Südafrika: Apartheid und emanzipatorische Gegengewalt

Artikel von Franz J.T. Lee

Aus der Zeitschrift „AKAFRIK-REPORT“ (3/71)

 


Inhalt


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Genese und Wirklichkeit der Apartheid. 1

Emanzipatorische Gegengewalt in der Republik Südafrika. 5

Progressive, reaktionare, ökonomische und außerökonomische Gewalt. 5

Geschichte der Befreiungsbewegungen. 7

a) Die Übergangsperiode. 8

b) Tribale Organisationsformen. 9

c) Erste nationale Befreiungsbewegung. 9

d) religiös politische Bewegungen. 10

e) Die Gewerkschaftsbewegung. 10

f) Die „All African Convention“ (1936), Versuch einer vereinten Front 11

Sozialrevolutionäre Entwicklung seit 1960. 13

a) Sharpeville-Massaker und Pondolandrevolte. 13

b) Phasen des Guerillakampfes. 14

 


Genese und Wirklichkeit der Apartheid

 

Gewisse Kreise in der BRD scheinen sich an die Apartheidpolitik Südafrikas zu gewöhnen. Das ständig steigende wirtschaftliche Interesse verdrängt mehr und mehr die unmenschlichen Aspekte, die die dortige Rassengesellschaft bestimmen und 15 Millionen Nichtweiße der politischen und ökonomischen Willkür einer Herrenschicht von 3 Millionen Weißen ausliefern.

 

Man erinnert sich an Ohm Paul Krüger, an die bäuerliche Einfachheit und Ursprünglichkeit des burischen Volkes und seiner „heroischen“ Geschichte, das vor der Habgier der Engländer im Burenkrieg kapitulieren mußte.

 

Dieses Bild ist falsch und hält einer historischen Untersuchung nicht stand. Es entsproß der kolonialen Ideologie, die besonders in Deutschland einen affektiven antibritischen Zug hatte und knüpfte wohl an das törichte Telegramm Kaiser Wilhelm II. an den Burenpräsidenten Krüger an. Die 300jährige „europäische“ Geschichte Südafrikas trägt kaum sentimentale Züge.

 

Im Jahre 1652 landete Jan van Riebeeck mit einer Handvoll Holländer am Kap der Guten Hoffnung. Die Gruppe traf auf die nomadisierenden Stämme der Khoikhoin, verächtlich als Hottentotten bezeichnet, deren Lebenskraft bald gebrochen wurde. Sie büßten nicht nur ihr bestes Weideland ein, sondern machten durch den Viehtauschhandel alsbald auch die Bekanntschaft mit dem Alkohol und europäischen Krankheiten. Ihre Stammesverbände lösten sich auf. Im Geschichtsbewußtsein der Buren figurieren die Khoikhoin seither nur als „Hottentotten“, „Viehdiebe“ und vagabundierende lästige „Eingeborene“, die die Arbeit scheuten.

 

Von entscheidender Bedeutung für die weitere Geschichte Südafrikas wurde der Entschluß van Riebeecks, die Sklaverei am Kap zuzulassen. „Als barbarisch, verräterisch und unzuverlässig“ sahen die Buren auch diese Zehntausende malaiischer und madagassischer Sklaven an, die sie im 17. und 18. Jahrhundert nach Südafrika verschleppten. Dennoch erschienen. diese Sklaven asiatischer Abstammung den kalvinistischen Buren kulturell höherstehend als die Eingeborenen. So entstand die heutige Rassenhierarchie der Herrenvolkregierung. Die untere Stufe der Rassengesellschaft bildeten die „Kaffern“, heute vornehmlich „Bantus“ genannt.

 

Die Sklaverei schuf die Voraussetzung für die Kolonisierung Südafrikas. Die Khoikhoin wurden „christianisiert’’ und als Haussklaven angestellt. So produzierten die Präsenz der Sklaven und der Khoikhoin und das billige, fruchtbare Land ökonomische und herrschaftliche Formen die einzigartig in der Geschichte sind. Während anderswo das Halten von Sklaven als Quelle des Reichtums galt, war es am Kap die Signatur eines ökonomischen Lebens ohne Initiative. Die gesamte Gemeinschaft der Europäer und Sklaven vergrößerte sich, ohne daß sie wesentlich reicher wurde. Die Arbeitskraft der Zehntausenden von Sklaven wurde verschwenderisch und irrationell genutzt. Die Buren degenerierten in die Rolle von weißen Häuptlingen unter schwarzen „Barbaren“, deren Existenzform sie sich mehr und mehr anglichen. Wie die afrikanischen Stämme zogen sie weiter, wenn der Boden ausgeweidet war. Die burische Sklavengesellschaft brachte natürlich alle bekannten Mißstände mit sich: Unproduktivität der Wirtschaft, Vernachlässigung der Werkzeuge, Mangel an jeglicher Initiative, Stagnation der Produktionsverhältnisse. Sie verabsolutierten sich und gaben eine feste Lebensgewohnheit ab, die, wäre sie von äußeren Umständen unbeeinflußt geblieben, vermutlich an ihrer eigenen Lethargie und Stagnation zugrunde gegangen wäre.

