PANDEMONIUM  DIE ZEIT  WATCH

No. 505

19/01/03

* Anti-Terror-Einsatz --  Das Unternehmen Schneewüste. 

* Kriegsvorbereitungen -- Der Aufmarsch -- 
Wie Amerika sich auf einen Feldzug gegen den Irak
vorbereitet - Szenarien eines Präventivkrieges. 

* Irak -- „Ein Krieg ums Öl ist ökonomischer Unsinn“ --
Das Ende Saddam Husseins würde den Amerikanern
wirtschaftlich nicht nützen – ein ZEIT-Gespräch mit
dem Wirtschaftsforscher William Nordhaus.


Anti-Terror-Einsatz

Das Unternehmen Schneewüste

Ein Nato-Partner wird eingebunden. Im südungarischen Dorf Taszár beginnen amerikanische Ausbilder, Exil-Araber für die Nachkriegszeit im Irak zu drillen

Taszár/Budapest


Taszár, am ersten Montag des neuen Jahres. Ein Dorf, das in der Wüste liegt. Schnee und Eis halten es gefangen. Später werden Wasser und Schlamm es einkreisen. Sobald der frühe Winterabend hereinbricht, gehen die Leute an die Fernseher. Die heruntergelassenen Rollläden lassen keinen Lichtstrahl mehr in die schneidende Kälte dringen. Hundegebell weht aus der Puszta herüber und verschwindet wieder, als zöge ein Schlitten durch die Polarnacht.

Plötzlich ist ein Heulen in der Luft, wächst schnell an und läuft draußen irgendwo am Rande des Dorfes vorbei. Ein Flugzeugtriebwerk. Der Lärm stirbt ab. Unter den Füßen knirscht wieder der Schnee. Ein grauer Bus gleitet über die vereiste Hauptstraße, auf der sich schwacher Laternenschimmer spiegelt. „Blue Bird“ steht auf dem Bus. So heißt ein amerikanischer Militärorden. Die Scheiben sind dunkel getönt. Tibor Mercz in seiner dick wattierten Jacke schaut dem Bus nach.

„Herr Bürgermeister, wer sitzt in dem Bus, wohin fährt er?“

„Das wissen wir nicht.“

Niemand in Ungarn weiß im Voraus, wer hier ins Land kommt. Selbst die Fluglotsen erfuhren erst im letzten Moment, dass an jenem Montag vergangener Woche eine Vorhut amerikanischer Offiziere in Taszár zur Landung ansetzte. Neben der 2100-Seelen-Gemeinde liegen eine drei Kilometer lange Rollbahn und ein Armeeflughafen aus der Zeit des Warschauer Pakts. Während der Balkan-Kriege mieteten die Amerikaner den Stützpunkt an. Jetzt möbeln sie ihn für ihr Irak-Unternehmen auf. Seit jenem Montag sind bereits mehr als 150 Militärpolizisten eingetroffen. In der dritten Januar-Woche soll die Zahl amerikanischer Armeeangehöriger in dem Dorf südlich des Plattensees auf nahezu 1000 aufgestockt sein. Ein Zweisternegeneral wird sie anführen. Die Ausbilder warten auf bis zu 3000 arabische Emigranten. Die Exilanten werden nach dem 25. Januar in mehreren Schüben eingeflogen und jeweils 90 Tage auf der Base bleiben.

Woher sie stammen, aus welchen Ländern, Gruppen, Stämmen, Clans, ob sie in der Hauptzahl Iraker und Kurden sind, wofür genau sie ausgebildet werden – niemand hat da vorerst Einblick beim Nato-Partner Ungarn. Man weiß nichts, aber das kennt man von früher. Aus dem Warschauer Pakt.

Die angeheuerten Bush-Gehilfen sollen ihre im Schnee und Schlamm von Taszár erworbenen Fähigkeiten im heißen Bagdad einsetzen. Militärpolizisten, Dolmetscher, Spione, die aus der Kälte kommen. Um sie auf dem eingemotteten Fliegerhorst überhaupt unterbringen zu können, hat die amerikanische Firma Brown and Root jetzt erst einmal 500 ungarische Bauleute, Schreiner, Klempner angemietet. Ihre Zahl soll sich noch verdoppeln.

Alle amerikanischen Armeeangehörigen fahren zum Golf. Ein riesiges Lazarettschiff ist in Richtung Irak unterwegs. Fünf Flugzeugträgerverbände werden bald vor seinen Küsten kreuzen. 95000 US-Soldaten sind inzwischen schon um das alte Mesopotamien zusammengezogen. Nur die fast 3000 arabischen Aufbauhelfer für ein amerikanisch besetztes Bagdad nach Saddam Hussein müssen sich beim Plattensee wie für einen Winterkrieg eingraben. Warum?

Das fragen sich die ungarischen Politiker, seit die Amerikaner sie am 30. November vergangenen Jahres mit ihrem Ansinnen konfrontiert haben. „Vielleicht lassen sich die irakischen Emigranten aus ganz Europa hier am einfachsten zusammenziehen“, meint Ungarns Verteidigungsminister Ferenc Juhász. Der alerte junge Mann von den postkommunistischen Sozialisten sagt das in Weste und Hemdsärmeln. Um ihn herum überprüfen Fernmeldetechniker gerade routinemäßig die Standleitung zum Pentagon.

Der stellvertretende Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, István Simicskó von der rechtskonservativen Oppositionspartei Fidesz, widerspricht lebhaft: „Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass Taszár zwar ein Tor zum Balkan, aber doch nicht nach Bagdad ist. Jeder amerikanische Stützpunkt rund um den Irak, von Kuwait bis Bahrain, wäre geeigneter.“ Sosehr die beiden Politiker und ihre Parteien einander ansonsten widersprechen, in einem Punkt sind sich alle einig. „Natürlich wollen die Amerikaner immer mehr Länder in ihr Unternehmen hineinziehen“, sagt der Verteidigungsminister. Sein Kontrahent benutzt fast die gleichen Worte. Auch die Bürgermeister in und um Taszár sehen es so.

Der kleine südungarische Ort ist in den großen Strategiewandel der Regierung Bush einbezogen. An seinem Beispiel zeigt sich exemplarisch, wie man das Lager der Verbündeten in ein neues System der Gefolgschaft zu überführen versucht. Nato und EU werden verwoben, integrierte Schaltungen regionaler Stützpunkte, Kommandos, Allianzen angelegt. Taszár wird so mit Bagdad gekoppelt, als globales Dorf der Weltmachtpolitik rekrutiert.


Ihr Interesse an Tászar meldeten die Amerikaner Ende November unmittelbar vor dem Prager Nato-Gipfel an. Nancy Goodman-Brinker, US-Botschafterin in Budapest, trug das Begehren zusammen mit ihrem diplomatischen Gefolge bei Ministerpräsident Péter Medgyessy vor. Der Regierungschef berief sogleich den Nationalen Sicherheitsrat ein. Es hatte die Ungarn kalt erwischt. Die Amerikaner wünschten zunächst – was allerdings nie an die Öffentlichkeit drang –, in Taszár auch arabische Kombattanten auszubilden. Einige Mitglieder der ungarischen Kabinettsrunde waren in vorauseilender Bereitschaft gewillt, die Amerikaner auf dem Stützpunkt insgeheim gewähren zu lassen. Die Mehrheit jedoch entschied, Taszár nur unter bestimmten Auflagen für das Vorhaben freizugeben.

