Auszug zweier Kapitel des Autors Franz John Tennyson Lee aus dem Werk

Nigeria gegen Biafra?

(Autorenkollektiv), erschienen im Verlag Wagenbach, 1969.


 

Inhaltsverzeichnis

 

Textfeld: Die politische Geschichte Nigerias seit der kolonialen Eroberung
1. Kommerzielle und militärische Eroberungsoffensiven
2. Gebietsaufteilung und Bedeutung der ‘indirect rule’
3. Konstitutionelle Entwicklung
4. Beginn des antikolonialen Widerstands
5. Etablierung des Neokolonialismus in Afrika
6. Der Kampf um die politische Macht
7. Entwicklung der Gewerkschafen und Massenstreiks
8. Von der „Unabhängigkeit“ zur Sezession

Der Sezessionskrieg als antizipierte Konterrevolution
1. Imperialistische Interessenkonstellation
2. Positionen der Konterrevolution
a) Biafra
b) Nigeria
3. Chancen einer Befreiungsbewegung
 

 

 



Die politische Geschichte Nigerias seit der kolonialen Eroberung


 

1. Kommerzielle und militärische Eroberungsoffensiven

 

Die systematische Eroberung Nigerias durch den briti­schen Imperialismus beginnt mit dem Anbruch der Ära der Monopole. Zu diesem Zeitpunkt verschärfte sich die Konkurrenz der großen kapitalistischen Mächte in Europa, England, Frankreich, Deutschland und Belgien um die Märkte und Rohstoffquellen Afrikas.

 

Die Auslandskonkurrenz wurde durch die militärische Eroberung und administrative Durchdringung der Gebiete Afrikas ausgeschaltet, die damit zu gesicherten und monopolisierten Märkten für Fertigprodukte, zu Rohstofflagern, Reservaten für billige Arbeitskräfte und Investitionsfeldern für Kapitalexporte wurden. Hier, in den zum Objekt der imperialistischen Interessen gemachten Gebieten lagen die Profite durchschnittlich höher als in den durchkapitalisierten Metropolen.

 

Die Handelsbeziehungen zwischen Europäern und den Völkern Nigerias reichen bis ins 15. Jahrhundert. Charakteristisch für die Epoche von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis zur Kolonisierung Nigerias ist die relative Selbständigkeit der Afrikaner, das Abwickeln der Geschäfte an den Küstenstreifen und später den Fluß entlang, sowie das Entstehen einer Schicht afrikanischer Mittelsmänner, die die Waren aus dem Hinterland, zuerst Pfeffer, dann Sklaven und, nach der Abschaffung des Sklavenhandels, hauptsächlich Palmprodukte an die europäischen Händler verkauften. Die Organisierung des Handels durch die afrikanischen Mittelsmänner ist verantwortlich für die Entwicklung einer Reihe von reichen despotisch-regierten Stadtstaaten im Niger Delta, deren handeltreibende Einwohner tendenziell eine Konkurrenz für die europäischen Händler darstellten, während wiederum deren Eindringen ins Innere des Landes von den afrikanischen Mittelsmännern und den sie unterstützenden Stammesautoritäten heftig bekämpft wurde. Wie begründet dieser Widerstand war, zeigt die Tatsache, daß den wissenschaftlichen Expeditionen 1886 eine von der britischen Regierung unterstützte quasi militärische Handelsfirma, die „Royal Niger Company“ folgte. Sie ist das Produkt der Verschmelzung der Interessen von kleinen britischen Handelsgesellschaften und Händlern zu einer Monopolgesellschaft, die 1879 von Taubmain Goldie unter dem Namen „United African Company“ gegründet wurde. Als sich später einige Londoner und Liverpooler Banken und kommerzielle Unternehmen an ihr beteiligten, wurde sie in „Royal Niger Company“ umbenannt.

 

Die Wichtigkeit der Kombination von militärischer Stärke und ökonomischer Konzentration für die Strategie des britischen Imperialismus im Konkurrenzkampf mit den anderen europäischen Mächten in der Phase des Monopolkapitalismus hat Goldie selbst in bezug auf das indische Beispiel klar formuliert:

 

„... im Besitz dieser alten blühenden Märkte Indiens, die mit unseren vielen Fabriken verbunden sind, im Besitz Indiens, das Baumwollerzeugnisse nicht nur für seinen eigenen Bedarf, sondern auch für den Export herstellt, wäre es reiner Selbstmord gewesen, den mit uns rivalisierenden Mächten dieses einzige uns gebliebene große unterentwickelte Land zu überlassen, das für britische Waren geöffnet ist19“.

 

Die „Royal Niger Company“ eroberte 1889 Nupe und Ilorin und erweiterte ihre Kontrolle in der Folge über die Küstengebiete von Niger und Benué. Die britische Regierung gewährte ihr politische Kontrolle über die besetzten Gebiete, die mit Hilfe der „West African Force“ sowohl gegen aufsässige Afrikaner als auch gegen die französische Konkurrenz aufrecht erhalten wurde.

 

Im Niger-Delta erhielt die „Strategie der Gewehre“ einen diplomatischen Anstrich durch die Ernennung von britischen Konsuln - 1849 in Fernando Po und 1853 in Lagos -, die die Interessen der britischen Händler zu vertreten hatten. Arikpo schrieb:

 

„Geschützt durch britische Kanonenboote, erkämpften sie sich bald die Macht durch ihre dreiste Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Küstenstaaten. Zuerst nützten sie diese Macht, um die Zerstörung des afrikanischen Küstenhandels durch skrupellose und brutale Palmölaufkäufer zu unterstützen; die Adjektive ‘skrupellos und brutal’ charakterisieren die europäischen Händler jener Periode tatsächlich, und nachdem von diesen der rivalisierende afrikanische Handel erfolgreich vernichtet worden war, übernahmen die Briten die politische Kontrolle jener Staaten20“.

 

Die „Kanonenbootdiplomatie“ (Arikpo) erwies sich in der Tat als sehr erfolgreich. 1861 wurde Lagos zur Kolonie. Diesen Schritt bereitete der Konsul von Lagos lange intrigenreich vor: Mit formaljuristischer Sauberkeit unterzeichnete der Herrscher von Lagos seine eigene Abdankung und erhielt als Gegengabe eine Pension. Kurz darauf annektierten die Briten die an Lagos grenzenden Gebiete Oke, Odan, Palma, Lekki, Ado und Appa.

 

Das Hinterland von Lagos erhielt damit eine große strategische und wirtschaftliche Bedeutung. Hier siedelten die Yorubas, ein ackerbautreibendes Volk „in gut gebauten und gut verwalteten, befestigten Städten21“.

 

Mit dem Ziele, ihre Handelsinteressen auch in Yorubaland durchzusetzen, schickten die Engländer zwei Konsuln nach Ijebu-Odé und Abeokuta. Die Yoruba jedoch verweigerten ihnen den Aufenthalt in ihrem Lande; die Annexion von Lagos hatte ihnen die Beziehung zwischen der „friedlichen“ Expansion des britischen Handels und der militärischen Aggression handgreiflich vor Augen geführt. 1886 jedoch gelang es dem neuen Gouverneur von Lagos, Friedens- und Handelsverträge mit den Oberhäuptern mehrerer Gebiete zu schließen, die in der Folgezeit allesamt den Status von Protektoraten erhielten, bis 1893 das ganze Territorium zwischen Lagos und der südlichen Grenze von Kamerun und nördlich den Niger entlang bis nach Onitsha zum „Niger Coast Protectorate“ erklärt wurde. Damit waren zugleich der französischen Expansion in West-Afrika feste Grenzen gesetzt.

 

1900 übernahm dann die britische Regierung das Territorium der „Royal Niger Company“ und proklamierte es zum „Protectorate of Northern Nigeria“. Das „Niger Coast Protectorate“ wurde verschmolzen mit dem Gebiet südlich von Idah, das ursprünglich von der „Royal Niger Company“ regiert wurde und erhielt den Namen „Protectorate of Southern Nigeria“. Lagos und die sie umgebenden Distrikte wurde „The Colony and Protectorate of Lagos“.

 

 

2. Gebietsaufteilung und Bedeutung der ‘indirect rule’

 

Als Folge der Berliner Konferenz 1885, die die Herrschaftsbereiche der imperialistischen Staaten in Afrika fixierte, erhielten die Briten durch Geheimverträge mit den Deutschen und Franzosen die Garantie der Nichteinmischung im Falle der britischen Annexion von Haussaland, nördlich der Flüsse Niger und Benué. So konnte zwischen 1900 und 1903 Lord Lugard, der Gouverneur des Protektorates von Nordnigeria, die wichtigsten Emirate des Nordens militärisch entmachten.

 

Lord Frederick Lugard - vielgepriesen als fähigster Vertreter des britischen Imperialismus - besaß außerordentliches Geschick, Machtfragen im Sinne möglichst rationaler Ausbeutung zu lösen. Dies führte zur Etablierung des Prinzips der „indirect rule“ zuerst in Nordnigeria und später auch in Südnigeria, die beide 1914 als „Colony and Protectorate of Nigeria“ zu einer Verwaltungseinheit mit dem Zentrum Lagos zusammengefaßt wurden. Die „indirect rule“ ist die Organisation der kolonialen Verwaltung mit Hilfe der afrikanischen traditionellen Autoritäten und ihrer politischen Institutionen unter Aufsicht imperialistischer Beamter.

 

Während die Imperialisten diese „wohlfeile Methode, ausgedehnte tropische Gebiete zu verwalten, die andernfalls ungeheure finanzielle Auslagen für die Erhaltung einer vollzähligen weißen Bürokratie involvieren würde“ (Padmore), als Produkt der britischen Humanität feierten, die es den Schwarzen erlaube, ihre Intelligenz und Eigenart zum Wohle der ganzen Menschheit weiter zu entwickeln bis zur völligen Selbständigkeit, ist die „indirect rule“ in Wahrheit anzusehen als Kompromiß zwischen den militärisch in Südafrika (im Burenkrieg) voll engagierten Briten und den unbeugsamen Emiraten im Norden Nigerias. Nicht ohne Grund befürchtete Lugard einen Aufstand der unterworfenen Emire, denen er sich militärisch nicht gewachsen fühlte. In Form eines Vertrages, der die Prinzipien der „indirect rule“ zum Inhalt hatte, kam er den Emiren mit einem diplomatischen Schachzug zuvor. Ausgehend von der halb-feudal-religiösen Staatsstruktur des Nordens garantierte er den feudalen Herrschern für die Konservierung ihrer Machtpositionen wesentliche Privilegien:

 

1)    das Recht der Einziehung von Steuern. Die Regierung in Lagos setzte die Höhe der Steuern fest und kassierte die Hälfte der eingezogenen Summe.

 

2)    die von Missionaren ungehinderte Ausübung und Verbreitung des Islam.

 

3)    Die Aufrechterhaltung von „Frieden und Ordnung“ (soweit sie britischen Interessen nicht widersprachen) durch die traditionellen islamischen Institutionen, dabei hatten sie europäische Beamte als Ratgeber zu akzeptieren und den Sklavenhandel abzuschaffen.

 

 

Die Emire, die nach Padmore lediglich als „die Treuhänder des Landes für das Volk“ betrachtet wurden, aber hatten ihre Rechte den Briten zu überlassen: das Land im Norden - zuvor Eingeborenenbesitz - wurde zum Kronbesitz.

 

Die traditionellen Herrscher Nordnigerias wurden so aus Feinden der englischen Imperialisten zu willigen Agenten der kapitalistischen Ausbeutung, die den kleinen Bauern, Pächtern, Minenarbeitern und sonstigen Abhängigen die imperialistischen Eroberer in abstrakte Ferne rückten.

 

„Wann immer die Regierung sich in einer Klemme befindet, zieht sie sich aus der Affaire, indem sie die Schuld auf die einheimische Verwaltung schiebt .... die ‘indirect rule’ dient ihr als willkommener Wandschirm, hinter dem sie die Steuern einsammelt und die Schwarzen ausbeuten kann, ohne sich den Afrikanern gegenüber direkt zu exponieren22.“

 

Im Westen und Osten Nigerias hingegen mußte die „indirect rule“ künstlich auf die authochtonen Sozialstrukturen aufgepfropft werden. Hier existierten keine hierarchisch-feudalen Gesellschaften, sondern lockere demokratische Systeme. Besonders unter den Ibos im Osten, die eine egalitäre Form der Selbstregierung von Dorfgemeinschaften, basierend auf individuellem Prestige und kollektivem Landbesitz, entwickelt hatten, in der selbst Häuptlinge überflüssig waren, funktionierte die „indirekt rule“ nur mit Hilfe europäischer Beamter. Durch das Fehlen mächtiger ideologisch gerüsteter Interessengruppen, wie sie die Emire im Norden darstellten, gelang es den Imperialisten hier relativ leicht Einfluß zu gewinnen, wobei das Christentum als Instrument der Integration und Disziplinierung eine bedeutende Rolle spielte.

