Arbeitermassen Südafrikas, Vereinigt Euch !

 

Maeng Letromaché alias Franz J.T. Lee

 

Aus “Internationale Politik”, 19. Jhg., 20. Marz 1968, Heft 431

 

Pandemonium Electronic Publications, Mérida, Venezuela, 2004


 

Arbeitermassen Südafrikas, Vereinigt Euch!

 

„...was ist unsere Pflicht? Befreiung um jeden Preis.”

Ché Guevara

 

Karl Marx hat 1846 in seiner Schrift: „Das Elend der Philosophie” geschrieben: „Vor allem die wirtschaftlichen Beziehungen haben die Masse der Menschen zu Arbeitern gemacht. Die kapitalistische Macht hat dieser Masse eine gemeinsame Lage, gemeinsame Interessen geschaffen. So ist diese Masse im Verhältnis zum Kapital schon eine Klasse, doch ist sie noch keine Klasse an sich. Im Kampf... vereinigt, konstituiert sich diese Menschenmasse als Klasse für sich. Die von ihr vertretenen Interessen werden zu Klasseninteressen. Dennoch ist der Kampf einer Klasse gegen die andere ein politischer Kampf.”

 

Die militärische Unterwerfung des afrikanischen Volkes in Südafrika war gegen Ende des XIX Jahrhunderts abgeschlossen. Der Imperialismus der Briten und der Feudalismus der Buren hat über die afrikanische Stammesordnung triumphiert. Das afrikanische Volk wurde zur Masse des unterdrückten, verarmten, zum Schweigen gebrachten Stadtproletariats, zu nomadischen Landarbeitern und Bauern ohne Land herabgesetzt. Obwohl Südafrika formell eine „Union“ war, hat es die Struktur einer britischen Kolonie bewahrt. Die kolonialen Wirtschaftsbedingungen haben das ganze afrikanische Volk - Neger und Andersfarbige, Malaien oder Inder - zu Werktätigen gemacht. Es hat sich ein besonderes kapitalistisches System entwickelt, das die Struktur und selbst die Grundlage der traditionellen Stammesgesellschaft vernichtet hat.

 

Afrikas Kampf für die Befreiung von den europäischen Eroberern ist in eine neue Phase getreten, in die Phase des Kampfes um die politische Freiheit. Im Laufe der ersten drei Jahrzehnte bildeten sich Hunderte von religiösen und politischen, gewerkschaftlichen und bürgerlichen, marxistischen und leninistischen, trotzkistischen und stalinistischen Organisationen. Die afrikanischen Menschen haben allmählich begriffen, dass sie als Rassengruppen und als Arbeiter, d.h. als farbige nationale Mehrheit und als besondere Klasse in der Gesellschaft, unterdrückt und ausgebeutet wurden. Einige Führer haben dem „Rassenkampf“ den Vorzug gegeben, einige waren jedoch bestrebt, eine theoretische und praktische Synthese des einen mit dem anderen zu finden. Andere wieder sahen im „Klassenkampf“ den wahren Kampf, und betrachteten den Rassenkonflikt nur als ideologischen Überbau, den die Machthaber absichtlich entfacht haben, um die wahren Fragen zu verdecken. Diese Situation hat viel Verwirrung, viele Rivalitäten, Spaltungen, Uneinigkeiten und Tragödien verursacht.

 

Die alten Massenorganisationen sind von der Bühne verschwunden, die kämpferische Jugend hat sich gegen die alten bürokratischen, autoritären und chauvinistischen Führer aufgelehnt. Gegen 1935, zur Zeit der famosen „Herzogischen Gesetze” haben die Arbeitermassen jedoch begonnen, sich immer mehr von unten her zu vereinigen. Die allgemeine Beraubung der Rechte durch Gesetze, die Erfahrung, der Terror und die seitens aller Regierungen des „Herrenvolkes“ ausgeübte Gewalt, haben die Masse des unterdrückten Volkes gezwungen, sich zur gemeinsamen Verteidigung zusammenzuschließen. Das mußte auch in der Organisationsform zum Ausdruck gelangen. So wurde 1935 die „Allafrikanische Konvention” gebildet. Auf die Tagesordnung dieser Zeit mußten ein richtiges Programm und Grundsätze, wirksame politische Waffen und eine konkrete Politik gesetzt werden. In der politischen Wirklichkeit traten das Programm von zehn Punkten, der politische Boykott und die „Politik der Nichtzusammenarbeit“ mit allen Agenten des „Herrenvolkes“ und des Imperialismus in Erscheinung. Das war ein großer Schritt vorwärts im südafrikanischen Kampf für die Freiheit. Das afrikanische Volk wurde „eine Klasse für sich“.