 

Anfang des 19. Jhdt. verlor das burische Herrenvolk freilich seine Allmacht an andere Herren: die Engländer. Der Wechsel der Herrschaft, d. h. die Beeinflussung von Außen, fand um 1800 statt. Im Gefolge des napoleonischen Chaos besetzte England das Kap. Verbittert zogen 12.000 Buren, Vertreter eines verwandelten holländischen Feudalismus, zwischen 1835 und 1843 auf ihrem „Großen Treck“ ins Innere des Landes auf der Flucht vom britischen Imperialismus. Rigorose Maßnahmen der britischen Regierung hatten ihre Existenzform tödlich getroffen: 1807 wurde der Sklavenhandel, 1834 auch der Sklavenbesitz verboten.

 

Südafrika war aber damals keineswegs menschenleer. Teils kriegerisch, teils friedlich wurde den schwarzen Stämmen im Inneren ihr Land entrissen, bis die Stämme in immer kleinere und später zu Reservaten erklärten Gebiete zusammengedrängt waren. Dort herrschte Hunger und Mangel, europäische Krankheiten taten ihre Wirkung. So wurden sie alsbald willige Arbeitskräfte der Weißen, Ersatz für die Sklaverei. Überbevölkerung, Hunger, Mangel an Land, Gesetze, Steuern und Gewalt zwangen sie, aus diesen Arbeitsreservoiren in Weißsüdafrika fast umsonst arbeiten zu gehen. Der britische Imperialismus brauchte nicht herkömmliche Sklaven, sondern moderne Lohnsklaven.

 

Die Buren gründeten Republiken in Transvaal und im Oranje-Freistaat. Dort gestatten sie keine Gleichheit zwischen Eingeborenen und Weißen, weder in der Kirche noch im Staat. Die Herrenvolkmentalität der Buren, die sie aus ihrer technischen Überlegenheit gegenüber der authochthonen Stämme Afrikas herleiteten, überhöhte sich auch religiös. Um ihre Existenzform, die den einheitlichen Ursprung aller Menschen leugnete, mit ihrem Glauben zur Deckung zu bringen, verabsolutierten sie die kalvinistische Auserwähltheitslehre und griffen dazu auf das alte Testament zurück. Wie es dort nur Juden und nichtjüdische Völker gibt, so gab es für sie nur „Weiße“ und „Eingeborene“, die einen zur Herrschaft berufen, die anderen zur Knechtschaft verdammt.

 

In ihren neuen Gebieten führten die Buren die Sklaverei nicht wieder ein - dies war auch nicht nötig. Wie vorher erwähnt, die billigen Arbeitskräfte kamen sowieso in Scharen. Somit lösten feudalistische Herrschaftsstrukturen die einstige Sklaverei in den Burenstaaten ab. Die Buren konnten sich nicht lange ihrer Idylle erfreuen. Ende des 19. Jhdts. wurden in den Buren-Republiken Gold und Diamanten entdeckt - Grund genug für die Engländer, die Buren niederzuwerfen und sich die Herrschaft über ganz Südafrika zu sichern.

 

Aus ganz Europa eilten Abenteurer, Spieler, Händler und Finanziers in die Burenrepubliken. Das Interesse des britischen Imperialismus erwachte. Typisch war die Haltung der Buren: sie verkauften ihre Ländereien, soweit sie auf Diamanten- oder Goldminen lagen, und machten sich wieder auf den Treck. Es half aber nichts. In zwei „Burenkriegen“ wurden die Buren geschlagen. Es stellte sich heraus, daß das Sendungsbewußtsein des britischen Imperialismus ausgezeichnet mit dem Auserwähltheitsglauben der Buren harmonierte.

 

Solange die Produktivkräfte des Landes primitiv waren, konnte die weiße Herrschaftsideologie verhältnismäßig unangefochten die Wirklichkeit bestimmen. Während des Zweiten Weltkrieges wurden Tendenzen sichtbar, die die Neuorientierung im Verhältnis der Rassen zueinander nahelegten: die Kriegswirtschaft beschleunigte die Industrialisierung. In den Städten wuchs ein schwarzes Proletariat gewaltig an.

