Internationales Kapital in Namibia

 

Franz J.T. Lee

 

Artikel in der Zeitschrift „Pan African Journal“, 30. Oktober 1975


 

Der Deutsche Kolonialismus

 

Im Jahre 1883 kaufte der Bremer Grosskaufmann Adolf Lüderitz einem gewissen Josef Fredericks, einem Khoikhoin-Häuptling, für 100 Pfund Sterling und 200 Gewehre einen Teil Namibias. Ein Jahr später wurde Südwestafrika eine Kolonie unter dem Protektorat des Deutschen Reiches. Bis 1913 wanderten etwa 14.000 Deutsche nach Namibia aus, in der Hoffnung, sich rasch zu bereichern. Die meisten von ihnen siedelten sich dort als Farmer an. Zwischen 1884 und 1890 wurde im Hinblick auf Angola und die Kap Kolonie nach dem Berliner Kongress über die Demarkationslinien offizielles Einvernehmen erzielt.

 

Im Jahre 1904 brach der berühmte Aufstand des Hererovolkes gegen den deutschen Kolonialismus aus.

 

Unter dem Kommando des Generals von Trotka trafen Verstärkungen ein. Über 78.300 von den 100.000 damals in Namibia lebenden Angehörigen des Hererostammes wurden erschossen, während die übrigen im Wüstenteil des Landes ums Leben kamen. Nur 21.700 von ihnen überlebten dieses Genozid. Die deutsche Kolonialverwaltung nahm ihnen ihr Land fort. Der Khoikhoinstamm erhob sich 1907 gegen die deutsche Behörde und wurde auf ähnliche Weise von den Soldaten des Generals Deumling gezehnteilt. Etwa um 1890 lebten in Namibia 20.000 Angehörige des Namastammes, und dank einer derartigen Deutschen Massenvernichtungspolitik betrug ihre Zahl 1911 amtlich nur noch 9.800. Hunderte von namibischen Freiheitskämpfern starben in den Konzentrationslagern von Swakopmund und auf der Haifischinsel in der Nähe der Lüderitzbucht. Laut amtlichen Einschätzungen starben etwa 45 % der internierten Namibier in diesen Lagern, insgesamt ungefähr 7.700 Gefangene. In dieser Periode der Aufstände (1904-1911) vernichteten die deutschen Kolonialisten die bestehende Wirtschaft und ein Drittel der Arbeitskräfte der afrikanischen Alteingesessenen. (Vgl. „Südafrikas Politik in Namibia“, akafrik-report, Münster, 3+4, 1972, S. 1 ff).

 

 

Annexion von Seiten Südafrikas

 

Während des Ersten Weltkrieges marschierten südafrikanische Truppen in Namibia ein und besetzten 1915 das ganze Territorium. Am Ende des Krieges, 1918, vertraute der Völkerbund Namibia als „Mandat C“ der Südafrikanischen Union an. Immer mehr und mehr wurde die „Eingeborenen Politik“ Südafrikas in Namibia eingeführt. Die weisse Bevölkerung erhielt 1925 die innere Selbstverwaltung. Die afrikanische Bevölkerung wurde aller Menschenrechte beraubt. Nach dem Zweiten Weltkrieg und nach dem Zerfall des Völkerbundes fuhr Südafrika fort, Namibia als Mandatsterritorium zu verwalten. Nachdem 1948 die burische „Nationalistische Partei“, eine Variante der NSDAP, an die Macht gekommen war, wurde Namibia illegal annektiert. Nach vielen Manövern, Gerichtsprozessen, verschiedenen Bravourstücken des Völkerrechts usw., beendeten die Vereinten Nationen am 27. Oktober 1966 das Mandat Südafrikas und erklärten, dass Namibia nun der unmittelbaren Verantwortung der UNO unterstehe. Der aus 11 Mitgliedern bestehende UNO-Rat für Namibia wurde gegründet, der Wege und Mittel der künftigen Administration erwägen sollte. Schon 1968 verwehrte Südafrika den Mitgliedern dieses Rates die Einreise nach Namibia. Im Mai 1972, nach dem Namibiabesuch des UNO-Generalsekretärs Dr. Kurt Waldheim gab Südafrika seine Zustimmung zur Ernennung eines UNO-Kommissars für Namibia, unter der Bedingung, dass sich sein Sitz in New York befinden solle, von wo aus er zeitweise dieses Territorium besuchen und Bericht erstatten könne. Auf diese Weise vereitelte Südafrika alle legalen und friedfertigen Anstrengungen für die Lösung der „namibischen Frage“.

