertrifft.


Das Verbot der Freizügigkeit


Das südafrikanische Zwangsarbeitsgesetz von 1932 besagt, daß kein Afrikaner, der auf der Farm seines Arbeitgebers lebt, diese verlassen darf, ohne einen Pass mit der Unterschrift seines Arbeitgebers in der Tasche zu haben.


Jeder Afrikaner kann nur dann eine neue Arbeit annehmen, wenn er eine von seinem früheren Arbeitgeber unterzeich­nete Karte mit dem Inhalt vorzeigen kann, daß er zur Zeit keine Pflichten zu erfullen hat und von seiner Arbeit be­freit ist. Das Gesetz besagt ferner, daß afrikanische Kin­der vom 10. bis zum 18. Lebensjahr automatisch einen Zwangsarbeitsdienst leisten müssen. Sie werden mit Strafen, wie z.B. Auspeitschungen bedroht.


Die Passgesetze dienen hauptsächlich dem Zweck, billige Arbeitskräfte in die Bergwerke, Farmen und Fabriken zu schleusen. Der Pass, den alle afrikanischen Männer und Frauen, Stadt- und Landbewohner vom 15. Lebensjahr an bei sich tragen müssen, enthält folgende Angaben:

Abschnitt A. Name und Adresse des Inhabers. Die Adresse des zuständigen Arbeitsamtes.

Die polizeiliche Registrierung des Passinhabers. Jedesmal, wenn der Passinhaber seinen Arbeitsplatz verliert, muß er sich bei seinem Arbeitsamt melden. Wenn er nicht innerhalb von 21 Tagen eine neue Arbeit findet, muß er den Arbeits­bezirk verlassen.

Abschnitt B. Unterschrift und Adresse des Arbeitgebers und das Datum des Arbeitsbeginns. Der Arbeitgeber muß ein­mal im Monat den Pass unterschreiben. Das Datum der Ent­lassung ist ebenfalls vom Arbeitgeber in den Pass einzutra­gen. So kann ein entlassener Arbeiter festgenommen werden, auch wenn er sich auf dem Weg zum Arbeitsbüro befindet. Er kann bestraft werden bis zu einer Summe von 28 Dollar oder ersatzweise mit zwei Monaten Gefängnis - was bedeutet, daß




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er gratis für den Farmer arbeiten muß.

Abschnitt C. Dieser Abschnitt betrifft die "Union Tax". Einmal im Jahr muß ein verheirateter Mann 6.30 Dollar, ein Unverheirateter 4.90 Dollar bezahlen.

Abschnitt D. Die "Bantu Authorities Tax". Die afrikanischen Chefs dürfen willkürlich bestimmte Steuern erheben und sind von der Regierung dazu ermächtigt, diejenigen zu bestrafen, die sich weigern, diese Steuern zu bezahlen.

Abschnitt E. Sondererlaubnis, nach 20 h auszugehen. Im allgemeinen ist es keinem Afrikaner im weißen Südafrika erlaubt, nach diesem Zeitpunkt auszugehen oder sich auf Stras­sen aufzuhalten.


Aus diesen Ausführungen geht hervor, daß das Paßsystem le­diglich dazu dient, die Afrikaner wie Sklaven unter Kon­trolle zu halten. Das Resultat ist, daß nicht nur die Afrikaner in den Reservaten, sondern auch die Farmarbeiter, vor­ausgesetzt, daß es ihnen gelingt, ihre alten Arbeitgeber verlassen und auf Arbeitssuche in die Städte und Bergwerke strömen, was ja genau den Plänen der Regierung entspricht.


System der billigen Arbeit


Daß die Massenwanderung der schwarzen Arbeitskräfte in die Industriegebiete nicht bloßes Resultat der Gesetzgebung des Arbeitsmarktes ist, geht schon aus einer Regierungskonfe­renz des Jahres 1897 hervor. UM DIE LOHNHÖHE MÖGLICHST NIEDRIG ZU HALTEN, EINE WESENTLICHE VORAUSSETZUNG FÜR HOHE
PROFITE, WURDE ERKLÄRT, DASS "EINE STÄNDIGE UND UNABLÄSSIGE ZUFUHR VON EINGEBORENEN ARBEITERN NOTWENDIG SEI". Entsprechende Gesetze, hohe Besteuerung der Bauern, und ein umfassendes Kontrollsystem sichern eine beständige Zufuhr billiger afrikanischer Arbeiter aus dem Reservoir der Arbeits­kräfte.

Für Afrikaner - nicht aber für Weiße - ist es ein kriminel­les Delikt, ihre Steuern nicht zu bezahlen. Vom 18. Lebens­jahr an muß jeder männliche Afrikaner eine Mindeststeuer




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von 4.90 Dollar bezahlen.


Die Weißen bezahlen nur dann Steuern, wenn ihr Einkommen 840.00 Dollar im Jahr oder mehr beträgt.


Über die schon erwähnten Steuern hinaus muß ein Afrikaner örtliche Steuern, Stammessteuern, Steuern an verschiedene Bantu Authorities, eine Bantu-Erziehungssteuer, Wassersteuer, Weidesteuer und Pfluggebühren bezahlen.


1957 ging aus einer statistischen Erhebung hervor, daß jährlich ein afrikanischer Beitrag von nahezu 140000000 Dollar indirekter Steuern in die Taschen der Regierung fließt - diese Summe wird dann dazu verwendet, die unter­schiedlichen Maßnahmen der Apartheid zu entwickeln und an­zuwenden und den Kollaborateuren der Regierung Spitzen­löhne zu bezahlen.


DAS HUNGERNDE VOLK WIRD BESTEUERT, DAMIT ES SEIN EIGENES ELEND UND SEINE EIGENE UNTERDRÜCKUNG ERDULDET - EINES DER ABSCHEULICHSTEN VERBRECHEN DER HERRENVOLKREGIERUNG!


Seit 1936 sind ungefähr 400000 Schwarze, von denen prak­tisch ein Viertel aus portugiesischen Kolonialgebieten importiert wird, neben 40000 Weißen in den Goldminen be­schäftigt worden.


Diese Afrikaner werden als ungelernte Arbeiter eingestellt - sie bekommen heute nahezu den gleichen Lohn, wie im 19. Jahrhundert zu Beginn der Industrialisierung und des Berg­baus in Südafrika.


Der "Job Reservation Act" (Paragraph 77 des industriellen Schlichtungsgesetzes von 1924 - jetzt neu abgeändert in dem Erlaß Nr. 13 vom 9.5.1963) sichert bestimmte Arbeitsplätze in verschiedenen Industriezweigen ausschließlich für Weiße. Die schlechtest bezahlten Jobs - schwere, schmutzige Ar­beit - bleiben für die Afrikaner übrig.


J.N. Le Roux südafrikanischer Landwirtschaftsminister, sagte dazu von Regierungsseite: "WIR SOLLTEN DEN EINGEBORENEN KEINE AKADEMISCHE ERZIEHUNG GEBEN. WENN WIR DAS TUN, SIND WIR ÜBERLADEN MIT EINER ANZAHL VON AKADEMISCH GEBILDETEN EUROPÄERN UND NICHTEUROPÄERN, UND WER MACHT DANN DIE HANDARBEIT IM LANDE?… ICH STIMME VOLLKOMMEN MIT DER ANSICHT




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ÜBEREIN... DASS GRÖSSTENTEILS ER (DER EINGEBORENE) IN DIESEM LANDE ARBEITER SEIN MUSS." (Hansard, Bd. 11, 1945).


Dem Arbeiter, der ein ständiger Wanderarbeiter ist - in der Regel erhält er nur Arbeitsverträge zwischen 9 und 18 Mona­ten - wird der normale Status des Arbeiters oder Arbeitneh­mers von der Regierung verweigert. Auf diese Weise wird er öffentlich diskriminiert als "Stammeseingeborener" (s.a. Art.36 des Gesetzes von 1937).


Ausserdem pendelt der afrikanische Arbeiter immer zwischen seinem Arbeitsplatz und seinem Reservat hin und her. Auf diese Weise ist es für Afrikaner nahezu unmöglich, Gewerk­schaften zu organisieren oder sich eine Fachausbildung auf einem bestimmten Gebiet anzueignen.


DARÜBER HINAUS WIRD IHR GANZES FAMILIENLEBEN ZERSTÖRT - EINE WEITERE BRUTALITÄT DES HERRENVOLKES.


Man sollte sich deutlich vor Augen halten, daß die Nicht­weißen (hauptsächlich Afrikaner) 99% der ungelernten Arbei­ter, 66% der Angelernten und 17% der Industriefacharbeiter ausmachen. Die Hauptzweige der südafrikanischen Wirtschaft - Bergbau, Industrie und Landwirtschaft - hängen von den af­rikanischen Arbeitern ab.


Die Diskrepanz zwischen den Löhnen der weißen Arbeiter und der schwarzen Arbeiter hat sich mit den Jahren noch vergrös­sert, wie aus der folgenden Statistik des Bergbaus hervor­geht (Erklärung der Statistik: jährlicher Durchschnittslohn bei konstanten Preisen):


Bev.teil

1935

1960

Veränderung in %

Weisse

$ 2264

$ 3264

Plus 42

Afrikaner

$ 263

$ 196

Minus 2,8

Differenz

$ 2061

$ 3018

Plus 46,4


Heute verdient ein Weisser Bergarbeiter 16 mal soviel wie sein schwarzer "Kollege". Die Profite des Bergbaus lagen 1962 bei 392 Mill. Dollar.


Auf den meissten der weissen Farmen verdient ein Afrikaner nur ein Zwanzigstel von dem, was ein weisser Arbeiter ver­dient. Nachweislich verdienten 1962 afrikanische Farmarbeiter in den Grenzstädten der Transkei monatlich $ 5,80 bis




350


$ 8.40 im Durchschnitt.


Die Unterkünfte der schwarzen Massen, die in die Städte und Industriegebiete strömen, ist unvorstellbar schlecht.


Die Lebensbedingungen in den Städten


Die angeworbenen Arbeiter werden getrennt nach Stammes- und Rassenzugehörigkeit. Die männlichen Wanderarbeiter leben weit ausserhalb der weissen Vorstädte in gefängnisähnlichen Baracken und Lagern.


Die Frauen - "Kaffermeide", "Aias” oder "Kaffernennies” genannt - die als Köchinnen oder Hausgehilfinnen in den Häusern der “Baas", "Nonna” oder "Missus" arbeiten, leben gewöhnlich zusammen in einem einzigen Raum auf den Hinterhöfen der weissen Besitzungen. Es gibt zahlreiche Beispiele aus der südafrikanischen Geschichte, auch heute noch, wo afri­kanische Dienstmädchen in ihre Reservate zurückkehren und ein farbiges Kind von einem weissen Geschäftsmann, einem Bankdirektor oder dem Sekretär irgendeines Ministers erwar­ten. Eine Tatsache, die normalerweise nie in der Presse erscheint, die aber doch als Zeichen dafür steht, wie stark die Rassenbarriere der Afrikaandernationalisten ist.


Von den afrikanischen Stadtrandbezirken, die oft kilometer­weit von den Industriezentren entfernt liegen, werden die Arbeiter täglich mit Bussen, deren Fahrpreise sie kaum be­zahlen können, zu ihren Arbeitsplatzen transportiert. Bei dem grossen Autobusstreik im Alexandra-Stadtbezirk in den 50er Jahren stellte sich heraus, dass eine Teuerung der Fahrpreise um einen Penny für die Afrikaner ein Sinken unter das Existenzminimum bedeutet hätte.


Der Lebensstandard, seit je sehr niedrig, ist in der letz­ten Zeit noch mehr gesunken - trotz der Wohnhäuser, die die Regierung als Schaustücke über ganz Südafrika verteilt ge­baut hat, um sie Touristen und ausländischen Imperialisten zeigen zu können, damit diese dann nach Hause zurückkehren und ihren Landsleuten berichten: "Nirgendwo in Afrika haben es die Schwarzen so gut wie in Südafrika!"




351


Steigende Lebenshaltungskosten


1954 wurde eine Kommission gegründet "um den Lebensstandard der Eingeborenen zu heben". Es stellte sich heraus, dass die Wochenlöhne der afrikanischen Arbeiter in der Maschinenindus­trie rund um Johannesburg von 1950 bis 1954 konstant geblie­ben waren. Während sich die Lebenshaltungskosten von $ 1,68 auf $ 2,16 im Monat erhöht hatten.


In der Bauindustrie und im Handel war die Lage für die Afri­kaner nicht besser - auch heute hat sich dort die Situation kaum verändert. Zur selben Zeit, zwischen 1950 und 1954, er­höhte sich jedoch der Preis einer Maismahlzeit - Mais ist das Hauptnahrungsmittel, von dem sich Millionen von Afrikanern den grössten Teil ihres Lebens ernähren - um 63 %, Fleisch um 58 %. Es sei hinzugefügt, dass das durchschnittliche Fami­lieneinkommen des afrikanischen Arbeiters im Jahre 1950 72 % des Lohnes ausmachten, der "absolut lebensnotwendig" ist, wie von afrikanischen Sozialwissenschaftlern festgestellt wurde. 1954 war der Prozentsatz auf 63 gesunken - nach R. Segall ("The Agony of Apartheid") sank 1960 in Johannesburg auf weniger als 50 % dessen, was als Existenzminimum bezeich­net wird.


Unterhalb des Existenzminimums


Mrs. Joy de Gruchy, eine Soziologin des südafrikanischen In­stituts für Rassenangelegenheiten, brachte in ihrer Analyse harte Tatsachen an den Tag:


"Das Einkommen jeder afrikanischen 5-Personenfamilie in Jo­hannesburg liegt durchschnittlich 20 % unter dem für eine nor­male Lebenshaltung erforderlichen Minimum: 50 % bis 75 % aller afrikanischen Familien in Johannesburg, verdienen weniger als das, was zum Leben unbedingt notwendig ist: Millionen Afrikaner hungern, weil sie sparen müssen, um ihre Kinder zur Schule schicken zu können und sogar um Versicherungen abschliessen zu können. Auch wenn die Frau arbeitet, beträgt das durchschnitt­liche Familieneinkommen der Schwarzen in Johannesburg nur

$ 54.60 im Monat (aus einem Pressebericht des "Weserkurier", 6.4.1960).




352


Eine andere deutsche Tageszeitung, DIE WELT, berichtete am 5.1.1960: "Jedes dritte farbige Kind in Südafrika stirbt vor Abschluss des ersten Lebensjahres an Unterernährung. Viele der anderen sterben bevor sie das vierte Lebensjahr erreichen."

In seinem Buch "Sanctions against South Africa" (Penguin Special) schreibt Oliver Tambo, stellvertretender Generalprä­sident des Nationalkongresses von Südafrika: "Die Apartheid muss sich billige afrikanische Arbeitskräfte halten. Sie tut es im Interesse des 'Volkes' (der 3355000 Weissen)". Als billige Arbeitskräfte werden die Afrikaner in einem Zustand der dauernden Unterernährung gehalten. In den Städten hungern 4 von 5 Familien. Auf dem Land liegt der Prozentsatz noch viel höher. Daraus resultiert, dass die afrikanische Bevölkerung ständig Hungerepidemien ausgesetzt ist, eine Folge der Armut. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Afrikaners liegt zwischen 37 und 42 Jahren. Diejenige eines Weissen zwischen 67 und 72 Jahren, ein unterschied von 30 Jahren.


Kindersterblichkeit


"In einem atemberaubenden Loblied auf das Repräsentierkranken­haus der Regierung in Baragwanath verkündete der Informations­chef der südafrikanischen Botschaft in London: ‘stündlich wird ein Kind auf der Entbindungsstation geboren!' Aber von 100 neugeborenen Afrikanern sterben 57 vor dem 5. Lebensjahr. Die Sterblichkeitsrate für weisse Neugeborene liegt bei 5 %. Das Massensterben der Neugeborenen ist das Werk der Apartheid." (Penguin Special, Hrsg. Ronald Segal, Mai 1964, S. 23).


In seinem Buch. "Let My People Go" schreibt der Nobelpreisträger Albert John Luthuli: "Die weisse Bevölkerung Südafrikas steht in Bezug auf den Lebensstandard an zweiter Stelle in der Welt, während 60 % der Afrikaner unterhalb des Existenzminimums leben müssen. Der Lebensstandard der restlichen Bevölkerung liegt nur wenig darüber." (Fontana Paperback Edition, S. 182).


Trotz der verhältnismässig weit fortgeschrittenen Industrialisierung des Landes gibt es keine afrikanischen Arbeitergewerkschaften, bemessen an europäischen oder amerikanischen Mass 




353


stäben.


1937 wurde ein Gesetz verabschiedet, dem zufolge die Gewerk­schaften als "Arbeitnehmerorganisationen" definiert wurden. Da afrikanische Arbeiter nicht den Status von "Arbeitnehmern" haben, ist ihnen somit die rechtliche Grundlage für die Bil­dung legaler Gewerkschaften entzogen.


Es gibt lediglich nicht registrierte afrikanische Arbeiter­vereinigungen - doch werden diese meisst von Weissen kontrol­liert. Da den afrikanischen Arbeitern das Streiken gesetzlich untersagt ist (Gesetz von 1953, Nr. 48, Art. 18), sind diese Vereinigungen praktisch ohne Bedeutung.


Die folgenden Beispiele zeigen die enormen Profite, die auf Kosten der ausgebeuteten Afrikaner gemacht werden:

1. Die südafrikanische Diamantindustrie brachte von 1870 bis Ende 1934 bei Kapitalinvestitionen von 100 Mill. $ mehr als 400 Mill. $ Dividenden.

2. Die Goldindustrie schüttete von 1886 bis 1962 von den investierten 100 Mill. $ Kapital ihren Aktionären insgesamt mehr als 1275 Mill. $ Dividenden aus.


Nach 60 Jahren Ausbeutung lag der Reingewinn im Jahre 1945 bei 2395 Mill. $ (die Zahlen sind dem Buch "Decision in Africa", W.A. Hunton, New York, 1960 entnommen).


Die Dividenden der Goldminenkompanien des Oranje-Freistaats stiegen von 4,2 Millionen Dollar im Jahre 1955 auf 46,8 Millionen Dollar im Jahre 1959 (die Zahlen stammen aus "Africa - The Roots of Revolt", J. Woddis, New York 1962, S. 228).


3. Amerikanische Investitionen in die Südafrikani­sche Montanindustrie brachten 1964 nachweislich einen Reingewinn von 30 % gegenüber dem Investi­tionskapital ein.


Apartheid - eine magische Formel


Auf die Dauer kann ein solches systematisches und brutales Ausbeutungssystem, wie es in Südafrika besteht, nur auf 




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recht erhalten werden, wenn die unterdrückte Bevölkerung die bestehenden Verhältnisse als unveränderbar und gottge­wollt anerkennt und wenn sie an einer Veränderung der politischen Verhältnisse gehindert wird.


DIE HERRSCHENDE AFRIKAANDERKLASSE GLAUBT, DASS SIE DEN SCHLÜSSEL DAFÜR IN DER MAGISCHEN FORMEL DER APARTHEID GE­FUNDEN HAT.