 

Die Tätigkeit in verarbeitenden Industrien forderte jetzt gewisse geistige Qualifizierungen, für die Lesen, Schreiben und Rechnen elementare Voraussetzungen waren. Es stand zu erwarten, daß die städtischen Afrikaner ein proletarisches Bewußtsein entwickeln würden im Gegensatz zu den analphabetischen, abgestumpften Minen- und Farmarbeitern.

 

Die damalige britische Regierung kam zu dem Schluß, daß die Urbanisierung der Afrikaner nicht rückgängig gemacht werden könne, sondern eine natürliche wirtschaftliche Erscheinung sei. Sie beauftragte Experten, die gesamte Gesetzgebung zu überprüfen. Im Jahre 1948 gewannen jedoch die Buren die Wahlen mit dem Schlagwort der Apartheid. Die Nationale Partei von Smuts mit Wahlparolen wie: „Assimilation ist Selbstmord der Weißen!“ Jetzt wollten die Buren endgültig das „rassische Chaos“ aufräumen.

 

Von nun an wurden in Südafrika Polizeiterror, kapitalistische Ausbeutung, Rassendiskriminierung, politische Entrechtung, Massenarmut und Vertriebenen-Elend unter dem Gütesiegel der Apartheid, d. h. „getrennte, aber gleiche Entwicklung“ verdeckt.

 

Von Jan van Riebeeck, der bereits die Eingeborenen „schwarze, stinkende Hunde“ nannte, bis zur heutigen Regierung Vorsters spannt sich der Bogen einer konsequenten Politik.

 

Wie sieht sie nun in Wirklichkeit aus ?

 

„Der Spiegel“ vom 18. Oktober 1971 gibt uns ein genaues Gesellschaftsbild:

„Vier Millionen Weiße halten 15 Millionen Schwarze wie in einem Arbeitslager gefangen. Südafrika hat ein Herrschaftssystem, das seinesgleichen auf der Welt nicht hat, das von der Staatslehre noch nicht erfaßt ist. Man könnte diesen Staat als „Rassendiktatur“ oder Desmoteriokratie - als Gefängnisstaat bezeichnen.“ „Wie eine riesige Viehherde - so halten die weißen Herren am Kap ihre schwarzen Arbeitstiere gefangen. Die Schwarzen erfüllen allerdings eine wichtige Funktion: Industrie-Heloten der Weißen zu sein.“

 

Eine UNO-Analyse meint: „Südafrika ist für Farbige ein Arbeitslager. Die Frage drängt sich auf, ob dieses System tatsächlich weniger unterdrückerisch ist als offene Sklaverei.“ „Wer in Südafrika mit schwarzer Haut geboren wird, bleibt sein Leben lang rechtlos. Er muß ziehen, wohin ihn der weiße Mann befiehlt; er muß die Arbeit annehmen, die dieser im zuweist, und er darf nicht streiken.“

 

„Nach Kaufkraft gemessen, liegen die Afrikaner-Löhne in den Gold- und Diamantenminen heute nicht höher als 1911. 40% der schwarzen Kinder sterben an Unterernährung und Krankheiten vor Erreichung des 10. Lebensjahres. Obwohl die Weißen nur 20% der Bevölkerung ausmachen, kassieren sie 74% des Volkseinkommens. Das monatliche Pro-kopf-Einkommen eines Afrikaners beträgt 36 DM. Auf jeden Weißen entfallen 480 DM - 13mal soviel. Für die 15 Millionen Afrikaner wurden 13,7% des Landes reserviert - die restlichen 86,3% verbleiben den 4 Millionen Weißen. In den Reservaten bzw. Bantustans gibt es kaum Bodenschätze und fast keine Industrie. Wenn ein Schwarzer seinen Arbeitskontrakt bricht, begeht er ein kriminelles Delikt. Wer streikt, wird mit Gefängnis bis zu 3 Jahren bestraft, d. h., umsonst arbeiten. Jeder Afrikaner über 16 Jahren, der sich in Weißsüdafrika aufhält, muß ständig ein sogenanntes Paßbuch bei sich tragen. Über eine halbe Million Afrikaner werden jedes Jahr in Weißsüdafrika arretiert, weil sie bei Razzien ihr Paßbuch nicht vorweisen konnten. Es hilft nichts, den Polizisten nachzuweisen, daß ein gültiges Paßbuch zu Hause im anderen Jackett steckt - ohne Paßbuch auf der Straße angetroffen zu werden, ist für einen Afrikaner bereits ein kriminelles Vergehen, das mit 70 Tagen Zwangsarbeit geahndet wird. An Wochenenden werden die Inhaftierten in die Gefängnisse transportiert. Am Montag leisten die Richter Rekordarbeit: Könner urteilen in Johannesburg einen Fall in 20 Sekunden ab.