 

 

Wirtschaftliche Ausbeutung

 

Die Wirtschaft Namibias stellt eine Mischung aus europäischer Industrie und afrikanischer Versorgungswirtschaft dar. Im Industriesektor herrschen Fischerei, Bergbau und Landwirtschaft vor. In der Bergbauindustrie sind riesige Gesellschaften eingesetzt, die vom ausländischen Kapital finanziert werden. Die weissen Ansiedler besitzen grosse Farmen, auf denen billige farbige Arbeitskräfte beschäftigt sind. In den so genannten „Heimatländern“ (d.h. den ehemaligen Reservaten und heutigen „Bantustans“) leben die Farbigen von trockenem Brot und versuchen, in einer anachronistischen, sehr primitiven Wirtschaft zu existieren. Reiche Farmen, die Naturreichtümer des Landes, die Mineralreichtümer, Häfen und moderne Kommunikationsmittel, das alles ist für die Minderheit der Weissen reserviert. Obwohl es in Namibia sehr selten regnet, eignet sich dieses Land sehr gut für die Zucht von Hornvieh und Schafen. Neben der Fischerei stellt auch der Bergbau einen sehr wichtigen Industriezweig dar. Uran, Kupfer, Blei, Zink, Diamanten - gibt es hier in reichsten Lagerungen. Die farbigen Namibier haben aber überhaupt keinen Nutzen von ihrem Naturreichtum. Diamanten werden von De Beers Consolidated Mines of S.A. Ltd. ausgebeutet, Karakulpelze werden auf Auktionen in London verkauft. Hierzu E. de Sousa Ferreira: „...der gegenwärtige Bestand ist ca. 4 Mill. Karakulschafe und 39 Mill. Merinos. ... Der Export von 3,5 Mill. Fellen im Jahr 1969 brachte Südafrika Devisen in Höhe von 95,5 Mill. DM. Der Export der in Namibia erzeugten Merinowolle (8 % der Weltproduktion) stellt einen der wichtigsten Exportposten der südafrikanischen Republik dar.“ (E. de Sousa Ferreira, Portugiesischer Kolonialismus zwischen Südafrika und Europa, Freiburg 1972, S. 96).

 

Milchprodukte (hauptsächlich aus dem Gebiet um Windhuk) und Fleisch werden von Firmen, die von Südafrika kontrolliert werden, nach Südafrika und im Ausland exportiert. Das Volkseinkommen Namibias betrug 1965 200.000.000 DM im Vergleich zum totalen Bruttoeinkommen von 1.000.000.000 DM.

 

Seit 1965 hat Südafrika keine amtlichen Wirtschaftsangaben über Namibia gedruckt, obwohl es durchaus sicher ist, daß sich das Auslandskapital seit dem ständig in der Bergbauindustrie konzentriert. Folgende internationale Finanzgesellschaften sind an der Ausbeutung der Reichtümer Namibias eingesetzt:

 

Charter Consolidated of the UK Co. Ltd., Consolidated Gold Fields Ltd. of the UK, Selection Trust Ltd. of the UK, American Metal Climax Inc. of the US, Navarro Exploitation Co. of the US, Newmont Mirúng Corp. of the US, Falconbridge Nickel Mines of Canada, Anglo-American Corp. of S.A., De Beers Consolidated Mines, Ltd. of S.A., Consolidated Diamond Mines of SWA Ltd., Federale Volksbeleggings of S. A., Iron and Steel Corporation of S. A.

 

Folgende internationale Gesellschaften erforschen Erdöl und andere Minerale: British Petroleum Co. of the UK, Shell Co. of the UK, Chevron Oil of the US, Texaco of the US, Gulf Oil Co. of the US, H.M. Mining and Exploration Co. of US, Phelps Dodge of the US, United States Steel Corp., Brilund Mines of Canada, Societe Miniere et Metalurgique de Perranoya of France, Societe Nationale de Petrole d’Aquaitaine of France.