Unter dem Deckmantel dieser Politik herrscht ein "weißes" Parlament, das genau 3335000 Weiße repräsentiert, über das politische Leben von 11915000 Afrikanern, 1703000 Farbigen und 520000 Asiaten.


Die sozio-ökonomischen Bedingungen, unter denen die Afrika­ner leben, sind ein Beispiel für die Strategie des Herren­volkes. Hiervon können sich auch die Farbigen, Inder, Malayen und Chinesen ihre zukünftige Situation ableiten. Heute schon beweisen das Hausarreste, Verhaftungen und Folterun­gen.


Die diktatorische Gesetzgebung der letzten Jahre, das Sa­botagegesetz von 1962, der "Bantu General Law Amendment Act" von 1963, und der "Bantu Law Amendment Act", und das "180-Tage ‘NoTrial’” Gesetz von 1964 haben die Situation noch schlimmer gemacht und zur Verfestigung des Terrorre­gimes geführt.


Die politische Macht liegt fest in der Hand des Afrikaander­tums. Nur eine erfolgreiche Revolution von Arbeitern und Bauern kann zur Beseitigung des weißen "Triumvirats" Ver­woerd - Vorster - Müller führen.


Die Holländische Reformierte Kirche ist nur den Afrikaandern zugänglich, als Betstuhl für den Erfolg des "auserwählten Volkes"; der Broederbond ist die geheime Untergrundorganisation, die das ganze Land unter Kontrolle hält. Die Uni­versitäten für Afrikaander sowie andere Institutionen "christ­lich nationaler Erziehung” sind apologetische Instrumente des Afrikaandernationalismus; das Ziel der Organisation "Reddindsdaad” ist die Zerstörung der ökonomischen Macht der englisch sprechenden Bevölkerunsgruppe.


ALLE DIESE ORGANISATIONEN ARBEITEN HAND IN HAND UM SICH DIE AUF SOZIALER UND ÖKONOMISCHER KONTROLLE BASIERENDE MACHT ZU SICHERN.




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Das weisse Proletariat und die Burenfarmer bilden die Basis der Apartheid, sie entscheiden heute über das Schicksal Süd­afrikas. Tatsächlich repräsentieren sie weniger als 40 % der Wahlberechtigten und etwas aber 1500000 Weisse - bei einer Gesamtbevölkerung von über 17000000!


Dennoch kontrolliert die englisch sprechende Gruppe weiter­hin 99 % des Minenkapitals, 94 % des in der Industrie investier­ten Kapitals, 88 % des Finanzkapitals und 75 % des Handelskapi­tals.


SIEBEN FINANZKONZERNE KONTROLLIEREN ÜBER 1000 GESELLSCHAFTEN MIT EINEM GESAMTKAPITAL VON MEHR ALS 2800 MILLIONEN DOLLAR!


Ein großer Teil der Investitionen, die in Südafrika gemacht werden, stammt aus ausländischem Kapital. Diese Investitionen bestimmen auch die Haltung des Westens gegenüber der Apart­heidpolitik.


Bis 1946 sind mehr als 3750 Millionen Dollar in den Bergbau und als Darlehen für die Regierung investiert worden. 1953 war die Summe des investierten Kapitals auf 5150 Millionen Dollar angestiegen.


MIT ANDEREN WORTEN: NACH DEM ZWEITEN WELTKRIEG WURDEN VON

SEITEN KAPITALISTISCHER LÄNDER - HAUPTSÄCHLICH ENGLAND, USA, BRD UND FRANKREICH - ÜBER 1400 MILLIONEN DOLLAR IN SÜDAFRIKA INVESTIERT.


Amerikanische Investitionspolitik


Ende 1964 stiegen die direkten amerikanischen Investitionen auf 467 Millionen Dollar. Davon wurden 192 Millionen Dollar in die Industrie und 68 Millionen Dollar in den Bergbau in­vestiert. Der Reingewinn aus dem direkt investierten amerikanischen Kapital betrug, zusammengenommen, 86 Millionen Dollar. Aufgeschlüsselt auf die einzelnen Wirtschaftsbereiche be­trägt der reine Profit:

41 Millionen $ bei der Industrie

20 Millionen $ beim Bergbau.


Die durchschnittliche Profitrate aus dem investierten Kapi­tal betrug 1964 für alle Wirtschaftszweige 19,8 %; 23,8 % für die Industrie und 30,6 % für den Bergbau.




356


Auf dem Hintergrund dieser Fakten wird einsichtiger, warum die Ermutigung amerikanischer Geschäftsleute durch das Handelsmi­nisterium, in südafrikanische Konzerne zu investieren, schon 1955 völlig überflüssig war. Denn zu diesem Zeitpunkt waren die Direktinvestitionen von 50 Millionen $ im Jahre 1943 auf das fünffache angestiegen. 1965 waren sie achtmal so groß. Ende 1964 betrugen die Anleihen, die die amerikanische Export-Import Bank und die Weltbank an südafrikanische Firmen vergeben hatten, mehr als 125 Millionen $.


Auf diese Weise haben sich die US-Investitionen in den letz­ten 10 Jahren ins riesenhafte gesteigert. Gar nicht verwunder­lich ist es daher, daß amerikanische Regierungssprecher, z.B. Senator Hickenlooper 1953 nach einer Reise durch Südafrika, Südafrika als "zuverlässigen Freund" bezeichntete.


Schließlich ist auch aus den Resolutionen der UN und anderen "Special Committees", die über diplomatische Beziehungen, Han­delsbeziehungen, Sanktionen und das Verbot von Waffenlieferun­gen an Südafrika beschließen, ersichtlich, wie England, die USA und Frankreich, in Verein mit anderen kapitalistischen Län­dern hier mehr und mehr Farbe bekennen - eine Farbe, die mit afrikanischen Blut getränkt ist!


Das Ansteigen des Militärbudgets


Das südafrikanische Militärbudget stieg 1962 um 67,2 Millionen Dollar auf 168 Millionen Dollar.


1963 kamen weitere 56 Millionen Dollar zu der angegebenen Summe hinzu. In der Zeit zwischen 1960/61 und 1963/64 vervierfachten sich die Verteidigungsausgaben auf 291,2 Millionen Dollar.


Im Dezember 1964 verfügte das weiße "Herrenvolk" über eine 104000 Mann starke Armee, die einsatzbereit für jeden unvorher­gesehenen Zwischenfall war. Schon 1960 betrug die Zahl der Soldaten 9000.


Eine Bürgermiliz und verschiedene Kommandotruppen, die sich z.T. aus jungen Weißen (Frauen und Männern) über 18 Jahre, eine 15000 Mann starke weiße Polizeitruppe, koordiniert mit der Armee und 50000 Polizeireservisten - z.T. bestehend aus Farbigen und Indern, aber natürlich nicht aus Afrikanern - sind bereit, so­fort jeden Volksaufstand niederzuknüppeln.


Darüberhinaus werden wissenschaftliehe Untersuchungen über die




357


Anwendung von Giftas, Tränengas, chemisch-bakteriologischen

Vernichtungsmitteln, Raketen und Kernwaffen unternommen. Große Hilfe für die südafrikanische Regierung sind dabei deutsche Wissenschaftler, die anscheinend die Gaskammern des Dritten Reiches vergessen haben.


SIE BAUEN EIFRIG MIT AM "DRITTEN REICH" DER AFRIKAANDER.


Amerikanische und britische Militärhilfe


Großbritannien unterstützte Südafrika zwischen 1962 und 1965 durch militärische Ausrüstung mit 250 Millionen $. Diese Waffen waren ganz gewiß nicht für die internationale Verteidigung be­stimmt.


1962 UNTERSTÜTZTEN DIE IMPERIAL CHEMICAL INDISTRIES MIT KAPITALINVESTITIONEN VON 28 MILLIONEN $ UND TECHNISCHEN HILFSKRÄFTEN DIE ERRICHTUNG VON WAFFENFABRIKEN IN SÜDAFRIKA.


Die Vereinigten Staaten lieferten Flugzeuge und andere wichtige Waffen. Frankreich steuerte Düsenbomber vom Typ MIRAGE und Boden-Luft-Abwehrraketen bei.


La Carbone, ein französischer Waffenkonzern, errichtete eine Tochterfirma in Südafrika.


Belgien gab Verwoerd die Lizenzrechte zur Herstellung des auto­matischen Gewehrs FN, das zur Standardausrüstung der Natotruppen gehört. Die Schweiz veranlaßte die Lieferung von Flakgeschüt­zen, Pistolen und Munition nach Südafrika.


General Motors, Ford und Crysler überflügelten sich gegenseitig bei der Errichtung von Fabriken für Automotoren und planen wei­tere Niederlassungen. Dabei ist festzustellen: Maschine bleibt Maschine, ganz gleich, ob sie für ein Auto oder für einen Panzer bestimmt ist.


AUF DIESE WEISE HABEN DIE MEISTEN DER WAFFEN UND MUNITIONSLIEFERANTEN SICH IHRE GESCHÄFTSRECHTE IN SÜDAFRIKA GESICHERT. JETZT KÖNNEN SIE LAUTHALS EINE WAFFENBLOCKADE GEGEN SÜDAFRIKA PROKLAMIEREN.


Die laufenden Militärausgaben Südafrikas sind grösser als das gesamte Militärbudget der unabhängigen afrikanischen Staaten. Südafrika besitzt augenblicklich 16 MIRAGE III Bomber mit dop­pelter Überschallgeschwindigkeit und hofft auf noch mehr. Außerdem hat es 24 Flugzeugträger vom Typ BUCCANEER Mk. II mit




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anderthalbfacher Überschallgeschwindigkeit, 32 amerikanische Flugzeuge vom Typ SABRE, 50 britische Düsenbomber mit Unterschallgeschwindigkeit, 8 Shackleton Langstreckenbomber und 6 CANBERRA Unterschalldüsenbomber (B 12 Variante).


Nur die VAR kann sich, was die Stärke der Luftwaffe betrifft, damit messen. Sie verfügt über 350 Kriegsflugzeuge einschließlich 50 MIG 21 Bomber (mit doppelter Überschallgeschwindigkeit). Bei der Marine liegt die VAR an der Spitze: mit 8000 Marinesoldaten, 6 Fregatten, 8 Zerstörern, 8 Corvetten und 9 U-Booten. Südafrika steht an zweiter Stelle mit einer Besatzung von 3000 Soldaten auf 8 Fregatten und 2 Zerstörern.


AUSSERDEM WERDEN ÄUSSERST WIRKSAM E GIFTGASE – DIE AUCH VON DEN NAZIS VERWENDET WURDEN – WIE SOMAN, SARIN UND TABUN IN

GROSSEN MENGEN FÜR ZUKÜNFTIGE ZWECKE IN SÜDAFRIKA HERGESTELLT.


Ausländische Investitionen von seiten der Länder der "freien Welt leisten dem Terrorregime und dem Fanatismus in der Südafri­kanischen Republik nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv entscheidenden Vorschub.


Einerseits leisten sie Beihilfe zur Stabilisierung der südafrikanischen Industrie, andererseits werden alle neuen Handelsabkommen den Zielen der Rassenpolitik untergeordnet, ganz gleich, ob es wider Willen der ausländischen Handelspartner geschieht, so müssen sie sich doch den Forderungen des faschistischen Systems unterordnen.


So sind die USA und die anderen Westmächte direkt verantwortlich für das Bestehen der Apartheid. Wenn sie sich für die demokra­tischen Ziele der Schwarzen, der Gelben und der anderen Farbi­gen einsetzen würden, könnten sie die vernünftige Wahrnehmung der ökonomischen Interessen des Westens gewährleisten und zur Entspannung in Südafrika beitragen. Wenn sie jedoch fortfahren, die Apartheid zu unterstützen - und alles deutet darauf hin - wird die Befreiung Südafrikas allein durch eine Revolution sei­ner nichtweissen Bevölkerung geschehen, und zwar mit unvorherseh­baren Konsequenzen für die westliche Welt.




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DER BURISCHE NATIONALISMUS


Im Mai 1948 machte Dr. Malan, der Führer der burischen Nationalpartei, nach dem Wahlsieg seiner Partei folgende denkwürdige Feststellung: "Heute gehört Südafrika endlich wieder uns! Zum ersten mal seit des Unionsvertrag können wir Südafrika unser eigen nennen. Gott gebe, daß es immer so bleibt!" 1)


Seit der Niederlage der Buren gegen das britische Kapital bzw. die britische Regierung zu Beginn dieses Jahrhunderts hatten Gruppen von burischen Nationalisten auf diese Machtübernahme in der ganzen Union hingearbeitet, mit wachsen­dem Erfolg seit den dreißiger Jahren. Heute haben sie die afrikaans-sprechende Mehrheit der weißen Bevölkerung in einem festen Netz von Organisationen erfaßt, z.B. dem Broe­derbond, der Nationalpartei, den Niederländisch-Reformier­ten Kirchen, kulturellen und intellektuellen Organisationen.


Die einflußreichste Organisation innerhalb des Afrikaaner­nationalismus, ja heute des ganzen Staatsapparates ist zwei­fellos der geheime Broederbond. Die meisten Kabinettsmit­glieder gehören ihm an, und Verwoerd hat zugegeben, daß er seit 25 Jahren "broeder" ist. In fast jeder Stadt und Kir­chengemeinde, jedem Stadt- und Provinzrat, Schul- und ande­ren kulturellen und gesellschaftlichen Organisationen finden sich einige Mitglieder.


Die in Johannesburg erscheinende große Tageszeitung "Rand Daily Mail", die der Regierung kritisch gegenübersteht, äußerte sich am 22.11.1963 folgendermaßen über den Bruder­bund: "Der Broederbond ist eine Krebsgeschwulst im leben­den Leib von Südafrika geworden. Er ist eine arrogante Eli­te eigener Wahl, die mit Heimlichkeit und Intrigen arbeitet; seine anfänglichen Ziele in der Kulturpolitik strotzen von neofaschistischen Ideen über Rasse und Kultur. Indem er sich weigert, den Tatsachen des 20. Jahrhunderts ins Auge zu sehen, treibt er das Land der Vernichtung zu. Er ist ein Übel, das ausgerottet werden muß, ehe es zu spät ist."

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1) F. J. T. Lee, THE ANATOMY OF APARTHEID, Frankfurt a. M., 1966, S. 13




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Mit dem Wahlsieg der Nationalpartei im Jahre 1948 übernah­men die 1,8 Millionen Buren die politische Macht. Sie wol­len zusammen mit den 1,6 Millionen Südafrikanern englischer Herkunft und Sprache als"Herrenrasse" die "Herrschaft des weißen Mannes" (afrikaans: baasskap) über mehr als 14 Mill­ionen Nichtweiße behaupten (etwa 11 Mill. Afrikaner, 2 Mill. Mischlinge, 1 Mill. Malayen, Inder und Chinesen). Die Wirt­schaft des Landes wird bis heute vorwiegend von den Anglo-­Südafrikanern beherrscht; ihre Interessen werden von der United Party (die allerdings mit Rücksicht auf die Wählerstimmung immer mehr auf Opposition gegen die Politik Ver­woerds verzichtet), der Progressive Party und der Liberal Party vertreten.Die Provinzratswahlen am 24.3.1965 zeigten sehr deutlich die Tendenz unter den (ausschließlich weißen) Wählern, sich der Nationalpartei zuzuwenden: diese erhielt 120 Sitze, die United Party 47.


Professor Keet, früher Professor für reformierte Dogmatik und christliche Ethik an der Universität von Stellenbosch, stellte 1963 fest: "Wir von der Niederländisch-Reformierten Kirche stehen mit unserer Auslegung der Heiligen Schrift in der Frage der Apartheid ganz allein. Wir stehen nicht nur gegen die Überzeugungen der übrigen Kirchen in Süd­afrika, sondern wir unterscheiden uns von den reformierten Kirchen in der ganzen Welt. Alle Niederländisch-Reformier­ten Kirchen in unserem Lande treten für die Apartheid in

Kirche und Politik ein. … Ich glaube, daß die Führer der Niederlândisch Reformierten Kirche von ihrem Standpunkt ehrlich überzeugt sind." 1)


Diese Kirche ist der feste Kern des Burentums. Es ist nicht erstaunlich, daß die Buren ihre eigene geschichtliche Rolle in dem Ausspruch "Die Boer met sy Bibel en sy Roer" zusammenfassen (Der Bure mit seiner Bibel und seiner Flinte).


Jährlich geben diese Kirchen 2 Mill. Rand (1 Rand etwa DM 5,60) für Propaganda aus, die bis nach Nigeria verbreitet wird.


Die Hauptfeinde dieser "Verteidiger des westlichen Christentums" sind "der Kommunismus", der Islam, "der Trug der Römisch-Katholischen”, "die krankhafte Sentimentalität und Sen­sationslüsternheit des Methodismus", "Liberalismus", "Materialismus", "die Erziehung ohne Dogma" und überhaupt der "Modernismus". Die sonntägliche Predikt wird als das wich 


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  1. ibid. S.14



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tigste Medium der Massenerziehung betrachtet. Ganz natürlicherweise erhält die Nationalpartei ihre Hauptunterstüt­zung von dieser religiösen Körperschaft.


1939 wurde von der "Vereinigung afrikaanser Kulturorgani­sationen" (FAK) ein Kongress für "Christlich-Nationale Erziehung" abgehalten, der "das historische Ideal" des "Christlichen Nationalismus" verbreiten sollte. 1948 be­merkte Prof. van Rooy auf einem der Treffen dieser Orga­nisation: "Unsere afrikaansen Schulen ... sollen Orte sein, an denen unsere Kinder mit dem christlichen und nationalen Wesen unseres Volkes gesättigt werden. ...Wir wollen keine Vermischung von Sprachen, keine Vermischung von Kulturen, keine Vermischung von Religionen und keine Vermischung von Rassen" In dieser Äußerung wird die Vermischung von burischer Religion, Kultur und Politik sehr deutlich. Wie sehr trifft es zu, was der Vorsitzende des südafrikani­schen Büros für Rassenprobleme, Dr. Geyer, Anfang der sechziger Jahre sagte: "Das Schicksal Südafrikas könnte in diesem Jahrzehnt entschieden werden" Sicher - jedoch, bestimmt nicht im Sinne der "baasskap", der "getrennten Entwicklung", der "Bantuheimatländer" oder "Bantustans", so sehr dies unsere "freie Welt" auch wünschen mag.


Um die nichtweißen und liberalen Studentenorganisatio­nen (National Union of South African Students und Cape Peninsula Students' Union of South Africa) zu bekämpfen, wurden burische Studentenvereinigungen, z.B. der "Afri­kaander Studentebond", gegründet. Weiterhin werden alle kulturellen Aktivitäten jetzt von der Vereinigung der burischen Kulturorganisationen gelenkt. Mit diesem In­strument durchdringt die "afrikaanse Kultur" die südafri­kanische Gesellschaft. Die größten Erfolge wurden in Schu­len und unter den weißen Intellektuellen erzielt.