Der Muezzin wird sich warm anziehen müssen

„Die Positionen, mit denen wir die Unterredungen begannen, sind nicht so wichtig“, umschreibt Verteidigungsminister Juhász das Tauziehen diplomatisch, „entscheidend ist das Ergebnis der Absprachen. Die zur US-Armee gehörenden Personen arabischer Abstammung werden in Bagdad ausschließlich im Rahmen der Cimic, der zivil-militärischen Zusammenarbeit, eingesetzt. Wir haben bei den Amerikanern durchgesetzt, dass unsere Behörden alle Daten über die Ankömmlinge in Taszár erhalten und behalten können. Wir werden sie einer zusätzlichen ungarischen Kontrolle unterziehen.“

Am 17. Dezember trat Ungarns Außenminister László Kovács mit dem brisanten Paket vor das Parlament. Die arabischen Emigranten, so beteuerte er, würden nach ihrer Ausbildung „nicht auf direktem Wege aus Ungarn zu den Kampfgebieten abkommandiert“. Am 18. Dezember schob Regierungssprecher Zoltán J. Gál nach: „Die Regierung besteht darauf, dass die auszubildenden Personen keine Waffe mit sich führen und den Stützpunkt während ihrer Ausbildung nicht verlassen dürfen.“ Noch vor diesen Ankündigungen war der Verteidigungsminister bereits in die Ortschaften rund um den Militärflughafen geeilt. Ferenc Juhász: „Taszár darf nichts merken, außer dass morgens der Muezzin zum Gebet ruft.“

Der wird sich warm anziehen müssen. So wie Józsefné Kopácsi. Mit einem blau geblümten Kittelkleid über den schweren Wintersachen schippt sie Schnee. Um vier Uhr früh ist sie aufgestanden. Bei ihrem Haus enden Dorf und Straße in einer Schneewehe. Dahinter steht ein Wachturm aus kommunistischen Tagen vor verstreuten, weiß verschneiten Schuppen: die Seitenansicht des künftigen Ausbildungslagers. In einem schlechten Russland-Film würde man sie mit Balalaika-Musik untermalen.

Von der baldigen Ankunft arabischer Emigranten hat Frau Kopácsi gehört. Sie hat ihr Dorf nie verlassen – aber sie lebte schon im Warschauer Pakt, dann in der Nato, sah die US-Kampfflugzeuge F-16 gen Jugoslawien starten und fügt sich nun in die amerikanischen Militärkoordinaten für den möglichen Golfkrieg: „Warum sollte ich Angst haben? Ich kenne die Soldaten, seit ich ganz klein war. Wir haben immer ,Helo, helo‘ gerufen. Das verstehen alle.“

Taszár ist ein geteiltes Dorf mit geteilten Ansichten. Die Hauptstraße erinnert an die k. u. k. Zeit. Viel Schönbrunner Gelb, dazu weiße, ein paar grüne und ein hellrotes Häuschen. Gepflegte Bescheidenheit. Der Gemischtwarenladen, die Schule mit den rot-weiß-grünen Farben Ungarns. Die Kinder mit ihren bunten Tornistern leuchten im Schnee wie ein Lampionzug. Die Lehrerinnen bringen die Klassen im Kollektiv nach Hause. Die Eltern beginnen zu fragen, ob ihre Kleinen in Schule und Kindergarten noch sicher sind. Am Wochenende hat die ungarische Armee Boden-Luft-Rakten um das Dorf stationiert, um den Stützpunkt gegen Terroranschläge abzuschirmen. Polizisten und Zivilschützer werden in die Region abkommandiert.

Das schöne Taszár endet in der Kossuth-Straße. Sie zweigt mitten im Dorf nach links ab. Dort steht die Mauer. Aus grauem Beton, so hoch und mit so viel Stacheldraht wie damals in Berlin. Nur dass die von Taszár zu höheren Jahren gekommen ist. Die Mauer führt zum Checkpoint Kapos. Das ist der Haupteingang zum Stützpunkt, versperrt von einer roten Schranke und einem Warnschild: „Die Einrichtung wird von Militärpolizei mit Hunden bewacht!“ Für die innere Sicherheit sorgen die Amerikaner. Den äußeren Wachring bilden ungarische Soldaten. Die Kamera in der Hand reicht. Ein Hüne in Tarnuniform mit MP stürzt heraus: „Wollen Sie weitergehen, oder soll ich meinen Vorgesetzten rufen…“

Dem Checkpoint gegenüber liegen die grauen Wohnblocks, die für die Militärangehörigen des Warschauer Pakts gebaut wurden. Nur einmal, 1995, überzog ein Goldrausch die Tristesse, erfasste erst ganz Taszár und dann halb Ungarn. Die größte und reichste Armee der Welt mietete den Stützpunkt als vorgeschobene Kommandostelle für ihre europäischen Bodentruppen. Alle US-Einheiten für den Einsatz in Bosnien wurden hier durchgeschleust. Ungarische Agrarproduzenten und Lebensmittellieferanten, neue Unternehmer und das älteste Gewerbe der Welt setzten auf Taszár.

Der Traum vom Eldorado währte nicht lange. Die Amerikaner flogen selbst Brot, Eier und Mineralwasser via Ramstein und Kaiserslautern ein. Ausgegangen wurde nur im sauberen Dutzend und ohne Alkoholgenuss. Dafür luden die Militärs Waisen und Schüler ins alte Ostblock-Kulturhaus, zu Kinderkarneval und Verkehrserziehung. Denn die Bewohner des schmalen Straßendorfes waren schwere Konvois nicht gewohnt. Farbige Soldaten kannten sie nur vom Bildschirm.

Geblieben von alldem ist nur der Kosmonaut Jurij Gagarin, dessen Skulptur vor dem bröckelnden Kulturhaus eine weiße Schneekappe trägt. In der Eingangshalle links vergilbt die Traditionsecke der ungarischen Jagdflieger. Das MG einer MiG21, ein Schleudersitz mit verblichenem Rohseide-Fallschirm, Bordmechanik, zerlegt wie der alte Ostblock.