 

Diese Firmen bezahlen der Regierung Südafrikas ungeheuer grosse Gebühren. Im Laufe des Jahres 1970 flossen 145.000.000 Dollar von den Gebühren aus Namibia in die südafrikanischen Kassen in Pretoria. Der größte Teil dieser Summe wurde von ausländischen Gesellschaften bezahlt, die das namibische Gut ausbeuten. Allein der Bergbau liefert 70 % des Nationaleinkommens Namibias. Der Herero-Häuptfng, Kapuuo mit Namen, befürchtet, dass der ganze Mineralreichtum Namibias ausgebeutet wird, bis Namibia sich von der Fremdherrschaft befreit und sich emanzipiert. Experten weisen ebenfalls darauf hin, dass Namibia in den nächsten 25 Jahren bei einer intensiven Ausbeutung ohne seine natürlichen Rohstoffquellen bleiben könnte.

 

 

The Consolidated Diamond Mines of South West Africa (CDM)

 

Die CDM (Gesellschaft, die die Diamantenfundstätten in Südwestafrika ausbeutet) ist die weitaus grösste Gesellschaft, die in Namibia ihr Geld investiert. Gleichzeitig ist sie der grösste Schmuckproduzent der Welt. Sie hält das Monopol über der Diamantenindustrie der bedeutendsten Mineralquelle in Namibia. Über 5.000 afrikanische Arbeiter, hauptsächlich aus Ovamboland, sind bei der CDM beschäftigt. Sie verdienen monatlich im Durchschnitt 50 Dollar. Die CDM kontrolliert das Leben dieser Arbeiter: wenn sie die kontrollierte Zone betreten oder sie verlassen, werden sie bis auf die Haut durchsucht. Mit Röntgenapparaten wird kontrolliert, ob sie nicht vieIleicht einen Diamanten verschluckt haben. Sie können nur mit Genehmigung der Gesellschaft ein Rundfunkgerät besitzen, können kein Privatauto in der kontrollierten Zone benützen und während des Wochenendes können sie nur mit dem Bus der Gesellschaft fahren.

 

Die CDM erhielt das Recht, bis zum Jahre 2010 die Diamantenbergwerke in Namibia auf einem Raum von 200 Meilen Länge und 50 Meilen Breite auszubeuten. Zusammen mit Tsumeb Corporation realisiert CDM 90 % der Metallproduktion in Namibia, CDM beutet allein im Bereich der Diamanten 95 % der Gesamtproduktion aus, sowie 80 % der Produktion der Republik Südafrika. Es wurden 1969 beispielsweise 2.034.292 Karat Diamanten in Namibia ausgegraben, und davon nur 400.000 Karat von anderen Firmen.

 

Die Gewinne der CDM betrugen 1969 doppelt soviel wie das Staatsbudget Namibias. Im Gewinn von 73,9 Millionen Dollar wurden Dividenden im Wert von 33,5 Millionen Dollar ausbezahlt, und fast jeder Cent ging nach Südafrika.

 

Das ist nur ein Beispiel der ausländischen Ausbeutung in Namibien, was eine massenhafte Ausbeutung der namibischen Völker bedeutet, die gezwungen sind, sogar unter dem Niveau des nackten Daseins zu leben.

 

Ein Resultat all dessen ist, dass die Kindersterblichkeit in Namibia 35 % beträgt; 50 % der namibischen Kinder werden nicht älter als sechs Jahre. Das durchschnittliche Lebensalter der farbigen Männer ist 31, und der farbigen Frauen 32 Jahre, während die weissen Männer und Frauen durchschnittlich 65 bzw. 72 Jahre leben. Vergleichsweise sei erwähnt, dass das durchschnittliche Lebensalter der Männer in der Bundesrepublik Deutschland 67 und der Frauen 72 Jahre beträgt.