Den Buren stehen vier einflußreiche Universitäten zur Ver­fügung: Stellenbosch, Potchefstroom, Bloemfontein und Pre­toria. Potchefstroom pflegt noch heute die konservativen Traditionen von dem Genf des Calvin; viele Mitglieder des Broederbond haben dort ihre Ausbildung erhalten. Der po­litische Einfluß von Stellenbosch stieg mit dem Stern


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1) B. Bunting, THE RISE OF THE SOUTH AFRICAN REICH, London, S.194




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Verwoerds, Doktor der Psychologie und ehemaliger Student in Deutschland.


Obgleich heute die Tendenz immer mehr zur "getrennten Ent­wicklung" neigt, weil das Wort "Apartheid" in den Ohren der westlichen Freunde Verwoerds einen unerfreulichen Klang bekommen hat, ist im wesentlichen immer noch der berühmte Ausspruch des Premierministers Hertzog den weißen Intellek­tuellen Südafrikas im Ohr: "Der Bure sollte überall in Südafrika der Boß (baas) sein." Doch ist es überraschend, daß die Buren noch nicht die Ansicht ihres Sprachrohrs, der Kapstädter Tageszeitung "Die Burger" teilen, die am 28.8.1962 berichtete: "...baaskap ist in der modernen Welt ebenso ausgerottet wie die Quagga."


Prominente burische Politiker weisen darauf hin, wie wichtig der Erfolg des Bantustan-Experiments sei, das mit der Trans­kei begann und mit Tswanaland fortgesetzt werden soll. Dr. Geyer sagte im September 1962: "Das Transkei-Experiment muß gelingen. Es ist vielleicht keine Übertreibung zu sa­gen, daß die Zukunft unseres Landes und der weißen Nation davon abhängt." 1) Im folgenden Monat äußerte der frühere Staatssekretär im Finanzministerium Dr. Holloway: "Wenn die Entwicklung der Transkei mißlingt, bedeutet das das Mißlingen der gesamten Segregationspolitik." 2) Nun ist es aber

eine Tatsache, obwohl die tatsächliche Entwicklung in der Transkei von der südafrikanischen und vielfach auch von der internationalen Presse verschwiegen wird, daß der Be­trug in der Transkei schon gescheitert war, ehe er über­haupt begonnen hatte. Die Mehrheit der Bevölkerung in der Transkei lehnte die ihr gewährte scheinbare Selbstverwaltung ab. Nur die kollaborierenden Häuptlinge, die Armee und Ausnahmegesetze wie die Proklamation 400, die seit November 1960 Verhaftungen ohne Haftbefehl ermöglicht,


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1) F.J.T.Lee, THE ANATOMY OF APARTHEID, Frankfurt a. M., 1966, S.15

2) ebenda , S.15




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halten die Regierung des Quislings Matanzima an der Macht.


Die gesamte Entwicklung richtet sich gegen das Apartheid-System. Um zu zeigen, wie hart der Kampf zur Befrei­ung der schwarzen und nicht-schwarzen Massen in Südafrika ist, mögen noch zwei Äußerungen von zwei entscheidenden Vertretern der Herrenrassenpolitik zitiert werden. Premier­minister Verwoerd: "Für ein Volk mit dem Rücken zur Wand gibt es keine andere Wahl als zu kämpfen oder zu verschwin­den." Justizminister Vorster: "Es gibt Zeiten in der Ge­schichte eines Volkes, wo nicht nur die Vernunft sprechen muß, sondern ebensosehr das Blut - und in einer solchen Zeit sind wir heute." 1)


So sehr sich allerdings Dr. Verwoerd sonst irren mag, in der folgenden Äußerung ist er nicht weit von der Wahrheit entfernt: "Um die Aufmerksamkeit von dem, was sie in Afrika tun, abzulenken, verwenden die westlichen Nationen Süd­afrika als einen bequemen Sündenbock." 2)


___________

  1. ibid. S. 16

  1. ebenda.




364


T R A N S K E I — DAS ERSTE BANTUSTAN


Einerseits wehrt sich die südafrikanische Regierung, ihre Politik zu ändern, andererseits versucht sie, den Forde­rungen des Panafrikanismus und des afrikanischen Natio­nalismus entgegenzukommen sowie dem Druck der Weltwirt­schaft nachzugeben, indem sie als Lösung die "Bantustans" anbietet. Am 10. April 1961 erklärte Dr. Verwoerd, daß die Bantustans sich zu "separaten schwarzen Staaten" ent­wickeln könnten, fügte aber hinzu: "Diese Lösung möchten wir jedoch nicht verwirklicht sehen. Wenn es in unserer Macht stünde, diese Teilung zu verhindern, so sollten wir alles dafür tun." Weiterhin sagte er: "Angesichts der Kräfte, denen Südafrika unterworfen ist, gibt es je­doch keinen Zweifel darüber, daß im Laufe der Zeit etwas geschehen muß." 1)


Die nachfolgende Untersuchung soll zeigen, wo der Haken bei dieser sorgfältig gewählten Ausdrucksweise Verwoerds liegt.


Bis vor kurzem war die Transkei das größte Reservat Süd­afrikas. Dort wurden auch die ersten Erfahrungen mit derjenigen ("wohlwollenden") Apartheidpolitik gesammelt, die sich in "fortschrittlicher Weise" um die Gründung von Bantustangebieten bemüht. Die Reservate des Mandats­gebietes Südwestafrika sollten laut Odendaal-Bericht vom April 1964 der nächste Bestandteil des geplanten Bantustanssystems werden. Seltsamerweise wehren sich je­doch die Südwestafrikaner verbittert gegen ein solches Projekt. Aufgrund des angedrohten Blutvergießens und des internationalen Protestes wurde die Gründung dieser zehn Bantustans auf einen nicht genannten Zeitpunkt ver­schoben, und Südwestafrika wird noch immer mit dem bu­rischen Kapital "wirtschaftlich gefördert".


_____________________________

1) Proceedings of the Transkeian Territorial Authority, 1961 Session, Prime Minister’s Statement




365


Was sind die Gründe hierfür? Der Grad der Unabhängigkeit der Transkei, die Verwoerd "lieber nicht verwirklicht se­hen möchte", gibt hierüber genügend Auskunft. Das ehemalige Reservat und heutige Bantustan umfaßt 42500 qkm - das Verfassungsgesetz Nr.48/1963 der Transkei sieht vor, daß dieses Gebiet nur 41000 qkm haben soll, das sind

3,2 % des gesamten südafrikanischen Gebietes. Verwoerd 1) kann diese Grenzen ändern, aber nach dem Gesetz muß ein abgetrenntes Stück Land durch ein ebenso großes ersetzt werden. Natürlich entscheidet Verwoerd, was "ebenso groß" bedeutet, und was er sagt, ist Gesetz.


Die Bevölkerung besteht aus 1385000 Afrikanern, 13600 Mischlingen und 18000 Weißen, meistens Geschäftsleuten und geistig Arbeitenden. In der Transkei leben die ehemals nomadischen Ama Xhosas, die früher einmal nahezu die gan­ze Kap-Provinz bewohnten. Heute kämpfen sie um die bloße Existenz in diesem übervölkerten Gebiet und sind gezwun­gen abzuwandern und ihre Arbeitskraft billig an die In­dustrie der Weissen zu verkaufen. Diesen Leuten versprach man: "develop along their own lines", "getrennte Ent 

wicklung", "Unabhängigkeit", und "eigenständige Regierung" - so jedenfalls haben es die südafrikanischen Agenten und Propagandisten in die Welt posaunt, um zu zeigen, wie gutherzig die Afrikaander sind! Die Transkei-Regierung darf lediglich Gesetze für Bürger der Transkei verab­schieden. Wer aber sind diese "Bürger"? Das Gesetz defi­niert sie wie folgt:


"Jeder Xhosa-sprechende Bantu der Republik einschließ­lich jedes Bantus, der normalerweise einen Dialekt der gemeinhin bekannten 'Cape-Nguni-Sprache' benutzt und somit zu einer assoziierten Sprachgemeinschaft gehört, vorausgesetzt, daß diese Person nicht einem anderen Bantu-Land als der Transkei angehört oder unter der Gerichtsbarkeit einer weiteren regionalen oder territori­alen Behörde bzw. Abgeordnetenversammlung sowie auch von Gebieten mit eigener Verwaltung steht."


_____________

1) Jetzt Vorster




366


Entsprechend der Verfassung für die Transkei, wie sie von dem nur aus Weißen bestehenden Parlament im Jahre 1963 ausgerufen wurde, fanden am 20. November 1963 die seltsam­sten Wahlen in der Geschichte Südafrikas statt. Vorkehrun­gen wurden für nur ein Haus getroffen - die Legislative. Es besteht kein Oberhaus oder Senat. Die gesetzgebende Versammlung setzt sich zusammen aus 4 Oberhäuptlingen, 60 Häuptlingen und 45 gewählten Mitgliedern. Die 64 Häupt­linge wurden von der weißen Regierung ernannt. Von ihnen, sind die meisten regierungsfreundlich, die überragende Mehrheit sogar für die Apartheid-Politik. Die 45 Mit­glieder werden gewählt von den 880425 eingetragenen Wählern, wovon 610000 zu dem Territorium gehören. In den 9 Wahlbezirken betrug die Wahlbeteiligung 70%. In den meisten Bezirken bestand die Wählerschaft hauptsächlich aus Frauen, Jugendlichen (im Alter von 18 Jahren) und alten Männern; darüberhinaus waren 9 von 10 Wählern Analpha­beten. Von geheimer Abstimmung kann daher keine Rede sein. Ein Augenzeuge berichtet darüber folgendes:


"Es ist unmöglich, jemandem, der nicht selbst dabei war und es nicht selbst gefühlt hat, die Atmosphäre von Mißtrau­en und Argwohn zu beschreiben, die über diesen Wahlvorgängen lag. Unterdrückte Furcht überall - Furcht vor den Maßnahmen der Regierung, der Polizei, der Häuptlinge... die meisten der arbeitsfähigen Männer zwischen 18 und 50 Jahren befinden sich außerhalb der Transkei, um in den Bergwerken und auf den Farmen ihren Unterhalt zu ver­dienen. Der Anblick der Wählerschaft, die sich aus Frau­en und älteren Männern zusammensetzt, war schon alleine ein unausgesprochener menschlicher Protest gegen eine entrechtete Gesellschaft."

(Rand-Daily-Mail, Ende November 1963.)




367


An der Wahl waren keine politischen Parteien beteiligt - sie waren entweder verboten oder die Mehrzahl der Führer befand sich in Haft bzw. im Exil. In den nachstehenden Bezirken ergab sich z.B. folgendes Ergebnis:



Emboland 5 Sitze:

Z.W. Mabandla, Bauer ....

33299


L. Twetwa, Lehrerin

33106


G.N. Jafta, Händler

29396


M.H. Canca, Lehrer

28964


J.M. Sinetu, Kleinbauer

21799

Maluti 4 Sitze:

B.S. Rajuili, Lektor

19749


N.H.H. Zibi, Beamter

17825


B.E. Mhlahlo, Lehrer a.D.

11771


M.S. Sinaba, Händler

9916

Emigrant Tembuland 4 Sitze:

G.M.M. Mantanzima, Bauer

39010


A.M. Mfebe, Häuptling

36904


B.B. Mdledle, Pensionär

36096


R.B. Msengana, Häuptling

35439

Nyanda 4 Sitze:

W.C. Singata, Häuptling

34429


C.M. Ndamase, Kleinbauer

31840


L.A. Luwaca, Wagenhändler

31259


T. Mangala, Häuptling

30530

Umzumkulu 2 Sitze:

M.S. Mvusi, Bauer

10738


F. Chemane, Händler

7077




368






Tabelle mit Wahlergebnissen; im Original unleserlich.




369


Die Exekutive besteht aus dem Premierminister und fünf weiteren Ministern, dem für Finanzen, Justiz, Erziehung, Land- und Forst­wirtschaft, Straßen und Verkehr und dem Minister des Inneren (diese Zahl kann bis auf neun erhöht werden; die Minister wer­den in geheimer Wahl von der Versammlung gewählt). Die beiden Häuptlinge, die um den Posten des Premierministers wetteiferten, waren:


Kaiser Matanzima, 48 Jahre alt, der zwar nicht Oberhäuptling war, jedoch von der Regierung hochgespielt wurde und deshalb der Apartheid-Politik zustimmt, und

Victor Poto, 65 Jahre alt, Oberhäuptling des westlichen Pondo­landes, der eine Anti-Apartheid-Politik im Sinne eines Multi-Rassismus betreibt.


Aufgrund geschickter Maßnahmen der Regierung gewann Matanzima die Wahlen mit 54 zu 49 Stimmen; man nimmt an, daß die 14 Häuptlinge des östlichen Pondolandes unter ihrem Herrenvolk-Wortführer, dem Oberhäuptling Botha Sigcau, ihm in letzter Minute zu dieser knappen Mehrheit verhalfen.


Die nebenstehende Tabelle gibt einen überblick über die Wahlen.


Um einen Eindruck von der Mentalität Matanzimas zu vermitteln, genügen die folgenden Auszüge aus seinen Reden:


"Eine getrennte Entwicklung gewährt den Afrikanern der Transkei die Möglichkeit, ihr Land zurückzubekommen...

Wir wollen uns nicht mit den Weißen vermischen...

Liberale? Sie sind verderbt... Die sind fast wie Kommunisten... Den Afrikanern muß es möglich sein, Besitz in den Städten der Transkei zu erwerben. Deshalb unterstütze ich die Re­gierung. Sie hat uns Land angeboten. Dr. Verwoerd ist ein Freund der afrikanischen Bevölkerung."


"Wir können uns nicht auf äußere Kräfte verlassen. Sie sind Schakale. Ich fühle mich keinem anderen afrikanischen Land verwandt. Ich bin Südafrikaner."


"Die Vereinten Nationen stinken. Sie mischen sich in anderer Leute Angelegenheiten..."


__________________________

1) Govan Mbeki, "South Africa: The Peasants' Revolt", Penguin African Library, 1964, S. 137 f.




370


Dies ist die neue afrikanische Elite, die nach den Doktri­nen der Apartheid-Politik geschult wird, um als Strohmänner der faschistischen weißen Regierung - die das Bantu-Erziehungssystem zu verwirklichen sucht - die Bantustans zu ver­walten. Kaiser Matanzima - ein 'Rassenopportunist' - ist ein hervorstechendes Beispiel hierfür.


Außer den zwei offiziellen Sprachen in der weißen Republik wird Xhosa als dritte Amtssprache in der Transkei anerkannt. Auch hat die Transkei eine eigene Nationalhymne - Nkosi Sikelel'i-Afrika!" (Gott segne Afrika, oder, Gott gebe uns Afrika!) - sowie eine nationale Flagge.


Die Tatsache, daß 3423000 Afrikaner (Stand 1960) die Xhosa­-Sprache sprechen, liefert die Grundlage für eine weitere kuriose Regelung. Etwa 2000000 dieser Afrikaner arbeiten und leben in allen Teilen Südafrikas. Trotz dieses Tatbe­standes fallen diese Afrikaner, deren Fuß niemals die Trans­kei betreten hat, nun als 'Bürger' der Transkei unter das neue Gesetz. Daneben kann die legislative Versammlung den Bürgern der Transkei Steuern auferlegen, ob sie dort leben oder nicht. Jeder, der mit dem Gesetz in Konflikt gerät, kann von einem Gericht der Transkei oder irgendeinem weißen Ge­richt verhört werden.

In der Verfassung der Transkei heißt es:


"Jegliches Gerichtsverfahren unter irgendeinem Gesetz, das von der legislativen Versammlung verabschiedet wurde kann, insofern es sich auf Bürger der Transkei, die außerhalb die­ses Gebietes, jedoch innerhalb der Republik wohnen, bezieht, gegen diese von jedem zuständigen Gericht mit der Gerichts­barkeit für das Gebiet, in dem diese Bürger wohnen oder auch nicht wohnen, eröffnet werden."


Weiterhin unterliegt die Gesetzgebung der Transkei der Ge­richtsbarkeit der weißen Zentralregierung, besonders dort, wo es um Verteidigung, internationale Sicherheit und aus­wärtige Angelegenheiten geht.




371


Die Gesetze zur Rassentrennung gelten ebenso in Umtata, der Hauptstadt der Transkei. Premierminister Matanzima z.B. darf eine weiße Sekretärin nicht zu einer Tasse Tee in einem Re­staurant in Umtata einladen, das nur für Weiße vorgesehen ist, und umgekehrt genauso. Zu einer Zeit, da andere Länder gezwungen sind, ihre Kolonien aufzugeben, schaffen Verwoerd und seine 'Apartheid-Apostel' neue. Das gesamte, Bantustan-System haben sie sorgfältig geplant und ausgearbeitet; es ist der logische Höhepunkt der Apartheid-Politik, obwohl diese noch nicht klar definiert ist.


Verwoerd ist dabei, in der Transkei eine Kolonie zu schaffen, der er unter dem Druck von innen und von außen einige Rechte zugesteht, die er jedoch sorgfältig kontrolliert! Kürzlich schrieb ein Afrikaner:


"Die Bantustans werden als Durchgangslager billiger und füg­samer Arbeitskräfte dienen, ebenso als geeigneter Abfallplatz, wo jeder Keim im Boden erstickt ist."

Dies ist der wunde Punkt!


Das Kapital der von den Afrikaandern kontrollierten Gesell­schaften wurde erhöht, um der rapiden Zunahme von englischem und anderem ausländischen Kapital entgegenzuwirken. Die Na­tionalisten interessieren sich für die Reservate als beson­dere Sammellager, nicht jedoch für Slogans wie 'Selbstver­waltung', 'Unabhängigkeit' und so weiter.

Die Auswüchse dieser Politik sind brutal:


a) Ein Afrikaner lebt im Durchschnitt nur halb so lange wie ein Weißer.

b) Jeder dritte Afrikaner, der in einem Krankenhaus behandelt wird, leidet an Unterernährung, während Südafrika Lebensmittel exportiert oder Obst verkommen

läßt, um die Preise hochzuhalten.

c) Trotz der Bantu-Erziehung sind 65 % der Afrikaner noch Analphabeten, der Prozentsatz der Halb-Alphabeten liegt wahrscheinlich über 90, da die meisten Afrika­ner nach 4 - 6 Jahren Grundausbildung die Schule ver­lassen.




372


Für Weiße ist eine Grund- und höhere Schulausbildung Pflicht, sodaß jeder Weiße, ausgenommen Idioten und Schwachsinnige, eine Schulausbildung erhält.


d) Afrikaner können nicht leben, arbeiten und reisen, wo sie wollen.

e) Ein 'echtes demokratisches Parlament', in dem sie ver­treten sein könnten, existiert nicht. In Wirklichkeit werden sie vom politischen Leben ausgeschlossen und haben keinen Einfluß auf die Rassengesetzgebung.

f) Apartheid bedeutet die politische, soziale, wirtschaft­liche, gesellschaftliche und geistige Herrschaft einer Minderheit Weißer über alle Nichtweißen.


Die nachstehende Tabelle verdeutlicht die Ausmaße der Unge­rechtigkeit:1)




Weiße (Europäer)

Schwarze (Afrikaner)




Bevölkerung (in Millionen)

3

11

Jährliches Pro-Kopf-Einkommen (1959)

$ 1819

$ 109

Durchschnittlicher Jahreslohn eines Bergarbeiters (1962)

$ 3587

$ 216

Steuerpflichtiges Alter

21 – 60 J.