 

Afrikaner, die mit ihrer Miete in Verzug geraten, begehen ein kriminelles Delikt. In Soweto, ein Township in der Nähe von Johannesburg, leben 700.000 afrikanische Wanderarbeiter. lm Durchschnitt verdienen sie 235 DM im Monat. Das Existenzminimum für eine fünfköpfige Soweto-Familie liegt bei 305 DM. D. h. 68% der Familien leben unter dem Existenzminimum. Südafrika hat die höchste Kriminalität der Welt. Laut Statistik kamen 1969 auf 100.000 Südafrikaner 26 Morde (USA 7), 44 Notzuchtverbrechen (USA 15) und 439 andere Gewaltverbrechen (USA 141). Im Zentralgefängnis von Pretoria wird fast jeden vierten Tag ein Mensch gehenkt. Mit 80 Hinrichtungen hielt Südafrika 1970 den Weltrekord. Opfer wie Täter sind bei 95% der Gewaltverbrechen Schwarze und Farbige. Allein in Soweto ermorden Afrikaner jährlich 750 Afrikaner. Jedes Jahr werden 100.000 Afrikaner aus den von den Weißen beanspruchten Gebieten getrieben. Sie müssen sich in den schon übervölkerten Reservaten ansiedeln. Im Dezember 1968 wurden viele Afrikaner in einem Arbeitslager Mnxesha umgesiedelt. Es gab weder Läden noch Arbeitsplätze, weder Schule noch Krankenhaus. Im Mai 1969 hatte der neue Friedhof des Lagers 90 Gräber, 70 waren Kindergräber. Für die Ausbildung eines weißen Kindes gibt Südafrika jedes Jahr 800 Mark aus, für ein schwarzes Schulkind 80 DM. Während weiße Kinder die staatlichen Schulen kostenlos besuchen können, müssen die schwarzen Schulgeld zahlen: 88 DM im Jahr für die unterste Stufe, 330 DM für die obersten Klassen - im Durchschnitt also den Verdienst eines Monats. Dazu kommen Kosten für Schulkleidung, für Bücher und Examina. Ein afrikanischer Lehrer muß etwa 60 Schulkinder unterrichten, ein weißer Lehrer nur 20 Kinder. An den schwarzen Universitäten waren im Jahre 1970 4500 Studenten eingeschrieben - gegenüber 73.000 weißen Studenten.

 

Südafrikas Geheimdienst, BOSS, kann jeden praktisch beliebig lange inhaftieren. Mit einem Heer schwarzer und weißer Spitzel besorgen sich die Geheimdienstler ihre Informationen. Boss unterhält in jeder schwarzen Schule und in jedem schwarzen Sportverein mindestens einen Agenten, auf jeder Straße in den Townships wohnt ein „Boss“-Kolaborateur, selbst Gangster arbeiten für den Großen Bruder. Boss kann jede schwarze Befreiungsbewegung schon im Keim ersticken.

 

Ist es dann noch möglich, in einem solchen Polizeistaat überhaupt Widerstand zu leisten?

 


Emanzipatorische Gegengewalt in der Republik Südafrika

 

Progressive, reaktionare, ökonomische und außerökonomische Gewalt.

 

Oskar Negt schreibt:

„Es ist Aufklärung darüber notwendig, daß es einen Unterschied progressiver Gewalt und reaktionärer Gewalt in der Geschichte gibt.“

 

Über welche Art von Gewalt regt man sich täglich auf? Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir erst feststellen, was unter „man“ zu verstehen ist. Genau wie es zwei Hauptkassen in der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft gibt, so werden auch ihre diametral entgegengesetzten Interessen mit zwei Arten von Gewalt verteidigt: reaktionäre Gewalt und progressive Gewalt. Sehr oft jedoch sind sich die arbeitenden Klassen ihrer subjektiven wie objektiven Stellung in der Gesellschaft nicht bewußt. Wie kann es auch anders sein, wenn solche gewaltigen Manipulationsinstrumente wie Schule, Universität, Tageszeitungen, Radio, Fernsehen usw., uns täglich und unaufhörlich informieren, was unter Gewalt zu verstehen ist. Das Ergebnis ist, daß die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung sich unbewußt mit der reaktionären Gewalt identifiziert. Und jetzt nochmal die Frage: Über welche Gewalt regt man sich auf? Gewaltätig sind nicht die Angehörigen der verschiedenen Sicherheitsdienste, der Polizei, der Armee, die täglich Tausende von Freiheitskämpfern niederknüppeln, terrorisieren, inhaftieren, foltern, erschießen, ermorden und hinrichten, sondern die Studenten, die Eier und Steine werfen, die Guerrillas, die Botschafter entführen, die Arbeiter, die streiken, die farbigen „Kommunisten“, „Terroristen“, „Wilden“, die humanitären „Entwicklungshelfer“, „Militärberater“ und „Christen“ verfolgen. Wie wir sehen, gewaltätig sind protestierende Arbeiter, Bauern, Studenten, Schüler und Lehrlinge, aber niemals unerträgliche soziale Zu- oder Mißstände oder autoritäre bzw. diktatorische Verhältnisse.