Kein Wunder, dass Bürgermeister Mercz, ein solider 49-jähriger Werkzeugmechaniker, Mittel aus der Staatskasse fordert, um zumindest dieses Haus neu zu gestalten: „Wir haben bisher nicht viel davon gehabt, dass die Amerikaner den Stützpunkt in unserer Gemeinde nutzen. Und Taszár nimmt jetzt ein zusätzliches Risiko auf sich. Die Stimmung gegen den Krieg wächst.“

Der Bürgermeister von Taszár arbeitet in Kaposvár. Viele aus dem Dorf pendeln in die nahe Stadt mit ihren 70000 Einwohnern. In den Cafés dort nippen jetzt wieder durchtrainierte Amerikaner an Cocas oder Espressos. Es sind die Quartiermacher für die US-Offiziere. Während des Jugoslawien-Krieges hatten sie zwei Hotels für die höheren Ränge angemietet. Die amerikanische Vorhut hat am Tag nach ihrer geheim gehaltenen Ankunft dem Bürgermeister von Kaposvár, Károly Szita, die Aufwartung gemacht. Sie hat ihn nicht umstimmen können. „Ich bin nicht erfreut, dass die Regierung das zugelassen hat“, sagt der populäre Diplomingenieur. „Uns geht es nicht vorrangig um die 500 Arbeitsplätze, sondern um die Sicherheit aller Bürger hier. Die sehen wir nicht gewährleistet, weil die Amerikaner ihre Vorstellungen reichlich spät unterbreiteten und unsere Regierung die Grenzen ihrer Zugeständnisse nicht präzise genug absteckte.“

Das Versagen der alten Regierung half den USA

Die konservative Opposition in Budapest wirft der Linkskoalition vor, dass sie sich mit ihrer Zusage auf dem internationalen Parkett anzubiedern versuche. István Simicskó war früher Staatssekretär für nationale Sicherheit in der Regierung Orbán, die im vergangenen April abgewählt wurde. Er erklärt das Einvernehmen zwischen der US-Regierung und den Postkommunisten damit, „dass Ministerpräsident Medgyessy, der in der sozialistischen Ära für den Geheimdienst arbeitete, jetzt außenpolitische Vergangenheitsbewältigung betreiben muss“.

Das stellt die amerikanisch-ungarische Vorgeschichte schlicht auf den Kopf. Erstens bestand Medgyessys einstige Geheimdienstaufgabe darin, Ungarns Beziehungen zu den westlichen Finanzinstitutionen gegenüber Moskau abzuschirmen. Und zweitens weigerte sich die nationalkonservative Regierung Viktor Orbáns nach Ungarns Nato-Beitritt 1999 demonstrativ, die übernommenen Pflichten der Modernisierung und Anpassung an die Standards des Bündnisses auszuführen.

Dieses Versagen hat es für die Amerikaner jetzt leichter gemacht, die Linkskoalition zumindest halb über den Tisch zu ziehen. Am 1. November erschien in Foreign Affairs ein Aufsatz mit der Kernaussage: „Ungarn hat den Preis des am meisten enttäuschenden neuen Nato-Mitglieds gewonnen.“ Wenige Tage später stellte sich Ministerpräsident Medgyessy im Weißen Haus vor. Er wurde mit höchsten Ehren empfangen und dazu eingeladen, gemeinsam einen neuen Anfang zu machen. Am 30. November folgte der amerikanische Eröffnungszug. Taszár wurde zum Bauernopfer.

Im Dorf bricht wieder der Abend an. Im letzten Winterlicht leuchten die bunten Straßenschilder. Alle Seitenstraßen, die ins weiße Nichts führen, tragen die Namen legendärer Freiheitskämpfer wie Petöfi, Kossuth, Dózsa. Ein ehemaliger ungarischer Diplomat sagt am Ortsausgang: „Trotz aller Revolutionen bleibt uns immer ein großer Bruder.“

Kriegsvorbereitungen

Der Aufmarsch

Wie Amerika sich auf einen Feldzug gegen den Irak vorbereitet - Szenarien eines Präventivkrieges


Natürlich hat sich der Stützpunkt Fort Hood herausgeputzt, als der Präsident zu Besuch kommt. Kein Stäubchen auf den Raketenwerfern, die George W. Bush bewundern soll. Keines auf den Panzern, auf deren Kanonenrohren Soldaten die Aufforderung „Burn Baby Burn“ gepinselt haben. Der Präsident nimmt es in diesen Januartagen auf sich, die Nation auf Krieg einzustimmen. Diesmal ist er in die weite Ödnis seines geliebten Texas gereist, zum 3.Gepanzerten Korps, das sich selbst „America’s Hammer“ nennt.

In einer riesigen Sporthalle sind 4000 Soldaten im Tarnanzug angetreten, und in der ersten Reihe steht ihr Oberbefehlshaber im grünen Armee-Blouson. Rechts, auf Brusthöhe, ist der Name „Bush“ aufgenäht. „Sollten wir gezwungen sein zu handeln“, ruft er, „so werden wir handeln, in der besten amerikanischen Tradition!“ Und unter lautem Beifall verspricht der Präsident: „Wenn Saddam sein Schicksal besiegeln sollte, indem er die Weltmeinung ignoriert und sich nicht entwaffnet, so werden wir kämpfen. Nicht, um ein Land zu besetzen, sondern um Menschen zu befreien.“ Zwanzig Minuten dauert der beschwörende Appell, schließlich schmettert es aus 4000 Kehlen zurück: „Die Armee ist auf dem Weg. Zählt im Rhythmus laut und klar: Zwei! drei! Die Armee ist auf dem Weg.“ Bush presst die Lippen aufeinander. Es ist ein patriotischer Moment, in dem Amerikas Präsident, Gattin Laura am Arm, ein paar Tränen verdrückt.

Was Amerika in diesen Tagen erlebt, ist der Countdown eines angekündigten Krieges. Allein am vergangenen Wochenende hat der Verteidigungsminister 62000 Soldaten den Marschbefehl erteilt. Bis Anfang Februar könnten schon 120000 amerikanische Soldaten am Golf sein. Es scheint, als könne nichts mehr Amerika von seinem Vorhaben abbringen – ausgenommen vielleicht ein Putsch gegen Saddam oder dessen Selbstmord.

Lange sah es so aus, als werde es sehr bald nach dem Zwischenbericht der UN-Inspektoren (am 27. Januar) und Bushs „Rede zur Lage der Nation“ (am 28. Januar) ernst. Seit Ende vergangener Woche aber hat es den Anschein, als wolle Bush den Inspektoren mehr Zeit geben. Allzu lange wird er aber nicht warten wollen. Eine Ewigkeit kann die große Truppe am Golf nicht in Bereitschaft bleiben. Außerdem naht im Irak dann die kriegsfeindliche Sommerhitze.

Selten ist über einen Krieg so lange diskutiert worden. Meist sind Vorhersagen über die Strategie so zuverlässig wie Börsentipps, was gestreut wird, ist Desinformation; im Kosmos der Militärs ist alles geheim. Diesmal haben die Strategen im Pentagon der Welt den Gefallen getan, über die Aufmarschpläne, Bodentruppen, über Häuserkampf und Spezialkommandos und die Gefahren eines Bioangriffs öffentlich zu streiten. Eines ist gewiss: Wenn dieser Krieg stattfindet, wird er radikal anders sein. Anders als der erste Golfkrieg, anders als der Afghanistan-Feldzug. Er wird noch moderner, noch amerikanischer werden, ein Schauspiel der tödlichen Hochtechnologie.

