40000
Ovambo-Arbeiter streiken gegen Not und Tod
Franz J.T. Lee
aus
„Metall“, 4/72, Nr. 11, 15. Februar
1972
Seit
Ende 1971 streiken 40000 Ovambo-Arbeiter in Südwestafrika (Namibia). Ihr bis
heute andauernder Streik ist Ausdruck eines verzweifelten Protests gegen die
unmenschlichen und diskriminierenden Arbeits- und Lebensbedingungen in Namibia.
Auf den Farmen, in Kleinbetrieben und Minen stellten die Ovambos ihre Arbeit
ein, und mittlerweile solidarisieren sich auch andere afrikanische Gruppen mit
ihnen.
Am 26.
Januar 1972 rissen die Afrikaner den Grenzzaun zwischen Namibia und Angola
nieder und versuchten, Unterstützung aus Südangola zu bekommen. Südafrika, das
über das ehemals deutsche Südwestafrika (Namibia) herrscht, und Portugal,
Kolonialherr in Angola, reagierten charakteristisch für ihre Regime: Beide
entsandten Militäreinheiten, um die Revolte zu ersticken. Ende Januar wurden
bei blutigen Zusammenstößen im Norden Namibias sechs Ovambos erschossen und
weitere sechs schwer verletzt. Lediglich mit Pfeil und Bogen bewaffnet,
kämpften die Ovambos gegen die gut ausgerüsteten Truppen der weißen Regierungen
von Südafrika und Angola.
Zur
Zeit versucht die südafrikanische Regierung, durch Verhandlungen und
Kompromisse in nebensächlichen Fragen die unvorhergesehene Entwicklung in den
Griff zu bekommen. Gleichzeitig wurde eine Nachrichtensperre über das Land der
Ovambos verhängt. Im Jahre 1884 war Südwestafrika von Deutschland annektiert
worden. Ende des Ersten Weltkrieges wurde es nach den Bestimmungen des Versailler
Vertrages zu einem Mandatsgebiet erklärt und am 12. Dezember 1920 unter die
Verwaltung der Südafrikanischen Union gestellt. Nachdem der Völkerbund
aufgelöst und die Vereinten Nationen gegründet worden waren, forderte Südafrika
die Auflösung des Vertrages und gliederte Südwestafrika faktisch als fünfte
Provinz ein, obwohl das den jüngsten Urteilen des Internationalen Gerichtshofes
widerspricht.
Opposition
gegen Apartheid
Etwa
500000 Afrikaner leben gegenwärtig in Südwestafrika. Sie gehören hauptsächlich
Stämmen der Hereros, Ovambos, Namas und Damaras an, wobei die Hereros und
Ovambos die wichtigsten Gruppen bilden. Seit dem Zweiten Weltkrieg opponieren
diese beiden Stämme gegen die Apartheidpolitik. Ihre Forderungen sind: autonome
Sachverwaltung für Namibia, Rückgabe ihres Landes, bessere Lebens-, Arbeits-
und Bildungsmöglichkeiten.
Anfang
1959 wurde die erste nationale Bewegung, die „Ovamboland People’s Organisation
(OPO)“, gegründet. Dezember 1959 organisierte sie in Windhoek einen
erfolgreichen Boykott der staatlich kontrollierten Bierlokale, Kinos,
Tanzrestaurants und Busse, der von südafrikanischen Regierungstruppen gewaltsam
zunichte gemacht wurde: Zwölf Afrikaner wurden erschossen und 50 schwer
verletzt. Dennoch gewann die „OPO“ immer mehr an Einfluß, da sich immer mehr
nichtweiße Bevölkerungsgruppen zu dieser Organisation bekannten. Sie benannte
sich schließlich im Jahre 1960 in „South West African People’s Organisation
(SWAPO)“ um.
Die
Krise kommt bestimmt
Während
des Sharpeville-Massakers und der Pondoland-Revolte wurde die SWAPO verboten,
ihre Führer verhaftet und ihre Mitglieder eingesperrt oder verbannt. Einem Teil
der SWAPO-Freiheitskämpfer gelang es jedoch, in den Untergrund zu gehen, und es
besteht seit einigen Jahren ein enger Kontakt mit der
MPLA-Volksbefreiungsbewegung Angolas.
Zwischen
1960 und 1967 wurden die großen nationalen Bewegungen der Afrikaner in Namibia,
Zimbabwe und Azania von den Weißen organisatorisch zerstört. Obwohl die
sozialen Mißstände in diesen Ländern sich zum Teil verschlimmert haben,
besitzen die Afrikaner gegenwärtig kaum eine Möglichkeit, ihre Unzufriedenheit
und Verzweiflung systematisch, überlegt und zweckvoll zu äußern.
Das
südliche Afrika ist reif für eine radikale soziale Veränderung - aber es fehlt
eine Gesellschaftstheorie, die es den Afrikanern ermöglichen würde, eine
wirklich demokratische Gesellschaftsordnung durchzusetzen. Es fehlt eine
langfristige Planung und Mobilisierung. So kommt es wegen der unerträglichen
Zustände immer wieder zu einzelnen, regional begrenzten Streiks und örtlichen
Boykottmaßnahmen.
Der
Streik der Ovambos zeigt aber deutlich, daß die Tage der Apartheid in Südafrika
und dem von ihm beherrschten Namibia gezählt sind. Die Kapitalisten wissen das
- das System Südafrikas steckt in einer wirtschaftlichen Krise, über die
einseitig ausgewählte Erfolgszahlen nicht mehr lange hinwegtäuschen werden.