 

In einem Western werden Hunderte von Indianern massakriert, man freut sich, daß Old Shatterhand überlebt, James Bond mordet mit Schadenfreude, man hofft, daß ihm nichts passiert. Täglich werden 5 Amerikaner verwundet und 50 „andere“ in Vietnam erschossen. In Biafra und Pakistan starben Millionen von Menschen - man ergötzt sich an Minis und „heisse Höschen“. Täglich regnen Napalmbomben auf die Köpfe der Zivilbevölkerung in den portugiesischen Kolonien (Guinea, Bissau, Angola, Mosambik) in den Vietnam - man bereitet sich fiebrig auf die Olympischen Spiele in München 1972 vor oder ärgert sich über einen Torpfostenbruch in Mönchengladbach. Das öffentliche Bewußtsein ist total abgestumpft gegen die brutalste Form der Gewalt, die heute in Vietnam und anderswo alles übertrifft, was man sich nach Auschwitz und Hiroshima überhaupt vorstellen kann. Auschwitz findet statt in Vietnam in einer schon potenzierten Form. In Auschwitz hat man noch versucht, die brutale Wirklichkeit zu vertuschen. In Vietnam geschehen die gewaltätigsten Verbrechen der Geschichte der Menschheit als systematischer Völkermord, die legal und öffentlich sanktioniert werden. Terror und Foltermethoden gehören zur Grundausbildung der amerikanischen Soldaten. Was ist nun wirklich unter reaktionärer Gewalt in Südafrika zu verstehen? Gewalt als spezifisch gesellschaftliche Erscheinung ist in der Republik Sudafrikas ein Produkt der Rassen- und Klassengesellschaft, in der ein Teil der Bevölkerung (hauptsächlich die 12 Millionen Schwarzen) durch ökonomische und außenökonomische Mittel gezwungen wird, sich weißen Herrschern zu unterwerfen. Was ist unter ökonomischer Gewalt zu verstehen? Sie ist ganz einfach die Notwendigkeit des Verkaufs der Arbeitskraft durch den Arbeiter. Beschäftigt als Land-, Industrie- und Minenproletariat müssen Millionen von Afrikanern auf diese Weise ihr Leben in Südafrika reproduzieren. Der hohe Ertrag der ausländischen Investitionen in Südafrika (über 5 Milliarden Dollar) verdankt sich dem niedrigen Lohnniveau in Südafrika, das nur die Apartheidpolitik ermöglicht. Ein Beispiel: Im Jahre 1962 betrug der durchschnittliche Jahreslohn einer halben Million schwarzer Bergarbeiter in Südafrika nur 216 Dollar, d.h. weniger als 40 Pf. pro Stunde. Im gleichen Jahr erzielten amerikanische Gesellschaften in Südafrika einen Gesamtgewinn von 72 Millionen Dollar. Im Jahre 1959 war es noch 43 Millionen. Die Afrikaner arbeiten nicht freiwillig für solche niedrigen Löhne in Weißsüdafrika. Sie werden von Arbeitsagenturen mit Gewalt angeworben. Dieses Rekrutierungssystem trennt die schwarzen Wanderarbeiter während der Vertragsperiode von 18 Monaten von ihren Frauen und ihren Familien. In den Städten leben sie wie Gefangene in überwachten, von hohen Mauern und Stacheldraht eingeschlossenen Baracken. Arbeitsverweigerung wird schwer bestraft. Die afrikanischen Arbeiter haben kein Streikrecht. In den Minen arbeiten sie sechs Tage pro Woche und acht Stunden pro Tag. Diese sozialen Mißstände fungieren als Beispiel dafür, was wir unter ökonomischer Gewalt verstehen.