18 – 65 J.

Steuerfreies Einkommen

$ 840

$ 0

Aufwendungen für Erziehung - pro Schüler, 1962

$ 182

$ 18

Kindersterblichkeit auf 1000 Geburten

27

über 200

Anteil an der Bevölkerung (in %) (der Rest sind Asiaten und Mischlinge)

19

68

Anteil am Landbesitz (in %)

87

13

Gewerkschaftlich organisierte Arbeiter

340000

0

In Anwendung des Passierscheingesetzes verurteilte Personen (1952)

0

384000



Die Bantustans als Lösung der Rassenfrage bedeuten nichts anderes, als daß die Mehrheit der Bevölkerung in ein Gebiet


____________________________

1) The Pan-Africanist Review, Bd. 1, Nr. 4, Dez. 1964, S. 68




373


gezwängt wird, das nur 13,7 % des gesamten Landes ausmacht und dazu unfruchtbar und steinig ist. Und bis die Verhält­nisse sich nicht radikal geändert haben, werden diesen Afrikanern die Bürgerrechte entzogen sein in solchen Gebieten, die gegenwärtig von Weißen beansprucht werden, und wo Acker­land und natürliche Rohstoffquellen im Übermaß vorhanden sind.


Die Gründung des Bantustans Transkei - und überhaupt aller geplanten Bantustans, "Colouredstans" und "Indianstans" - ist eine Monstrosität, die von vornherein zum Mißerfolg verurteilt ist und entweder von der Regierung aufgegeben oder (was angesichts der Hartnäckigkeit dieser Regierung wahrscheinlicher ist) von der afrikanischen Bevölkerung ge­waltsam beseitigt werden muß.




374


SANKTIONEN GEGEN SÜDAFRIKA


Im Dezember 1958 rief die All-African People's Conference in Accra zu einem weltweiten ökonomischen und diplomati­schen Boykott Südafrikas auf. Der Aufruf wurde von der Afro-Asiatischen Solidaritätskonferenz erneuert, die im April 1960 in Conakry stattfand und an der 50 Delegierte aus verschiedenen afrikanischen und asiatischen Ländern (einschließlich Chinas, der Sowjetunion und anderer Ar­beiterstaaten) teilnahmen.


Obwohl die Befreiung der südafrikanischen Massen letzten Endes ein Werk des südafrikanischen Volkes sein muß, sind solche von außen kommenden Demonstrationen der Solidarität - solange sie jedenfalls ernst gemeint sind - den afrika­nischen Freiheitskämpfern willkommen.


Im Juni 1960 trafen sich in Addis Abeba die Außenminister von zehn politisch unabhängigen afrikanischen Staaten und beschlossen ein Zehnpunkteprogramm für Sanktionen gegen Südafrika. Dieses Programm forderte die Sperrung der Luft- und Seehäfen für die südafrikanische Flagge, den Ausschluß Südafrikas aus dem Britischen Commonwealth of Nations, das Verbot des Verkaufs von arabischem Öl an Südafrika und die Verschärfung der Aktionen seitens der UNO, einschließlich direkter Intervention.


Premierminister Hendrik F. Verwoerd antwortete schnell mit einem verstärkten Aufbau der militärischen Macht Südafrikas. Seit 1960 sind die Rüstungsausgaben von 80 Millionen auf 208 Millionen Rand gestiegen (ein Rand = DM 5,60). Die nur aus Weissen bestehende ständige Streitmacht wurde innerhalb von vier Jahren von 9000 auf 15000 vergrößert. Eine Bürger­wehr mit der Stärke von 40000 Mann und ein Bereitschaftssystem, in dem jeder weiße Bürger vier Jahre lang dienen muß, wurden ins Leben gerufen. Die Truppen erhielten moderne Waffen; und Waffenfabriken wurden im Lande errichtet. Luft­Boden-Raketen, Panzer, Truppentransportfahrzeuge, Pistolen, Munition usw. wurden in England, USA, Frankreich, West­deutschland und der Schweiz gekauft. Die Beziehungen zu den faschistoiden Regierungen in Angola, Mozambique und Südrho­desien wurden enger geknüpft.




375


Im April 1963 fand wiederum eine Konferenz verschiedener afrikanischer Minister in Addis Abeba statt. Sie forderten sofortiges Inkrafttreten und eine Verstärkung ihres eigenen wirtschaftlichen und diplomatischen Boykotts. Außerdem be­schlossen sie eine Kampagne für den Ausschluß Südafrikas von allen internationalen Organisationen, einschließlich solcher des Kultur und Sportaustausches, in Gang zu setzen.


Im Februar 1963 erzwangen die afrikanischen Mitglieder der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Afrika den Austritt Südafrikas aus dieser Körperschaft. Im Juli verweigerte Kenia dem südafrikanischen Delegierten die Ein­reise für die UN-Konferenz über Kartographie, die dort statt­fand. Im August wurde aufgrund des von den afrikanischen Delegierten ausgeübten Drucks der südafrikanischen Delega­tion nahegelegt, sich von der UN-Konferenz über Tourismus zurückzuziehen. Ebenso wurde Südafrika von der dreizehnten Sitzung der afrikanischen Regionalkonferenz der Weltgesundheitsorganisation ausgeschlossen. Im September verließen die Delegierten aus afrikanischen Ländern demonstrativ die Konferenz der Lebensmittel- und Landwirtschaftsorganisationen, nachdem diese Versammlung Südafrika nicht ausgeschlossen hatte. Im selben Monat protestierten die afrikanischen Dele­gierten bei einer Zusammenkunft des' International Monetary Fund' in Washington gegen die Anwesenheit des südafrikanischen Finanzministers. Ähnlich wurde während der Versammlung der internationalen Lufttransportgesellschaft im Oktober durch Verlassen des Saales demonstriert. Gemäß den Bemühungen, Südafrika zur Aufgabe seiner Apartheidpolitik zu zwingen, wurden ihm für die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio Bedingungen auferlegt. Südafrika antwortete nicht da­rauf und wurde darum von den Spielen für 1964 ausgeschlossen.


Vom 14.-17. April fand in London die "internationale Kon­ferenz über wirtschaftliche Sanktionen gegen Südafrika" statt. Schirmherren waren Ahmed Ben Bella, ehemaliger Präsident von Algerien, Haile Selassie, Kaiser von Äthiopien, Kwame Nkrumah,

Präsident von Ghana, Jawaharlal Nehru, damals Premierminister von Indien, Jomo Kenyatta, Premierminister von Kenia, William




376


Tubman, Präsident von Liberien, Tunku Abdul Rahman Putra, Premierminister von Malaysia, Léopold Sédar Senghor, Prä­sident von Senegal, Sékou Touré, Präsident von Guinea, Julius Nyerere, Präsident von Tunesien. Offizielle Dele­gationen aus dreißig Ländern - Äthiopien, Algerien, Bulga­rien, China, Ghana, Guinea, Indien,. Indonesien, Jugoslawien, Kamerun, Kenia, Kongo (Leopoldville), Liberia, Lybien, Malaysia, Marokko, Nordrhodesien (jetzt Sambia), Pakistan, Polen, Sansibar, Senegal, Sierra Leone, Sudan, Syrien, Tan­ganjika, Tschechoslowakei, Tunesien, UdSSR, Ungarn und der VAR - meist unter der Leitung von Kabinettsministern oder Diplomaten von höherem Rang - diskutierten über das Pro­blem möglicher Sanktionen gegen Südafrika. Die Konferenz setzte ein außergewöhnliches Projekt in Bewegung, dessen Empfehlungen in einem Penguin Special, "sanctions against apartheid", erschienen im Mai 1964, nachzulesen sind (S.257-272). Das Schlußplenum der Konferenz verabschiedete folgende Resolution: "Die Konferenz beauftragt das leitende Komitee der Konferenz, allen Staaten, allen besonderen internationalen, regionalen und nationalen Körperschaften und anderen öffentlichen Organisationen die Resolutionen und Entscheidungen der Konferenz mitzuteilen und auf an­gemessenes und baldiges Handeln zu drängen. Weiterhin be­auftragt sie das leitende Komitee, der "Organisation der afrikanischen Einheit" deutlich zu machen, daß es dringend erforderlich ist, einen ständigen Apparat zur energischen Durchsetzung der internationalen Anwendung wirtschaftlicher Sanktionen aufzubauen."



DER AFRIKANISCHE BOYKOTT


Algerien kündigte am 30. April 1963 einen totalen Boykott Südafrikas an und brach zur gleichen Zeit alle Beziehungen zu Portugal ab.


Kamerun schloß seine Luft- und Seehäfen für Südafrika am 12. Juli. Äthiopien, das keine diplomatischen Beziehungen zu Südafrika unterhielt, kündigte einen totalen Handelsboykott an und verbot südafrikanischen Flugzeugen, sein Gebiet zu überfliegen.


Die Elfenbeinküste schloss am 16. Juli ihre See- und Luft­häfen für Südafrika.




377


Mauretanien schloß ebenfalls seine See- und Lufthäfen und kündigte einen Handelsboykott Südafrikas an.


Der Sudan hatte seine Handelsbeziehungen zu Südafrika be­reits 1962 abgebrochen und schloß nun seine See- und Flug­häfen.


Tanganjika kündigte einen totalen direkten und indirekten Handelsboykott gegen Südafrika am 30. September an.


Uganda belegte im November 1962 südafrikanische Waren mit einem Boykott und hat inzwischen alle Exporte nach Südafri­ka eingestellt.


Die Vereinigte Arabische Republik verweigerte Südafrika am 7. August die Überflugsrechte und kündigte am 23. Septem­ber den Abbruch aller Wirtschaftsbeziehungen an. Südafri­kanische Schiffe wurden in den Häfen der VAR nicht mehr zugelassen, und Schiffe aus der VAR wurden angewiesen, kei­ne südafrikanischen Häfen anzulaufen. Südafrika kann zwar noch den Suez-Kanal benutzen, ist aber vom Gebrauch seiner Anlagen ausgeschlossen.


Bis zum 30. April 1963 hatten der Kongo (Leopoldville), Dahomey, Ghana, Liberia, Madagaskar, Mali, Nigeria, Sierra Leone, Somali und Tunesien den Generalsekretär der Verein­ten Nationen, U. Thant, darüber informiert, daß sie den Be­schluß der Generalversammlung vom November 1962 in vollem Umfang befolgt hatten. Sambia schickte an Südafrika eine besondere "Einladung, nicht an seiner Unabhängigkeitsfeier vom 22.-24. Oktober 1964 teilzunehmen.


Der Handel mit dem übrigen Teil Afrikas ist noch immer be­deutend. Ungefähr 11 % der Exporte Südafrikas gehen in diese Länder. Der Umfang dieses Handels geht aus den folgenden Tabellen hervor:




378


SÜDAFRIKAS HANDEL MIT SEINEN NACHBARLÄNDERN

(In Millionen Pfund Sterling)




Import nach SA

Januar - August

Export aus SA

Januar - August


1962

1963

1962

1963

Kongo

7,9

6,5

2,9

2,7

Zentralafrikanische Föderation

9,0

10,5

32,3

28,2

Mozambique

0,8

2,0

5,0

5,8

Summe

17,7

19,0

40,2

36,7




SÜDAFRIKAS HANDEL MIT BESTIMMTEN AFRIKANISCHEN LÄNDERN, 1962




Import

Export









Nach S.A.

insgesamt

(a) in % v. (b)

Aus S.A.

insgesamt

(d) in % v. (e)


(a)

(b)

(c)

(d)

(e)

(f)


(In Mill. Pfund)

(In Mill. Pfund)

Kenia

1,1

37,9

2,9

3,3

91,3

3,6

Uganda

0,7

37,6

2,0

0,4

14,2

2,7

Tanganjika

0,8

51,2

1,6

0,4

30,1

1,4

Marokko 1)

1,5

116,0

1,3

0,0

148,5

0,0

Mauretanien 2)

0,07

4,8

0,15

2,8

22,7

12,3

Summe

4,17

247,5

7,95

6,9

306,8

20,0




Quelle für diese und alle folgenden Tabellen: National Trade Returns; "Yearbook of International Trade Statistics, 1961", United Nations, New York, 1963.


  1. Januar bis November, umgerechnet auf das Jahr 1962.

  2. Januar bis Juni, ebenfalls auf das Jahr 1962 umgerechnet.




379


Für diese Länder ist Südafrika der Hauptabsatzmarkt, aber wegen der kleinen Mengen, um die es sich dabei für Südafri­ka selbst handelte, konnte es die Waren auch anderswo kaufen. Was außerdem die Durchführung von Sanktionen erschwert, ist die Tatsache, daß die meisten afrikanischen Staaten auf be­stimmte Exportgüter spezialisiert. sind. Zum Beispiel machten im Jahre 1953 in Njassaland (heute Malawi), Tabak und Tee 85 % des gesamten Exports aus. 1962 exportierte Südrhodesien Apparate, Zigaretten, Radios und Ersatzteile im Wert von $ 2,5 Mill. Im übrigen sind beide Länder abhängig von Manufakturwaren und Lebensmitteln aus Südafrika. Im gleichen Jahr kamen fast 30 % aller Transportausrüstungen und aller Maschinen für die Zentralafrikanische Föderation (Nord-, Südrhodesien, Njassaland) von dort. Das Gleiche gilt für Sprengstoffe, Zünder, Sicherungen und andere Berg­bauausrüstungen im Falle Nordrhodesiens (Sambia).


Was geschieht, wenn solche Länder Südafrika boykottieren, läßt sich am Beispeil Kenias zeigen. Zwei Fünftel des dort produzierten Natriumcarbonats wurden in der südafrikanischen Glasindustrie verwendet. Nach Beginn des Boykotts baute Südafrika eine eigene Produktion dieses Minerals au. Bis heute hat Kenia keinen geeigneten Markt gefunden, um diesen Verlust zu ersetzen, wie zum Beispiel durch England, Frankreich oder die USA möglich wäre.



DER ASIATISCHE BOYKOTT


1963 erneuerte Burma nicht seinen im Mai abgelaufenen Ver­trag, jährlich 300000 Tonnen Kohle von Südafrika zu er­werben. Zwei Monate später verweigerte Indien den South African Airways die Lande- und Zwischenlanderechte und schnitt damit seine letzten Verbindungen zu Südafrika ab. Indonesien brach alle wirtschaftlichen und diplomatischen Beziehungen zu Südafrika ab und schloß seine Seehäfen. Im August kündigten die Philippinen ein Embargo auf strate­gisch wichtige Güter an. Die Ausfuhr von Hartholz nach Süd­afrika im Wert von 2 Mill. $ jährlich wurde eingestellt. Im Oktober brach Kuweit die diplomatischen Beziehungen zu Süd­afrika ab, kündigte einen Handelsboykott an und schloß seine




380


Luft- und Seehäfen für die Flagge der Apartheid. Das da­malige Malaya verfügte ebenfalls einen totalen Boykott. Jugoslawien schloss sein Konsulat in Johannesburg und be­endete im November jeden Handel mit Südafrika.


Dagegen hielten Japan, Ceylon, Pakistan und die Mehrzahl der Ölländer des Nahen Ostens alle Beziehungen aufrecht. Japan allein hat einen Anteil von über 7 % am südafrika­nischen Export. Ceylons Ausfuhr nach Südafrika - haupt­sächlich Tee und natürlicher Kautschuk - nahm zwischen 1962 und 1963 zu. Ausserdem importierte Südafrika Öl von Aden, den Bahrain Inseln und Saudi-Arabien.


Kein Ölembargo kann überhaupt wirksam werden ohne die Unterstützung Englands, der USA, Frankreichs usw. Die Ölvorräte Südafrikas würden im Falle eines Boykotts für höchstens sechs Monate reichen. Vor allem würde dabei die Landwirtschaft Südafrikas, die zu etwa 99 % in Burenbesitz ist, betroffen werden. Öl deckt nur 10 % des Brennstoffbedarfs - im Gegensatz zu etwa 35 % in Europa -, da Süd­afrika über erhebliche Kohlenreserven verfügt. SASOL, die Firma, die synthetisch Öl aus Kohle herstellt, produziert nur einen kleinen Teil des Bedarfs. Eine solche Anlage zu errichten, dauert etwa zwei Jahre, und die zweite steht im Bau. Aber die Aussichten, dass ein Öl-Embargo durchge­führt werden könnte sind sowieso gering, wie empfindlich es die südafrikanische Wirtschaft auch immer träfe.


Die folgende Tabelle erfasst den Handel der genannten asiatischen Länder mit SA, (in Mill. Pfund Sterling)




Importe nach S.A.

Exporte aus S.A.


Januar - August

Januar - August


1962

1963

1962

1963

Ceylon

3,2

4,2

1,2

0,4

Japan

14,0

18,5

23,5

21,7

Hong-Kong

1,6

2,6

2,7

2,6

Iran

12,1

10,9

0,9

0,2

Pakistan

6,7

4,1

0,6

0,2

Philippinen

0,3

0,3

1,7

1,5

Saudi Arabien

1,3

0,8

0,0

0,0

Aden

3,3

3,3

0,0

0,0




381


DER BOYKOTT VON SEITEN DER ARBEITERSTAATEN


1961 war die Sowjetunion einer der größten Abnehmer süd­afrikanischer Wolle. Im folgenden Jahr wurden alle Handels­beziehungen abgebrochen. Politische und diplomatische Be­ziehungen bestanden schon längst nicht mehr.


Die Volksrepublik China brach 1961 die Handelsbeziehungen ab. 1963 kaufte China noch auf dem Umweg über Hongkong und britische Vermittler südafrikanischen Weizen im Werte von $ 1 Mill. Inzwischen sind jedoch sämtliche Handelsbe­ziehungen zwischen China und Südafrika abgebrochen. Ungarn unterbrach am 12. Juli 1963 alle Wirtschaftsbe­ziehungen. Am gleichen Tag schloß die Tschechoslowakei ihr Konsulat in Johannesburg und stellte den Handel mit Südafrika ein.


Die Deutsche Demokratische Republik löste ebenfalls alle Handelsbeziehungen und läßt seit Oktober 1963 keine süd­afrikanischen Schiffe und Flugzeuge auf ihrem Gebiet zu.


Albanien, Bulgarien, Kuba, die Mongolische Volksrepu­blik und Rumänien sind in ähnlicher Weise den Beschlüssen der Vereinten Nationen gefolgt.