 

Die „indirect rule“ legte nicht etwa - wie ihre Ideologen weismachen - den Grundstein für eine moderne demokratische Selbstregierung, sondern produzierte eine Schicht von afrikanischen Bürokraten, die sich mit den Interessen der Kolonialmacht identifizierten und ihre Privilegien mit der verschärften Auspressung ihrer Untergebenen bezahlten.

 

„Es heißt, daß der ehemalige Oloro von Oro, den es nach einem erhöhten Einkommen gelüstete, dem Emir von Ilorin einredete, daß sein Volk ganz gut eine erhöhte Taxe zahlen könne und daß 12 s. 6 d. pro Kopf ein angemessener Beitrag wäre23.“

 

Daneben war die „indirect rule“ dafür geeignet, den tribalen Überbau zu konservieren, indem sie die traditionellen Autoritätsverhältnisse scheinbar unberührt ließ und ihre Objekte daran hinderte, die neue soziale und ökonomische Wirklichkeit zu begreifen.

 

Zugleich schuf sie einen Komplex intertribaler Konkurrenz und Vorurteile, da die imperialistische Regierung in Lagos dafür sorgte, daß die Ränge der schwarzen Beamten z. T. mit den Angehörigen einer ethnisch fremden Gruppe besetzt wurden. So pflegte man z. B. im Norden besonders häufig Ibos aus dem Osten zur Verwaltung heranzuziehen, zumal der Bevölkerung des Ostens ihr Land in den 20er und 30er Jahren nur ungenügende Existenzmöglichkeiten bot -als Resultat der Ausbeutung durch die „Royal Niger Company“, hoher Besteuerung und der „Überbevölkerung“ war es das ärmste Gebiet Nigerias.

 

Das Landgesetz im Norden verhinderte ihre Integration, indem es die sogenannten „stranger settlements“ oder „sabon garis“ einrichtete, Stadtteile in denen Afrikaner wohnen mußten, deren Eltern nicht im Norden geboren waren24.

 

Die Methode der „indirect rule“ mit ihrer Ideologie „des Respekts vor eigenen Wegen25“ setzte einen verhängnisvollen historischen Prozeß in Gang: Die Entwicklung des Antagonismus zwischen Norden und Süden.

 

Im Süden besaßen die traditionellen Autoritäten kaum noch Prestige. Umso schneller entwickelte sich eine nationalistische Intelligentsia und Händlerbourgeoisie, denen ein Platz auf der untersten Stufe der kolonialen Administration zugewiesen wurde. Sie drängten danach, so schnell wie möglich die politische Macht zu übernehmen und verbündeten sich zu diesem Zwecke mit den Chiefs und Obas, eine Tendenz, die die nördlichen durch die „indirect rule“ konservierten Herrscher um ihre Positionen fürchten ließ. Die nationalistische Elite kämpfte so gegen zwei Fronten, die Herrscher im Norden und die Imperialisten, während sie sich die Formen ihres Kampfes doch vom britischen Imperialismus aufoktroyieren ließ: Sie ebnete sich den Weg von einer konstitutionellen Reform zur anderen, von einem formalpolitischen Kompromiß zum anderen, bis sie im Jahre 1960, dem Termin der „Unabhängigkeit“, die politischen Positionen übernehmen konnte, die ihr die englischen kolonialen Beamten freimachten und die sie selbst in Zusammenarbeit mit dem britischen Imperialismus und den konservativen Politikern des Nordens geschaffen hatte.

 

Die eigentlichen Probleme Nigerias: sinkende Tendenzen, der Weltmarktpreise für die nigerianischen’ Agrarprodukte und die daraus resultierende Armut und Arbeitslosigkeit, die Aufzehrung der Reserven und das Anschwellen der Bürokratie blieben durch diesen formalpolitischen „Machtwechsel“ ungelöst.

 

 

3. Konstitutionelle Entwicklung

 

Betrachtet man die verschiedenen Aspekte der DekoIonisierung Nigerias - ökonomische, politische und soziale nicht als isolierte Phänomene, so stößt man auf außerordentlich wichtige Widersprüche:

 

1)    Prozeß der formalpolitischen Befreiung und der zunehmenden Abhängigkeit von den kapitalistischen Metropolen.

 

2)    Ökonomische Integration und Regionalisierung, Tendenz zum Tribalismus.

 

3)    Herausbildung einer kleinen reichen Oberschicht und Armut der Massen.

 

Die Existenz dieser Widersprüche zeigt pauschal, daß mit der Dekolonisierung das imperialistische Ausbeutungsverhältnis nicht aufgehoben wurde.

 

„In Wirklichkeit war es eine Notwendigkeit der britischen Kolonialpolitik, in Kenntnis der krisenhaften Situation der kapitalistischen Wirtschaft und der allgemeinen Krise des imperialistischen Kolonialsystems ein Instrumentarium von Methoden zu entwickeln, mit deren Hilfe eine direkte militärische Kontrolle von Unruheherden vermieden und die ökonomischen und strategischen Interessen dennoch sichergestellt werden konnten26.“

 

In Nigeria bestand die Methode der Neutralisierung und Verschleppung des Konflikts darin, den europäisierten Afrikaner durch „die Schule des kommunalpolitischen Trainings“ zu schleusen, im „Einüben eingeborener Herrscher, in der Übertragung solcher Verantwortung an sie, die sie auszuüben fähig sind27“.

 

Dieser Anpassungsprozeß ist zum großen Teil die Geschichte der konstitutionellen Entwicklung Nigerias. Sie beginnt schon mit der Eroberung von Lagos. 1886 wurde dort ein sogenannter „Legislative Council“ geschaffen, bestehend aus britischen Beamten, die eine nur „beratende“ Funktion besaßen; der Gouverneur von Lagos war dem Council nicht verantwortlich.

 

Nach der Etablierung der „Colony and Protectorate of Nigeria“ (1914) kam ein weiterer Council, der „Nigerian Council“, hinzu, mit ebenfalls nur beratender Funktion für die beiden Regionen (Nord und Süd). Alle Mitglieder wurden vom Gouverneur bestellt.

 

Der Gouverneur, Sir Hugh Clifford, faßte die beiden beratenden Organe 1922 in einem „Legislative Council“ zusammen. Er bestand aus 31 Beamten und 19 Privatleuten. Vier der letzteren waren als afrikanische Repräsentanten der Städte Lagos und Calabar zu wählen. Das Wahlrecht war beschränkt auf Männer mit einem Einkommen von £ 100 pro Jahr. Die Gesetze des „Legislative Council“ besaßen keine Gültigkeit für Nordnigeria. Hier herrschte unbeschränkt das Prinzip der „indirect rule“ mit dem Gouverneur an der Spitze.

 

Dieser „Reform“ war ein heftiger Disput zwischen den britischen Kolonialbeamten und dem kurz vorher gegründeten „National Congress of British West Africa“ vorausgegangen, dessen Forderungen nach allgemeinem freien Wahlrecht Clifford ignorierte. Der Disput wirft jedoch ein grelles Licht auf die reaktionäre Philosophie der britischen Imperialisten wie auch auf die problematische Beziehung zwischen der nigerianischen europäisierten Elite und den afrikanischen Massen, worauf noch später einzugehen ist.

 

Die nächste nennenswerte Verfassungsänderung wurde von Sir Arthur Richards (später Lord Milnerton) nach dem zweiten Weltkrieg in die Wege geleitet28 und 1947 legalisiert, hauptsächlich durch die Agitation des 194429 gegründeten „National Council of Nigeria and the Cameroons“ (NCNC), der schnell zur einzigen politischen Partei mit nationaler Basis wurde.

 

Die „halbfeudalen islamischen Herrscher Nordnigerias30“ sollten nun eine direkte Vertretung im „Central Government“ (Zentralregierung) erhalten. Zu diesem Zweck wurde das Land in 3 Teile geteilt: Nordregion, Ostregion und Westregion31 mit eigenen „Houses of Assembly“, die hauptsächlich als Wahlorgane für den „Central Legislative Council“ gedacht waren, daneben hatten sie nur beratende Funktion. Die Mitglieder des „House of Assembly“ wurden teils vom Gouverneur, teils von den „Native Authorities“ ernannt, wobei ersterer nicht nur die britischen Beamten, sondern auch einen Teil der Afrikaner auswählte.

 

Die Funktion eines Parlaments sollte der „Central Legis­lative Council“ erhalten. Er setzte sich aus 13 ex-officio Mitgliedern, 3 ernannten Beamten, 24 ernannten Privat­leuten und 4 direkt gewählten Mitgliedern zusammen.

 

Der „Executive Council“ wurde von höheren britischen Beamten beherrscht. Seine Mitglieder bestimmten die Politik und arbeiteten alle Gesetze aus, sie waren der Legislative (das Unterhaus) nicht verantwortlich und konnten von ihr nicht abgesetzt werden. Nach Padmore: „Die gesetzgebende Versammlung war nichts anderes als ein verklärter Debattierklub“.

 

Die neue Verfassung wurde bald heftig von der Öffentlichkeit, als deren kritischster Repräsentant der NCNC hervortrat, angegriffen. Die Kritik bezog sich sowohl auf die Anmaßung der Regierung, die Verfassung ohne Information des Volkes und ohne Diskussion mit seinen Vertretern zu verabschieden, als auch auf die mangelnde demokratische Legitimation der neugeschaffenen Institutionen. (Ihre Kritik schien den Nigerianern umso berechtigter als sie nach Arikpo während des zweiten Weltkrieges voller Enthusiasmus für das britische Empire gekämpft hatten, während die Briten die Kolonie als strategische Position ausnutzten. Wie in Indien so sahen sich die Engländer nun in Afrika einem erstarkten Nationalismus konfrontiert. Aus Europa, Ostafrika, Burma und Indien heimkehrend, brachten die Nigerianer den „Kampf um Demokratie“ nun ins eigene Land und forderten für sich selbst das, wofür sie gekämpft hatten.)

 

Bei den bald darauf in Lagos durchgeführten Wahlen für den „Legislative Council“ gewann die eng mit dem NCNC zusammenarbeitende „Nigerian National Democratic Party“ (NNDP) alle drei Sitze, weil sie für eine sofortige Suspendierung der „Richards Constitution“ plädierte. Dieser Sieg war das Produkt der Unzufriedenheit der reichen, europäisierten afrikanischen „Bourgeoisie“, nicht etwa das des Engagements der Massen, da nur wählen durfte, wer ein Einkommen von nicht weniger als £ 50 im Jahr besaß.

 

In Zusammenarbeit mit dem „Legislative Council“ und nach Einberufung einer „All-Nigerian Constitution Conference“ in Ibadan arbeitete der Ende 1947 eingesetzte Gouverneur MacPherson eine neue Verfassung aus, die Mitte 1951 zu wirken begann.

 

Jetzt erhielten die „Regional Assemblies“ exekutive und legislative Gewalt, nach nördlichem Vorbild wurde auch im Westen ein „House of Chiefs“ etabliert. Jede Region erhielt einen „Executive Council“, der die Politik der Region bestimmen sollte. Der „Central Legislative Council“ wurde umbenannt in „House of Representatives“.

 

Dieses nigerianische Parlament hatte nach Padmore 148 Mitglieder, die von den regionalen Häusern gewählt wurden. Die Hälfte aller Sitze vertraten den Norden, da dieser ebensoviele Einwohner aufweisen konnte wie die Ost- und Westregion zusammen.

 

Der „Central Executive Council“ wurde zum „Council of Ministers“, verantwortlich für die ganz Nigeria betreffende Politik. Er bestand aus dem Gouverneur als dem Präsidenten, 6 ex-officio Mitgliedern u. a. den „Lieutenant-Governors“, der 3 Regionen und 12 vom Gouverneur und den „Lieutenant-Governors“ aus dem „House of Representatives“ ausgewählten Ministern. Die Auswahl mußte in jeder Region durch eine geheime Wahl in einer gemeinsamen Sitzung der „Houses of Chiefs and Assembly“ bestätigt oder abgelehnt werden. Die Minister der regionalen „Executive Councils“ waren ungefähr zur Hälfte britische Kolonialbeamte und die andere Hälfte Mitglieder der „Houses of Chiefs and Assembly“, die auf Vorschlag des „Lieutenant-Governor“ von diesen Häusern gewählt wurden.