 

Die Führung, die in der Mehrheit aus den ersten, älteren Führern zusammengesetzt und noch von den Ideen der Liberalen und der Regierungsquislinge durchdrungen war und außerdem durch besondere Regierungsmaßnahmen geschwächt wurde, ließ es jedoch zu, an das Smutsregime verkauft zu werden. Viele von ihnen glaubten noch an passive Resistenz, an Gandhis Pazifismus der Betteleien, der Gewaltlosigkeit, Petitionen und Resolutionen. Es wäre jedoch falsch, ihnen die ganze Schuld für die Niederlage zuzuschreiben. Historisch gesehen, hatte das geknechtete afrikanische Volk in seiner Gesamtheit noch nicht das für eine durchgreifende soziale Revolution notwendige Klassenbewusstsein erworben.

 

Deshalb haben danach junge afrikanische Studenten und Intellektuelle die historische Last auf sich genommen, Pioniere neuer Formen der Strategie, Taktik und Politik zu sein. Der zweite Weltkrieg hat viel zu diesem neuen Erwachen beigetragen. 1943 hat diese neue kämpferische Jugend durch die Veröffentlichung der Broschüre “Wir rufen alle Afrikaner” - zur Wiedervereinigung aufgerufen. Wegen der neuen Verschärfung der Regierungsgesetze, des Terrors und der Gewalt, und neuen Beraubungen der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte waren die werktätigen Massen in ihrer Gesamtheit stärker vereint und gingen in Wirklichkeit ihren Führern voran. Das ist am besten in der Broschüre „Wir rufen alle Afrikaner” ausgedrückt, die die Stimmung der unterdrückten Afrikaner widerspiegelt.

 

“Die Einheit wird laut gefordert... Unter allen nichteuropäischen Gruppen besteht der starke Wunsch, Waffen nicht nur für die politische Verteidigung sondern auch für den Angriff zu schmieden. Es besteht die Entschlossenheit, uns nicht nur zu verteidigen, sondern auch den Kampf für die vollen demokratischen Rechte zu beginnen... Ein grundlegender Faktor ist uns allen gemeinsam, das ist die Unterdrückung... Unsere Einheit ist schon durch unsere Lage im Verband der südafrikanischen Gesellschaft bestimmt.”

 

So wurde die „Nichteuropäische Bewegung der Einheit Südafrikas“ (NEUM) gegründet, die mehr als 150 Organisationen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten vereinigt. Der Versuch, die ganze unterdrückte Nation zu vereinen, wie dies 1935 der Fall war, ist jedoch nicht gelungen. Gewisse Gruppen, die sich später an die „Kongressbewegung“ anschlossen, haben sich nicht vereinigt. Der Hauptgegenstand der Zwietracht war die Frage der Nichtzusammenarbeit mit den Agenten des Imperialismus und Herrenvolkes. Die Bestrebungen der Masse haben sie jedoch 1955 gezwungen, den „Volkskongress“ zu gründen.

 

Bis Anfang der Sechzigerjahre verstärkte sich der Kampf sowohl auf nationaler wie auch auf internationaler Ebene und erreichte damals seinen Höhepunkt. Die gesellschaftliche Revolution in Südafrika wurde, objektiv wie auch subjektiv zu einer geschichtlichen Notwendigkeit, aber keine der Massenbewegungen dachte auch nur im entferntesten daran, sich für die nächste Phase - den militärischen Kampf, zu organisieren. Die Massen waren bereit, aber die „Kongressbewegung“ hielt es noch mit Gandhi, und die „Einheitsbewegung“ setzte die Betonung auch weiterhin auf „politische Bildung“. Der Aufruhr der kämpferischen revolutionären Jugend wurde in beiden Lagern wieder unvermeidlich. So haben sich 1959 die Panafrikaner vom „Kongress“ getrennt. Die Jugend in der “Demokratischen Union des afrikanischen Volkes in Südafrika” (APDUSA), die unter der Führung von Dr. Neville Alexander und Dr. K. G. Abrahams stand, hat die bürokratischen Fesseln der „Einheitsbewegung“ gesprengt und die „Front der nationalen Befreiung Südafrikas“ (NLF) geschaffen. In den stürmischsten Märztagen 1960 waren die Führer der Massenbewegungen, von denen die meisten Bücher über die Oktober- oder die chinesische Revolution verschlangen, nirgends auf dem Schlachtfeld zu sehen, auf dem sich die Massen der Polizeigewalt, dem Terror und Mord widersetzt hatten. Auf diesem Feld war nur die unerfahrene kämpferische Jugend. Nur sie hat begriffen, dass es „die Pflicht der Revolutionäre ist, die Revolution zu entfachen“ (Che).