DIE UNTERSTÜTZUNG DURCH DEN "FREIEN WESTEN"


Die folgende Tabelle demonstriert eindrucksvoll die Rolle, die die hochkapitalistischen Länder des Westens bei der Aus­beutung der farbigen Massen in Südafrika spielen:




382


Südafrikas Handel mit bestimmten westlichen Ländern:

(In Millionen Pfund Sterling)




Import nach SA

Export aus SA


Januar-August

Januar-August


1961

1962

1963

1961

1962

1963

England

155,2

99,1

118,2

145,2

99,4

111,3

USA

134,5

57,4

65,3

42,9

27,1

27,2

Westdeutschland

51,3

34,3

43,1

21,3

13,6

15,6

Frankreich

13,9

7,3

12,1

15,7

8,4

8,7

Italien

14,5

10,1

11,8

22,1

16,0

15,3

Kanada

12,8

8,2

15,2

4,9

2,8

3,9

Holland

12,5

8,1

8,7

13,0

12,4

8,2

Belgien

7,2

4,0

4,6

19,2

12,3

13,5

Summe

401,9

228,5

279,0

284,3

192,0

203,7

Anteil am Gesamtvolumen

65,8%

68,2%

70,0%

75,6%

60,0%

61,5%



Englische und amerikanische Kapitalisten besitzen 25 % der Aktien bei den sieben Bergwerks- und Finanzgesellschaften, die gemeinsam die gesamten Gold- und Diamantengruben kon­trollieren. Den Rest teilen sich südafrikanische, franzö­sische, belgische und westdeutsche Aktionäre. Diese Gesell­schaften beschäftigen mehr als eine halbe Million niedrig bezahlte schwarze Arbeiter. Insgesamt besitzen britische und amerikanische Aktionäre 70 % des in Südafrika investier­ten ausländischen Kapitals. Das gesamte Auslandskapital beträgt $ 1,6 Milliarden; es schluckt etwa 10 % des Volkseinkommens - $ 240 Millionen im Jahr. Der britische An­teil an Profiten, Dividenden, Zinsen und anderen Kapital­gewinnen beläuft sich auf $ 145 Mill. Die Geldgeber aus Übersee haben ihr Kapital in praktisch jedem wichtigen Zweig der südafrikanischen Wirtschaft investiert - Schwer­industrie, Landwirtschaftsmaschinen, Textilien, Chemie, Automobilmontage, Reedereien usw.


(geschrieben Ende 1965)













DOKUMENTATION

(Zusammengestellt 1965-66)













383


SÜDAFRIKAS APARTHEIDSGESETZE IN DER PRAXIS



Auszüge in Übersetzung aus: Leslie Rubin, THIIS IS APARTHEID, London 1959, (Gollanez) 16 S., mit einem Vorwort von Alan Paton. Die hier aufgeführten Gesetze sind seit 1959 durch Ergänzungsgesetze teilweise verschärft worden. Der Verfasser war einer der wenigen (weißen) Vertreter der afrikanischen Bevölkerung im Parlament, bis diese Einrichtung im Jahre 1959 von der nationalistischen Parlamentsmehrheit abgeschafft wurde.


Der Zweck dieser Schrift ist, eine authentische Beschreibung der Apartheid in einfachen Worten zu geben. Die Schrift ent­hält eine Reihe von Feststellungen, die die Wirkung einiger der Gesetze darstellen und illustrieren, die die gegenwärtige Regierung von Südafrika erlassen hat, seit sie vor gut zehn Jahren an die Macht gekommen ist. In einer Anmerkung wird die jeweilige Bestimmung des Gesetzes angegeben, auf die sich jede Feststellung stützt, doch wurde bewußt auf jeden Kommentar verzichtet (außer, wenn dies zur Verdeutlichung ei­ner Feststellung notwendig erschien). ...


Die Reihe von Gesetzen, auf die Bezug genommen wird, ist in keiner Weise vollständig. ... Die herangezogenen Gesetze sind von mir nach sorgfältiger Überlegung ausgewählt worden, weil ich sie für die wichtigsten Gesetze halte, die die bürgerli­chen Rechte der nichtweißen Bevölkerung Südafrikas direkt o­der indirekt berühren. ... Zahlreiche Gesetze sind wieder­holt ergänzt worden, enthalten komplizierte und dunkle Be­stimmungen und sind in einer gewundenen Sprache abgefaßt. ...

Leslie Rubin


1. Ein Afrikaner, der in einer Stadt geboren wurde und dort ununterbrochen 50 Jahre lang gelebt hat, dann aber verzogen ist und an einem anderen Ort beliebig lange (auch nur zwei Wochen) gewohnt hat, hat keinen Rechtsanspruch, in seine Geburtsstadt zurückzukehren und sich dort länger als 72 Stun­den aufzuhalten. Wenn er es tut, ohne eine Genehmigung er­halten zu haben, ist er eines Verbrechens schuldig (criminal offence), das mit einer Geldstrafe bis zu 10 Pfund (etwa 115 DM) oder ersatzweise mit einer Gefängnisstrafe bis zu zwei Monaten bestraft wird.




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Natives (Urban Areas Consolidation) Act No.25 of 1945 as a­mended, Section 10 (1) (a).


4. Ein Afrikaner, der in einer Stadt ununterbrochen 14 Jahre lang gelebt hat und dort weiter lebt und arbeitet, hat kei­nen Rechtsanspruch darauf, sich dort länger als 72 Stunden aufzuhalten.

Gesetz wie zu 1., Section lo (1) (b); Strafandrohung wie bei 1.

7. Kein Afrikaner hat einen Rechtsanspruch darauf, seinen af­rikanischen Freund in einer Stadt länger als 72 Stunden zu besuchen und bei ihm zu wohnen, auch wenn dieser dort gebo­ren wurde und 50 Jahre ununterbrochen dort gelebt hat. Gesetz wie zu 1., Section 10 (1) (a) und (c); Strafandrohung wie bei 1.


8. Weder die Frau, die unverheiratete Tochter noch der 18­jährige Sohn eines Afrikaners (die alle völlig von ihm ab­hängig sind) haben einen Rechtsanspruch darauf, bei ihm län­ger als 72 Stunden zu leben, auch wenn er in einer Stadt ge­boren wurde, dort ununterbrochen 14 Jahre lang gelebt hat und in dieser Zeit ununterbrochen 9 Jahre lang bei einem Arbeitgeber gearbeitet hat.

Gesetz wie zu 1., Section 10 (1) (a), (b) und (c); Strafandroh­ung wie bei 1.


10. Es ist ungesetzlich für einen Weißen und einen Nichtwei­ßen, bei einer Tasse Tee in einem Café in einer Stadt irgend­wo in Südafrika zusammenzusitzen, ausgenommen sie haben da­für eine besondere Erlaubnis erhalten.

Proclamation No. 164 dated 4 July 1958 issued pursuant to Section 1 (4), read with Section 1 (1) (VI) of the Group A­reas Act No. 77 of 1957.


11. Ein afrikanischer Professor, der ohne eine besondere Er­laubnis erhalten zu haben einen Vortrag in einem weißen Club hält, der ihn dazu eingeladen hat, begeht ein Verbrechen (criminal offence).

Begründung wie zu 10.


12. Kein Afrikaner hat das Recht, irgendwo in Südafrika Land­besitz zu erwerben; es ist nicht die Absicht der gegenwärti­gen Regierung, den Afrikanern jemals ein solches Recht zu ge 




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währen, auch nicht in seinen eigenen Reservaten.

Natives Land Act No.27 of 1913; Natives (Urban Areas Con­solidation) Act No.25 of 1945 as amended, Section 6; Govern­ment White Paper on the Tomlinson Report, U.G. No.61 of 1955.


13. Wenn sich ein Afrikaner, der angewiesen worden ist, ein Gebiet zu verlassen, weigert, diese Anweisung zu befolgen, dann kann der Generalgouverneur (jetzt der Staatspräsident) nach freiem Ermessen die Anweisung geben, ihn ohne Gerichts­verfahren oder irgendeine weitere Untersuchung nach abgekürz­tem Verfahren verhaften, in Haft halten und aus dem betref­fenden Gebiet entfernen zu lassen.

Native Administration Act No.38 of 1927, as amended, Section 5 (1) (b). Bei der Entscheidung des Generalgouverneurs han­delt es sich de facto um die Entscheidung des Kabinetts, das auf Vorschlag des Ministers für Eingeborenenangelegenheiten handelt.


14. Jeder Polizist ist berechtigt, ohne schriftliche Voll­macht "zu jeder angemessenen Tages- und Nachtzeit" ein Haus und Grundstück in einer Stadt zu betreten und zu durchsuchen, wenn er Grund zu der Annahme hat, daß ein über 18 Jahre alter afrikanischer Jugendlicher das Verbrechen begeht, ohne die dafür erforderliche Genehmigung bei seinem Vater zu wohnen. G.N. No. 804 dated 13 June 1958 read with Act No.25 of 1945 as amended, Section 10 (1) (c).


15. In einem 1957 als Wohnsiedlung für Afrikaner eingerichte­ten Stadtgebiet darf jeder Polizist wann immer er will und aus jedem beliebigen Grund zu jeder Tages- und Nachtzeit die Wohnung eines Einwohners dieses Stadtgebiets zur Untersuch­ung betreten.

G.N. 61 of 1958 Section 8. Evaton Native Township.


16. Wenn ein von einem Arbeitsvermittlungsagenten rekrutier­ter Afrikaner sich verpflichtet hat, in den Dienst eines nicht näher bezeichneten Mitglieds einer Gruppe von Arbeit­gebern zu treten, in deren Auftrag der Vermittlungsagent tä­tig ist, sich dann aber weigert, den Dienst bei dem Arbeit­geber anzutreten, dem er zugeteilt worden ist, hat er sich eines Verbrechens schuldig gemacht, das mit einer Geldstra­fe nicht über 10 Pfund oder ersatzweise einer Gefängnisstra­fe nicht über zwei Monaten strafbar ist.

Native Labour Regulation Act No.15 of 1911 as amended, Sect­ion 12.




386


18. Ein in einer Stadt lebender Weißer, der einen Afrikaner in seinem Haus für irgendeine Zimmermanns-, Maurer-, Elek­triker- oder sonstige gelernte Arbeit anstellt, begeht ein Verbrechen, wenn er nicht vom Arbeitsminister eine Ausnahmegenehmigung erhalten hat; das gleiche trifft für jeden A­frikaner zu, der eine solche gelernte Arbeit in einer Stadt verrichtet, wenn es sich nicht um ein Gebiet handelt, das zur Berufsausübung für Afrikaner reserviert worden ist. In beiden Fällen ist eine Geldstrafe nicht über 100 Pfund oder eine Gefängnisstrafe von nicht über einem Jahr oder beides fällig.

Native Building Workers Act No.27 of 1951 as amended, Sect­ion 15 and 19.


22. Jeder Polizist kann zu jeder Zeit jeden über 16 Jahre alten Afrikaner auffordern, seinen Paß zu zeigen. Wenn ei­nem Afrikaner ein Paß ausgestellt worden ist und er ihn nicht vorzeigen kann, weil er ihn im Augenblick nicht bei sich führt, begeht er ein Verbrechen (criminal offence) und kann mit einer Geldstrafe nicht über 10 Pfund oder einer Gefängnisstrafe bis zu einem Monat bestraft werden.

Natives (Abolition of Passes and Coordination of Documents) Act No. 67 of 1952 as amended, Section 13 and 15.


25. Wenn ein Inder (oder ein Mischling oder ein Afrikaner) in einem öffentlichen Park auf einer Bank sitzt, die aus­schließlich zur Benutzung durch Weiße bereitgestellt wurde, um so gegen die Apartheidgesetze zu protestieren, begeht er ein Verbrechen, das mit einer Geldstrafe bis zu 300 Pfund oder einer Gefängnisstrafe bis zu drei Jahren oder einer Auspeitschung bis zu zehn Schlägen oder mit jeweils zwei dieser Strafen bestraft werden kann.

Criminal Law Amendment Act No. 8 of 1953, Section 2, read with Act No. 49 of 1953, Section 2 (2).


26. Wenn ein Redner vor einer Versammlung etwas sagt, was einen Mischling (oder einen Afrikaner oder Inder) unter seinen Zuhörern veranlaßt, den Schalter eines Postamts zu benutzen, der für die ausschließliche Benutzung durch Wei­ße reserviert ist, um so gegen die Apartheidgesetze zu protestieren, begeht er ein Verbrechen, das mit einer Geld 




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strafe bis zu 500 Pfund oder mit einer Gefängnisstrafe bis zu fünf Jahren oder mit einer Auspeitschung bis zu 10 Schlä­gen oder mit jeweils zwei dieser Strafen bestraft werden kann; bei rückfälligen Tätern darf sich das Gericht nicht mit einer Geldstrafe begnügen, sondern muß eine Gefängnis­strafe oder eine Auspeitschung verhängen.

Criminal Law Amendment Act No.8 of 1953, Section 2, read with Act No. 49 of 1953 Section 2 (2).


23. Für einen afrikanischen Arbeiter ist die Teilnahme an einem Streik ungesetzlich. Wenn er es trotzdem tut, kann er, wenn schuldig gesprochen, zu einer Geldstrafe bis zu 500 Pfund, zu einer Gefängnisstrafe bis zu drei Jahren o­der zu beiden dieser Strafen verurteilt werden.

Native Labour (Settlement of Disputes) Act No. 48 of 1953, Section 18.


29. Der Generalgouverneur (jetzt: der Staatspräsident, un­ter besonderen Umständen der Justizminister) kann durch Proklamation jeden Polizeiunteroffizier ermächtigen, jede beliebige Person zu verhaften und ohne Gerichtsurteil ge­fangen zu halten, wenn er der Auffassung ist, daß die öf­fentliche Sicherheit bedroht und, daß das gewöhnliche Ge­setz des Landes unzureichend ist.

Public Safety Act No. 5 of 1953, Section 2, 3 and 4. Bei der Entscheidung des Generalgouverneurs handelt es sich de facto um die Entscheidung des Kabinetts, das auf Vor­schlag des Justizministers handelt.


30. Wenn in einem Bahnhof nur ein Warteraum vorhanden ist, handelt der Stationsvorstand gesetzmäßig, wenn er diesen Warteraum für die ausschließliche Benutzung durch Weiße reserviert. Jeder Nichtweiße, der diesen Warteraum absicht­lich betritt, begeht ein Verbrechen und kann mit einer Geldstrafe bis zu 50 Pfund oder einer Gefängnisstrafe bis zu drei Monaten oder zu beiden Strafen verurteilt werden. Reservation of Separate Amenities Act No. 49 of 1953, Sect­ion 2 and 5.


31. Jeder Polizist kann ohne Vollmacht ein Gebäude oder Grundstück betreten, auf dem eine Versammlung stattfindet,




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wenn er angemessenen Grund zu der Annahme hat, daß die Ver­sammlung eine Bedrohung der inneren Sicherheit der Union (jetzt: der Republik) zur Folge haben dürfte und, daß die Beschaffung einer Vollmacht eine ernsthafte Verzögerung verursachen dürfte.

Criminal Procedure Act No. 56 of 1955, Section 44.


33. Jede Person, die ein Krankenhaus leitet, das nach 1937 in einer Stadt errichtet wurde, und die ohne die Erlaubnis des Ministers für Eingeborenenangelegenheiten einen Afri­kaner aufnimmt, begeht ein Verbrechen, ausgenommen es han­delt sich um einen Notfall.

Natives (Urban Areas) Act No. 25 of 1945, as amended, Sect­ion 9 (7) (b).


34. Der Minister für Eingeborenenangelegenheiten kann, wenn die Ortsbehörde keine Einwendungen macht, durch eine Be­kanntmachung im Amtsblatt eine gesellschaftliche Veranstal­tung in einem Privathaus in einer Stadt, an der ein Afri­kaner teilnimmt, verbieten, wenn nach seiner Auffassung ei­ne solche Veranstaltung im Hinblick auf die Gegend in der das Haus liegt, unerwünscht ist. Jeder Afrikaner, der eine solche Veranstaltung besucht, macht sich eines Vergehens schuldig und kann mit einer Geldstrafe bis zu 10 Pfund o­der einer Gefängnisstrafe bis zu zwei Monaten oder mit bei­den dieser Strafen bestraft werden.

Gesetz wie zu 33., Section 9 (7) (c).

35. Es ist für einen Afrikaner zu jeder Zeit ungesetzlich, einen Freund zu besuchen, der in einem Gebäude oder auf ei­nem Grundstück in einer Stadt arbeitet, wenn er nicht die Erlaubnis des Eigentümers oder des rechtmäßigen Benützers des Gebäudes oder Grundstücks hat.

Natives (Urban Areas) Act No.25 of 1945, as amended, Sect­ion 9 (9).

37. Kein Afrikaner, der aufgrund einer ihm ausgestellten Genehmigung rechtmäßig in einer Stadt wohnt, hat einen Rechtsanspruch darauf, daß seine Frau und seine Kinder bei ihm wohnen.




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Natives (Urban Areas Consolidation) Act No. 25 of 1945, as amended, Section 10 (1).


40. Jeder unverheiratete Mann, der "offensichtlich seiner Erscheinung nach oder der nach allgemeinem Dafürhalten und Ansehen eine weiße Person ist" und der den Versuch zum Ge­schlechtsverkehr mit einer Frau unternimmt, die nicht "of­fensichtlich ihrer Erscheinung nach oder nach allgemeinem Dafürhalten und Ansehen eine weiße Person ist", macht sich eines Vergehens schuldig und kann, wenn schuldig gesprochen, zu einer Gefängnisstrafe mit Zwangsarbeit bis zu 7 Jahren verurteilt werden, wenn er dem Gericht nicht überzeugend nachweisen kann, daß er zu der Zeit des angeblichen Vergeh­ens Grund zu der Annahme hatte, daß die Frau "offensicht­lich ihrer Erscheinung nach oder nach allgemeinem Dafürhal­ten und Ansehen eine weiße Person" war.

The Immorality Act No. 23 of 1957, Section 16, 22 and 1.




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RASSENSCHANDE IN SÜDAFRIKA


"Ein Gericht in Durban hat... einen 17 Jahre alten schwe­dischen Seemann zu 8 Stockhieben verurteilt, weil er versucht haben soll, mit einem 18-jährigen farbigen Mädchen Beziehungen anzuknüpfen. ..."

Schwäbische Donauzeitung, 2. 12. 1961.


Zwei Besatzungsmitglieder des Schweizer Motorschiffes Cor­viglia stehen in Durban unter Anklage, sich gegen das süd­afrikanische Unmoralitätsgesetz vergangen zu haben, vor Ge­richt. ... Drei Monate Gefängnis mit Bewährung erhielt der 20-jährige Jean Zbinden, der Beziehungen zu einer 18-jähri­gen Afrikanerin unterhalten haben soll. Das Mädchen wurde

zu 9 Monaten Gefängnis, davon 6 mit Bewährung, verurteilt..." Süddeutsche Zeitung, 4. 1. 1963.


Prohibition of Mixed Marriages Act. 1949. Verbot der Ehe zwischen Weißen und Nichtweißen; viele Eheleute müssen seit­dem getrennt leben. Im Ausland geschlossene Ehen dieser Art sind in Südafrika ungültig.


Immorality Acts, 1927. 1950 und 1957. Durch diese drei Ge­setze wurde der Geschlechtsverkehr zwischen Weißen und Nichtweißen verboten; schon der Versuch ist strafbar. Höchst­strafe: 7 Jahre Zwangsarbeit.


Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre, 1935.