 

Obwohl Namibia eine Fläche von 824.000 km2 erfasst, was der Fläche Westdeutschlands und Frankreichs zusammen entspricht, beträgt die Einwohnerzahl kaum eine Million. Das Verhältnis der Weissen gegenüber den Farbigen ist 1:7. Die farbige Mehrheit hat nur 100 Krankenhäuser, die weisse Minderheit 35. In den Gegenden, die als „homelands“ bezeichnet werden, lebt die Mehrheit der Bevölkerung: dort gibt es Kliniken nur für Farbige. Der weisse Arzt besucht einmal monatlich diese Patienten und verbringt hier etwa 5 Stunden. Für gewöhnlich entfällt ein Arzt auf 5.000 bis 8.000 Patienten.

 

Aus der Statistik erhält man folgendes Bild: für ganz Namibia: 94 Ärzte Verhältnis 1:5400; Polizeizone: 87 Ärzte Verhältnis 1:3100; nördliche Reservate: 7 Ärzte Verhältnis 1:35.700.

 

In der Bundesrepublik Deutschland sorgt ein Arzt für annähernd 680 Patienten. In Indonesien besteht das gleiche Verhältnis wie in den nördlichen Reservaten Namibias. Nur vier farbige Ärzte gab es 1970 in Namibia, gegenüber 90 weissen Ärzten. Infolge derartig katastrophaler medizinischer Verhältnisse sterben jährlich Hunderte von Menschen an Krankheiten wie Diphtherie oder Tuberkulose.

 

 

Das „ Kunene-Projekt“

 

Die Intrigen und die Strategie des internationalen Kapitals können am besten mit dem berühmten Projekt des Kunene-Schemas demonstriert werden. Der Fluß Kunene bildet die nördliche Grenze zwischen Angola und Namibia. Dieses Projekt ist ein Gemeinschaftsprojekt Portugals und Südafrikas. Es verfolgt das Ziel, die „Macht der Weissen „ in Südafrika wirtschaftlich zu konsolidieren. Mit dieser Strategie kann man die landwirtschaftlichen und Mineralreichtümer Namibias mit Hilfe einer extensiven Bewässerung und hydroelektrischer Energie sehr wirksam ausbeuten. Das ist einfach eine zweite Variante von Cabora Bassa in Mocambique.

 

Die Kosten dieses imperialistischen Manövers werden 250.000.000 Pfund Sterling ausmachen; es werden 27 Stauwerke und Zentralen gebaut, ferner Kanäle, Erdölleitungen, Kraftstromleitungen, Siedlungen und Strassen. Dieses Projekt wird ausschließlich den weissen Farmern und den Industriellen in Südangola und in Nord- und Mittelnamibia dienen. Über 125.000 Hektar werden sich für Ranchwirtschaft eignen. Dieses Schema ermöglicht eine billigere Kraftstromproduktion, und mit billigen farbigen Arbeitskräften werden in Namibia Superprofite garantiert werden.

 

 

Der Kampf für die Freiheit

 

Die Völker Namibias haben eine lange Tradition des Kampfes gegen den deutschen Kolonialismus und die südafrikanische Apartheid. Die Aufstände der tapferen Ovambo-, Nama- und anderer Stämme von Ende 1971 zeugen von dem revolutionären Willen der Namibier, um jeden Preis zu ihrer Freiheit zu gelangen.

 

Seit Juni 1960 sind sie unter der Führung der Nationalen Organisation Südwestafrikas (SWAPO) entschlossen, mit allen verfügbaren Mitteln für ihre völlige Emanzipation zu kämpfen. Ende August 1966 fasste die SWAPO den Entschluss, den Guerillakampf einzuleiten. Seitdem wird diese Bewegung von internationalen Organisationen der Freiheitskämpfer unterstützt. In einem Interview mit dem Autor auf dem Frankfurter Flughafen (18.9.73) formulierte Sam Nujoma, der Präsident der SWAPO, folgendermaßen die künftigen revolutionären Aufgaben der SWAPO: a) dass sich der Volkskrieg vom Norden Namibias auf die übrigen Teile ausdehnt; b) dass sie ihren Kampf mit dem revolutionären Kampf in Südafrika koordiniert; c) dass sie maximale medizinische, finanzielle und militärische Hilfe für ihren Kampf sichert; d) dass sie auf internationaler Ebene die demokratischen Ziele und revolutionären Erfolge der SWAPO propagiert; und e) dass sie die Anerkennung Namibias als legale und legitime Heimat aller Namibier erwirkt.