Vorerst übt Amerikas Militär noch, für den schlimmsten aller Fälle, zum Beispiel im kalifornischen Camp Pendleton. Da steht ein Arzt vor 48 Rekruten. „Hey, Doc, was ist das Gas, das dich deine Eingeweide ausspucken lässt?“, fragt einer. „VX“, lautet die Antwort. Tödlich. Unsichtbar. Geruchlos. „Wer kennt das Gas, das 1995 bei dem Terroranschlag auf die Tokyoter U-Bahn benutzt wurde?“, will der Arzt wissen. „Sarin!“, rufen einige. Kommentar des Arztes: „Saddam hat große Vorräte davon.“ Einer der Rekruten sagt: „Im Ernstfall hast du neun Sekunden, deine Maske aufzusetzen.“ Seit einem Jahr erst tragen die jungen Männer Uniform. „September 11 Marines“ werden sie genannt, weil sie sich meldeten, um gegen den Terror zu kämpfen. Seither begleitet die Washington Post die Rekruten. Soeben ist der bislang düsterste Bericht erschienen. Obwohl keiner der Vorgesetzten davon spricht, wissen alle: Es geht in den Irak. Zwar hören die Soldaten, dass sich die eigene ABC-Abwehr seit dem Golfkrieg 1991 verbessert habe. Jeder hat jetzt einen Schutzanzug. Auch neue Sensoren gibt es, neue Spürpanzer. Zugleich weiß jeder: Die Gefahr ist gewachsen.

Bislang kennt die Geschichte erst drei Beispiele, in denen Staaten, die Massenvernichtungswaffen besitzen, gegeneinander gekämpft haben – Sowjets und Chinesen 1969 am Fluss Ussuri sowie Inder und Pakistani im Grenzkonflikt des Jahres 2000. Beides waren nur Scharmützel, anders als der erste Golfkrieg zwischen Saddams Irak und einer amerikanisch geführten Koalition. Damals, 1991, funktionierte die Abschreckung. Die Amerikaner schrieben Saddam, ihr Kriegsziel sei, Kuwait zu befreien, mehr nicht. Setze Saddam allerdings ABC-Waffen ein, gehe es ihm an den Kragen. Saddam verstand. Nichts war ihm wichtiger als sein eigenes Überleben.

Anders die Situation heute. Kriegsziel ist es, Saddam zu stürzen. Erkenne Saddam, dass Amerika nicht länger abzuschrecken sei, schrieb CIA-Chef George Tenet im Oktober 2002 an den US-Kongress, könne der Diktator leicht B- und CWaffen als „letzte Chance verstehen, Rache zu üben“. Er ginge quasi unter in einer Giftgaswolke. Bedroht wären die Nachbarstaaten, amerikanische Truppen, Israel und – durch einen staatsterroristischen Anschlag – das amerikanische Mutterland.

Diese Einschätzung muss Falken und Tauben gleichermaßen irritieren. Tauben, weil Saddam demnach viel gefährlicher wäre, als sie glauben. Falken, weil ein Angriff „russischem Roulette“ gleichen würde, wie der Columbia-Professor und Terror-Experte Richard K. Betts in Foreign Affairs schreibt. Die Falken kontern, genau diese Gefahr sei Grund des Einmarsches. Wer abwarte, gerate in noch größere Gefahr. „Das sind alles nur relative Risiken, wenn man bedenkt, dass Saddam – allein gelassen – eine Atombombe bauen könnte“, analysiert der Nahost-Experte Michael Rubin in New Republic. Die gesamte Kriegsstrategie der Amerikaner muss deshalb darauf gerichtet sein, frühzeitig jene Waffen auszuschalten, die die UN-Inspektoren seit Wochen suchen und nicht finden. Viel wird davon abhängen, ob die US-High-Tech-Spionage am Himmel besser ist als die UN-Suchmannschaft am Boden. Selbst wenn die Amerikaner die nötige Kenntnis hätten, bliebe ein Dilemma: Wer Kampfstoff-Behälter bombardiert, setzt Biosporen oder Giftgas frei – ein tödliches Risiko für Tausende von Menschen. „Die Wolke“, fürchtet einer der Fachberater des Pentagons, „könnte bis in den Iran getrieben werden.“

Nach Recherchen von New York Times, Washington Post und einer Analyse des Center for Strategic and International Studies wollen die Kriegsplaner diesem Problem begegnen, indem zuerst die Trägersysteme für die Kampfstoffe angegriffen werden sollen, also Raketen und unbemannte Flugobjekte. Die Zerstörung der Kampfstoffe wäre später Aufgabe der Besatzungstruppen. Einzig in Bunkern tief unter der Erde gelagerte Kampfstoffe sollen aus der Luft attackiert werden, mit dem so genannten „Bunker-Buster“, der neu entwickelten thermobarischen Bombe. Diese Waffe dringt zunächst in die unterirdischen Vorratshallen ein und entwickelt dort eine so gewaltige Hitze, dass sie Sporen biologischer Waffen zerstört und die chemischen Verbindungen von C-Waffen zerfallen lässt. Erstmals haben die Amerikaner diese lasergesteuerte Bombe, die erst nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 in Windeseile entwickelt worden war, in den Kämpfen um Osama bin Ladens afghanisches Refugium Tora Bora eingesetzt.

Eine der Hauptsorgen amerikanischer Kriegsplaner gilt Israel. Schon im Golfkrieg schoss Saddam seine Scud-Raketen in Richtung Tel Aviv. Er hat allen Grund, es wieder zu versuchen. Unverändert ist sein Ziel, den Konflikt auszuweiten und die arabischen Nationen auf seine Seite zu ziehen. 1991 gelang es den Amerikanern, Israel vom Gegenschlag abzuhalten – weil Saddam nur konventionelle Sprengköpfe mit geringer Wirkung einsetzte. Verwendet er diesmal Chemiewaffen, ist die Eskalation programmiert. Allerdings besitzt Hussein keine Mittelstreckenraketen mehr. Die musste der Irak nach dem Waffenstillstand zerstören. Saddam soll aber die Reichweite seiner Kurzstreckenraketen vertragswidrig vergrößert haben, um Israel treffen zu können. Deshalb zielt die Strategie der Amerikaner darauf, gleich zu Beginn des Krieges den Westen des Landes einzunehmen oder jedenfalls dort Abschussbasen zu zerstören. An der jordanischen Grenze wären demnach Luftlandungen oder Spezialkommandos zu erwarten.

Mit dem Propagandakrieg hat Amerika schon begonnen. Jeder irakische Offizier, der Massenvernichtungswaffen einsetzt, soll wissen, was ihm geschieht – und deshalb die Finger vom Abzug lassen. Seit Oktober warnt Präsident Bush, Militärgerichte würden Saddams willige Helfer aburteilen. Allerdings traten kürzlich fünf desertierte irakische Generäle in Washington auf und plädierten dafür, Iraks Militär eine Zukunft zu geben. Anreize für Wohlverhalten seien die beste Methode, um Offiziere zur Befehlsverweigerung, zur Desertion oder zum Putsch zu ermutigen. Dieses Argument scheint die amerikanische Regierung überzeugt zu haben. Das jüngste Planungsdokument, das dem Präsidenten in diesen Tagen vorgelegt werden soll, spricht nur noch von „Schlüsselfiguren“, die „zur Verantwortung gezogen werden“ sollen.