Durchdrungen von der Erkenntnis, daß die Reinheit des deut­schen Blutes die Vorraussetzung für den Fortbestand des deutschen Volkes ist, und beseelt von dem unbeugsamen Wil­len, die deutsche Nation für alle Zukunft zu sichern, hat der Reichstag das folgende Gesetz beschlossen, …:

§ 1.1. Eheschließungen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes sind verboten. Trotz­dem geschlossene Ehen sind nichtig, auch wenn sie zur Um­gehung dieses Gesetzes im Auslande geschlossen sind.

§ 2. Außerehelicher Verkehr zwischen Juden und Staatsange­hörigen deutschen oder artsverwandten Blutes ist verboten."

Nach Walter Hofer, Der Nationalsozialismus, Frankfurt 1957, S.285.




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"Justizminister Vorster hat auf Befragen der Opposition jetzt im Parlament eine Bilanz der 'Immoralitätsfälle' an­gestellt, aus der hervorgeht, daß allein in den letzten drei Jahren 2427 Personen unter derartigen Beschuldigungen vor den Richter kamen, darunter 1303 Europäer, und 1197 schuldig gesprochen und abgeurteilt wurden, die Bilanz seit 1950, von der Abgeordneten Helen Suzman (der einzigen der Progressive Party) in der Argumentation auf diesen Zeitraum erweitert, wirkt noch erschreckender: 4660 Südafrikaner, unter ihnen 2440 Europäer wurden … verurteilt. Die Zahl
der Verhaftungen erreicht demgegenüber bereits fünfstellige Zahlen, von Jahr zu Jahr wachsend."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.3.1964.


"Jeder unverheiratete Mann, der "offensichtlich seiner Er­scheinung nach oder der nach allgemeinem Dafürhalten und Ansehen eine weiße Person ist" und der den Versuch zum Ge­schlechtsverkehr mit einer Frau unternimmt, die nicht "of­fensichtlich ihrer Erscheinung nach oder nach allgemeinem Dafürhalten und Ansehen eine weine Person ist", macht sich eines Vergehens schuldig und kann, wenn schuldig gesprochen, zu einer Gefängnisstrafe mit Zwangsarbeit bis zu 7 Jahren verurteilt werden, wenn er dem Gericht nicht überzeugend nachweisen kann, daß er zu der Zeit des angeblichen Vergeh­ens angemessenen Grund zu der Annahme hatte, daß die Frau "offensichtlich ihrer Erscheinung nach oder nach allgemei­nem Dafürhalten und Ansehen eine weiße Person" war.

Nach Leslie Rubin, This is Apartheid, London 1959, S.16.



ÄUSSERUNGEN SÜDAFRIKANISCHER MINISTER


Über Kommunisten und Juden, Faschismus und Rassismus

"Einerseits gibt es den Nationalsozialismus …; anderer­seits gibt es den Liberalismus, und die Grundlage seines politischen Kampfes ist das Individuum mit seinen sogenann­ten Rechten und Freiheiten ... Diese Weltanschauung des Li­beralismus, die für gleiche Rechte für alle zivilisierten




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menschlichen Wesen eintritt, ist fast das gleiche, wie das Ideal des Kommunismus."

Wirtschaftsminister Diederichs, am 19. August 1948 vor dem Parlament, nach Brian Bunting, The Rise of the South African Reich, Penguin African Library 1964, S.162.


Der Hauptvorwurf gegen den Kommunismus ist, daß er "keine Un­terschiede von Hautfarbe oder Rasse anerkennt".

Außenminister Louw (abgelöst Ende 1963), 1943 in einer Schrift "Die kommunistische Gefahr", nach Brian Bunting aaO. S.164.


"Das Rassenproblem ist im Verschwinden begriffen. ... Danach wird es keinen Grund geben, dass die Oppositionsparteien wei­ter bestehen bleiben."

Ministerpräsident Verwoerd, Mitte 1964, nach "What's Happening in South Africa, Mitteilungsblatt des Africa Bureau, London, SW 1, Vauxhall Bridge Road, Oktober 1964.


"Ich bin damit nicht einverstanden, daß wir in unserem Lande bei der Entscheidung über die Errichtung einer Republik ein Vetorecht irgendeinem Teil der Bevölkerung zubilligen, der nicht von dem wahren Geist des Burentums erfüllt ist."

"Wenn die Republik errichtet ist, dann kann man nur solchen Leuten ein Mitspracherecht einräumen, die die Sache des (bu­rischen) Volks zu ihrer eienen gemacht haben, und zwar seit längerer Zeit."

Ministerpräsident Malan, in zwei Reden im März 1941, nach Bunting S. 91f.


"Die gesamte Zukunft des Burentums hängt von einem deutschen Sieg ab. ... Wenn Deutschland siegt, werden wir mit ihm ver­handeln können und so die Errichtung einer unabhängigen Re­publik in Südafrika sichern."

Eisenbahnminister Schoeman, am 5. November 1940 vor einem Kongreß der National Party, nach Bunting aaO. S. 91.


"Der Jude ist im Leben jedes Volks ein unlösliches Element." Finanzminister Dönges, am 4. November 1936 auf einer bu­rischen Protestversammlung gegen die Einwanderung von Juden,




393


anläßlich der Ankunft eines Schiffes mit Flüchtlingen aus Nazideutschland in Kapstadt, nach Bunting aaO. S. 59.


"Die Judenfrage vom Standpunkt der Natonalisten. ... Eine mögliche Lösung. Erste große Notwendigkeit: proportionale Verteilung in Handel und Geschäftsleben" (nämlich durch Verweigerung von Handelsgenehmigungen an Juden).

Ministerpräsident Verwoerd, Titel eines langen, am 1. Oktober 1937 von ihm in seiner Tageszeitung "Die Transvaler" veröffentlichten Artikels, nach Bunting aaO. S. 59f.


"Wir treten für den christlichen Nationalismus ein, der ein Verbündeter des Nationalsozialismus ist. Man kann die­ses antidemokratische Prinzip, wenn man will Diktatur nen­nen. In Italien heißt es Faschismus, in Deutschland Natio­nalsozialismus, in Südafrika Christlicher Nationalismus."

Justizminister Vorster, 1) am 31. Mai 1963 in einer öffentlich­en Rede, nach Bunting aaO. S. 518.


"Wenn der weiße Mann die effektive Herrschaft mit den Mitteln der Gesetzgebung in den Händen behalten soll, dann heißt das, daß der weiße Mann der Herr bleiben muß. ... Wir sind der Auffassung, daß der weiße Mann seine Herrschaft beibehalten muß."

Ministerpräsident Strijdom, in seiner Rede am 20. Juni 1957, nach Bunting aaO. S. 135.


"Wenn wir die Herrenvolkidee verwerfen und ebenso das Prinzip, daß der weiße Mann Herr bleiben kann, wenn das Wahlrecht auf die Nichteuropäer ausgedehnt wird, wenn dem Nichteuropäer parlamentarische Vertretung und Stimmrecht gegeben werden

und wenn der Nichteuropäer sich auf der gleichen Ebene wie der Europäer entwickeln kann - wie kann der Europäer dann Herr bleiben? ... Unsere Auffassung ist, daß der Europäer in je­der Sphäre das Recht behalten muß, das Land zu beherrschen

und es als Land des weißen Mannes zu betrachten.."

Ministerpräsident Strijdom, nach Bunting aaO. S. 118.


"Wir wollen sicherstellen, daß Südafrika ein Land des weißen


___________________________

1) Gegenwärtiger Ministerpräsident




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Mannes bleibt."

Ministerpräsident Malan, 1938 auf dem Kongress der National Party, nach Bunting aaO. S. 70.


"... bestehe ihr Südafrika kein Anlass, der öffentlichen Meinung zuliebe seine Zukunft als Land des weissen Mannes zu opfern."

Ministerpräsident Verwoerd, am 24. April 1964 vor dem Par­lament, nach einer AP-Meldung. Der Anteil der Weissen an der südafrikanischen Bevölkerung liegt unter 20 %.


"Was ihr eine liebliche Aufgabe, was für ein wunderbares Vor­recht Ihr uns, dass wir uns am Schutz unseres Volkes gegen den Liberalismus beteiligen können."

Erziehungsminister De Klerk, in einer Rede vor der burischen kalvinistischen Bewegung in Potschofstroom, etwa Ende 1964, nach Anti-Apartheid News, London Januar 1965, S. 8.



"KOMMUNISMUS" und "SABOTAGE" in Südafrika


KOMMUNIST: Jemand, der an die U.N.-Charta glaubt, wie Häuptling Luthuli oder Patrick Duncan (ein weißer Liberaler, der die Apartheid erbittert kritisiert).


SABOTEUR: Ein Gegner der Apartheid, der etwas Illegales tut, um seine Opposition zu zeigen, obwohl alle solche Taten für illegal erklärt worden sind.

(Stichworte aus dem neuen Politischen Lexikon, einem von Verwoerds Nationaler Partei herausgegebenen Nachschlagewerk; zitiert nach Fighting Talk, Johannesburg, Juni 1962, S.3.


Gesetz zur Unterdrückung des Kommunismus (Suppression of Communism Act)


"... trat im Juli (1950) in Kraft. Die Propagierung kommu­nisischer Lehren wird mit Gefängnis bis zu zehn Jahren bestraft, die kommunistische Partei wird als illegal erklärt und die Regierung wird ermächtigt, jede Organisation, die nach ihrer Meinung kommunistisch ist, als illegal zu erklären. Mitglieder solcher Organisationen werden ebenso be 




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straft, wie Mitglieder der kommunistischen Partei."

Keesings Archiv der Gegenwart, 17.7.1950.


Sabotagegesetz (General Law Amendment Act, 1962)

Das Gesetz ergänzt u. a. das Gesetz zur Unterdrückung des Kommunismus. Der Abschnitt 9 dieses Gesetzes wird durch einen Absatz 1 ergänzt, wonach der Justizminister, sobald er überzeugt ist, dass eine bestimmte Person mit Tätigkeiten be­faßt ist, die die Ziele des Kommunismus fördern oder sie fördern können, dieser Person durch Handschreiben die Teil­nahme an spezifischen oder Versammlungen überhaupt zu unter­sagen berechtigt ist. Dem gleichen Personenkreis können nach Ergänzung des Abschnittes 10 Wohnorts- und Kommunikationsbeschränkungen, sowie nach dem Abschnitt 10 quatuor eine spezifizierte Meldepflicht bei Polizeibehörden auferlegt werden.


Weiter enthält das Sabotagegesetz einen Abschnitt 21, der sich ausschliesslich mit Fragen der Sabotage befaßt. Darin heisst es: "Jede Person, die irgendeine verbotene und mutwillige Tat ver­übt, durch die sie verletzt, beschädigt, zerstört, nutzlos

oder dienstunfähig macht, ausser Tätigkeit setzt, behindert, verändert, beschmutzt, vergiftet oder gefährdet: a) Gesund­heit oder Sicherheit des Publikums, b) Aufrechterhaltung von Gesetz und Ordnung, c) Wasservorräte" (es folgen öffentliche Einrichtungen usw.) "oder die vor, während oder nach der Tat in irgendeinem Zusammenhang mit der Ausführung der Tat ge­standen hat, ist der Sabotage schuldig und muß mit der ent­sprechenden Strafe belegt werden: falls nicht die Todesstrafe verhängt wird, muß mindestens auf 5 Jahre Gefängnis zuerkannt werden, gleich welche anderen Strafen noch zuerkannt würden! Freizusprechen sei die Person, falls sie nachweisen könne, daß die begangene Tat bei objektiver Betrachtung in keiner Weise als vorbedacht angesehen werden könne und nicht began­gen worden sei, um a) allgemeine Verwirrungen, Unruhen oder Unordnungen zu schaffen oder zu fördern, ... c) die Aufrecht­erhaltung von Recht und Ordnung ernsthaft zu gefährden oder irgendeine Person davon abzuhalten, zu dieser Aufrechterhal-




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tung beizutragen, …


e) die Erreichung irgendwelcher politischer Bestrebungen, zu denen die Herbeiführung irgendwelcher sozialer oder wirtschaftlicher Veränderungen in der Republik gehört, zu fördern oder zu ermutigen..."


(Das Sabotagegesetz reduziert) "die Grundfreiheiten der Bürger in einem Masse, das selbst von den extremen Diktaturen der Lin­ken oder der Rechten nicht übertroffen werde. Es handle sich um einen rücksichtslosen Versuch, die Doktrin der Apartheid durchzusetzen und sei einer zivilisierten Rechtsprechung unwürdig. Unter dem Vorwand des Antikommunismus reduziere das Ge­setz in drastischer Weise die Rechte der Versammlungsfreiheit, der Redefreiheit, der Pressefreiheit, der Bewegungsfreiheit. Die Beweislast werde dem Angeklagten aufgebürdet, der seine Un­schuld zu beweisen habe, während in der zivilisierten Recht­sprechung immer der Grundsatz gegolten habe, dass die Verfol­gungsbehörde die Schuld des Angeklagten demonstrieren müsse."


Äusserung der Internationalen Juristenkommission, der 60000 Juristen aus 60 Staaten angehören, nach Keesings Archiv der Gegenwart, S.10046.


Balthazar Johannes Vorster, der gegenwärtige Justizminister, der die (Sabotage-) Gesetzesvorlage eingebracht hat, ist ehe­maliger Führer der "Ossewa Brandwag", der radikalen nationalis­tischen Geheimorganisation. Er hatte im Laufe des Zweiten Weltkrieges seiner Bewunderung für autoritäre Staatssysteme, sowohl Faschismus als Nationalsozialismus, unverholen Ausdruck gegeben. Im Jahre 1942 wurde er wegen umstürzlerischer Betätigung inter­niert und verbrachte zwei Jahre im Lager Koffiefontein. Vom Jahre 1944 bis zum Jahre 1951 bekämpfte er die nationalistische Partei heftig, weil sie nach seiner Ansicht zu gemässigt war. später machte er Frieden mit der nationalistischen Partei und wurde im Jahre 1953 ins Parlament gewählt, wo er bald als Ver­treter des radikalen Nationalismus hervortrat. ... Vorster erblickt im ‘Liberalismus den Vorläufer des Kommunismus’."

Neue Züricher Zeitung, 25.5.1962.




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"Die kommunistische Lehre vertritt den Klassenkampf, d.h. die physische Vernichtung einer ganzen Schicht von Menschen. Sie vertritt das nicht nur in der Theorie, sondern hat mit ihrer Praxis in den sowjetisch und rotchinesisch besetzten Gebieten bewiesen, dass sie gewillt ist, ihre Ziele auch mit unzähli­gen, millionenfachen Morden durchzusetzen. "Ein Kommunist" so sagte Minister Vorster ‘ist, nachdem er von diesen Vorgängen weiss und dennoch bei seiner Lehre bleibt, nicht ein Mörder, sondern potentiell ein willentlicher Massenmörder, dem wir zu­mindest d I e Sorgfalt zuwenden müssen, die wir unseren gewöhnlichen Mördern angedeihen lassen. ...’"


Justizminister Vorster zur Verteidigung des 90-Tage-Haft-Gesetzes, das die Inhaftierung ohne richterlichen Haftbefehl und ohne Möglichkeit zur Verbindung mit einem Rechtsbeistand und Ange­hörigen ermöglicht; in einem Interview mit Peter Kleist, einem Mitarbeiter von "Nation Europa", in "Deutscher Studenten-Anzei­ger", 12.2.1964.


"Was dieses 90-Tage-Haft-Gesetz in Wirklichkeit bedeutet, ver­riet der Justizminister B. Vorster unlängst in allem Freimut. Er könne auf diese Weise jederzeit "bis in alle Ewigkeit" den­jenigen hinter Gitter bringen, der ‘sabotageverdächtig’ sei."

Die Zeit, 16.8.1963.


"Man darf sich nicht wundern, wenn in einem bestimmten Augen­blick verzweifelte und erbitterte Menschen unseres Volkes keinen anderen Ausweg sehen (und) zu brutaler, unüberlegter Gewalt übergehen. Es gibt auch keinen Grund zur Verwunderung, wenn andere sich ganz bewusst auf Gewalt verlegt haben, denn diese Menschen sind gezwungen worden, jede Hoffnung aufzugeben, durch Beratungen und Verhandlungen zu einer gerechten Lösung zu gelangen."

Friedensnobelpreisträger Luthuli, nach Express-International, 22.1.1964.


"Wir haben die Stufe im Leben unseres Volkes erreicht, wo wir




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mehr und mehr begreifen, dass es Zeiten in der Geschichte ei­nes Volkes gibt, wo nicht nur die Vernunft sprechen muss, son­dern ebensosehr das Blut - und in einer solchen Zeit stehen wir heute!"

Justizminister Vorster am 31.5.1963 in einer öffentlichen Rede, nach B. Bunting, The Rise of the South African Reich, Penguin African Libr. 1964.



FOLTER UND MESSHANDLUNGEN IN SÜDAFRIKANISCHEN GEFÄNGNISSEN


"Ich glaube nicht, dass es eine Polizeistation im Lande gibt, die beim Verhör nicht Gewalt anwendet."


Ein wegen Mordes an einem afrikanischen Gefangenen angeklagter Polizeibeamter vor Gericht am 13.3.1964, nach S. Cronje, Witness in the Dark, London 1964, S.13, veröffentlicht von Christian Action, 2 Amen Court, London EC 4.


"Es gibt keinen Zweifel, dass alle in den Polizeistationen und Gefängnissen Südafrikas durchgeführten Folterungen von ausgebildeten Spezialisten nach einem einzigen, vorher festgelegten Plan durchgeführt werden. Es gibt keine andere Erklärung für die Ähnlichkeit der Behandlung…, die unabhängig voneinander in eidesstattlichen Erklärungen von und zu verschiedenen Zeiten in Haft gehaltenen Personen beschrieben wird. ..."

S. Cronje, a.a.O. S.5


"... auf der Polizeistation von Langlaagte wurde ein nasser Sack um Nanabhais Kopf gebunden und zugedreht, bis er dem Ersticken nahe war. Elektrische Stromstösse wurden durch Drähte geschickt, die an Chibas und Jassats grossen Zehen angebracht waren." "Unorthodoxe Methoden wurden angewendet und die Männer haben Brandstellen an ihren kleinen Fingern, die nach ihren Abgaben von Elektroschocks herrühren."


Cape Argus, Kapstadt, 19. Und 22.4.63. zum Fall Jassat vgl.

ausführlich P. Duncan, South Africa’s Rule of Violence, London 1964,




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S. 38f. Dieses Buch enthält viele Zeitungsberichte dieser Art.


"Sergeant van Wyk ... sagte "werden Sie eine Aussage machen. Ich sagte "nein"... Er begann dann, mich auf beide Seiten des Kopfes mit beiden Händen zu schlagen - mehrere Schläge. Dann packte er mich am Haar und zog mich auf den Boden herunter und fing an, meinen Kopf auf den Boden zu schlagen, während er mich am Haar festhielt. ... Ich begann dann zu sagen "Van Wyk ich will sprechen", aber er hörte nicht auf und schlug mei­nen Kopf noch immer weiter auf den Fussboden. ..."


Auszug aus der eidesstattlichen Erklärung der 23jährigen Phy­siotherapeutin und Studentin Stephanie Kemp vom Oktober 1964. Das Orginal befindet sich in den Händen der "World Campaign for the Release of South African Political Prisoners", 89 Char­lotte Street, London W1.