 

Konnte man in der „Richards Constitution“ die Regionalisierung Nigerias eher als administrative Maßnahme interpretieren (Arikpo), so war sie nun in der Macphersonschen Verfassung eine politische Realität geworden. Während sich die drei prominenten Politiker Nigerias, Vertreter der drei politischen Parteien, die ihre überwiegende Mehrheit jeweils in einer Region besaßen, auf die Regionalpolitik konzentrierten (Schwarz), hält Padmore den „Council of Ministers“ für nichts anderes als „eine Junta britischer Beamter in Koalition mit afrikanischen Politikern, die konkurrierende tribale und religiöse Interessen vertraten. Die weißen Mitglieder verkörperten den britischen Imperialismus, die afrikanischen Mitglieder aber besaßen keine Gemeinsamkeit32.“

 

Arikpo ist der Auffassung, „daß die Nigerianer zum großen Teil selbst die Architekten der Spaltung waren, die die nationale Einheit bedrohte33“, denn der Etablierung der Macphersonschen Verfassung sei eine breite Kampagne der Willensbildung von unten nach oben vorausgegangen. Sogar die „Tribal Improvement Unions“ und andere „pressure groups“ seien hinzugezogen worden. Durch seine Bezeichnung wirft Arikpo selbst das Problem der politischen „pressure groups“ auf, jedoch gelingt es ihm nicht, dessen Kern zu formulieren: die Organisation der sozialen und ökonomischen Interessen sich bekämpfender Oligarchien, verschleiert als Mobilisierung der ethnischen Identifikation der Massen, bei denen durchaus die Bereitschaft zu einer solchen Identifizierung vorlag. Denn arm, ausgebeutet und enttäuscht in den Hoffnungen der Nachkriegszeit und ohne eine effektive und permanente Unterstützung ihrer Führer in ihren ökonomischen Kämpfen erhalten zu haben, hatten sich die Bauern, Wanderarbeiter und die erst im Entstehen begriffene Klasse der städtischen Lohnarbeiter wieder in den Schattenkreis ihrer Hütten und Slums zurückgezogen. Sie erhofften sich vom Rückzug in die Normen ihrer traditionellen afrikanischen Gesellschaften das, was ihnen die imperialistische Ausbeutung bisher entzogen hatte.

 

Nach einer Reihe von politischen Krisen34 wurde im Juli 1953 eine Konferenz organisiert, auf der erneut die Machtverteilung zwischen dem Zentrum und den Teilen Nigerias zur Debatte stand. Die politische Verfassung Nigerias erhielt hier die prinzipielle Struktur, die, den Schritt zur Selbstregierung ermöglichen und das Funktionieren des zukünftigen formalpolitisch unabhängigen Nigeria garantieren sollte.

 

Man nahm folgende konstitutionelle Veränderungen an, die 1954 in einer neuen Verfassung rechtskräftig wurden:

 

1)    Größere Unabhängigkeit der Regionen von der Zentralregierung:

 

a)    Erweiterte Befugnisse der Exekutive und Legislative35.

 

b)    Jede Region erhält einen eigenen öffentlichen Sektor (civil service).

 

c)    Die Rechtsprechung wird regionalisiert, jede Region erhält einen Obersten Gerichtshof. Ein „Federal Supreme Court“ wird geschaffen für Berufungen und Schlichtung von Konflikten zwischen den Regionen oder zwischen der Zentral- und Regionalregierung.

 

d)    Die vier „Produce Marketing Boards“, Institutionen zur Fixierung von Preisen für die Produkte Kakao, Palmöl und -kerne, Erdnüsse und Baumwolle werden in vier regionale „Marketing Boards“ überführt, die für alle Produkte verantwortlich sind.

 

2)    Die Mitgliederzahl des „House of Representatives“ wird erweitert auf 148 direkt gewählte und drei ex-officio Mitglieder.

 

3)    Die Regionen können eigene unterschiedliche Wahlgesetze erlassen.

 

4)    Der „Council of Ministers“ erhält neun gewählte Minister und drei ex officio Mitglieder. Die Funktion (portfolio) des Premiers fällt mit der des „Gover­nor-General“ zusammen, während für jede Regional­regierung aus den Reihen der Mehrheitspartei ein Premier vorgesehen ist.

 

1957 wurde der Ost- und Westregion die Selbstregierung „gewährt“, d. h. der Gouverneur besaß nun formell keinerlei Befugnisse mehr in bezug auf die Regionsangelegenheiten, die den Regionen von der Verfassung übertragen worden waren. Die Verfassungskonferenz von 1957, auf der in allen politischen Institutionen die britischen Mitglieder reduziert oder ausgeschaltet wurden, erlebte eine seltene Einigkeit aller Politiker: sie einigten sich auf das Jahr 1959 als Termin der Selbstregierung.

 

Ein neues Problem aber, das eine wesentliche Rolle in der Politik des zukünftigen formalpolitisch unabhängigen Staates spielen sollte, wurde heftig diskutiert: das Problem der Minoritäten. Der Machtkampf zwischen den Regionen reproduzierte sich im regionalen Konflikt der Minoritäten mit der ethnisch stärkeren Gruppe, in dem die ersteren eigene oppositionelle Parteien gründeten und sich mit der Mehrheitspartei einer anderen Region verbündeten. Nach Schwarz: „Die Unterstützung einer Minderheitengruppe in irgendeinem anderen Gebiet konnte zu einer brauchbaren Waffe gegen rivalisierende Parteien werden, eine Art fünfter Kolonne bei der Wahl36.“

 

Eine vom britischen „Staatssekretär für die Kolonien“ eingesetzte Kommission näherte sich dem Problem mit einer puren legalistischen Attitude und forderte eine Garantie der Menschenrechte in der Verfassung und eine zentrale Polizeiorganisation für Nigeria, Am 16. November 1960 erhielt Nigeria seine Unabhängigkeit. Dr. N. Azikiwe löste den letzten britischen Gouverneur als Staatspräsident ab. Drei Jahre später wurde das Land eine unabhängige Republik innerhalb des „British Commonwealth of Nations“.

 

Während die Briten zum Schein der demokratischen Legitimität ihre Ideologie der eigenständigen auf den traditionellen Kulturen (die gerade sie zerstört hatten) basierenden Entwicklung der afrikanischen Kolonien in alle Welt ausposaunten, war es ihnen gelungen, die Kräfte der afrikanischen Elite im Prozeß langsamer Verfassungsreformen zu absorbieren und sie in einen „allgemeinen Demokratisierungsprozeß“ zu integrieren, der die Reflexion auf politisch-ökonomische Alternativen verhinderte.

 

Die konstitutionellen „Fortschritte“ Nigerias fixierten das Denken seiner Intellektuellen auf formalpolitische Kategorien und verstärkten die Identifikation mit westeuropäisch-kapitalistischen Werten. Darüber hinaus vertieften die esoterischen und komplizierten konstitutionellen Manipulationen den Gegensatz zwischen „Studierten und nicht Studierten“ und machten ihn zu einem eminent politischen. Die politische und ökonomische Absonderung der Elite von den Massen wird verschleiert durch eine entpolitisierte, an Statussymbolen und ethnischer Herkunft orientierte Beziehung der Massen zu ihren Politikern und Intellektuellen37.

 

 

4. Beginn des antikolonialen Widerstands

 

Die ökonomische Ausbeutung und soziale Verelendung der Afrikaner wurde hauptsächlich von den großen Handelsgesellschaften, UAC, John Holt usw., organisiert. Während in Ost- und Südafrika die ihres Bodens beraubten Afrikaner38 für Hungerlöhne in Bergwerken und Plantagen arbeiten müssen39, wurden die Bodenbesitzverhältnisse und die Anbaumethoden in Nigeria kaum verändert, dafür aber die landwirtschaftliche Produktion von unmittelbar für den Konsum der Bevölkerung geeigneten Produkten umgestellt auf „cash crops“40, wie Kakao, Palmöl und -kerne, d. h. auf Produkte für den Export ins imperialistische „Mutterland“ und ein System entwickelt, das möglichst hohe Profite und niedrige Produzentenpreise garantiert.

 

Im Kontext der Abhängigkeit Nigerias vom Imperialismus sind auch die Investitionen zu sehen, die die Produktionseinrichtungen für den Export schufen: Straßen, Brücken, Eisenbahnen usw. Im Interesse der Exporteure gebaut, sind sie der Entwicklung einer nationalen Wirtschaft und der Organisation des innerafrikanischen Handels hinderlich41.

 

Diese am Export orientierte Struktur schuf darüber hinaus in, Nigeria eine unfreiwillige Abhängigkeit der Regionen voneinander, die der Präsident der „Northern People’s Confederation“ (NPC) 1953, das Für und Wider einer Sezession des Nordens abwägend, folgendermaßen kommentierte: „Würde aber ein unfreundlicher Süden die freie Durchfahrt unserer Wagen zulassen... würde es möglich sein, unsere Waren zur Verschiffung an die Küste zu transportieren... welche Garantien würden wir besitzen, daß sie überhaupt dorthin gelangen?“42

 

Wie überall in Afrika ist die Geschichte der kolonialen Besetzung zugleich eine des Protests gegen die ökonomische Ausbeutung.

 

1885 organisierten sich die Palmöl-Zwischenhändler von Brass gegen das Eindringen der „Niger Company“ ins Hinterland Nigerias. 1895 und 1904 wird von einer „Tax Revolt“43 berichtet. 1929 demonstrierten 30 000 Frauen in Aba vor der Niederlassung der „Niger Company“ und dem Büro der britischen Distriktbeamten gegen eine Steuererhöhung und die Einführung eines neuen Maßsystems für Palmöl, das die Profite der Company erhöhen sollte. 80 Frauen wurden von den Maschinengewehren der Kolonialregierung getötet44.

 

Schwarz berichtet über einen Streik von etwa 30 000 Eisenbahnarbeitern, Post- und Regierungsangestellten im Jahre 194545; 1949 organisierten die Arbeiter der Kohlebergwerke von Enugu einen „go-slow“ Streik, die Polizei schlug ihn blutig nieder und provozierte so Unruhen in vielen Teilen Ostnigerias.

 

Die Politiker und im weiteren Sinne die Intelligenz Nigerias jedoch erwiesen sich als unfähig, ihren antikolonialistischen Kampf mit der ökonomischen Emanzipation der nigerianischen Massen zu verbinden.

 

Die ersten politischen Bewegungen der Nigerianer, „National Congress of British West Africa“ (NCBWA)46, „Nigerian National Democratic Party“ (NNDP) und die „People’s Union“ (PU)47, waren elitäre Organisationen, in denen Juristen, Ärzte und Händler von Lagos und Calabar ihre beschränkten Interessen vertraten, u. a. forderten sie die „Afrikanisierung“ der öffentlichen Dienste48. In seiner Attacke gegen die Forderungen des NCBWA nach einer stärkeren Beteiligung der Afrikaner im „Legislative Council“ kanzelte Sir Hugh Clifford sie ab als eine „eigenmächtige, selbstgewählte Gemeinde von gebildeten afrikanischen ‘gentlemen’ aus einigen Küstenstämmen, die sich selbst anmaßten, ein ‘West-African National Congress’ zu sein49.“

 

1934 beschloß die Regierung in Lagos ein „College“ einzurichten, das in Diplomkursen Ärzte, Ingenieure, Handelsspezialisten, Naturwissenschaftler und landwirtschaftliche Experten produzieren sollte, um die Nachfrage des öffentlichen Dienstes zu befriedigen. Die professionelle Elite von Lagos protestierte heftig gegen diese „halb-gebackenen professionellen Emporkömmlinge50“, die eine Konkurrenz für sie zu werden drohten. Sie, deren Protest zunächst nur die Funktion besaß, das Bildungsprivileg einer in den Hochschulen Englands gezüchteten Elite zu schützen, organisierten sich im „Lagos Youth Movement“, das später unter dem Namen „Nigerian Youth Movement“ (NYM) politisches Profil erlangte. 1937 führte es die Agitation gegen die Preisfixierung im Kakaohandel, die hauptsächlich die afrikanischen „middlemen“ betraf.

 

Man mag Arikpo51 den antiimperialistischen Charakter des NYM zugestehen, jedoch ist hier die Unterscheidung zwischen antiimperialistischen und antikapitalistischen Politik einzuführen. In diesem Zusammenhang ist ein Rekurs auf die europäischen Verhältnisse von Bedeutung:

 

„In bezug auf den abzuschaffenden Feudalismus oder Absolutismus mag die ‘Intelligenz’ vielfach auch als Klasse revolutionär gewesen sein, woraus jedoch für ihre Haltung zum Kapitalismus keinerlei Folgen zu ziehen sind52.“

 

Zwar wurde in der Charta des NYM „vollkommene Unabhängigkeit in der Verwaltung der eigenen Angelegenheiten“ gefordert, im selben Atemzug jedoch die „Kooperation mit der britischen Regierung53“ akzeptiert.