Zeitgleich ist ein weiteres Detail durchgesickert. Von Kriegsbeginn an sollen Drohnen vom Typ Global Hawk und unbemannte Flugzeuge vom Typ Predator die vermuteten Kampfstoff-Lager mit Video-Kameras überwachen. Dieser Roboter erlebte im Afghanistan-Krieg seinen Jungfernflug und ist das erste unbemannte Kampfflugzeug der Weltgeschichte; an seinem Rumpf haftet eine Rakete. Der Einsatz von Predator im Irak soll sicherstellen: Wer zu Massenvernichtungswaffen greift, der wird aus der Luft hingerichtet. Geht dieser Plan auf, dann hätten die Amerikaner mittels Präzisionswaffen das seit 50 Jahren wirkende Gesetz der Abschreckung außer Kraft gesetzt.

Ob es wirklich so weit kommt? Unter den strategischen Planern gibt es Optimisten, die mit dem schlimmsten Fall nicht rechnen. Sie erinnern an die kurze Belagerung des Örtchens Ba’adre. Dort, in der quasiautonomen Kurden-Zone, fielen vor gut zwei Jahren Saddams Truppen ein. Der damalige US-Präsident Clinton schickte Kampfflugzeuge. Kein Schuss fiel, auch keine Bombe. Als die Jets im Tiefflug über die irakischen Linien donnerten, ließen 138 irakische Soldaten ihre Waffen fallen und ergaben sich den Kurden. Der Rest floh. Daraus ziehen Washingtons Kriegs-Optimisten den Schluss: Konfrontiert mit einer Übermacht, kämpfen Saddams Truppen nicht. Genauso wenig wie im ersten Golfkrieg, als die Iraker der alliierten Bodenoffensive nur 100 Stunden standhielten und sich einige Soldaten sogar italienischen Kriegsreportern ergaben. Seit jener Zeit, so die Vermutung, seien Saddams Truppen eher noch schwächer geworden. Die reguläre Armee, 300000 Mann stark, sei miserabel ausgerüstet, demoralisiert und illoyal. Zehn Prozent der Wehrpflichtigen desertierten, obwohl darauf die Todesstrafe steht. Da die Republikanischen Garden, 80000 Mann stark, inzwischen genauso unzuverlässig seien, könne Saddam nur noch auf seine 15000 Mann starke Elitetruppe zählen, die Speziellen Republikanischen Garden.

Der Verteidigungsminister will eine leichte, bewegliche Truppe

Deshalb glaubt Richard Perle, Chef-Berater des Pentagons, der Diktator werde „am Ende von den eigenen Leuten entmachtet“. Sobald die Amerikaner vor der Tür ständen, ergreife die Opposition die Initiative. Von dieser Theorie haben sich besonders die größten Befürworter dieses Krieges überzeugt, Amerikas Neokonservative. Selbst wenn die Amerikaner kämpfen müssten, schreibt zum Beispiel Kenneth Adelman, einst Assistent von Donald Rumsfeld, werde es „ein Spaziergang“.

Logische Konsequenz dieses Glaubenssatzes ist die Behauptung, es würden für die Invasion nur wenige Soldaten gebraucht. Ein Gedanke, der an der zivilen Spitze des Verteidigungsministeriums Anhänger gefunden hat. Jedenfalls sahen die ersten Pläne des Ministers nur die Entsendung von rund 75000 Soldaten vor. Doch dieses Vorhaben löste den Protest unter den Militärs des Ministeriums aus.

Rumsfeld, der sich als Modernisierer sieht, will das Militär ins Informationszeitalter beamen, will eine leichte, bewegliche, mit neuester Elektronik ausgerüstete Truppe. Er fühlt sich aber umstellt von strukturkonservativen Militärs, die den Krieg von morgen mit den Waffen von gestern führen und die Panzer und Geschütze und das ganze Großgerät des Industriezeitalters ins Feld schieben wollen. Viele Vier-Sterne-Generäle hält er für risikoscheu, ideenlos und verdorben von der friedensliebenden Linken, kurzum: für „clintonisiert“. Die Doktrin, wonach Amerika nur mit gewaltiger Übermacht angreifen dürfe, ist für Rumsfeld eine Methode der Militärs, Krieg zu verhindern. Amerikas technologischer und taktischer Vorsprung, glaubt der Minister, garantiere die Übermacht auch mit wenigen Soldaten. Dass noch nicht jede Einheit mit High-Tech-Bewaffnung dienen kann, stört ihn nicht. „Als die Deutschen den Blitzkrieg erfanden“, sagte er kürzlich in einer Rede, „haben sie zuerst nur 10 oder 15 Prozent ihrer Streitkräfte modernisiert. Was sie trotzdem erfolgreich machte, war die Vernetzung zwischen Luftwaffe und Panzertruppe, die neue Taktik und die Konzentration der Kräfte.“

Wer mit „altem Denken“ kommt, wird vom Minister abgewatscht. Als sein Generalstabschef ihm nach dem 11. September die ersten Pläne für den Afghanistan-Krieg vorlegte, erklärte Rumsfeld die Skizze für „fantasielos“ und forderte: „Bitte von vorn anfangen.“ Dasselbe ist den Irak-Strategen widerfahren. Sogar mehrfach. Zuletzt wurde im Oktober 2002 öffentlich, dass der Minister den ganzen Aufmarsch-Plan zur Überarbeitung zurückgegeben hat. Rumsfeld will, dass dieser Feldzug zum Sinnbild des modernen Krieges wird – und damit zum Symbol amerikanischer Überlegenheit.

Seine Generäle stellen sich nicht gegen die Modernisierung. Wohl aber gegen Rumsfelds Lehre. Viele von ihnen halten den Irak-Krieg ohnehin für vermeidbar. Und dann soll er auch noch risikoreich geführt werden. Ist Krieg mit mehr Soldaten weniger modern?, fragen sie. Rumsfeld halten sie für den Poltergeist vom Pentagon, persönlich beleidigend und beratungsresistent, jedenfalls solange der Berater eine Uniform trägt. Er traue, heißt es, allein seinem kleinen, ideologisch zuverlässigen Kreis ziviler Mitarbeiter. Diese Gruppe, darunter Rumsfelds Stellvertreter Paul Wolfowitz, heißt im Pentagon-Schmäh chicken hawks, also „Hühner-Falken“: Spitzenbeamte, die nie gedient haben, aber den Krieg als großen Problemlöser sehen und erfahrenen Militärs vorschreiben, wie er zu führen sei.

Anfangs haben die Generäle nur unwillig gegrummelt. Dann tauchten wie zufällig Papiere aus dem Pentagon auf, ausgerechnet solche, die Rumsfelds ideologische Fixierung belegen sollten. In der nächsten Eskalationsstufe machten pensionierte Generäle, die niemand mehr entlassen kann, auf die Gefahren einer „leichten Invasion“ aufmerksam. Inzwischen scheint eine Teilstreitmacht, die Armee, in kaum verhohlene Opposition zu Rumsfeld gegangen zu sein. Deren Chef, General Eric Shinseki, hat seine Skepsis gegenüber Rumsfelds Invasions-Plänen kurz vor Weihnachten sogar öffentlich gemacht. Das grenzt in der hierarchischen Kultur der amerikanischen Streitkräfte an Ungehorsam im Dienst.