"Ich stand 28 Stunden lang, ohne mich einen Zoll zu bewegen... Ich habe fast Selbstmord begangen."


Von Frederik Schermbrucker auf Toilettenpapier an seine Frau geschmuggelt. Diese brachte den Fall vor den Richter, der auch in der Berufungsverhandlung entschied, dass 90-Tage-Häftlinge keinen Anspruch auf den Schutz der Gesetze haben. "Ein Arzt, Costa Gazides, stand 49 Stunden ohne sich zu bewegen auf ei­nem winzigen Kreidequadrat." Dr. Gazides hat wegen dieser "Statuenfolter" einem Gericht eine eidesstattliche Erklärung eingereicht.


Nach S. Cronje, a.a.O. S.21, und Anti-Apartheid News, London, Januar 1965, S.4.


"Die südafrikanische Presse berichtete am Mittwoch über den Selbstmord des 32jährigen Inders Suliman Saloojee, der sich nach 65tägiger Inhaftierung bei einem Verhör durch die Staats­sicherheitspolizei in Johannesburg aus einem Fenster im sieb­ten Stock des Amtsgebäudes stürzte."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.9.1964.




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" 'Menschlichere Behandlung' der Häftlinge unter dem 90-Tage-Gesetz hat dieser Tage ein Protestausschuss in einem Presseaufruf gefordert, der von dem ehemaligen obersten Richter Südafrikas, Sandt Centlivres, und dem Politiker Hamilton Rus­sell unterzeichnet ist. ... dabei wird auf angeblich mit 'sa­distischer Grausamkeit' durchgeführte Vernehmungen und auf Beschwerden über Folterungen hingewiesen. ..."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.9.1964.


" ... es gibt nicht den Schatten eines Beweises, dass Leute gefoltert worden sind."

Justizminister Vorster am 22.1.1964 vor dem Parlament, nach S. Cronje.


"Am 31. Februar 1964 teilte (Vorster) dem Parlament und dem Senat mit, dass nur (!) 49 Anzeigen von Gefangenen nach dem 90-Tage-Gesetz eingegangen seien, in denen die Anwendung von Folter und Misshandlung durch die Polizei behauptet werde. ... alle 49 Anzeigen seien von der Polizei (!) untersucht worden und hätten sich als unbegründet herausgestellt."

S.Cronje, a.a.O. S.13.


"Häufig wenn ich als Richter dem Gericht vorstand, sah ich ein blutiges Gesicht auf der Anklagebank und pflegte die Polizei der Misshandlung des Gefangenen zu beschuldigen. In einem Fall wurde ein bestimmter Polizist, der immer angeklagte Gefangene schlug, auf meine Einwendungen hin an die Nordküste von Natal versetzt. Später wurde er vom Obergericht wegen brutaler Er­mordung eines Gefangenen zu 6 1/2 Jahren Gefängnis verurteilt. Der Justizminister, ein Vorgänger Vorsters, liess ihn nach 6 Monaten frei. Aber er ging noch weiter und stellt ihn wieder als Gefängniswärter ein."

Senator Rall vor dem Senat, April 1964, nach Johannesburg Star, 1.5.1964.




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"Die letzten verfügbaren Zahlen zeigen, dass in einem Jahr 586 Polizeibeamte wegen Misshandlung von Gefangenen vor Gericht kamen; 311 wurden verurteilt und nur 11 aus dem Polizei­dienst entlassen."

The Observer, London, 17.11.1963.


"In Südafrika gibt es vier Kategorien von Gefangenen: A. B, C und D. D ist die niedrigste, und diese Gefangenen erhalten praktisch überhaupt keine Vergünstigungen. (Sie dürfen alle 6 Monate nur einen Brief und einen Besuch empfangen.) ... Im Zentralgefängnis von Pretoria wird die dauernde Einzelhaft als Normalbehandlung für politische Gefangene fortgesetzt. ... allen Politischen, unabhängig von ihrer Führung ..., werden Verkürzungen ihrer Strafen verweigert."

Anti-Apartheid News, London, Januar 1965, S.5.


"Gefangene, aber nur nichtweisse Gefangene, müssen sich völlig nackt ausziehen, wenn sie ins Gefängnis zurückkehren. Man lässt sie in die Höhe springen, in die Hände klatschen, den Mund öffnen und sich im Kreise drehen. Dies ist als Tausa-Tanz bekannt." "Grösste Erniedrigung ist Ausziehen in Gegenwart aller Gefange­nen bei der Rückkehr von der Arbeit. Ganz nackt ausziehen, alles durchsuchen lassen, der Befehl dich zu strecken und deinen Hin­tern zur Wache zu drehen soviel wie möglich geöffnet."


Das erste Zitat nach P. Duncan, a.a.O. S.79, wo auch eine Photo­graphie einer solchen Szene veröffentlicht ist, die ein Presse­photograph mit einem Teleobjektiv aufnahm. Das zweite Zitat aus einem aus der Strafinsel Robben Island herausgeschmuggelten

Brief, nach Anti-Apartheid News, London, Januar 1965, S.5. Der in Deutschland bekannte Germanist Dr. Neville Alexander wei­gerte sich, diesen "Tanz" aufzuführen und wurde deshalb von einem Wärter geschlagen und verletzt; seitdem sitzt er in Ein­zelhaft.


"Dieser Mann weigerte sich einem Wärter irgendwelche Infor­mationen zu geben ... Die kriminellen Gefangenen werden darauf




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gerufen und aufgefordert, ein Loch zu graben, in das der Mannm der die Information verweigert hatte, hineingesetzt wurde; er wurde darauf bis zum Hals im Sand eingegraben; ... Der Wärter urinierte dann in seinen Mund; ... Andere politische Gefangene sagten mir, dies werde politischen Gefangenen oft angetan. … Nachdem sie geschlagen worden waren, wurden drei Gefangene ..., die sich über die üble Behandlung, die ihnen wiederfahren war, beklagt hatten, mit den Beinen aneinandergekettet; ... Am glei­chen Nachmittag hörte ich, wie der Captain den Kriminellen auftrug, die politischen Gefangenen zu sexuellem Verkehr mit ihnen zu zwingen; ... Wenn die politischen Gefangenen den Kri­minellen Widerstand leisteten, wurden sie geschlagen und zum Nachgeben gezwungen. ..."


Auszug aus der eidesstattlichen Erklärung eines von der Straf­insel Robben Island entlassenen Gefangenen, nach S.Cronje, a.a.O. S.23f. vgl. auch die Zusammenfassung im Observer, London, 31.5.1964.



BANTU EDUCATION — DIE ERZIEHUNG FÜR SÜDAFRIKAS UNTERMENSCHEN


"Wir sollten den Eingeborenen keine akademische Ausbildung geben, ... Wenn wir das tun, werden wir später mit einer gros­sen Zahl von europäischen und nichteuropäischen Akademikern belastet sein, und wer soll dann in unserem Land die Handarbeit tun? Ich bin völlig einig mit der Auffassung, dass wir unsere Schulen so einrichten sollten, dass der Eingeborene, der Schulen besucht, weiss, dass er weitgehend der Hilfsarbeiter (labourer) in unserem Land sein muss."


Landwirtschaftsminister Le Roux, als Abgeordneter in einer Parlamentsdebatte über Erziehung im Jahre 1945, Hansard Bd. 11, nach I.B. Tabata, Education for Barbarism in South Africa, London 1960, S. 16.


"... die Politik, dass die Eingeborenen nicht ihrem Stamm entfremdet, sondern in ihrer eigenen Art erzogen werden sollten,




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und dass sie lernen sollten, gute Eingeborene als Stammesan­gehörige zu sein, und dass sie nicht Nachahmer des weissen Mannes sein sollten. Das ist die Politik für die wir eintre­ten, und nach meiner Auffassung ist das die einzig vernünfti­ge Politik."


Staatspräsident Swart, als Abgeordneter in der gleichen De­batte, nach Tabata, a.a.O. S.19.


"Sobald wir die Eingeborenenkinder lehren, dass alles, was der weisse Mann hat, das Beste ist, ... haben wir sie in eine po­tentielle Gefahr für die europäische Zivilisation verwandelt."


Postminister Hertzog, als Abgeordneter in der gleichen Debatte, nach Tabata, a.a.O. S. 19.


(Wenn der augenblicklichen Entwicklung nicht Einhalt geboten würde,) "werden wir innerhalb eines Jahrhunderts ein kaffee­braunes Volk sein. Wir werden nicht länger als Volk bestehen. Der weisse Mann wird hier nicht mehr existieren. ... Wir sagen, er (der Afrikaner) muss in der Hütte leben und wir müssen im Haus leben. ... Er ist uns nicht ebenbürtig (equal)."


Der nationalistische Abgeordnete G.H.F. Strydom in der gleichen Debatte, nach Tabata, a.a.O. S.19.


"In Südafrika weiss der Schwarze "wohin er gehört". Gewisser­massen auf die Hintertreppe für den Lieferanten und das Dienst­mädchen vergangener Zeiten. Das ist gewiss nicht ideal, aber es gibt keine bessere Lösung."


Aus einem Leserbrief zur Verteidigung der Apartheid, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.8.1964.


"Wenn wir hier in dem gemachten Vorschlag etwas zu weit gehen, dass nämlich einige der (afrikanischen) Kinder äuf dem Platteland (d.h. den Farmgebieten) die Schule besuchen sollten, dann kann meiner Meinung nach die Zukunft der südafrikanischen Landwirtschaft sich in sehr bedenklicher Weise entwickeln."


Der nationalistische Abgeordnete Cilliers in der erwähnten




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Debatte, nach Tabata, a.a.O. S.17.


"Wenn der Eingeborene in Südafrika heute ... zu erwarten ge­lehrt wird, dass er sein Erwachsenenleben unter einer Politik von gleichen Rechten leben wird, dann macht er einen grossen Fehler."

Ministerpräsident Verwoerd, als Minister für Eingeborenenangelegenheiten im Parlament im Jahre 1953. Harsard Band 11, nach Tabata a.a.O. S.19.


Bantu-Erziehungs-Gesetz (Bantu Education Act, 1953). Alle Schulen für Afrikaner werden einem eigenen Ministerium unter­stellt; gegenüber der weissen minderwertige und wesentlich bil­ligere Ausbildung, scharf beschränkter Zugang zur Mittel- und Oberstufe, Entlassung oppositioneller Lehrer, Provinzialisie­rung durch Verwendung afrikanischer Dialekte als Unterrichts­sprachen.


"Wenn ich die Kontrolle über die Eingeborenenerziehung habe, werde ich sie so reformieren, dass die Eingeborenen von Kind­heit an gelehrt werden zu begreifen, dass die Gleichheit mit den Europäern nichts für sie ist ... Leute. die von der Gleichheit überzeugt sind, sind als Lehrer für Eingeborene nicht erwünscht. ... Wenn mein Ministerium die Eingeborenenerziehung kontrolliert, wird man dort wissen, für welche Art der höhe­ren Erziehung ein Eingeborener geeignet ist, und ob er in seinem Leben eine Chance haben wird, seine Kenntnisse zu ver­werten."

Ministerpräsident Verwoerd, als Minister für Eingeborenenange­legenheiten bei der Debatte über den Bantu Education Act im Jahre 1953, nach B. Bunting, The Rise of the South African Reich, Penguin African Library 1964, S.205.


"Das allgemeine Ziel der Bantu Education Act ist die Umformung der Erziehung für Eingeborene in die Bantu-Erziehung.... Ein Bantu-Schüler muss Kenntnisse, Fertigkeiten und eine Einstellung erwerben, die nützlich und vorteilhaft für ihn




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und gleichzeitig förderlich für seine Gemeinschaft sind. ... Die Schule muss ihn so ausstatten, dass er die Bedürfnisse er­füllen kann, die das wirtschaftliche Leben Südafrikas von ihm fordert."


"Es gibt keinen Platz für ihn (den Afrikaner) in der euro­päischen Gemeinschaft oberhalb gewisser Formen von Handarbeit. ... Daher hat es keinen Zweck, wenn er eine Ausbildung er­hält, deren Ziel es ist, ihn in die europäische Gemeinschaft zu integrieren. ... Bisher wurde er von einem Schulsystem be­treut, das ihn von seiner eigenen Gemeinschaft wegführte und ihn in die Irre führte, indem es ihm die grünen Weiden der europäischen Gesellschaft zeigte, auf denen er nicht grasen darf."


"Was hat es für einen Sinn, ein Bantukind in Mathematik zu unterrichten, wenn es diese Kenntnisse in der Praxis nicht verwenden kann? ... Das ist absurd. Erziehung ist schliesslich kein Wolkenkuckucksheim. Erziehung soll die Menschen in Übereinstimmung mit ihren Möglichkeiten im Leben lehren und ausbil­den. … Daher ist es nötig, dass die Eingeborenenerziehung so kontrolliert wird, dass sie in Übereinstimmung mit der Po­litik des Staates ist."

Ministerpräsident Verwoerd, als Minister für Eingeborenen­angelegenheiten in einer Erklärung vor dem Oberhaus im Juni 1954, nach Bunting, S.205f., 217.




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DIE GESETZE DER APARTHEID (AUSWAHL)


1. Immorality Acts (1927, 1950, 1957). Durch diese drei Gesetze wurde der Geschlechtsverkehr zwischen Weißen und Nichtweißen verboten.

2. Prohibition of Mixed Marriages Act (1949). Verbot der Ehe zwischen Weißen und Nichtweißen, viele Eheleute müssen seither getrennt leben.

3. Group Areas Act (1950). Zwangstrennung der verschiedenen rassischen "Gruppen", meist zwangsweise Umsiedlung der Nichtweißen.

4. Population Registration Act (1950). Einstufung aller Südafrikaner nach "Rassenzugehörigkeit", d.h. Abstammung, Schädelmessung, Haartest usw.

5. Suppression of Communism Act (1950). Breiteste Definition des Begriffes Kommunist, Handhabe gegen alle Gegner der Apartheid.

6. Native Laws Amendment Act (1952). Verbietet Afrikanern, sich ohne Genehmigung länger als 72 Stunden in einem Stadtgebiet aufzuhalten, wenn sie dort nicht geboren und dauernd ansässig sind.

7. Natives (Abolition of Passes and Coordination of Documents) Act (1952). Auch afrikanische Frauen über 16 Jahren müssen ständig einen Paß bei sich tragen.

8. Bantu Education Act (1953). Alle Schulen für Afrikaner werden einem eigenen Ministerium unterstellt; minderwertige Erziehung gegenüber der Weißen, afrikanische Unterrichtssprachen statt Englisch, Entlassung kritischer Lehrer.

9. Native Labour (Settlement of Disputes) Act (1953). Streikverbot für Afrikaner.

10. Criminal Law Amendment Act (1953). Unterbindung des gewaltlosen Widerstands gegen die Apartheid durch Gefängnisstrafen bis zu 5 Jahren und Auspeitschung bis zu 10 Hieben.

11. Reservation of Separate Amenities Act (1953). Nach Rassen getrennte öffentliche Einrichtungen und Dienstleistungen dürfen qualitativ verschieden sein.

12. Public Safety Act (1953). Gibt der Regierung das Recht,




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für beliebig ausdehnbare Zeiträume den Notstand zu erklären und durch Verordnungen zu regieren.

13. Natives (Urban Areas Amendment) Act (1956). Ermöglicht ohne Gerichtsurteil die Verbannung von Afrikanern in entlegene Gebiete.

14. Natives Prohibition of Interdicts Act (1956). Verbietet den Erlaß einer einstweiligen Verfügung gegen einen Verbannungserlaß, wenn davon ein Afrikaner betroffen ist.

15. Separate Representation of Voters Act (1956). Der Mischlingsbevölkerung (10 %) wurde das allgemeine "weiße" Wahlrecht entzogen und stattdessen nur die Vertretung durch drei weiße Abgeordnete zugestanden.

16. Industrial Conciliation Act (1956). Verbot rassisch gemischter Gewerkschaften; gewisse höhere Berufe werden Weißen vorbehalten ("Job Reservation").

17. Native Laws Amendment Act (1957). U.a. Verbot für Afrikaner Gottesdienste in "weißen" Gebieten zu besuchen. Wegen Protests von Kirchen nicht angewendet.

18. Prisons Act (1959). Verbietet praktisch die Berichterstattung über Zustände in Gefängnissen, z.B. über Mißhandlungen.

19. Extension of Universities Education Act (1959). Die bisher allgemein zugänglichen Universitäten (Johannesburg, Kapstadt und Durban) werden Nichtweißen verschlossen.

20. Promotion of Bantu-Selfgovernment Act (1959). Die bisherige Parlamentsvertretung der Afrikaner durch drei Weiße wird beseitigt. Dafür sollen die Afrikaner (68 %) eine beschränkte Selbstverwaltung in den Reservaten erhalten ("Bantustans", 13% der Fläche Südafrikas).

21. Unlawful Organizations Act (1960). Vollmacht für die Regierung, gegen die Apartheid opponierende Vereinigungen zu verbieten z.B. ANC, PAC.

22 Factories, Machinery and Building Work Amendment Act (1960). Erweitert die Vollmachten der Regierung, für die verschiedenen "Rassen" getrennte Eingänge, Arbeits , Umkleide , und Waschräume usw. in Fabriken anzuordnen.




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23. General Law Amendment Act (1962), sog. Sabotagegesetz. Sehr weite Definition des Begriffes Sabotage, z.B. unbefugtes Betreten oder Aufenthalt auf einem Grundstück; der Angeklagte muß u.a. beweisen, daß er dabei nicht die Absicht zur Erreichung irgendeines politischen Zieles, etwa einer sozialen oder wirtschaftlichen Veränderung, gehabt hat. Strafen: 5 Jahre Gefängnis bis Todesstrafe.

24. Bantu Laws Amendment Act (1964). Nimmt über 7 Millionen Afrikanern das Aufenthalts  und Arbeitsrecht in den "weißen" Gebieten (87 % von Südafrika), auch wenn sie dort geboren wurden. Sie können von den Arbeitsämtern jeder Zeit ohne Rücksicht auf Frauen und Kinder an beliebige Arbeitsplätze versetzt werden. Politisch "unerwünschte" Personen können vom Bantukommissar an jeden Ort verschickt werden und zur Zwangsarbeit gezwungen werden. In Kraft seit 1.1.1965.

25. General Law Amendment Act (1963). Der Justizminister kann die von Gerichten gegen politische Häftlinge verhängten Gefängnisstrafen beliebig verlängern. Rückwirkende Bestrafung von Personen, die seit 1950 in Zusammenarbeit mit ausländischen Organisationen für gewaltsame Änderung der Zustände in Südafrika eingetreten sind (z.B. Boykott vor UNO); 5 Jahre Gefängnis bis Todesstrafe. Jeder Polizeioffizier kann ihm verdächtig erscheinende Personen beliebig oft zur "Befragung" (für je 90 Tage) in Einzelhaft halten; kein Recht auf Berufung vor Gerichten, Besuch durch Rechtsanwalt und Angehörige (am 11.1.1965 bis auf weiteres außer Kraft gesetzt). Einführung der Briefzensur.

