Referat zum Thema

Rassismus

Dresden, 30.10.1993


 

Thesenhafte Kurzfassung

 

Die Begriffe „Rasse“, „rassisches Vorurteil“ und „Rassismus“ sind kontroverse, vage Begriffe, welche in den letzten Jahrhunderten ideologische Verwirrung gestiftet und soziale Katastrophen angerichtet haben. Schon vor der Französischen Revolution hatten große, bürgerliche Philosophen wie Montesquieu und Voltaire die Grundlagen des „wissenschaftlichen“, rassistischen Gedankenguts gelegt. Damals erfuhr Europa eine technologische und wissenschaftliche Entwicklung, wie sie die Welt noch nie gesehen hatte, begleitet von einem starken Gefühl der „Überlegenheit der weißen Rasse“. Die Sozialwissenschaften tragen den Stempel dieser patriarchalen Arroganz des „Herrenvolks“ noch bis heute, und die Anthropologie sowie die Ethnologie versuchten, die europäische Vorherrschaft, und später, zu Beginn dieses Jahrhunderts, die Überlegenheit des weißen „Menschen“, wissenschaftlich zu rechtfertigen.

 

Der Begriff „Rasse“, wie er heutzutage benutzt wird, erschien zum ersten Mal im Jahre 1684, in der Epoche, in welcher Holland eine Kolonie in Südafrika besaß; der Begriff tauchte in einem von Francois Bernier geschriebenen Buch auf, einem französischen Arzt und Weltreisenden, der „vier oder fünf Rassen von Völkern“ unterschied, deren physische und psychische Verschiedenheiten so offensichtlich seien, daß sie „logischerweise“ (formal-logisch!) als Grundlage für eine „neue Einteilung der Welt“ herangezogen werden müßten. Der tatsächliche Begründer der Rassen-Doktrin als einer modernen Ideologie war der schwedische Naturwissenschaftler Carl von Linné, welcher die menschliche Gattung in vier „Rassen“ einteilte: in „Indianer“, „Europäer“, „Asiaten“ und „Neger“. Später perfektionierten Johann F. Blumenbach, Houston Chamberlain, G.V. de Lapouge und Arthur de Gobineau die Ideologie der Überlegenheit der „weißen Rasse“.

 

Wenn wir in Betracht ziehen, daß die Sprache an sich vom „Rassismus“ befreit werden muß, und daß diese Aufgabe noch nicht einmal begonnen wurde, sehen wir uns dazu gezwungen mit unwissenschaftlichen Begriffen zu arbeiten, die die historische Wirklichkeit weder angemessen reflektieren noch reproduzieren.

 

So finden wir schon in den alten „Zivilisationen“ ähnlich „rassistisch“ geprägte, soziale Verhaltensweisen, die jedoch in ihrem Wesen durchaus nicht dem entsprechen, was wir heute darunter verstehen. Nehmen wir zum Beispiel den Begriff „barbarisch“. Dieser Begriff hatte an Ort und Stelle, nämlich im alten Griechenland, keineswegs die moderne, „rassistische“ Konnotation, im Gegenteil: Die Griechen ermunterten die „Barbaren“ dazu, sich an der griechischen „Kultur“ zu beteiligen und sich frei zu verheiraten; später wurden alle „Europäer“, „Asiaten“ und „Afrikaner“, nachdem sie sich der „griechischen Kultur“ angepaßt hatten, integraler Bestandteil des ehrenhaften Begriffs „Hellas“. Alexander der Große selbst gab das „anti-rassistische“ Beispiel: Er ehelichte eine schöne, „barbarische“ Prinzessin, eine Perserin. Wir sehen, daß ein Mensch im Altertum lediglich aufgrund seiner sozialen Gruppenzugehörigkeit, oder aufgrund der Ausübung kulturell fremder oder „barbarischer“ Bräuche, nicht jedoch aufgrund seiner Hautfarbe, verachtet wurde.

 

Vom Römischen Reich angefangen, über die europäischen Invasionen der Barbaren und dem Ottomanischen Reich bis hin zur Ära der politischen Herrschaft des mittelalterlichen, römischen Katholizismus verdankte sich die die Sklaverei und Knechtschaft rechtfertigende, ideologische Rationalisierung nicht der Hautfarbe der Sklaven, sondern der Tatsache, daß diese eine von ihren „Herren“ verschiedene Kultur oder Religion besaßen. Die Afrikaner wurden nicht deshalb versklavt, weil sie eine schwarze Hautfarbe hatten, sondern weil sie keine Christen waren, und selbstverständlich aus Gründen der Kapitalakkumulation und der Super-Profite. In Portugal wurden diejenigen Afrikaner, die dem Christentum beitraten, befreit und sie konnten portugiesische Bürger heiraten. Aber, bereits während des Zeitalters der Entdeckung und der „Zivilisation der Heiden“, verwandelten sich eben genau die europäischen Sprachen der Sklavenhalter in ein „Transportmittel“ zur Verbreitung rassistischer Ideologie.

 

Schließlich und endlich drückt ja die Sprache die herrschenden Ideen der herrschenden Klassen aus, und genau auf diese Weise durchdrang „rassistisches“ Gedankengut die Kindermärchen und -Bücher, die Kinderreime und -Lieder, auf diese Weise entstanden die „zehn kleinen Negerlein“, „Struwwelpeter“, „Bimbo“, und auch Figuren wie „Tarzan“ oder „Winnetou“.

 

Der Kapitalismus und der moderne „Rassismus“ haben eine gemeinsame Entstehungsgeschichte. Der „Rassismus“ ist eine direkte Folge der Entstehung des Kolonialismus und des Imperialismus, welche ersteren aufrechterhielten und bereicherten. In dem Maße, wie sich der Kapitalismus zur „freien Marktwirtschaft“ entwickelt hat, wie die internationale Arbeitsteilung sich unter fundamentalen Strukturveränderungen und „technologischen Revolutionen“ zur „neuen Weltordnung“ verfeinert hat, hat sich der ideologische Reflex davon entwickelt und bis zum modernen „Rassismus“ verfeinert.

 

Der „Rassismus“ als Ideologie des modernen Kapitalismus internationalisiert sich fortschreitend; wesentlich handelt es sich dabei um nicht mehr und nicht weniger als die ideologische Rechtfertigung ÖKONOMISCHER AUSBEUTUNG, POLITISCHER UNTERDRÜCKUNG, SOZIALER DISKRIMINIERUNG, und MENSCHLICHER ENTFREMDUNG im Weltmaßstab. Es ist nicht zufällig, daß genau diese vier Faktoren die Quintessenz desselben Kapitalismus bilden: Es gibt keinen „Rassismus“ ohne Kapitalismus, und umgekehrt, es gibt Kapitalismus nicht ohne „Rassismus“. Genau deswegen ist der „Rassismus“ in Südafrika nach der Abschaffung der Apartheid noch ebenso heftig wie eh und je, und nicht nur in Südafrika, sondern in allen Ländern der Welt, die durch den Weltmarkt aneinandergekettet sind.

 

Möglicherweise wird die die „neue Weltordnung“ rechtfertigen müssende Ideologie ein radikalisierter „Rassismus“, ein nie dagewesener Weltfaschismus sein, dessen Vorwehen sich in den neofaschistischen Ausbrüchen sowohl in den Metropolen als auch in einigen neokolonialen Ländern zu manifestieren beginnen.