Die Führung des Pentagons versucht seit Wochen, einen Kompromiss zu finden. Anfang Januar hat sich einer der führenden Beamten anonym mit der Bemerkung zitieren lassen, die „Option der leichten Invasion“ sei „vom Tisch“. Ein Krieg habe nicht das Ziel, „den Feind zu besiegen“, sondern ihm „seinen Kampfwillen zu nehmen“. Das tue man am besten, indem man „eine gewaltige Übermacht“ aufmarschieren lasse. Die Generäle bekommen also ihre Soldaten, 250000 statt 75000, aber nicht dort, wo sie das gern hätten. Das jüngste concept of operations sieht einen „rollierenden Aufmarsch“ vor. Danach begänne der Angriff mit einer relativ kleinen Truppe. Die Masse der Soldaten hielte sich in Reserve, die meisten in Europa. Kritiker sehen auch in diesem Plan „das Rezept für ein Desaster“, wie Kenneth Pollack schreibt, ein Nahost-Experte der Brookings Institution. Langsame Truppenverstärkung ruft in Amerika eine kollektive Erinnerung wach: Vietnam!

Das Pentagon reagiert mit dem neuen Aufmarschplan auf ein Dilemma: Es fehlen Verbündete. Bislang haben Saudi-Arabien und die Türkei nur Überflugsrechte und die Nutzung von Flughäfen zugesagt. Eine Nordfront, für die 80000 US-Soldaten vorgesehen sind, gibt es deshalb nicht. Amerikanische Bodentruppen könnten nur von Kuwait aus angreifen. Die Strategen behelfen sich mit dem „Modell Kandahar“. Dort, im Süden Afghanistans, landeten die Amerikaner damals schon, als die Taliban noch Teile des Landes kontrollierten. Im Falle des Irak-Krieges gäbe es also nur ein kurzes, intensives Bombardement, bevor amerikanische (und ein paar britische) Luftlandetruppen Brückenköpfe aufbauen. Weitere Truppen könnten nachziehen. Bleibt es bei diesem Plan (und gelänge er auch noch), bewiese Amerika, dass ein militärischer Alleingang möglich geworden ist.

Nach diesem Konzept könnten die Bodentruppen versuchen, von Kuwait aus schnell den Süden des Irak einzunehmen, um den dortigen Schiiten Gelegenheit zum Aufstand gegen Saddam zu geben. Sie müssten die Ölfelder kontrollieren, damit Saddam sie nicht anzünden kann. Sie würden im Norden die Öl-Städte Kirkuk und Mosul besetzen, damit es nicht zu bewaffnetem Streit zwischen Kurden und Türken kommt. Und sie würden auf Saddams Heimatstadt Tikrit zielen, weil dort seine Machtbasis liegt und seine Geheimpolizei ihre Zentrale hat. Diese Truppe, meinen Experten, kontrolliere die Massenvernichtungswaffen.

Die Amerikaner erwarten, dass die irakische Armee aus ihrer Niederlage von 1991 Lehren gezogen hat und sich nicht noch einmal in der Weite des Landes dem Bombardement aussetzen wird. Stattdessen besitzt der Geheimdienst Hinweise darauf, dass sich Saddams loyalste Truppen rund um Bagdad eingraben. Offenbar wollen sie die US-Armee inmitten einer Fünf-Millionen-Metropole in eine Art Guerillakrieg verwickeln – ein Albtraum für die Pentagon-Planer.

Immer schon sei der Straßenkampf, wie es im Army Magazine heißt, „der große Gleichmacher“ gewesen. Geht es nach der mutmaßlichen Taktik Saddams, wäre Block um Block, Straße um Straße, Haus um Haus zu erobern. Verlieren könnten die Amerikaner kaum, aber aus dem Feldzug würde ein Pyrrhus-Sieg. „Wir hätten große Verluste, es gäbe zivile Tote, und die Bilder auf Al-Dschasira-TV hülfen uns nicht weiter“, meint General Anthony Zinni, der Nahost-Gesandte des Außenministeriums. Für die konservative Zeitschrift National Review wäre es ein „Bagrad-Szenario“ – Amerikas Stalingrad. Auf eine Herausforderung dieser Art hat Amerika im vergangenen Jahr mit einer Überarbeitung seiner Doktrin für den Krieg in Städten reagiert. Das Konzept wurde im September 2002 verabschiedet und heißt Doctrine for Joint Urban Operations. An die Seite der chirurgischen Luftschläge wollen die Planer den Präzisionskrieg in der Stadt treten lassen.

Seit dem Zweiten Weltkrieg war es amerikanischer Brauch, Städte – wenn irgend möglich – zu umstellen, aber nicht anzugreifen. Im Weltkrieg zündeten sie Städte zuerst mit Brandbomben aus der Luft an, belegten sie mit schwerem Artilleriefeuer und marschierten dann in die Ruinen ein.

Dieses Vorgehen empfiehlt sich nicht, wenn die Amerikaner sich als Befreier sehen und ein diktatorisches Regime stürzen wollen. „Man kann nicht einfach reingehen und eine Stadt zu Staub machen, wenn es das Ziel ist, den schnellen Übergang zu einer neuen, amerikafreundlichen Regierung zu ermöglichen“, sagt Oberst Nicholson, Mitarbeiter des Armee-Staatssekretärs Thomas E. White.

Nach der neuen Doktrin beginnt die Operation mit „multidimensionaler Überwachung“. Diese Phase hat längst begonnen. Seit Monaten identifizieren Fachleute „Regime-Ziele“: Führungsbunker, Geheimpolizei, Luftverteidigungs-Stellungen, Saddams Sondertruppen. Ausländische Baufirmen wurden gebeten, die Pläne von Saddams Palästen zu übergeben. Der Kampf um Bagdad begänne ganz klassisch mit einer Belagerung, ergänzt um elektronisches Störfeuer. Nach dem Konzept ist es Ziel der Amerikaner, „Bewegung von Menschen, Nachschub und Informationen vollständig zu kontrollieren“. Müssten eigene Soldaten die Stadt betreten, dann nur „mit überwältigender Kampfkraft“ und auch nur, um einige Straßen und einige wenige strategische Gebäude einzunehmen – durch „Geschwindigkeit, Feuerkraft und Schock“. Die Luftwaffe unterstützte die Schlacht durch Zerstörung einzelner Gebäude. Der Kampf fände nur nachts statt. Dann könnten die Amerikaner wenigstens ihre High-Tech-Optik samt Nachtsichtgeräten sowie Wärmesensoren einsetzen.

Die Piloten am Himmel werden zu Exekutionskommandos

Ob es dazu kommt, wird von der Loyalität der irakischen Truppen und von der amerikanischen Luftwaffe abhängen. Die könnte den Krieg schon vorher mit ihrer „Strategie der Dekapitation“ entschieden haben. Denn auch die anfänglichen Luftangriffe sollen klarmachen, dass nicht die Bevölkerung getroffen werden soll, sondern nur der „Kopf“, die Führung. Anders als beim Bombardement Serbiens im Jahre 1999 sieht der jüngste Kriegsplan offenbar keine Angriffe auf die Infrastruktur vor, auf Brücken, Eisenbahnen oder Industrieanlagen. Sogar die reguläre Armee könnte vom Bombardement verschont werden – sofern sie ihren Kampfpositionen fern bleibt.