26. Publications and Entertainments Act (1963). Strenge Überwachung von Presse, Verlagen, Ausstellungen und Filmen durch staatliche Zensur.


Zusammengestellt nach "Der Christ in der Welt" (Wien) 3/1963, mit Ergänzungen aus Brian Bunting, The Rise of the South African Reich, Penguin African Library 1963. Stand Ende 1963.




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KULTURABKOMMEN ZWISCHEN DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

UND DER REPUBLIK SÜDAFRIKA


Die Bundesrepublik Deutschland und die Republik Südafrika, in dem Bestreben, eine freundschaftliche Zusammenarbeit auf kulturellem Gebiet zu pflegen und dadurch das gegenseitige Verständnis zwischen beiden Völkern zu fördern, haben fol­gendes vereinbart:


Artikel 1

Die Vertragsparteien werden bestrebt sein,

a) den Austausch von Hochschullehrern, Dozenten, Lehrern, Forschern, Studenten, Journalisten und anderen empfoh­lenen Personen;

b) die Zusammenarbeit zwischen wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen und Zusammenschlüssen bei­der Länder;

c) gegenseitige Besuche ausgewählter Einzelpersonen und Personengruppen zur Förderung der kulturellen Zusam­menarbeit;

d) die Zusammenarbeit zwischen anerkannten Jugendorgani­sationen beider Länder;

zu erleichtern.


Artikel 2

Die Vertragsparteien werden bemüht sein, sich gegenseitig dabei zu unterstützen, ihren Völkern die Kultur des anderen Landes zu vermitteln, und dies insbesondere durch:

a) Bücher (unter Einschluß von Lehrbüchern), Zeitschrif­ten und Veröffentlichungen;

b) Vorträge;

c) Konzerte;

d) Kunst- und sonstige Ausstellungen;

e) Theateraufführungen;

f) Ton- und Fernsehfunk, Filme und andere technische Aus­drucks- und Verbreitungsmittel;

g) Zusammenarbeit auf dem Gebiet der geschichtlichen Forschung und der Benutzung von Archiven.




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Artikel 3

Die Vertragsparteien werden bemüht sein, Mittel bereitzu­stellen, um Staatsangehörigen des anderen Landes Stipen­dien zu gewähren, die eine Fortsetzung ihrer Studien oder die Durchführung von Forschungsarbeiten (oder eine tech­nische Ausbildung) an einer anerkannten Hochschule (oder sonstigen geeigneten Einrichtung) des eigenen Landes ermöglichen.


Artikel 4

(1) Die Vertragsparteien werden bemüht sein, die Einrichtung ­von Lehrstühlen, von Stellen für Dozenten und Assistenten sowie von Lehrgängen für die Landessprache, die Kultur, Literatur und Geschichte des anderen Landes an ihren Hoch­schulen und sonstigen Lehranstalten zu fördern.

(2) Die Vertragsparteien begrüßen jede Unterstützung, die der Verwirklichung der Ziele dieses Abkommens durch pri­vate Organisationen und Einrichtungen wie Schulen, Forschungsinstitute, bibliographische Stellen, Auskunftstellen und kulturelle Vereinigungen gewährt wird.

(3) Die Vertragsparteien sind darüber einig, daß sich die Bezeichnung "Landessprache" in Bezug auf die Republik Süd­afrika sowohl auf Englisch als auch auf Afrikaans bezieht. Um das Studium und die Erforschung von Afrikaans zu för­dern, wird sich die Regierung der Bundesrepublik Deutsch­land für den Austausch geeigneter Dozenten (oder Fachdozen­ten) einsetzen.


Artikel 5

Jede Vertragspartei wird in Erwägung ziehen, inwieweit und unter welchen Bedingungen akademische Grade, Diplome und Zeugnisse des einen Landes als den entsprechenden akademi­schen Graden, Diplomen und Zeugnissen des anderen Landes für akademische Zwecke gleichwertig anerkannt werden können.




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Artikel 6

(1) Zur Erteilung von Anregungen und Empfehlungen und zur Beratung der Vertragsparteien wird ein ständiger gemisch­ter Deutsch-Südafrikanischer Ausschuß gebildet. Der ge­mischte Ausschuß besteht aus zwei Abteilungen, einer deut­schen am Sitz der Bundesregierung und einer südafrikani­schen mit Sitz in Pretoria.

(2) Jede Abteilung besteht aus einem Vorsitzenden sowie zwei deutschen und zwei südafrikanischen Mitgliedern. Der Vorsitzende in Deutschland ist ein Deutscher, der in Pre­toria ist ein südafrikanischer Staatsangehöriger.

(3) Vorsitzender und Mitglieder des Ausschusses werden für die Bundesrepublik Deutschland vom Bundesminister des Auswärtigen im Einvernehmen mit den beteiligten Bundesminis­tern und den Kultusministern der Länder der Bundesrepublik Deutschland, für die Republik Südafrika vom Minister für Erziehung, Kunst und Wissenschaft ernannt.

(4) Die beiden Abteilungen des ständigen gemischten Aus­schusses treten nach Bedarf, mindestens aber alle zwei Jah­re an ihrem Sitz zusammen. Für die ordnungsgemässe Besetzung des Gesamtausschusses genügt es, wenn an den Sitzungen der einen Abteilung der Vorsitzende der anderen Abteilung oder ein von diesem zu bestimmendes Mitglied teilnimmt. Den Vor­sitz führt jeweils der Vorsitzende der Abteilung, in deren Land die Sitzung stattfindet.

(5) Der ständige gemischte Ausschuß und jede Abteilung kön­nen Sachverständige als Berater hinzuziehen.


Artikel 7

Die Rechtsvorschriften der Vertragsparteien über Einreise, Aufenthalt und Ausreise von Ausländern werden durch dieses Abkommen nicht berührt.


Artikel 8

In diesem Abkommen bedeutet "Land" auf deutscher Seite die Bundesrepublik Deutschland, auf seiten der Republik Südafrika die Republik Südafrika und das Gebiet Südwestafrika.




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Artikel 9

Dieses Abkommen gilt auch für das Land Berlin, sofern nicht die Regierung der Bundesrepublik Deutschland gegenüber der Regierung der Republik Südafrika innerhalb von drei Monaten nach Inkrafttreten dieses Abkommens eine gegenteilige Er­klärung abgibt.


Artikel 10

(1) Dieses Abkommen bedarf der Ratifikation; die Ratifika­tionsurkunden sollen so bald wie möglich in Bonn ausgetauscht werden.

(2) Dieses Abkommen tritt einen Monat nach Austausch der Ra­tifikationsurkunden in Kraft.

(3) Dieses Abkommen kann nach Ablauf von fünf Jahren nach seinem Inkrafttreten jederzeit schriftlich gekündigt werden; es tritt sechs Monate nach seiner Kündigung außer Kraft.


GESCHEHEN zu Kapstadt am 11. Juni 1962 in zwei Urschriften, jede in Deutsch, Afrikaans und Englisch, wobei jeder Wort­laut gleichermaßen verbindlich ist.


Für die Bundesrepublik Deutschland:

Karl Kuno OVERBECK


Für die Republik Südafrika:

J. de KLERK




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Nr. 1 - Tag der Ausgabe: Bonn, den 11. Januar 1964



Bekanntmachung


Über das Inkrafttreten des Kulturabkommens zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Südafrika


Vom 4. Dezember 1963


In Kapstadt ist am 11. Juni 1962 das Kultur­abkommen zwischen der Bundesrepublik Deutsch­land und der Republik Südafrika unterzeichnet worden.

Das Abkommen, das nach seinem Artikel 10 Abs. 2 am 25. Dezember 1963

in Kraft tritt wird nachstehend veröffentlicht.


Die Ratifikationsurkunden sind in Bonn am 25. November 1963 ausgetauscht worden.


Bonn, den 4. Dezember 1963


Der Bundesminister des Auswärtigen

In Vertretung

Lahr




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REPUBLIK SÜDAFRIKA und SÜDWESTAFRIKA - EINFÜHRENDE LITERATURLISTE



Bibliographien: Weiterführende Hinweise gibt F. Ansprenger, Kolonisierung und Entkolonisierung in Afrika, Stuttgart 1964, S.80; ders., Afrika, eine politische Länderkunde, Berlin 1964, S.120f., ausserdem die im folgenden mit LIT gekennzeichneten Bücher.


C.W. de Kiewiet, A History of South Africa, Social and Economic, Oxford 1941, LIT.


H. Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt 1957, S.304ff., LIT.


R. First, South West Africa, Penguin African Library AP 10, 1963, 5 sh.


H.Loth, Die christliche Mission in Südwestafrika. Zur destruk­tiven Rolle der Rheinischen Missionsgesellschaft beim Pro­zess der Staatsbildung in Südwestafrika 1842 bis 1893, Berlin (Akademie-Verlag) 1963, 180 S., DM 26.50, LIT.


J.Woddis, Africa, The Roots of the Revolt, London 1960, Africa, The Lion Awakes, 1961, beide deutsch: Afrika. Kontinent im Morgenrot, Berlin (Dietz) 1963, 650 S.. DM 16.50; Africa. The Way Ahead, 1962, 21 sh. Scharfe Darstellung eines englischen Kommunisten aus dem Weltgewerkschaftsbund. Ausführliche Personen-, Institutionen- und Firmenregister. LIT. (in Anmerkungen)


W.A. Hunton, Decision in Africa. Sources of Current Conflict, New York 1957, dt.: Entscheidung in Afrika, Berlin (Dietz) 1961, 384 S. DM 5.-. Kritische Einführung in die Geschichte der wirtschaftlichen "Beziehungen" der grossen Kapitalmächte, besonders der USA, zum Kontinent Afrika.


W. Schüler, "Apartheid" regiert Südafrika, Berlin (Dietz) 1961, 59 S. Stark vereinfachende, pamphletartige Schrift mit wert­vollen statistischen Angaben.


E. Czaya, Achse zum Kap. Das Bündnis zwischen Bonn und Südafrika, Berlin (Dietz) 1964, 297 S., DM 5.80. Die Beziehungen




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der Bundesrepublik zu Südafrika werden in allen Einzelheiten (wirtschaftlich, personell, ideologisch) und unter Verwendung umfangreichen Materials dargestellt, ohne dass damit die These des Titels überzeugend belegt würde. Anhang mit wichtigen sta­tistischen Angaben, Daten über westdeutsche Investitionen, Personen- und Institutionenregister.


C. u. M. Legum, South Africa, Crisis for the West. London 1964, 149 S., 12.6 sh. Im ersten Teil gibt der Afrikaspezialist des "Observer" einen knappen Abriss der Machtstruktur der südafri­kanischen Gesellschaft, im zweiten Teil werden die Möglichkeiten von internationalen Sanktionen untersucht.


F.P. Spooner, South African Predicament. The Economics of Apartheid, New York 1961, 288 S., 5 $. Im zweiten Teil wird die Apartheidpolitik vom Standpunkt der südafrikanischen Konsumgüterindustrie kritisiert; das mit genauen Zahlen gestützte Urteil über die ökonomische Durchführbarkeit des Bantustanprogramms ist vernichtend.


E. Hamer, Die Industrialisierung Südafrikas seit dem zweiten Weltkrieg, Stuttgart 1964, 116 S., DM 17.-, LIT. Detaillierte Einführung in Entwicklung und gegenwärtigen Stand für den westdeutschen Waren- und Kapitalexporteur.


D.H. Houghton, The South African Economy, Oxford 1964, 245 S., 30 sh. Kritische Darstellung nach der Methode des Kennedy  Anhängers Rostow, gestützt durch genaueAngaben über Löhne, Produktion in den Reservaten, Entwicklung des Staatskapitalismus, usw.


State of South Africa, Economic, Financial and Statistical Year-Book for the Republic of S.A., 1962, Johannesburg o.J., 471 S. (auch für 1963 erschienen). Offizielles Handbuch mit umfassenden statistischen Angaben und kurzen Einführungen.


W. Holzer, Das nackte Antlitz Afrikas, Frankfurt 1961, 520 S.

Der Verfasser ist Mitarbeiter der “Frankfurter Rundschau".


B. Bunting, The Rise of the South African Reich. Penguin African Library AP 12, 1964, 332 S., 4/6 sh. Detaillierte




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Einführung in die politische Entwicklung der Rassentrennungspolitik, mit genauen Angaben über die verschiedenen Gesetze, Massnahmen, usw., und vielen decouvrierenden Zitaten.


I.B. Tabata, Education for Barbarism in South Africa, London 1960 (Durban 1959), 100 S., 8/6 sh. Der ins Ausland geflohene Präsident des Non-European Unity Movement stellt kritisch die diskriminierende Bantu-Erziehung dar.


G. Mbeki, The Peasants Revolt, Penguin African Library AP 9, 1964, 158 S., 3/6 sh. Kritische Darstellung und Analyse der "Bantustan-Politik" durch den zusammen mit Nelson Mandela zu lebenslänglicher Haft verurteilten Agrarexperten des African National Congress.


P. Duncan, South Africas Rule of Violence, London 1964, 139 S.,

12/6 sh; mit mehreren Fotographien. Eine Sammlung von Presseberichten über Gewalttätigkeiten gegenüber Farbigen auf dem Land, in Gefängnissen usw.


S. Cronje, Witness in the Dark, Police Torture and Brutality in South Africa, 1964, 1/6 sh., Christian Action, 2 Amen Court, London EC 4.


M. Jenny, Afrika ist nicht nur schwarz, Düsseldorf und Wien 1963, 209 S. Populäre Darstellung eines mit Verwoerd sympatisierenden Journalisten aus der Schweiz.




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T. Huddleston, Weine, du geliebtes Land (aus dem Englischen), München 1960, 247 S. Ein anglikanischer Ordensgeistlicher be­richtet kritisch und engagiert über seine Erfahrungen in den schwarzen Vorstädten Johannesburgs.


M. Scott, A Time to Speak, London 1958. Dem vorigen vergleich­bar.


A.Paton, Und deinen Nächsten wie dich selbst, Erlebtes aus Südafrika (aus dem Englischen), Hamburg 1961, 151 S. Der Schriftsteller Paton ist der anerkannte Sprecher der (links) liberalen Opposition gegen die Apartheidpolitik.


G.Gordon, Four People, London 1964, 30 sh. Der Verfasser des Romans, der die Geschichte eines sich im Netz der Apartheid verstrickenden Afrikaners darstellt, ist in Deutschland als Hauptverteidiger des wegen Sabotage im Jahre 1964 zu 10 Jahren Straflager verurteilten Germanisten Neville Alexander bekannt geworden.


B. Modisane, Weiss ist das Gesetz (aus dem Englischen). München/Zürich 1964, 356 S. Ein afrikanischer Journalist beschreibt seine Jugend in einem Slum von Johannesburg. In Form und In­halt kommen die schwankenden Versuche zum Ausdruck, zwischen Selbstverachtung und -erhöhung das eigene Ich zu finden.


P. Abrahams, Dort, wo die weissen Schatten fallen, Frankfurt 1956, 319 S. Dem vorigen vergleichbar, aber nüchterner; aus den dreissiger Jahren.


F. J.T. Lee, Anatomy of Apartheid in Southern Africa, New York 1966, 43 S., DM 2.-.

The Anatomy of Apartheid, Frankfurt 1966, 20 S. DM 1,50.

The Freedom Struggle in South Africa, Lusaka 1966, 20 S., DM 1,50.




NACHWORT



Die sorgfältige wissenschaftliche Analyse der politischen Entwicklung nach Verwoerds Tod, besonders aber der letzten drei Monate bringt eine höchst wichtige Tendenz der Regierung Vorster ans Licht.


Die bedeutendste Veränderung vollzog sich in der Aussenpolitik. Qualitativ scheinbar neue Beziehungen werden zu den schwarz regierten, "unabhängigen" afrikanischen Staaten, besonders zu Malawi, Lesotho und Botswana angestrebt. Für sie prägten Vorster's Minister die Schlag­worte "freundliche Koexistenz" und "fruchtbare Kooperation". (Finan­cial Mail, Feb. 3, 1967)


Schon seit langem versuchen die westlichen Wirtschaftspartner der süd­afrikanischen Republik diese zu den moralischen und politischen Stan­dards der kapitalistischen "freien Welt" zurückzurufen. Daher ist es nur allzu verständlich, dass nach dem Tode des "Symbols" Verwoerd Vorster als dessen Antipode propagiert wird.


Ganze zwölf Tage nach Verwoerds Ermordung schrieb die südafrikanische Sunday Times: "Vorster hat sich zum Ziel gesetzt die Isolation Süd­afrikas auf internationaler Ebene zu durchbrechen."


Zur Realisierung dieses Ziels wird nun eine nationale und internatio­nale Propagandaaktion gestartet; dies macht sich auch in der bundes­republikanischen Presse bemerkbar.


Die analytisch weiterführende Frage lautet nun: Warum ist Südafrika objektiv gezwungen eine solche politische Linie zu verfolgen? Wo liegt deren Rationalität, was sind ihre tieferen Implikationen und Auswirkungen auf die Freiheitsbewegung?


Seit Verwoerds Tod wird in der westlichen Presse ein Bild von Vorster gemalt, dass ihn als "freundlichen, urbanen, intelligenten, golf­spielenden Familienvater” schildert (Time Magazine). Man liess den Hitler-Anhänger und Schöpfer einer Vielzahl von drakonischen Rassen­gesetzen einfach in Vergessenheit sinken.


Obendrein muss sich die südafrikanische Republik gegen mögliche ökonomische Sanktionen des Auslands absichern. Ebenso soll ein mili­tärischer Angriff von Seiten anderer afrikanischer Staaten oder von Übersee durch die angestrebte Aussenpolitik unmöglich gemacht werden.


Ein nächster Schritt für Vorster ist es, die südafrikanische Ökonomie zu stabilisieren. Im Moment wächst die verarbeitende Industrie mit grosser Geschwindigkeit und übertrifft damit die traditionellen wirtschaftlichen Schwerpunkte, den Bergbau und die Landwirtschaft. Auch seinen Konsumgütermarkt muss Südafrika zu erweitern suchen. Denn der Binnenmarkt ist beschränkt wegen der geringen Konsumenten­nachfrage, die wiederum auf die extrem niedrigen Löhne der Nicht-Weissen, die jedoch vier Fünftel der Bevölkerung ausmachen, zurück­zuführen ist.


Südafrika will also politisch, ökonomisch und militärisch von der Politik der "freundlichen Koexistenz" profitieren.


Sollte dies gelingen, so bedeutet dies eine Erschwerung des Freiheits­kampfes der unterdrückten Majorität. Das Leiden wird verlängert, die Revolution hinausgezögert.


Dies hat ernste negative Folgen für die Freiheits- und Unabhängig­keitsbestrebungen des ganzen afrikanischen Kontinents.


Trotz eines neuen Führers an seiner Spitze ist das südafrikanische Regime so undemokratisch und unmenschlich wie je zuvor.


Die inneren Widersprüche der Apartheid lassen sich nicht durch eine liberale Außenpolitik, sondern nur durch eine tiefgreifende Veränderung, d.h. eine sozio-ökonomische Revolution lösen.


F.J.T.L.

Frankfurt am Main, am 15. Juni 1967.