 

Außerökonomische Gewalt ist die systematische Anwendung unmittelbarer, physischer Mittel, z.B. Einschüchterungsmaßnahmen, repressive Gesetzgebung, Polizeiterror, Foltermethoden, Hausarrest, Verbannungen, Landraub usw., die hauptsächlich durch den Staat, dessen Klassenjustiz, Polizei und Armee erfolgt. In Südafrika ist außerökonomische Gewalt nichts anderes als Politische Gewalt d.h. kollektive organisierte Gewalt bzw. strukturelle Gewalt der weißen Herrscher zur Sicherung ihrer Vorherrschaft, ihrer sozialen Privilegien, ihrem hohen Lebensstandart und ungeheuren Profiten. Die politische Gewalt ist als Basis die ökonomische, deren Grundlage das Privateigentum an den Produktionsmitteln ist. Strukturelle Gewalt liegt in den ungleichen Lebensbedingungen der Weißen und Afrikaner vor, d.h. in der ungleichen Verteilung von Produktionsmitteln, von Bildungsmöglichkeiten, von medizinischer Versorgung, vom Landbesitz, von politischen Rechten. Gegenwärtig liegt das jährliche Pro-Kopfeinkommen für Weiße über 2000 Dollar, für Schwarze nur bei 120 Dollar. Der durchschnittliche Jahreslohn eines weißen Bergarbeiters beträgt etwa 4000 Dollar; der Lohn eines schwarzen Bergarbeiters liegt unter 300 Dollar. Das steuerfreie Einkommen für Weiße ist auf 840 Dollar festgesetzt; ein Afrikaner muß schon für 1 DM Lohn Steuer zahlen. Die jährlichen Aufwendungen für das Erziehungswesen pro weißer Schüler beträgt gegenwärtig 200 Dollar, für einen afrikanischen Schüler nur 20 Dollar pro Jahr. Die Kindersterblichkeit auf 1000 Geburten liegt bei 27 für Weiße, für Afrikaner über 200. Die Lebenserwartung für die Weißen ist 65 Jahre, für die Schwarzen nur 35 Jahre, die Weißen leben auf 86% der Gesamtfläche Südafrikas; die Schwarzen nur auf 14%. Dazu ist noch zu bemerken, daß kein Afrikaner das Recht hat, Land zu erwerben, zu kaufen oder zu verkaufen. Nicht einmal das Land in den Reservaten gehört ihnen. Diese Beispiele genügen, um zu veranschaulichen, was wir unter struktureller Gewalt verstehen. Die folgende These liegt daher auf der Hand: Man kann den Grad  der Gewalttätigkeit eines Staates daran messen, in wieweit er die Mehrheit der Bevölkerung, d.h. die arbeitende Masse, ihre Menschenrechte verweigert, ihr das Recht auf einem menschlichen Dasein abspricht, ihre Freiheit und Sicherheit einschränkt, sie vor dem Gesetz diskriminiert, sie politisch mundtot macht, auf freie Meinungsäußerung und Bildung verweigert. Diese strukturelle Gewalt in Südafrika ist zugleich die verursachende Gewalt für emanzipatorische Gegengewalt. Wie kommt diese progressive Gewalt zustande, wie reproduziert sie sich?

 

 

Geschichte der Befreiungsbewegungen

 

Idealtypisch läßt sich die historische Entwicklung der südafrikanischen Befreiungsbewegungen in zwei Phasen zerlegen:

 

1.    1880-1960, die Phase systemimmanenten Protests - passiven Widerstands.

2.    1960-heute, die Phase der gewaltsamen Befreiung - emanzipatorische Gegengewalt.

 

Die erste Phase vollzog sich in drei Hauptabschnitten:

 

1.    Die Übergangsperiode nach der militärischen Eroberung 1880-1910

2.    Der politische Kampf um bürgerlich-demokratische Rechte innerhalb der bestehenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung, 1910-1935.

3.    Der Versuch, eine vereinte Front zu bilden, 1935-1960

 

Die zweite Phase erfolgte in zwei Stufen:

 

1.           Illegalisierung der traditionell-nationalen Befreiungsbewegungen und theoretische Vorbereitung des Partisanenkampfes, 1960-1965.

2.           Bewaffneter Aufstand von Guerrilla-Kontingenten, 1965 bis heute.

 

 

a) Die Übergangsperiode

 