In der Militärgeschichte gibt es kein Land, dass sich stärker auf seine Luftwaffe gestützt hat, als es Amerika heute tut. In Umkehrung der historischen Rollenverteilung assistieren heute die Bodentruppen der Luftwaffe, Resultat einer technologischen Revolution, die mit der Erfindung der Laserbombe begann und unter den Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush in die so genannte Transformation mündete: die Modernisierung von Waffensystemen, Taktik und Organisation mithilfe der Errungenschaften des Informationszeitalters.

Im Golfkrieg 1991 betrug der Anteil der Präzisionswaffen neun Prozent, im Kosovo 1999 waren es 30 Prozent und in Afghanistan 2001 schon 60 Prozent. Ein emblematisches Bild dieses Krieges zeigt einen Soldaten der Sonderkommandos neben Satellitentelefon und Laptop. Er gibt Zielkoordinaten direkt in den Bordcomputer über ihm kreisender Bomber ein. Diese Aufnahme markiert einen neuen Sprung in der kriegstechnologischen Entwicklung: die Integration mehrerer Systeme, die Piloten zu Exekutionskommandos aus dem Himmel werden lässt. Manche Fachleute preisen diese Entwicklung. „Krieg, der große Verschwender menschlichen Lebens, wird erheblich humaner“, meint Richard P. Hallion vom australischen War Powers Centre. Die Zahl ziviler Opfer sinke. Es gehe heute darum, einen Gegner zu kontrollieren, statt ihn auszulöschen. Allerdings konnte Hallions Aufsatz die Lehren des jüngsten Afghanistan-Krieges noch nicht berücksichtigen.

Durch die Treffgenauigkeit hat die Luftwaffe die Zahl der Flugzeuge drastisch reduzieren können. Plötzlich war es möglich, die gesamte Flotte in der Luft zu betanken. Deshalb konnten die B-52-Bomber vom Stützpunkt Diego Garcia im Indischen Ozean aufsteigen, die B-2-Tarnkappenbomber sogar von ihrer Basis in Missouri. Amerika vermag also jetzt überall auf der Welt anzugreifen, ohne dafür noch Verbündete zu brauchen. Das könne „die Neigung zum Alleingang“ stärken, schreibt Hans Binnendijk in seinem eben erschienenen Buch Transforming America’s Military. Die Verheißung des leichten Sieges drohe Krieg zu einem bevorzugten Instrument der Politik zu machen, nicht zu ihrem letzten. Am Ende gibt es also weniger Tote pro Krieg, dafür mehr Kriege. Vor allem mehr Kriege mit amerikanischer Beteiligung – manche im Auftrag, andere gegen den Willen der Weltgemeinschaft. Binnendijk, der an der National Defense University in Washington lehrt, nennt beides eine „ungesunde Militarisierung amerikanischer Außenpolitik“.

Revolutionen des Kriegshandwerks haben von jeher mehr verändert als der Krieg selbst. Verbesserungen der Artillerie erlaubten im 15. Jahrhundert die Einnahme von Burgen, was den Niedergang des Feudalismus beschleunigte. Die Entwicklung mit Kanonen bewaffneter Segelschiffe beförderte den europäischen Kolonialismus. Napoleons levée en masse und die Geburt der Bürgerarmee wurden zu Instrumenten des aufkommenden Nationalismus. Heute verleiht der computerisierte Präzisionskrieg dem unipolaren Zeitalter größere Dauer. Kommt es zum Irak-Krieg, und zwar so, wie ihn die Strategen gegenwärtig planen, wird er zum Symbol dieser neuen Ära.

Irak

„Ein Krieg ums Öl ist ökonomischer Unsinn“

Das Ende Saddam Husseins würde den Amerikanern wirtschaftlich nicht nützen – ein ZEIT-Gespräch mit dem Wirtschaftsforscher William Nordhaus

die zeit: Professor Nordhaus, Kritiker in aller Welt behaupten, der amerikanische Präsident George Bush wolle den Irak nur wegen des Öls angreifen.

William D. Nordhaus: Das ist ökonomischer Unsinn. Es dürfte für die USA sehr schwer werden, von diesem Krieg zu profitieren. Im Gegenteil, mit Kriegsbeginn wird wahrscheinlich der Ölpreis weiter steigen, das Konsumentenvertrauen einbrechen, und das wird der amerikanischen Volkswirtschaft schaden. Der europäischen übrigens auch.

zeit: Obwohl es im Augenblick so aussieht, als würden sich die Europäer kaum an diesem Krieg beteiligen. In der Bush-Administration fiel bereits das Wort „Trittbrettfahrer“…

Nordhaus: Richtig, die direkten Kriegskosten werden womöglich allein die USA tragen. Aber die machen ja nur einen Teil der gesamten Kosten aus. Die indirekten Kosten sind größer, und sie entstehen durch die Auswirkungen auf die Konjunktur. Ich habe das einmal durchgerechnet: Bei einem kurzen Krieg lägen die rein militärischen Kosten bei rund 50 Milliarden Dollar und damit bei etwa der Hälfte der volkswirtschaftlichen Gesamtkosten von 100 Milliarden Dollar. Bei einem längeren, schwierigen Krieg beliefen sich die Kriegskosten hingegen auf 140 Milliarden, aber das wäre weniger als ein Zehntel der dann zu erwartenden Gesamtkosten von 1,9 Billionen Dollar. Wohlgemerkt, das sind nur die Kosten für die USA. Die konjunkturellen Schäden blieben natürlich nicht auf ein Land beschränkt.

zeit: Demnach fallen kurzfristig hohe Kosten an. Aber zahlt es sich nicht langfristig doch aus, wenn die USA und die westliche Welt sich das irakische Öl sichern?

Nordhaus: Kann ich mir nicht vorstellen. Es sei denn, der Krieg führt zum Auseinanderbrechen des Opec-Ölkartells. Wenn dann ein neues Regime im Irak wie verrückt Öl förderte, fiele der Ölpreis dramatisch. Zugleich stiege allerdings unsere Abhängigkeit vom Öl aus dem Persischen Golf noch mehr.

zeit: Auch ohne eine Zunahme der Fördermengen – ist die langfristige Sicherung der Ölversorgung nicht allein schon ein ökonomisch sinnvoller Kriegsgrund für die USA?

Nordhaus: Ich glaube nicht, dass die politische Ausrichtung eines irakischen Regimes einen wirklichen Unterschied macht. Öl ist das Hauptexportprodukt des Irak, die Iraker müssen es einfach exportieren. Der Westen bekommt das Öl also in jedem Fall. Wenn die amerikanische Regierung einigermaßen klar über diese Dinge nachdenkt – was ich nicht garantieren kann, aber nehmen wir es einmal an –, dann ist Öl kein wesentlicher Kriegsgrund.

zeit: Auch ohne Öl haben Kriege in der Vergangenheit oft Wirtschaftsaufschwünge ausgelöst. Schon allein weil der Staat plötzlich so viel für Waffen ausgibt.