 

Die Agrarkrise in den 30er Jahren forcierte eine Abwanderung der nigerianischen Landbevölkerung in die Städte. Aber auch hier sind die Geldeinnahmen niedrig und die soziale Unsicherheit katastrophal. In diesem Zusammenhang entstehen die „Tribal Improvement Unions“, die in den 30er Jahren von ethnisch fremden Einwanderern in den größeren Städten gegründet wurden.

 

Als Ziel wurde die gegenseitige Hilfe und Solidarität der Mitglieder einer ethnischen Gruppe formuliert. Besonders bekannt wurden die „Ibo State Union“ und der „Egbe Omo Oduduwa“ der Yorubas. Auch unter den Minoritäten gab es Schutzorganisationen, die dann und wann den Ruf nach einem unabhängigen Staat laut werden ließen, durchaus eine Folge der imperialistischen Ideologie, daß die politische Unabhängigkeit schon Freiheit bedeute. Die beiden großen ‘tribalen’ Organisationen - Reaktionen gegen die Reduzierung der Afrikaner zur „Ware Arbeitskraft“ - wurden die Keimzellen der beiden politischen nationalistischen Parteien, NCNC und „Action Group“. Während des Zweiten Weltkrieges schliefen die politisch-nationalistischen Aktivitäten ein: Nigeria kämpfte Seite an Seite mit seiner Kolonialmacht gegen den Faschismus.

 

 

5. Etablierung des Neokolonialismus in Afrika

 

Das Ende des Krieges ist für Afrika das bedeutendste Ereignis seit seiner kolonialen Eroberung im 19. Jahrhundert. Die alten europäischen Kolonialmächte standen am Rande des Ruins, und die amerikanische Wirtschaft ist „gekennzeichnet durch eine unaufhaltsam ansteigende, überschüssige Produktionskapazität, einen wachsenden, unter ‘normalen’ Bedingungen nicht mehr rentabel investierten Kapitalüberschuß und eine... sinkende Profitrate54.“

 

So „wurde Afrika fast automatisch zum Rettungsanker55“. Welche Rolle der „Schwarze Kontinent“ bei der Sanierung der britischen Wirtschaft und zur Befriedigung der ökonomischen Expansionsbedürfnisse Amerikas spielen sollte, wird am schlagendsten an Hand einer Reihe von Zitaten deutlich:

 

Sir Stafford Cripps, Handelsminister der britischen Labour-Regierung, erklärte 1947 vor Gouverneuren der englischen Kolonien in Afrika: „Wir müssen uns darauf einstellen, unsere Perspektive... der kolonialen Entwicklung zu ändern und das Tempo zu beschleunigen, damit wir in den nächsten zwei bis fünf Jahren eine spürbare Erhöhung der Produktion von Kohle, Erzen, Rohstoffen, Lebensmitteln... erreichen, die uns Dollars einsparen oder auf dem Dollarmarkt verkauft werden können... Die ganze Zukunft des Sterlingblocks und seine Lebensfähigkeit hängt meiner Ansicht nach von einer raschen und umfassenden Entwicklung unserer afrikanischen Rohstoffe ab56.“

 

Die Zeitung „Nigerian Tribune“ schreibt am 18. Juni 1956: „Für den modernen britischen Imperialismus sind Investitionsgebiete... das Hauptproblem, und die Erfahrung hat gezeigt, daß dieser neue Imperialismus die politische Unterjochung von rückständigen Nationen nicht braucht. Amerika ist ein Beispiel... Großbritannien braucht heute weiter nichts als die Garantie, daß die Macht denen übertragen wird, die aus den befreiten Kolonien ein sicheres Objekt für britische Investionen machen.“

 

Der französische Journalist Edwin A. Lahey sinnierte: „Imperialismus wäre ein häßliches Wort, um unsere eigenen immer größer werdenden Interessen in Afrika zu kennzeichnen, aber die Liste der amerikanischen Projekte zur Entwicklung der gewaltigen Erzvorkommen dieses Kontinents läßt den Gedanken aufkommen, daß Englands; Frankreichs, Belgiens und Portugals Imperialismus des 19. Jahrhunderts damit verglichen ein Kinderspiel ist57.“

 

Ein Nigerianer kommentiert die Entwicklung des US-Imperialismus: „Die Auswirkungen dieser Politik sind der Befreiung Afrikas vom europäischen Kolonialimperialismus hoffnungslos abträglich58.“

 

W. A. Hunton schrieb: „Der allgemeine Angriffsplan war im European Recovery Program (ERP), dem Marshallplan, enthalten, und der Generalstab zur Führung und Koordinierung des Feldzuges war die Economic Cooperation Administration (ECA) in Washington, die gemeinsam mit ihrer Hilfsorganisation, der Organisation for European Economic Cooperation (OEEC) arbeitete.“59 Die ECA erstellte die Pläne zur Ausbeutung Afrikas und entwickelte sich neben der Export-Import Bank und der „International Bank for Reconstruction and Development“ zu einer der wichtigsten offiziellen Quellen für amerikanische Investitionen. Dabei konzentrierten sich diese drei Agenturen im wesentlichen auf die Entwicklung der Infrastruktur für den Export und die Ausbeutung von Rohstoffen, denn „die Verbesserung der notwendigen Einrichtungen durch die staatlichen Behörden sollte... die Aufgaben des privaten Unternehmens erleichtern, indem sie die für ihren Erfolg notwendigen Voraussetzungen schafft60“.

 

Für die Ausbeutung Afrikas wie auch für die Zusammenarbeit Amerikas und Europas spielt die Entwicklung des kalten Krieges eine große Rolle. Afrika wird zum Exportland für strategische Rohstoffe. Diese Rohstoffe bilden eine Voraussetzung für die amerikanische Rüstungswirtschaft, d. h. die afrikanischen Mineralien sind notwendig, um die Vernichtungsinstrumente zur „Verteidigung“ der Vereinigten Staaten und ihrer westlichen Alliierten herzustellen. Columbit z. B. eignet sich vorzüglich zum Bau von Düsenflugzeugen. Die mit Abstand bedeutendsten Gruben liegen in Nordnigeria. 1953 lieferten diese Gruben Columbit im Werte von 10,4 Mio. Dollar und 1954 sogar von 14,4 Mio. an die USA, die fast zehnmal soviel Tonnen kauften als die Briten61. Nachdem die Amerikaner ihre Lager aufgefüllt hatten, wurden die Minen praktisch bedeutungslos.

 

Den ausländischen Kapitalisten kommt die industrielle Rückständigkeit Afrikas zugute; sie bemühen sich, sie solange wie möglich zu erhalten. Nichts oder fast nichts wird in die Entwicklung von Schwerindustrien, wenig in den Aufbau sekundärer Industrien investiert, während ausländische Banken nicht bereit sind, interessierten Afrikanern Geld zu leihen62, was die Attitüden der parasitären Bourgeoisien, reichen Spekulanten, Händler und Landbesitzer noch verstärkt. In Nigeria investierte die UAC in den letzten Jahren zwar einen Teil ihres Überschusses in Projekte der Konsumgüterindustrie (Bier, Textilien, Automobile, Hölzer usw.). Struktur und Funktion dieser Industrien, die auf den Export von Investitionsgütern aus den hochindustrialisierten Staaten angewiesen sind, bleiben jedoch den Prinzipien des Handelskapitals untergeordnet und führen nicht zu einer integrierten verarbeitenden Industrie in der nigerianischen Föderation63.

 

Die industrielle Aktivität der UAC in Nigeria dient dem Zweck, die Kosten der Importwaren zu senken, indem sie am Ort ihres Ursprungs oder Verkaufs weiterverarbeitet, zusammengesetzt oder auch nur verpackt werden64.

 

Die wichtigste Voraussetzung für die forcierte Ausbeutung Afrikas bildeten „Ruhe und Ordnung“ in den Ländern des Kontinents und eine kooperationsbereite einheimische „Bourgeoisie“. Für die Imperialisten galt es daher politisch-ökonomische Alternativen, d. h. sozialrevolutionäre Bewegungen, zu ersticken. Um den militanten Afrikanischen Nationalismus und den Panafrikanismus, dessen Antiimperialismus durchaus dazu tendiert, in einen Antikapitalismus (in eine sozialistische Revolution) umzuschlagen, zu schwächen, wurde ihren Forderungen nach politischer Selbständigkeit Rechnung getragen, zugleich jedoch der konservative Teil der kolonialen Bourgeoisie unterstützt und versucht, die aus der Kolonialpolitik entstandenen Widersprüche in Stammesgegensätze umzuwandeln. So wurde der eigentliche Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit verschleiert. Darüber hinaus wurden auch die radikalen panafrikanischen ökonomischen Interessenvertretungen der Afrikaner (Gewerkschaften) paralysiert und von ihrem eigentlichen Ziel - der Liquidierung des Imperialismus - abgelenkt, indem man sie in den Ost-West Konflikt einspannte und mit Hilfe der „International Confederation of Free Trade Unions“ (ICFTU) spaltete65. Der Antikommunismus wurde ein wesentliches Ziel der Außenpolitik. Die amerikanische Gewerkschaft, AFL-CIO, z. B. ernannte den ehemaligen Kommunisten Jay Lovestone zum Direktor ihrer Abteilung für internationale Angelegenheiten. Er war zugleich einer der wichtigsten Kontaktmänner des CIA. „Die amerikanische Regierung begann die Unterstützung der Gewerkschaften als ein Hauptelement ihrer Politik anzusehen; in den frühen 60er Jahren gab sie über 73 Millionen Dollar im Jahr für internationale Gewerkschaftsarbeit aus, sie schickte 48 Attachés in Entwicklungsländer, die durch ein Heer von Ratgebern für Gewerkschaftsfragen unterstützt wurden66.“

 

 

6. Der Kampf um die politische Macht

 

Der Versuch der britischen Gouverneure und des „Legislative Council“ nach 1949; die „Richards Constituion“ im Sinne der regionalen Ansprüche weiter zu „verbessern“, überzeugte die „Politiker aller Schattierungen“ (Arikpo), daß die Selbstregierung auch Ziel britischer Politik sei. Nun beschränkte sich die Aktivität der nationalen Politiker im wesentlichen darauf, Zeitpläne für die Selbstregierung auszuarbeiten, verfassungsrechtliche und administrative Vorbereitungen zu treffen. Um diese Zeit war auch der „letzte ernsthafte Versuch der Organisation einer nationalen Front67“ gescheitert. Nach der Gründung des NCNC durch Macaulay und Azikiwe 1944 begann der eigentliche Kampf um die politische Macht mit der Gründung des „Northern People’s Congress“ (NPC) und der „Action Group“ (AG) im Jahre 1951.

 

Seine Begleiterscheinungen - Korruption, Wahlfälschungen, Veruntreuungen, Bestechungen und das Anwachsen des bürokratischen Apparats - kosteten die nigerianischen Massen ungeheure Summen. Dabei ist wichtig festzustellen, daß sich die Politik der drei rivalisierenden arteien in Industrie, Landwirtschaft und auf dem Bildungssektor nicht wesentlich unterschied. Zum großen Teil deshalb, weil sie alle von der massiven Unterstützung der Händler, Geschäftsleute, Marktfrauen und traditionellen Autoritäten abhingen. Statt nun eine gemeinsame Entwicklungspolitik zu treiben, versuchten die Parteien aus den Differenzen, die der Kolonialismus in ihren Regionen hinterlassen hatte, Vorteile zu schlagen.

 

Im Zusammenhang mit der tribalistischen Konkurrenz der Parteien entwickelten die nationalen Wahlen eine geradezu groteske politische Dynamik. Der Parlamentarismus in den spätkapitalistischen Staaten setzt einen vorpolitischen Konsensus voraus, der den Herrschaftskonflikt der Klassen verschleiert. Bei der existierenden Passivität der Massen verläuft daher „die institutionelle Regelung des politischen Prozesses als einzuhaltende Spielregeln beim Wechsel der Methoden und der Perso nen innerhalb eines oligarchischen Zirkulationsprozesses68“ durchaus glatt. In Nigeria jedoch fehlt selbst der eben angesprochene vorpolitische Konsensus, statt dessen finden wir den vorpolitischen tribalistischen Konflikt, der sich permanent reproduziert mit Hilfe der Spielregeln, die auf grobe Weise manipuliert werden.

 

In Nigeria mußte der Parlamentarismus zur Farce werden, denn dort fehlen die Voraussetzungen für sein Funktionieren; die konkreten gesellschaftlichen Widersprüche sind manifest und können nur mit unfriedlichen Methoden (z. B. Pogrom einer unterdrückten Gruppe gegen die andere) verschleiert werden. Wo also selbst Ersatzhandlungen gewaltsamen Charakter besitzen, verlieren formale Regeln ihre Autorität69. In diesem Zusammenhang gibt es drei Lösungen des Problems:

 

1)    Die Regeln selbst werden hemmungslos manipuliert. Dies ist die Situation zwischen den Jahren 1959 und 1966.