Die Kolonialkriege gegen die südafrikanischen Völker dauerten über zwei Jahrhunderte. In dieser Phase der kolonialen Agression wurden mit dem Segen der „westlichen Zivilisation“ hunderttausende von Schwarzen niedergemetzelt und ihres Viehs und Landes beraubt. Ihre militärische Macht wurde dadurch völlig gebrochen. Indirektes Ergebnis der Kolonisierung war die Atomisierung der Afrikaner. Anstatt der alten Stammesgesellschaft trat nun eine differenzierte autoritäre Struktur der Arbeitswelt, die völlig abgeschnitten von den Werten und Bedürfnissen des schwarzen Subproletariats ist. Während die Afrikaner damals das Produkt ihrer Arbeit zur eigenen Bedürfnisbefriedigung nahmen, arbeiteten die in den Kapitalismus integrierten Afrikaner für eine Gesellschaft, die sie von sich abstieß, d. h. sie auf ihre Arbeitskraft reduzierte. Durch die aufgezwungene kapitalistische Produktionsweise wurde das traditionelle afrikanische Stammessystem vernichtet. Die gesamte Lebensweise der Eingeborenen wurde

zerstört. Geldwirtschaft ersetzte den Tauschhandel, Lohnarbeit in den Industrien trat an die Stelle von Viehzucht und Feldbau auf dem Gemeindenboden in der Selbstversorgungswirtschaft, der Pfarrer und der Arzt nahmen den Platz des „witch-doctor“ ein. Alte traditionelle Sippenwirtschaft und Organisationsformen lösten sich auf. Nur sekundäre Elemente der Stammesgesellschaft lebten noch in isolierten Gegenden fort. Mit der zunehmenden Destruktion der traditionellen Gesellschaft begann zugleich der Integrationsprozeß in die neue Gesellschaft. I. B. Tabata formulierte das Ende dieser historischen Epoche folgendermaßen:

„Der Anfang des 20. Jahrhunderts eröffnet uns eine neue Form des Kampfes - eine politische Form des Kampfes.“

 

Die letzte traditionell organisierte bewaffnete Auflehnung der Schwarzen gegen die Kolonialherrschaft fand 1906 in Natal statt. Seitdem kam es weder regional noch national zu organisierten militärischen Kämpfen gegen die weißen Kolonialherren. Die partielle Unruhe, welche bei den Eingeborenen zeitweilig aufkam, wurde von der weißen Kolonialregierung hart bekämpft. Eine entscheidende Forcierung der kolonialen Unterdrückung brachte die Entdeckung von Gold und Diamanten. In den Diamanten-Minen von Kimberley und den Gold-Minen von Witwatersrand wurden Tausende Schwarze als ungelernte Arbeiter eingesetzt. Die Zerstörung der traditionellen afrikanischen Gesellschaft mit dem Ziel, den Afrikaner zum Verkauf seiner Arbeitskraft zu zwingen, bedeutete zugleich seine Integration in die südafrikanische Wirtschaft. An ihrer Abhängigkeit von den schwarzen Lohnarbeitern scheitert heute die radikale Konzeption der Apartheid: die totale geographische Trennung von Schwarzen und Weißen.

 

 

b) Tribale Organisationsformen

 

Als Protest gegen Paßgesetze, Steuersysteme und Landraub, gegen Rassendiskriminierung und ökonomische Ausbeutung, begannen die Afrikaner angesichts des unwiderruflichen Auflösungsprozesses ihrer traditionellen Stammesgesellschaften, ihre ersten Organisationen des Widerstands zu gründen. Um 1900 entstanden im Norden Südafrikas stammesföderative Organisationen der Schwarzen wie „Imbunda ya Manyama“ oder „Inqgungqunthela ye Siswe“. Ihre Mitglieder waren Angehörige zersplitterter afrikanischer Stämme. Sie waren jedoch keine modernen politischen Bewegungen im Sinne der Zweck-Mittel Rationalität. Die tradierten Stammesdifferenzen erwiesen sich oft genug als stärker als das gemeinsame anti-koloniale Ziel: die Bewegungen zerfielen. Die Mischung in ihrer langen Tradition politischer Aktivitäten entwickelten adäquate Organisationsformen. Schon 1962 gründeten sie in Kapstadt die „African Political Organisation“.

 

 

c) Erste nationale Befreiungsbewegung

 

Im Jahre 1912 wurde die erste politische Organisation der Schwarzen gegründet. Der South African National Congress, späterhin African National Congress genannt, wurde auf nationaler Ebene organisiert, seine Mitgliedschaft beruhte auf individueller Basis. Prinzipiell hatte der „Congress“ mit der tribalen Vergangenheit gebrochen, jedoch lebte ein gewisses Maß an Stammesdenken noch lange in der Bewegung fort. Er adoptierte die politischen Theorien und Widerstandsmethoden Ghandis, die auf Reformen innerhalb des kapitalistischen Status quo zielten, deshalb sind die früheren Resolutionen und Petitionen des Kongresses sehr gemäßigt liberal und loyal in Ton und Forderung. Vor 1920 war die Zahl der gebildeten Afrikaner sehr gering, deshalb lagen sämtliche wichtigen Positionen in den Händen der britischen Liberalen und Missionare.