Nordhaus: Historisch gesehen stimmt das. Kriegszeiten waren oft Zeiten der Vollbeschäftigung und des schnellen Wirtschaftswachstums in Amerika, siehe die beiden Weltkriege, den Koreakrieg, den Vietnamkrieg. Aber schon im ersten Golfkrieg 1990/91 war es nicht mehr so. Ganz im Gegenteil, die Wirtschaft rutschte in eine Rezession.

zeit: Worin lag der Unterschied?

Nordhaus: In der Vergangenheit gingen amerikanische Kriege tatsächlich mit einem rapiden Anstieg der Verteidigungsausgaben einher. Im Zweiten Weltkrieg betrugen die zusätzlichen Rüstungsausgaben 41 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, im Koreakrieg acht Prozent, im Vietnamkrieg immerhin noch zwei Prozent. Aber Sie merken schon, diese Zahl sinkt, und im Golfkrieg 1990/91 gab es kaum noch einen Anstieg der Verteidigungsausgaben über das Normalmaß hinaus. Also dominieren in der Wirkung auf die Wirtschaft andere Faktoren – die Psychologie, der Ölpreis. Im Golfkrieg fiel die Börse, das Konsumentenvertrauen verschwand, der Dollar fiel. Die Lage besserte sich erst wieder, als der Krieg vorbei war. Diesmal wird es uns nicht anders ergehen.

zeit: Aber die Börsenkurse sind ja bereits im Keller, die Zuversicht der Verbraucher und der Unternehmer ist gedrückt wegen der Furcht vor einem Krieg, der Ölpreis steigt. Könnte nicht allein der Ausbruch eines Krieges die Spannung lösen und die Stimmung wieder anheben? Ganz zu schweigen von frühen militärischen Erfolgen?

Nordhaus: Im Fall eines kurzen, günstig verlaufenden Krieges rechne ich in der Tat mit einer kurzfristig positiven Wirkung. Aber, ehrlich gesagt, mit keiner besonders großen. Wir reden hier von Bruchteilen eines Prozents an zusätzlichem Wachstum. Wenn es andererseits einen längeren, komplizierten Krieg gibt, werden wir erneut in eine Rezession schlittern.

zeit: Nun hat Präsident Bush ja vorgesorgt und in den vergangenen Monaten gleich mehrere Steuersenkungs- und „Stimulations“-Programme verabschiedet. Werden die das Schlimmste verhindern?

Nordhaus: Möglich, aber ich sehe es mit Sorge, dass die Regierung Bush zugleich den Bundeshaushalt plündert. Aus Überschüssen in Höhe von 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sind inzwischen Defizite in derselben Größenordnung geworden, und es wird noch deutlich schlimmer kommen. Diese Verschlechterung kann man nur zur Hälfte dem Konjunkturzyklus zuschreiben.

zeit: In der jetzigen Lage ist ein unausgeglichener Haushalt wohl das kleinere Problem.

Nordhaus: Ich glaube, dass wir mittelfristig einen ausgeglichenen Haushalt anstreben sollten. Aber in der Tat, in einem wirtschaftlichen Abschwung hat das nicht unbedingt Priorität. Sie kennen dieses Problem ja aus Deutschland: Ausgerechnet in Zeiten ökonomischer Probleme und hoher Arbeitslosigkeit fordert der Stabilitätspakt, die Haushalte zu beschneiden, was die Krise nur noch verschlimmert.

zeit: Sprich, die amerikanischen Steuersenkungen kommen zur rechten Zeit.

Nordhaus: Das eine Problem ist, dass die Regierung Bush, wie einst die frühe Regierung Reagan, das Haushaltsdefizit praktisch ignoriert. Das andere Problem liegt darin, dass die jüngsten Steuersenkungen relativ wenig Wirkung zeigen werden. Um die Konjunktur anzukurbeln, müsste man die Steuern viel schneller senken oder sie stärker den Mittelschichten und den ärmeren Amerikanern zugute kommen lassen. Denn die tragen einen deutlich größeren Anteil ihres Einkommens in die Geschäfte als die reichen Amerikaner.

zeit: Als wesentlichen Kostenpunkt eines Golfkriegs haben Sie in Ihrer Studie die längere Besetzung des Iraks aufgeführt, die möglichen Kosten einer „Nationenbildung“. Wird es dazu wirklich kommen? Eigentlich will sich die US-Regierung aus solchen Dingen doch heraushalten.

Nordhaus: Allmählich begreift sie, dass sie zumindest kurzfristig um solche Kosten nicht herumkommt. Die letzte offizielle Schätzung geht von 18 Monaten Besetzungszeit aus, persönlich glaube ich an ein realistisches Minimum von fünf Jahren. Warum sollte der Aufbau eines neuen Staates im Irak einfacher sein als in Jugoslawien?

zeit: Man könnte die Besetzung den Vereinten Nationen überlassen oder einzelnen anderen Ländern.

Nordhaus: Sicher, Pakistan zum Beispiel. Der wesentliche Punkt ist, dass nach einem Krieg politische Stabilität im Irak herrschen muss. Dazu sind nach meiner Einschätzung Zehntausende, vielleicht Hunderttausende Besatzungssoldaten nötig. Und es kann passieren, dass dies dem Kongress nach anderthalb Jahren als viel zu teuer erscheint, dass die Truppen dann abgezogen werden und ein gewaltiges Chaos ausbricht – sozusagen das Modell Afghanistan.

zeit: Der Irak ist aber kein armes Land. Könnte man nicht zumindest die Kosten für die Besetzung und den Wiederaufbau mit Öl decken?

Nordhaus: Der Irak wird nach dem Krieg jährlich für 20 Milliarden Dollar Öl exportieren. Das ist nicht sehr viel. Erst recht nicht, wenn man von den Erträgen erst mal die Bevölkerung versorgt. Man kann die Iraker ja kaum verhungern lassen.

zeit: Sie haben in der Vergangenheit argumentiert, die amerikanische Öffentlichkeit werde den Krieg nur unter einer Bedingung unterstützen: Wenn die Kosten an Menschenleben, aber auch die ökonomischen Kosten gering bleiben.

Nordhaus: Richtig, wir müssen allerdings zwischen dem Krieg selbst und der Zeit danach unterscheiden. Die Kosten des Krieges werden sehr sichtbar sein. Wenn die ersten grausigen Szenen aus Bagdad über die Bildschirme flimmern, mit getroffenen Zivilisten und zerstörten Häusern, werden sich viele Amerikaner sehr schnell gegen den Krieg wenden. Die Nachkriegssituation ist viel schwieriger zu analysieren. Viel hängt von den Kosten ab, wer sich daran beteiligt, ob eine erneute Rezession kommt oder nicht. Eines sage ich jedenfalls heute schon sicher voraus: Wenn der Krieg schlecht verläuft und die Konjunktur in Mitleidenschaft zieht, dann wird es politisch bald sehr übel für George W. Bush aussehen.

Die Fragen stellte Thomas Fischermann

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