 

Gerade zu der Zeit, als die Einheit der Organisation und Führung am notwendigsten war, herrschte die größte Uneinigkeit. In den Strassen marschierten für die Freiheit nur die afrikanischen Massen. Nur die afrikanischen Bauern haben sich in Pondoland und an anderen Orten erhoben und in diesem Aufstand mussten sie selbst die Komitees bilden und die Führer wählen. Es ist kein Wunder, dass Verwoerds Regierung verbrecherisch und brutal wie nie zuvor handeln konnte, denn das ganze “Herrenvolk” stand geeinigt hinter ihr und darum konnte sie nach Herzenslust Arbeiter, Bauern und Führer töten und verhaften. Hunderte Menschen der Elite der afrikanischen revolutionären Intelligenz wurden erschossen, gerieten ins Gefängnis oder mussten aus dem Land fliehen.

 

Die Mehrzahl der älteren Führer, die vergessen haben, dass Demokratie oder Sozialismus sowohl Theorie wie auch Praxis bedeuten, hat die Gestapo ebenfalls aus ihren Fauteuils gezogen und die anderen mussten außer Land fliehen. Einigen Angehörigen der kämpferischen Jugend gelang der strategische Rückzug, sich zu verbergen oder das Land zu verlassen, um sich für die Guerillakriegführung vorzubereiten.

 

Im jetzigen Augenblick gibt es keinen einzigen Führer der südafrikanischen Befreiungsbewegung, der diesen Namen verdient, und der den kontinentalen und internationalen Charakter der kolonialen Revolution nicht anerkennen würde. Eine geschichtliche Notwendigkeit ist heute nicht nur die Einheit zwischen den südafrikanischen Freiheitsbewegungen, sondern auch mit anderen Bewegungen in Afrika, die dafür kämpfen, das Joch des Kolonialismus und Neokolonialismus abzuwerfen. Diese Aufgabe hat weitaus größere Dimensionen: „zwei, drei, mehr Vietnams zu schaffen“ (Che). Das ist die einzige Hoffnung auf Freiheit in Südafrika geworden.

 

Die jungen kämpferischen südafrikanischen Revolutionäre in der Verbannung heben in ihrem Organ „Unity“ (Einheit) von Oktober 1967 folgendes hervor:

 

“a) Die Einheit ist die erste unumgängliche Notwendigkeit um einen langwierigen Kampf zu führen, und der Kampf gegen den Imperialismus und Neokolonialismus muss notwendigerweise langwierig und von schweren Opfern, ja auch dem Verlust des Lebens begleitet sein;

 

b) Die Vorbedingung des vereinigten Kampfes ist der vollständige Bruch mit dem Imperialismus und seinen Agenten in allen Ländern;

 

c) Die maximale Einheit kann nur in der praktischen Führung des Kampfes verwirklicht werden, unter der Bedingung, dass dieser Kampf unabhängig, frei vom Einfluss der Ideen der feindlichen Klasse ist und eine prinzipielle Grundlage, und eine richtige Politik besitzt;

 

d) Eine kontinentale Organisation unter einem zentralen Kommando ist unbedingt notwendig, sowohl als kurzfristige Politik wie auch als lang andauernder Kampf für die Freiheit und tatsächliche Unabhängigkeit.“

 

Einer der Begründer der Südafrikanischen Front für nationale Befreiung hat schon 1965 in einem Artikel die bittere Wahrheit über Südafrika verkündet, die wir heute in Vietnam erleben:

 

„Unser Kampf hängt von der revolutionären Armee ab, in der die Bauern und Arbeiter die Hauptbatallione stellen würden. Die Revolution wird blutig und langwierig sein und von den Unterdrückten unendliche Opfer und einen schweren Blutzoll an Menschenleben fordern. Das neue Südafrika wird, ebenso wie das neue Cuba und das neue Vietnam, von Kopf bis Fuß mit Blut bespritzt geboren werden. Das ist notwendig und unvermeidlich... das Regime des „Herrenvolkes“ muss in Blut ertränkt werden. Es gibt keinen anderen Weg zur Freiheit.”

 

Und ist denn für dieses Opfer nicht eine revolutionäre, prinzipielle, organisatorische Einheit notwendig?