 

2)    Sie werden abgeschafft, - meistens durch Militärputsche - die gesellschaftlichen Widersprüche, die, der Kolonialismus produzierte und der’ Neokolonialismus vertiefte, aber nicht überwunden. Eine solche Politik verfolgten die verschiedenen Militärregierungen in Nigeria.

 

3)    Die Widersprüche werden beseitigt. Diese sozialrevolutionäre Alternative bedeutet für Nigeria die Befreiung vom Neokolonialismus, ein Prozeß, in dessen Verlauf die Massen die tribali stischen Vorurteile verlieren müssen, um den wahren Charakter ihrer Ausbeutung zu erkennen, damit sie selbst gemeinsam in einer permanenten Revolution ihr Mehrprodukt verwalten lernen. Erst diese „praktische“ Emanzipation wird dem Tribalismus den Todesschlag versetzen.

 

Während die Wahlmanipulationen in Nigeria von der bürgerlichen Presse und Literatur lauthals als unfein verdammt werden und gar die mangelnde Unreife und die Unzivilisiertheit der Afrikaner ins Feld geführt wird, sollte man ihren aufklärerischen Charakter für das Volk nicht unterschätzen, denn sie zeigten ganz deutlich, daß die formalen Regeln des vom britischen Kolonialismus eingeführten Parlamentarismus ein Herrschaftsinstrument sind.

 

Während keine der politischen Parteien, die die Regionalregierungen kontrollierten, jemals eine absolute Mehrheit im „Central Government“ erreichte, setzte die regierende Clique alles daran, um so lange als möglich an der Macht zu bleiben. Der NPC, fast ausschließlich im Norden etabliert, erreichte zwar permanent die Mehrheit im zentralen Parlament, da die Nordregion die größte Bevölkerungszahl besitzt, ständig jedoch mußte er fürchten, durch eine Koalition der beiden anderen Parteien aus dem Sattel geworfen zu werden, während die Rivalitäten zwischen NCNC und AG solche möglichen Koalitionen verhinderten70. 1959 gewann der NPC 148 der 312 Parlamentssitze, der NCNC 89 und die AG 7571. Nach den Wahlen bildeten NPC und NCNC eine bis 1964 dauernde Koalitionsregierung, deren Premierminister Alhaji Abubakar Tafawa Balewa wurde. Zu Beginn seiner Laufbahn Lehrer, hatte er seit 1933 die ganze Stufenleiter des „kommunalpolitischen Trainings“ durchquert und mochte so geschult den Briten als geeigneter Premier erscheinen72. Chief Obafemi Awolowo73 wurde zum Vorsitzenden der Opposition.

 

Opposition bedeutete in der nigerianischen Realität „weniger Stipendien und Fabriken, weniger Berufsmöglichkeiten, Darlehen und Vergünstigungen74“. Die AG spaltete sich bald in zwei Fraktionen, geführt von Awolowo und Akintola, dem Premier der Westregion. Chief Samuel Adoke Akintola, der Vertreter der Händler und älteren Parteifunktionäre, plädierte für eine Teilnahme der AG an der föderalen Regierung, d. h. für die Aufhebung der parlamentarischen Opposition, ein Gedanke, der von Balewa unterstützt wurde.

 

Das „Executive Committee“ der AG wählte Akintola jedoch von seinem Posten ab, und mit Billigung des Gouverneurs, des Oni von Ife, wurde ein Anhänger „Awos“ mit der Regierungsbildung beauftragt. Nach einer turbulenten Sitzung des „House of Assembly“ am 25. Mai 1962, in der die Anhänger Akintolas, unterstützt von der NCNC-Opposition und die Gruppe um „Awo“, sich mit Worten und harten Gegenständen angriffen, verhängte die Regierung Balewas den Ausnahmezustand über die Westregion. Eine Maßnahme, die die meisten Autoren als voreilig ansehen, und die den Schluß nahelegt, daß es dem Balewa-Regime hauptsächlich um die Zerstörung der Opposition ging. Bestätigt wird diese Vermutung durch den Verlauf des Prozesses, der im November 1962 gegen „Awo“ eingeleitet wurde. Die Anklage beschuldigte ihn der Vorbereitungen zu einem Putsch, der Rekrutierung von Freiwilligen für militärisches Training in Ghana und des Besitzes von Waffen. Zwar verlief der Prozeß ordnungsgemäß nach englischem Muster; Zeugen, Anklage und Verteidigung waren aber derartig in das System parteipolitischer Intrigen und Rivalitäten verwickelt, daß das Urteil gegen „Awo“ (sieben Jahre Gefängnis) äußerst fragwürdig erscheinen muß.

 

Nach der Aufhebung des Notstands setzte die Zentralgewalt eine Regierung im Westen ein, die von der „United People’s Party“ (UPP), einer pro-NPC-Splittergruppe der AG getragen wurde. Unter dem Slogan der „Yoruba Solidarity“ schloß sich die UPP bald darauf mit aus dem NCNC ausgetretenen Yorubamitgliedern zur „Nigerian National Democratic Party“ (NNDP) unter Führung von Akintola zusammen. Obwohl Regierungspartei im Westen, erhielt die NNDP als Satellit des NPC keinerlei Massenunterstützung.

 

Ein weiterer Schritt zur Vernichtung der AG war die im Zentralparlament von der NPC und NCNC beschlossene Gründung der „Mid-West Region“, was die regionale Autonomie einiger vorher unter der Verwaltung des Westens stehender Minoritäten bedeutete. Das Ergebnis der ersten Wahlen in der von der „politischen Sklaverei75“ des Westens befreiten Region fiel überwältigend zugunsten des NCNC aus.

 

Im Hinblick auf die nationalen Wahlen im Dezember hatten sich Mitte 1964 aus dem politischen Chaos zwei Allianzen gebildet: Die „Nigerian National Alliance“ (NNA) als Bündnis des NPC mit der NNDP und die „United Progressive Grand Alliance“ (UPGA), eine Verbindung zwischen NCNC und AG.

 

Die 1964er Wahlen, denen eine heftig umstrittene Volkszählung vorausging, deren Ergebnis die Verteilung der Parlamentssitze auf die Regionen etwas modifizierte und die Chancen eines UGPA-Sieges erhöhte, lassen sich charakterisieren durch die Mobilisierung tribaler Vorurteile zu Propagandazwecken und exzessive z. T. gewalttätige Manipulationen sowohl des Wahlvorgangs als auch des Ergebnisses. Ins rechte Licht rücken diese „Wahlen“ und die Unfähigkeit der korrupten Politiker samt der parasitären Schicht ihrer Anhänger erst dann, wenn man sie unter dem Aspekt des im Juni 1964 vorausgegangenen Generalstreiks betrachtet.

 

 

7. Entwicklung der Gewerkschafen und Massenstreiks

 

Die Gewerkschaften sind die einzige größere Organisation Nigerias, die einen nationalen Charakter besitzt. Die Legalisierung von Gewerkschaften in Nigeria durch. die britische „Trade Union Ordinance“, 1938, bedeutete für das britische. Kolonialamt, daß „Eingeborene, die für Europäer arbeiten... auf keinen Fall in schmutzigen und gesundheitswidrigen Wohnungen leben (dürfen), und sei es auch nur im Interesse des Wohlergehens ihrer Herren76“.

 

Nachdem also die Imperialisten „grünes Licht“ gegeben hatten, entstanden bis 1943 über 100 nach englischem Muster organisierte Gewerkschaften, die im „Trade Union Congress“ (TUC), hauptsächlich durch die Initiative von Mr. M.A.O. Imoudu, dem Präsidenten der „Railway Workers’ Union“, zusammengefaßt wurden. Der TUC forderte eine forcierte „Nigerianisierung“ der öffentlichen Hand und des Handels, sowie die „Nationalisierung“ der Schlüsselindustrien und der wichtigsten Sektoren des öffentlichen Dienstes. Kampagnen für Arbeiterbildung wurden durchgeführt und 1943 eine Arbeiter- bzw. Gewerkschaftsvertretung im „Legislative Council“ gefordert. TUC wurde u. a. von „Awo“, Azi kiwe und Macaulay unterstützt, die ihrerseits in ihren politischen Kampagnen Nutzen, aus ihm zogen. Der Generalstreik von 1954, der Kompensation für die seit 1942 über 50 % gestiegenen Lebenskosten forderte und nach 38 Tagen mit dem Sieg der Streikenden endete, zeigte die potentielle Stärke der organisierten Arbeiter. Im konkreten ökonomischen Kampf gegen die Kolonialregierung und die ausländischen Monopole, der im Kontext der nationalen Bestrebungen zugleich ein politischer war, stellten sich für den TUC die Fragen nach Sinn und Ziel einer Arbeiterorganisation in aller Schärfe. Positionen wurden entwickelt, die zu einer Spaltung der Organisation führten. Der rechte Flügel vertrat eine defensive Strategie und forderte die Zusammenarbeit mit dem „Labour Department“, während der linke Flügel in der Arbeiterorganisation die Basis für eine sozialistische Partei sah und eine aktive panafrikanistische Politik betrieb77. Zugleich wurde die amerikanisch gelenkte „International Confederation of Free Trade Unions“ (ICFTU) und die kommunistische „World Federanion of Trade Unions“ (WFTU) in Nigeria aktiv und infizierten die TUC mit der Ideologie des kalten Krieges. Die brutale Zerschlagung des Streiks der Bergleute in Enugu durch die Regierung reflektiert nach Woddis die zunehmende Schwächung der Bewegung78.

 

1960 existierten zwei wichtige Gewerkschaftszentren: Der „United Labour Congress of Nigeria“ (ULC) verbunden mit der ICFTU und der „African Trade Union Confederation“ (AFUC) - und der „Nigerian Trades’ Uniort Congress“ (NTUC), der die „All African Trade Union Federation“ (AATUF) unterstützte.

 

Zwischen 1960 und 1963 stiegen die Lebenskosten in Ni­geria rapide. Der Index für die Lebenskosten kletterte in Lagos von 132 auf 142,5, in Ibadan von 112 auf 136,8 und in Enugu von 119 auf 150,779. Der Sechs­jahresplan von 1962 aber sah die Einfrierung der Löhne vor, erkannte nur den ULC als Verhandlungspartner an und lehnte Lohnverhandlungen im Prinzip ab. Die parasitären Schichten, in deren Interesse Balewas Re­gime regierte, waren von dieser Entwicklung nicht, betroffen. Extrem hohe Gehälter und Vergünstigungen ga­rantierten ihnen jeden Luxus. Eine 1963 von der Regie­rung auf Druck der Gewerkschaften80 eingesetzte Kom­mission ermittelte folgende Zahlen: Ein Universitäts­lehrer erhält im Jahr das gleiche Gehalt wie sein Kollege in England (ca. £ 1000), ein Kabinettminister £ 3000, ein Beamter des „Executive Council“ £ 450 bis 550. Ein ungelernter Arbeiter aber verdient in Lagos £ - 95 und in der Nordregion nur £ 72. Das Verhältnis zwischen dem Einkommen eines ungelernten Arbeiters und eines Ministers betrug 1:30 oder 1:40, in England beträgt es 1:12.

 

Als die Regierung die Ergebnisse und Vorschläge der Kommission nicht veröffentlichte, rief das JAC zum Generalstreik auf. Es forderte eine nationale81 Lohnpolitik, die Fixierung von Minimallöhnen, die Nationalisierung der Ölproduktion, der Minen, der Banken und Versicherungsgesellschaften und die Kontrolle über Reinvestitionen der Profite von ausländischen Investoren. Der Streik begann am 31. Mai, endete am 13. Juni und mobilisierte 800 000 Arbeiter, unter denen die Bewohner der Ostregion die größte Militanz entwickelten.

 

Während zwei Ultimaten und Aussperrungsdrohungen der Regierung keinen Effekt hatten, zeitigten die Drohungen des Arbeitgeberverbands mehr Erfolg, so daß anläßlich der Entlassung von 1000 Arbeitern durch die „Union Trading Company“ ein Heer von Neuanwärtern um die raren Arbeitsplätze kämpfte. Am Ende entschloß sich die Regierung zu geringen Lohnerhöhungen, ohne jedoch die hohen Gehälter der Priviligierten zu kürzen. Den Lohnerhöhungen folgte ein Preisanstieg, so daß sich die ökonomische Lage der Arbeiter effektiv nicht verbesserte. Aus der politischen Perspektive jedoch hat der Streik bedeutsame Implikationen: Zu Beginn des Streiks „stellten die Forderungen der Massen und die Reden der Gewerkschaftsführer die ganze soziale Struktur Nigerias in Frage82“, eine sozialistische Partei wurde gefordert und der Generalstreik als politische Wafe propagiert.

 

 

8. Von der „Unabhängigkeit“ zur Sezession

 

Während der Streik von 1964 die Herrschaftsstruktur Nigerias in Frage gestellt hatte, manifestierte sich in den folgenden Wahlen für das föderale und westliche Parlament noch einmal, daß die herrschenden Cliquen nicht bereit waren, ihre Politik zu ändern. Zum Zwecke der Wahlmanipulation wurden politische Opponenten eingekerkert, verfolgt, gefoltert, ermordet und politische Versammlungen verboten83. Die nach dem Streik von Imoudu gegründete „Nigerian Labour Party“ und das JAC riefen zum Boykott der Wahlen auf und propagierten erneut den Generalstreik. Doch nur die Eisenbahner und die Hafenarbeiter folgten dem Aufruf. Als Balewa den Wahltermin nicht verschob, drohte die UPGA, die Grund hatte zu fürchten, daß die Manipulationen der NNA mehr Erfolg haben würden als ihre eigenen, mit Sezession und forderte ihrerseits zum Wahlboykott auf. Der Boykott wurde nur im Osten und zum Teil in Mid-West durchgeführt. Zuletzt einigten sich alle Parteien auf ein Sechs-Punkte-Programm, das die Einheit Nigerias unterstrich, Treue zur Verfassung bekundete und die Bildung einer ‘broad-based’ Regierung ankündigte. Weiterhin sollten sich die Gerichtshöfe mit der Legalität der Wahlen befassen, Reformvorschläge zur Verfassung und Wahlprozedur geprüft und Neuwahlen in jenen Bezirken durchgeführt werden, „in denen die geringe Wahlbeteiligung den demokratischen Anspruch lächerlich gemacht hatte84“.

 

Die Bildung einer nationalen Regierung mit „Massenbasis“ bedeutete in der Realität nichts anderes als die gemeinsame Herrschaft der Oligarchien über das Volk. Im Parlament erhielten die NNA 197, die UPGA 108 und die Unabhängigen 5 Sitze. Die ‘Wahlen’ für die Neubildung der Regionalregierung im Westen verliefen nicht anders als die vorausgegangenen. Drei Wahlbeamte und zwei Parteiagenten wurden ermordet. Als jedoch das offizielle Wahlergebnis85 von der UPGA als Betrug abgelehnt wurde und sie selbst mit einer Gegenregierung drohte, brach im Westen der Bürgerkrieg aus. Viele Haussas wurden Opfer der manipulierten Massen, die keinen Unterschied machten zwischen dem armen Haussa und dem reichen Minister oder Kaufmann aus dem Norden. Vor allem aber demonstrierten Jugendliche, die am schwersten unter der Arbeitslosigkeit zu leiden hatten, ihren Willen, sich entweder mit Gewalt anzueigenen, was sie anders nicht bekommen konnten, oder es zu zerstören86. Objekte der freiwerdenden Aggressionen waren u. a. Beamte der Regierung und Funktionäre politischer Parteien.

 

„Wir waren fünf an der Zahl und wußten endgültig, was zu tun war. Wir hatten eine kurze Liste von Personen, die entweder dem Fortschritt des Landes hinderlich waren oder die aufgrund ihrer Position für den Frieden und die Stabilität geopfert werden mußten87.“ Diese Sätze von Chukwuma Nzeogwu zeigen die ganze Schwäche des Militärputsches vom 15. Januar 1966. Nzeogwu selbst berichtet, daß der Putsch nur im Norden gelang; während im Westen (Lagos) und im Osten (Enugu) die Putschisten versagten88. Die allgemeine Verwirrung in Armee und Parteien nutzte der Oberbefehlshaber der nigerianischen Armee, Ironsi, aus, um sich im Einverständnis mit den Parteien an die Spitze einer „vorübergehenden“ Militärregierung zu setzen. Er selbst war nicht auf den Putsch vorbereitet gewesen89. Trotzdem entschied Nzeogwu, sich der Befehlsgewalt Ironsis zu unterwerfen, fuhr nach Lagos und wurde dort mit anderen Putschisten eingesperrt. Militärgouverneur der Ostregion wurde Odumegwu Ojukwu, den gleichen Posten erhielt im Norden Hassan Katsina. Die Macht erhielten also Militärs, die weder den Putsch geplant hatten, noch auf politische Aufgaben vorbereitet waren. Letzteres ist allerdings auch im Falle Nzeogwus fraglich. Als Technokrat betrachtete Ironsi den Staat als Produktionsmaschine, die auf der Basis der bestehenden Produktionsverhältnisse rationeller organisiert werden mußte. Er löste die Parteien auf, setzte Untersuchungskommissionen in die der Korruption verdächtigen Institutionen ein90. Verdächtige wurden entlassen, Stipendien entzogen, 32 Parteifunktionäre eingesperrt und „günstige Maßnahmen für ausländische Investoren“ ergriffen91. Das Leben der nigerianischen Massen, die den Putsch begrüßt hatten, wurde durch keine dieser „Maßnahmen“ verändert. Wie eh und je blieben sie Objekte der Manipulation. Die Teuerung der Lebenshaltung mußten sie ebenfalls bezahlen. In Lagos z. B. stiegen die Preise für Grundnahrungsmittel (Gari, Yam, Fisch, Brot, Fleisch) um 100 %, in manchen Fällen bis zu 200 %92. Ein Kolumnist der Lagos Daily Times kritisiert die „Palastrevolution“, deren Repräsentanten in „prunkvollen Gebäuden“ residieren und in luxuriösen Autos durch das Land fahren. Er folgert, daß die Gouverneure die gleichen „tribalistischen pressure groups“ vertreten wie die fortgejagten Premiers93. Kein Wunder, daß die alten tribalistischen Ressentiments um so heftiger wieder auflebten. Ironsi reagierte darauf, indem er am 24. Mai ein Zentralisierungsdekret erließ und die Republik ausrief. Es ist zu vermuten, daß diese Maßnahme Unterstützung fand bei einem Teil der technischen Intelligenz, der reformerischen Politiker; größeren Händler, Transportfirmen und kleineren Industriellen. Diese alle hatten zwar vorher von der Korruptheit der Zivilregierung gelebt, zogen aber, offenbar durch die Volksunruhen gewarnt, eine starke Zentralregierung vor.

 

Ein paar Tage nach dem Dekret jedoch, am 29. Mai, brach in Nordnigeria ein Pogrom aus, das als „Organi siert und spontan zugleich“ beschrieben wird94. Die Massaker begannen in mehreren Städten gleichzeitig und besaßen überall den gleichen Charakter: Objekte der Aggression waren hauptsächlich die Ibos und andere aus der Ostregion stammende Einwohner95. Häuser wurden niedergebrannt, die bewegliche Habe zerschlagen oder geraubt und Menschen in den Häusern und auf offener Straße ermordet96.

 

Die Kanalisierung der Unzufriedenheit in die alten Bahnen tribalistischer Vorurteile hatte zugleich die Identifikation der unterdrückten Massen im Norden mit den Etniren wiederhergestellt und deren Prestige gestärkt. Wieder dominierte die Parole „One North, one People“, die auf Sezession zielte.

 

Ironsi hatte inzwischen mit einigen hohen Militärs, Emiren und Politikern Kontakt aufgenommen. Man entschloß. sich, den „Unification Decree“ zu interpretieren lediglich als ein Mittel zur Erleichterung der Militäradministration. Die „territoriale Souveränität“ der Regionen sei davon nicht betroffen, sondern nur die oberste Stufe der Verwaltung. Daraufhin forderte Ojukwu in einer Rundfunksendung die aus dem Norden geflohenen Ibos zur Rückkehr auf, da die Situation „jetzt unter Kontrolle“ sei97.

 

Ironsi startete eine „goodwill tour“ durch das Land. Am 29. Juli wurde er von Anhängern eines Konterputsches, der in Abeokuta begann, erschossen. Die aus dem Norden stammenden Militärs des Konterputsches gewannen Kontrolle über den Norden, Lagos und Mid-West. Im Osten weigerte sich Ojukwu, den neuen Oberbefehlshaber der Armee, Gowon, anzuerkennen. Dieser hatte weder am „Ironsi-Putsch“ teilgenommen, noch an dem, der ihn selbst zur Macht brachte. Das Motiv der gegen Ironsi putschenden Offiziere war schlicht und einfach Rache für die im Januar-Putsch ermordeten Kollegen aus dem Norden. Darüberhinaus sprach man von der Sezession des Nordens98. Tatsächlich folgte auf diesen Putsch die Ermordung von Hunderten von Ibo-Offizieren und -Soldaten in Lagos, Ibadan, Abeokuta, Kaduna, Zaria und Kano99.

 

Gowon erließ den Befehl, alle Soldaten in ihre Ursprungsregionen zu versetzen. Dies hatte eine Isolierung der nördlichen und östlichen Armeeangehörigen zur Folge. Die nördlichen Truppen jedoch blieben weiter im Westen stationiert, da es kaum Yoruba-Truppen gab, die sie hätten ersetzen können. Zugleich organisierte Gowon zwei Konferenzen, auf denen die Staatsform des zukünftigen Nigeria endgültig geklärt werden sollte. Während des Treffens am 12. September nahmen die Vertreter der Regionen folgende Standpunkte ein: Der Norden: lose Assoziation der existierenden Regionen nach dem Muster der „East African Common Service Organisation“. Verankerung des Rechts auf Sezession in der Verfassung. Der Westen: Etablierung eines „Commonwealth of Nigeria“ auf der Basis kleiner durch linguistische und ethnische Differenzen charakterisierter Staaten. Der Osten: lose Assoziation der bestehenden Regionen. Mid-West: Beibehaltung des status quo, evtl. die Schaffung neuer Staaten.

 

Auf der nächsten Konferenz jedoch überraschte der Norden mit einer völlig veränderten Konzeption: Er schlug die Etablierung von zusätzlichen Staaten vor und lehnte ein „Grundrecht“ auf Sezession ab. Diese Forderungen waren bis dahin charakteristisch für die Vertreter der Minoritäten gewesen und auch der NCNC hatte sie dann und wann in die Waagschale der Macht geworfen. Die Konferenz der Militärs, in deren Schutz sich alle alten „pressure groups“ reorganisiert hatten, um am grünen Tisch erneut ihre bornierten Interessen durchzusetzen, scheiterte aber an den sich in der nigerianischen Gesellschaft zuspitzenden Widersprüchen: Im September-Oktober wurden im Norden 30 000 Menschen, meistens aus dem Osten, umgebracht. Die Überlebenden mehr als eine Million - flohen in die Ostregion. Unter den Flüchtlingen befanden sich auch hohe Beamte der Föderalregierung aus Lagos; sie formierten sich später zu einer mächtigen Interessengruppe, einer Propagandamaschine für die Sezession. Nach dem Massaker lehnte Ojukwu jede Verhandlung ab. Auf die Vermittlung von Ankrah jedoch fand im Januar 1967 eine Konferenz in Aburi (Ghana) statt, in der Gowon und die vier Militärgouverneure der Regionen sich über folgende Schritte zur Modifizierung der gegenwärtigen Machtkonstellation einig wurden: Abschaffung der Position des „Supreme Commander“; an ihre Stelle tritt der „Commander-in-Chief“. Er kann nur in Übereinstimmung mit den Kommandanten der Regionen und ihren Beratern Entscheidungen fällen, die das ganze Land oder eine Region betreffen. Ein Armeekabinett mit gemeinsamer Verantwortung sollte also das Land regieren. Weiter wurde der Aufbau einer Yorubaarmee und die Entlohnung aller geflohenen Staatsbeamten bis zum Ende des Haushaltsjahres beschlossen.

 

Als jedoch keine Anstalten gemacht wurden, die Beschlüsse in die Realität umzusetzen, drohte Ojukwu mit der Sezession der Ostregion.

 

Inzwischen verlor Gowons Regime in zunehmendem Maße Autorität. „Awo“, der kurz nach dem Juni-Putsch aus dem Gefängnis entlassen worden war, weigerte sich, weiter als Delegierter der Yorubas zu fungieren und drohte mit einer Sezession des Westens, falls die des Ostens realisiert würde100. Colonel Ejoor, der Gouverneur des Mid-West, propagierte die Entmilitarisierung seiner Region. Auch die Angehörigen der Tiv und anderer Minoritäten der Nordregion wurden unruhig.

 

Mit Zustimmung der Emire veröffentlichte Gowon ein Dekret, das den Forderungen Ojukwus entgegenkam und die wichtigsten Beschlüsse Aburis berücksichtigte. Dieser jedoch zeigte sich nicht zufrieden und beschloß, alle für die Föderal-Regierung im Osten gesammelten Steuern zu beschlagnahmen, mit der Begründung, er brauche das Geld, um das Flüchtlingsproblem zu lösen und um die geflohenen Staatsbeamten zu bezahlen, die immer noch nicht rückwirkend entschädigt worden seien.

 

Gowon antwortete mit der gleichen Taktik: Lebensmittel- und Posttransport in den Osten wurden eingestellt, die Bankkonten der Bewohner des Ostens gesperrt und die Entziehung der nigerianischen Pässe angekündigt. Ojukwu verhandelte noch einmal mit einer Delegation der Föderalregierung, aber der formale Charakter der Maßnahmen zur „Entspannung der Lage“ konnte den Konflikt nicht beseitigen. Ojukwu z. B. hatte den Abzug der Armee des Nordens aus der Westregion gefordert. In der Tat wurde dem Folge geleistet, aber erklärt, daß die Truppen in Jebba und Ilorin direkt an der Grenze stationiert würden.

 

Am 26. Mai rief Ojukwu seine 300 Berater zusammen und legte ihnen drei Alternativen vor:

 

  1. Die Akzeptierung der „Bedingungen des Nordens und Gowons“ und damit die „Unterwerfung unter den Norden“.

 

  1. Die Fortsetzung des Tauziehens.

 

  1. Die „Verteidigung des Lebens unseres Volkes durch die Erklärung seiner Autonomie101“.

 

Die Versammlung ermächtigte Ojukwu, „sobald es notwendig schien, Ost-Nigeria, zu einem freien, souveränen und unabhängigen Staat zu erklären mit dem Namen ‘Republic of Biafra’102“.

 

Noch am selben Abend erklärte Gowon den Notstand über Nigeria, verhängte eine totale Blockade gegen den Osten und erließ ein Gesetz zur Aufteilung des Landes in 12 Staaten103. Diese Entscheidung hatten die Minoritäten schon ein Jahrzehnt lang gefordert, gegen den heftigen Protest der nördlichen Herrscherclique. Ihre Forderung war identisch gewesen mit dem Wunsch nach größerer Autonomie. Aber die Situation hatte sich geändert: formal war die Forderung erfüllt worden, inhaltlich bedeutete sie aber nichts anderes als der Auftakt zu einem noch größeren und unsinnigen Blutvergießen. Indem die Militärs jeder Minorität ein „eigenes Stück Land“ gaben, erreichten sie, daß alle Minoritäten enthusiastisch für ‘ihre’ Verteidigung kämpften und zugleich ihre tatsächlichen Beherrscher stützten. Am 30. Mai rief Ojukwu die Republik von Biafra aus.

 

 


Der Sezessionskrieg als antizipierte Konterrevolution


 

1. Imperialistische Interessenkonstellation

 

Bis zum Ausbruch des Sezessionskrieges waren die sich verschärfenden gesellschaftlichen Widersprüche Nigerias scheinbar eine Angelegenheit allein der Nigerianer. Zwar wurden Politiker, Militärs, Wissenschaftler und Bürokraten schon immer in England und den USA ausgebildet, und auf ihren Job zu Hause vorbereitet, doch in der späteren Ausübung bestimmter Funktionen erschienen sie dann primär als mehr oder weniger kompetente Fachleute ihres Landes, als Repräsentanten einer politischen Partei, als Beamte oder Angestellte des Staates oder einer Firma, nicht aber als Agenten ausländischer Auftraggeber, die gegen wichtige Interessen des eigenen Landes handelten. Wenn Nigerianer brave Antikommunisten waren, eine feste politische und ökonomische Verbindung und Abhängigkeit zu den USA, England, der EWG und Ländern der OEEC herstellten, sich an wichtiger Stelle an der UN-„Friedensaktion“ im Kongo beteiligten, dann waren das alles Symptome, die allenfalls einen außenstehenden Kritiker des Neokolonialismus hätten interessieren können. Ein klares Bewußtsein vom Interessenzusammenhang zwischen der konkreten politischen Situation und den industrialisierten, spätkapitalistischen Gesellschaften hatte sich im Lande selbst noch nicht in relevantem Maße herausgebildet. Diese Tatsache ist natürlich kein Zufall, sondern hängt mit der Kolonialgeschichte Nigerias zusammen.

 

Die ständige Verschlechterung der materiellen Existenz der Massen, die Vertreibung der kleinen Bauern von ihrem Land, Arbeitslosigkeit und niedrige Löhne des zunehmenden städtischen Proletariats, zwangen zwar die Gewerkschaften zur Organisierung von Generalstreiks, führten aber nicht schon ohne weiteres auch zu deren Transformation in eine antiimperialistische Bewegung mit dem Ziel der notwendigen revolutionären Umwälzung der bestehenden Produktionsverhältnisse. Dieser Transformationsprozeß hätte entscheidend auch das Bewußtsein der neokolonialen Ausbeutung in den Massen wecken müssen. Kurz: Trotz der objektiv revolutionären Situation, die durch die Verschärfung der Widersprüche entstanden war, fehlte das bewußte, vorwärtstreibende Element, das die Notwendigkeit und Möglichkeiten revolutionärer Umwälzung für die Ausgebeuteten klar artikuliert hätte.

 

In einer Lage, wo die alte Gesellschaft beinahe von alleine auseinanderzubrechen droht, aber keine Kraft die Umwälzung der bestehenden Verhältnisse aufnehmen kann oder will, sammeln sich die verschiedenen Kräfte der Konterrevolution, um die lecken Stellen des sinkenden Schiffes abzudichten. Genau dies geschah in Nigeria auf eine seltsam selbstmörderische Weise. Die herrschenden Oligarchien begannen nämlich mit einer noch nicht erlebten Ausschließlichkeit ihre partikularen Ziele zu verfolgen und waren zu keiner Kooperation, zu keinem Kompromiß mehr bereit.

 

Der erste Militärputsch vom 15. Januar 1966 war der letzte, aber schwache und politisch konzeptionslose Versuch, die partikularistischen Tendenzen zu überwinden. Das Scheitern dieses Versuchs löste eine Folge von Ereignissen aus, in deren Verlauf sich zwei wichtige Veränderungen vollzogen: Erstens: die ursprünglich zum Separatismus neigende Herrscher-Clique der Nordregion wandelte sich zum Verfechter eines Einheitsstaates (wobei ihr nur die ungünstige geographische Lage im Wege war). Diese Sinneswandlung sollte durch die Konstruktion von zwölf „autonomen“ Teilstaaten, die den tribalistischen Ideologien formell Rechnung trugen, verdeckt werden. Zweitens: die aus dem Osten stammende Pseudobourgeoisie, ursprünglich für einen Zentralstaat mit umfassenderen Vollmachten, wandelte sich zum Anhänger des Separatismus und schließlich zum Befürworter der Sezession.

 

In Washington und London konnte man darauf gespannt sein, wie die verfeindeten Freunde die Situation meistern würden. Für wen sollte man Partei ergreifen, oder sollte man sich zurückhalten? Immerhin standen die Interessen der Erdölkonzerne auf dem Spiel, die, wie wir schon angedeutet haben, in sich widerspruchsvoll sind und durch ihre Politik zur Eskalierung der Ereignisse in Nigeria wesentlich beitrugen. Der Widerspruch besteht aber nicht nur zwischen der SAFRAP und SHELL/BP, die in der Frage der Bohrrechte und der Förderung des Öls konkurrieren, er besteht auch darin, daß einerseits ein erfolgreicher Sezessionskrieg eines relativ kleinen und übersichtlichen Ölgebiets vom Standpunkt des Imperialismus durchaus wünschenswert ist, andererseits aber keine Garantie auf den ‘Erfolg’ eines solchen Krieges besteht, d. h. die erstellten Anlagen im schlechtesten Fall u. U. sogar zerstört werden könnten. In diesem Sinne flieht Kapital, Tumult und Streit, während es sie gleichzeitig engagiert.

 

Es steht fest, daß die erste vorsichtige „Zurückhaltung“ der USA und Englands mit der peinlichen Zerstrittenheit der herrschenden Oligarchien zusammenhängt, von denen keine die neokolonialen Interessen in Frage stellte, aber jede den Unterstützer des Gegners angriff. Als England sich zuerst weigerte - was in der bürgerlichen Presse verschwiegen wird -, in verstärktem Maße Waffen an Lagos zu liefern, während Biafra anscheinend aus mehreren Ländern Waffen bezog, sprangen die Sowjetunion und die CSSR in die Lücke. Dieser Tatbestand änderte zweierlei: die anfangs sehr günstige Lage für die Sezessionisten verschlechterte sich - bis zu diesem Zeitpunkt stand nur sporadisch etwas über den Konflikt in der bürgerlichen Presse; England war nun gezwungen, wollte es seine Interessen in Nigeria nicht aufs Spiel setzen, die Regierung in Lagos doch verstärkt zu unterstützen. Unter diesem Gesichtspunkt ist es zwar oberflächlich, aber doch nicht ganz falsch, wenn „Der Spiegel“ von einer „Kolonialisten-Kommunisten-Kapitalisten-Allianz“ spricht. Die Funktion dieser Allianz läßt sich allerdings nicht nur im Hinblick auf die Rückgängigmachung der Sezession beschreiben oder als Unterstützung eines der reaktionärsten Staaten des afrikanischen Kontinents173. Es handelt sich dabei um eine grundlegende und weltumspannende Interessenkonstellation, deren Hauptgeschäft vor allem die Verhinderung oder Aufschiebung revolutionärer Prozesse in den nichtindustrialisierten Gebieten ist. Die damit verbundene Konsequenz in bezug auf die Vorgänge in Nigeria ist die, daß in Wirklichkeit nicht die Sezession Biafras als Gefahr für jene „Allianz“ fungiert, sondern nur den Anlaß bietet, um der Gefahr eines künftigen Kuba oder China in Afrika frühzeitig entgegenzutreten. Diese Interpretation betrifft nicht nur Nigeria, sondern im weiteren Sinne auch die vorerst verspielten Möglichkeiten der kolonialen Revolution in Algerien, Ghana, Kongo und Ägypten, wo die jeweils konkreten Bedingungen und Ausgangsposition durchaus verschieden waren. Die Dauer des Krieges in Nigeria, Obsoletheit der militärischen Organisation und Waffen weisen auf Selbstzerfleischung und Pauperisierung hin, die der imperialistischen Allianz über den strukturell bedingten Zwang des Absatzes veralteter Waffensysteme noch zusätzliche Profite einbringen. Keiner der Waffenlieferanten, gleichgültig an wen sie liefern, wird einen Schaden erleiden. Die ausgebeuteten und entmündigten Massen Nigerias haben entweder schon bezahlt oder werden in Zukunft zahlen müssen. Während Lenin noch in der strategischen Beurteilung des Kampfes gegen den Imperialismus dem irischen Unabhängigkeitskampf mit Recht eine große Bedeutung zumessen konnte, weil er England wahrscheinlich von innen her schwächen würde, scheint dieses Modell, wird es abstrakt auf die Frage des „Selbstbestimmungsrechts der Völker“ angewendet, äußerst problematisch174. Nach allem, was wir über den Charakter der Klassenstruktur neokolonialer Gesellschaften sagen können, gibt es dort aus historischen Gründen keine nationale Bourgeoisie, die die Funktionen ihrer europäischen Vorläufer zu übernehmen fähig wäre. Deshalb ist die entscheidende Frage auch nicht, welche der herrschenden Cliquen „fortschrittlicher“ ist, sondern wie und ob in Nigeria die Kräfte entwickelt werden können; die den antiimperialistischen Kampf aufnehmen und ob diesem Kampf eine Sezession nützlich sein kann. Die Antwort auf diese Frage gibt nicht allein der Blutzoll, den die Arbeiter und Bauern mit ihren Familien auf beiden Seiten bisher entrichtet haben - übrigens eine Methode imperialistischer Bevölkerungspolitik, wenn die Antibabypille nicht hilft -, sondern vor allem die Errichtung falscher Fronten, welche die Sezession verfestigte oder neu schuf.

 

 

2. Positionen der Konterrevolution

 

Zwischen den Machthabern Nigerias und Biafras besteht eine grundlegende Übereinstimmung: Die Misere des ehemaligen Kolonialbesitzes soll übertüncht werden mit Hilfe verfassungsrechtlicher Reformen, deren Wirkung durch moralischen Appell an die Bevölkerung garantiert werden soll. Dieser ist so strukturiert, daß er auf der einen Seite die Aggression der Beherrschten auf andere Gruppen lenkt und auf der anderen Seite ein völlig unverbindliches Bild von einer glücklichen Zukunft entwirft. Das wesentliche Element der zu diesem Zwecke fabrizierten Argumentationsketten ist die Vertuschung der gesellschaftlichen Antagonismen durch die Vorspiegelung einer Schicksalsgemeinschaft, in der heroische Individuen gegen die Infiltration des Bösen kämpfen.

 

 

a) Biafra

 

„Wir sind menschliche Wesen, und Selbsterhaltung ist das oberste Gesetz der Natur175.“ Dieser unpolitische Legitimierungsversuch der kompromißlosen Kampfbereitschaft Biafras zeigt im Kern schon die Qualität der biafranischen Position, die man als puritanischen christlichen Nationalismus beschreiben kann. Gowon als das, personifizierte Böse hat sämtliche korrupten, kriminellen und sexuell perversen Männer Nigerias in seinen Mitarbeiterstab aufgenommen176. Während diese vor jeder Entscheidung Rat bei den Neokolonialisten in London einholen177, wird Nigeria zugleich ein „Brückenkopf des Kommunismus“ in Afrika, für dessen „böse Zwecke“ sowohl russische Agenten, als auch Radikale wie Wahab Goodluck (NTUC) und Tunji Otegbe (Socialist Workers and Farmers Party) arbeiten178. Auch die Imperialismuskritik hat ihre Grundlage nicht in einer sozio-ökonomischen Analyse, sondern ist orientiert an einem moralisierenden Freund-Feind-Denken: Wenn es die britische Kolonialmacht im Osten schwer genug hatte, die schon damals progressiven Biafraner zu unterwerfen179, so hat England heute durch seine Unterstützung Nigerias die „Offenherzigkeit“ Biafras sich vollkommen verscherzt. Quasi als Strafe sollen biafranische Märkte für die englischen Exporte geschlossen und britische Investitionen verboten werden180. Zugleich wird die UdSSR angeklagt, Flugzeuge und Bomben für die Zerstörung amerikanischer Investitionen in Biafra zu liefern181.

 

Das schwierigste Problem Ojukwus und seiner Ratgeber bestand jedoch in der Reorganisation der Ostregion zum Zweck einer möglichst effektiven Kriegsführung. Ein straffes, zentralistisches System mußte geschaffen, gleichzeitig jedoch die Autonomiebestrebungen der verschiedenen ethnischen Gruppen so kanalisiert werden, daß sie die militärische Schlagkraft und die politische Einheit nicht gefährdeten. Ein provinziales, nach ethnischen Gesichtspunkten gegliedertes, zwanzig Verwaltungseinheiten umfassendes Verwaltungssystem wurde eingeführt, ein „ Council of Chiefs and Elders“ und eine „Consultative Assembly“ etabliert. Diese Maßnahme berücksichtigte die Interessen der traditionellen Autoritäten und Staatsbeamten und konnte zugleich als demokratische Regelung der Gesellschaft propagiert werden: „Die Republik Biafra ist eine demokratische Form der Assoziation zwischen der zivilen Bevölkerung und den militärischen Führern... Ojukwus Regierung ist eine Volksregierung182.“

 

Während es sich hier um eine der Situation angepaßte Organisation des Staates handelte, mußte auch die Gesellschaft einem Kontrollsystem unterworfen werden, das das gewaltsame Eingreifen der Polizei nur in Extremfällen nötig machte. Zwei Organisationen wurden gegründet, deren Funktion die Aufrechterhaltung von Ruhe, Ordnung und Disziplin und die Propagierung einer entsprechenden Ideologie ist: Die Volksmiliz, „bestehend aus Freiwilligen der verschiedensten sozialen Gruppen - Arbeiter, Studenten, Arbeitslosen und allen Jugendlichen, die beschlossen haben, an die Front zu gehen, um die feudale Armee bis zum letzten Mann niederzukämpfen183,“ und die „Biafran Peoples Mutual Understanding Association“, die die richtige Ideologie vertreibt. Diese Ideologie verhindert die Emanzipation des Bewußtseins der Massen, indem sie zwar an konkrete Bedürfnisse (die Beendigung des Krieges und den ökonomischen Fortschritt) anknüpft, deren Realisierung aber mystifizierend an die Grundpfeiler der bestehenden Ordnung bindet: einen Gott, den Staat, die Polizei, die Privatinitiative des Unternehmers und die ehrliche Lohnarbeit. Dahinter steht die verzweifelte Anstrengung, die ethnischen Gruppen Biafras zu einer todesmutigen „Volksgemeinschaft“ zusammenzufassen, die von sich selbst das falsche Bewußtsein einer „glücklichen Familie“184 besitzt. Sogar der Versuch wird nicht unterlassen, den Begriff der „Völkerfamilie“ mit Hilfe einer pseudo-wissenschaftlichen rassisch-biologischen Argumentation zu legitimieren185.

 

Biafranische Zeitungen, wie die „People’s Daily“, rechtfertigen Vermutungen, daß sich in der Bevölkerung der durch den Krieg verursachte ökonomische und psychologische Druck durch verstärkte Sabotage, Diebstähle usw.186 Luft macht. Zugleich ist der Reichtum im Lande so ungleich verteilt, daß Lotterien mit dem Slogan „WIN THE WAR“ ihre Geschäfte noch mit dem Kriege machen können187.

 

Zur Verschleierung dieser Widersprüche leistet das Christentum hilfreiche Dienste mit dem Hinweis auf den Willen eines Gottes und der Einimpfung eines religiösen Sendungsbewußtseins:

 

„Biafra sollte als ein Durchbruch Gottes in der Geschichte des afrikanischen Kontinents angesehen werden... Biafra ist von Gott geschaffen worden, um Afrika zu retten188.“

 

Eine wesentliche Rolle spielt daneben die Propagierung einer ‘protestantischen Ethik’, die harte Arbeit, Ehrfurcht vor dem Staat und seiner Polizei, soldatische Tugenden und Verantwortung, sowie die Führungsrolle der Kirche predigt189. Die Klassenstruktur der neokolonialen Gesellschaft wird vorgeschwindelt als ein Resultat ehrlicher Arbeit:

 

„Wir, als ein einiges Volk“haben immer geglaubt, daß ein Mensch durch selbständige, ehrliche und harte Arbeit aus den niedrigsten Verhältnissen zu größten Höhen emporsteigen kann190“.

 

Aus Mangel an einer sozio-ökonomischen Theorie der Veränderung der Gesellschaft wird ein deus ex machina geschaffen: „der ideale Biafraner ist ein Mensch, der an eine höchste Gottheit über allen Menschen glaubt, der die Pflicht harter Arbeit anerkennt... der vor allem verantwortungsbewußt, diszipliniert, leistungsfähig und dabei bescheiden ist191.“

 

Wo die friedlichen Integrationsmethoden zur Formierung der Gesellschaft jedoch scheitern, entpuppt sich die glückliche biafranische Familie als eine, die mit Gewalt zusammengehalten werden muß. So wurden die Bewohner der Küstenstreifen angesichts der drohenden Invasion der Armee der Zentralregierung von den fliehenden biafranischen Soldaten gezwungen, sich ihnen anzuschließen, Menschen, die sich gegen eine solche Evakuierung, die ein elendes Dasein in Flüchtlingslagern bedeutete, wehrten, wurden getötet, eingesperrt, ihr Eigentum zerstört192.

 

 

b) Nigeria

 

„Aber die Zukunft verspricht Frieden, Ordnung, Fortschritt und Entwicklung, wenn das Land zusammengehalten wird193.“ Daß die vielversprechende neue Epoche in der Geschichte Nigerias durch die Etablierung einer Konföderation von 12 Staaten eingeleitet sei und der Fortschritt durch die Sezession des machtlüsternen Biafra gewaltsam aufgehalten werde, ist das Hauptargument Nigerias. Es geht Gowon nicht darum, die Ibos auszurotten, sondern Ojukwu zu entmachten und die Minoritäten Biafras von der aufgezwungenen Herrschaft Ojukwus und seiner Anhänger zu befreien. Die Konföderation soll ein Gleichgewicht der Kräfte herstellen, die Furcht der Mihoritäten vor der Beherr schung durch fremde Gruppenabbauen und jedem Teilstaat ein Höchstmaß an Autonomie garantieren. Formal betrachtet, erscheint diese Argumentation durchaus logisch. Berücksichtigt man allerdings die konkrete Situation Nigerias als eines unterentwickelt gehaltenen Landes, muß sich die Schwäche der Gowonschen Verfassungsreform zeigen.

 

Die Autonomie der 12 Staaten wird sich auf die Kulturpolitik beschränken müssen, wenn nicht die ökonomische Emanzipation Nigerias von neuem blockiert werden soll. Die „freie“ Verfügung kleiner konföderierter Staaten über ihre natürlichen Resourcen genügt eben nicht, wenn es sich um den Aufbau nationaler Industrien, die Revolutionierung der Landwirtschaft und die Organisation der Qualifikationsstruktur der Arbeit handelt194. Wie in der Phase vor 1966 werden bornierte Streitigkeiten über Ort, Kapazität und Finanzierung neuer Projekte die Szene beherrschen und die Neokolonialisten die eigentlichen Profiteure sein.

 

Ohne eine sozio-ökonomische Analyse der Situation und eine konkrete Politik zur Abschaffung des wirtschaftlichen Elends und der Fremdbestimmung durch den Neokolonialismus bleibt die von Gowon antizipierte „Einheit“ ein Fetisch, genauso wie Ojukwus „Biafra“.

 

 

3. Chancen einer Befreiungsbewegung

 

Festzuhalten ist, daß die Konterrevolution in Nigeria auf breiter Basis gesiegt hat, bevor die revolutionären Kräfte sich überhaupt konstituieren konnten. Aber dies ist nur das vorläufige Ergebnis eines Prozesses der sich verschärfenden Widersprüche in neokolonialen Gesellschaften. Dabei konnte eine Einigung der beiden konterrevolutionären Elemente bisher nicht erzielt werden.

 

Die Massen in Biafra und  Nigeria, vorläufig hinters Licht geführt, könnten einen solchen Vorgang der Wiedervereinigung und Versöhnung ihrer früheren Herren wahrscheinlich auch schlecht verstehen. Ihr wirklicher Feind und die wirkliche Ursache ihres Elends würden sich auch klarer zeigen als je zuvor, wenn das „Interesse des Friedens“ den alten Zustand wiederherstellen sollte.

 

Für die Beantwortung der Frage nach den Chancen einer Befreiungsbewegung wird die sich aus den militärischen Operationen ergebende Perspektive entscheidend sein. Die für Ojukwu von einem bestimmten Zeitpunkt an notwendig gewordene Übernahme einiger Elemente des Partisanenkrieges hat den Krieg in erstaunlichem Maße verlängert, ohne ihn selbst zu einem revolutionären Führer gemacht zu haben. Wenn unsere Einschätzung seiner politischen Position stimmt, muß er das sinkende Schiff verlassen oder sterben. Diese Prognose geht davon aus, daß mit der Eroberung des letzten unter biafranischer Kontrolle stehenden Ortes der Krieg nicht zu Ende sein wird. Die Massen der Arbeiter und Bauern werden die Zeche zu bezahlen haben; Elend, Unzufriedenheit und Unterdrückung nehmen um keinen Deut ab, so daß die Chancen derjenigen steigen werden, die das Scheitern der Sezession miterleben mußten und daraus gelernt haben, daß der Kampf um das Selbstbestimmungsrecht den Sieg über die heimischen Marionetten der verschiedenen Fraktionen des Imperialismus voraussetzt, handle es sich um die des US-Imperialismus, des englischen, französischen, deutschen oder sowjetischen. Dem bunten Stelldichein ausländischer Ausbeuter in Nigeria kann also nur dadurch ein Ende gemacht werden, daß der Kampf gegen die heimischen Agenten der ausländischen Kapitalien erfolgreich geführt wird.

 

Unzweifelhaft erscheint uns die Notwendigkeit der Schaffung politisch-militärischer Kader, um in den nächsten Jahren eine Volksbefreiungsarmee zu bilden, deren dringendste Aufgaben im Kampf gegen Obskurantismus, Tribalismus und reaktionären Staatsapparat bestehen. Dieser Kampf muß sich als Fortsetzung und Überwindung des konterrevolutionären Krieges verstehen, als seine Umwandlung in einen revolutionären, der den herrschenden Gewalten keinen Augenblick mehr Ruhe läßt, der dem Volk die Mittel seiner Verteidigung vorführt, um sie ihm in die Hand zu geben. Basis dieses Kampfes können nur die unterdrückten Massen sein, nicht aber der unauflösliche Widerspruch der Sezession.