 

Durch diesen Einfluß bedingt ist zu erklären, daß es jahrzehntelang zu keinen sozialrevolutionären Massenbewegungen gekommen ist. Dialektisch betrachtet war der Congress für die Befreiungsbewegung zu jenem Zeitpunkt historisch notwendig.

 

 

d) religiös politische Bewegungen

 

Das Christentum war für den Imperialismus ein wichtiges Instrument zur Integration der Schwarzen in die südafrikanische kapitalistische Gesellschaft gewesen. Es galt jedoch nur solange, wie es noch nicht Bestandteil des spontanen afrikanischen Bewußtseins auf der einen Seite und der sozialen Erfahrung auf der anderen Seite geworden war. Dieses Stadium aber wurde um die Jahrhundertwende erreicht. Die Schwarzen formulierten nun die Unmenschlichkeit ihrer Ausbeutung als Verstoß gegen den christlichen Anspruch der Gleichheit aller Menschen, den sie inzwischen zu ihrem eigenen gemacht hatten. Das Christentum lieferte ihnen gleichsam moderne Argumente für ihren jahrhundertealten Befreiungskampf. Indem die Schwarzen begannen, die abstrakten Forderungen des Christentums zu ihren eigenen konkret historischen zu machen, griffen sie die weißen Ausbeuter nicht mehr von außen, sondern im Zentrum an. Die Überlegenheit ihrer Forderung nach Freiheit lag nun darin, daß sie nicht mehr die Sprache der „zurückgebliebenen Eingeborenen“, sondern die der „christlichen Zivilisation“ sprachen. So ist es zu erklären, wie diese religiös-politischen Bewegungen entstanden. Alle diese Bewegungen trugen dazu bei, daß das sich formierende politische Bewußtsein der Afrikaner von vornherein sozialrevolutionäre Momente impliziert. Die kirchlichen Bewegungen forderten eine Land- und Sozialreform. Sie unterstützten Streiks, boykottierten Regierungsinstitutionen und einige ihrer Mitglieder opferten sogar das Leben für ihre Befreiungsbestrebungen.

 

 

e) Die Gewerkschaftsbewegung

 

Als Folge der Wirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg, aber auch als Resultat zunehmender Pogromstimmung unter den weißen Arbeitern, entstanden vor allem in den Städten Südafrikas spontane Steik- und Boykottbewegungen unter den Schwarzen. Immer stärker trat das ökonomische Motiv des Protestes hervor. In diese Zeit des verstärkten repressiven Drucks von seiten der weißen Gesellschaft und ihrer Regierung fällt die Gründung der ersten Gewerkschaftsbewegung - die „Industrial and Commercial Workers’ Union“ (I.C.U., 1919). Mit großer Schnelligkeit entwickelte sich die I.C.U. zum Sammelbecken unzufriedener, politisch bewußter afrikanischer Arbeiter aus den verschiedenen Zweigen von Industrie und Handel. Mit vorwiegend ökonomischen Druckmitteln, dem Streik und dem Boykott versuchte die Gewerkschaft, die spezifischen Interessen einzelner Berufsgruppen (z.B. der Dockarbeiter) zu vertreten, aber auch die allgemeineren Pressionen wie Paßzwang, Steuersystem und Schuldwesen, die auf den Schwarzen lasteten, abzuschaffen. Im europäischen Sinne des Begriffs war die I.C.U. keine Gewerkschaft, aber auch keine politische Partei. Die I.C.U. hatte keinerlei Erfahrung in gewerkschaftlicher Arbeit und für sie gab es keine Möglichkeit in Südafrika, die Funktion einer Gewerkschaft zu erfüllen, nämlich die Chance einer ökonomischen Reform innerhalb des kapitalistischen Systems maximal auszuschöpfen – ebenso fehlte eine sozialdemokratische Partei in S.A., die die nötige politische Vorarbeit für ökonomische Verbesserungen geleistet hätte. Die ökonomische und politische Emanzipation der Afrikaner wurde damals zunehmend legislativ unterbunden.

 

Schon 1913 aber hatten schwarze Arbeiter durch ihre Solidarität einen Streik weißer Arbeiter in Kleifontein vor der Effektlosigkeit gerettet - ohne daß sie später auch nur erwähnt wurden. Als im Oktober 1920 ein Führer der I.C.U. in Port Elizabeth höhere Löhne für Schwarze und eine entsprechende Agitation forderte, wurde er am nächsten Tag ohne rechtliche Erklärung verhaftet. Aus Empörung über diese illegale Verhaftung demonstrierten am darauffolgenden Tag weiße und schwarze Arbeiter vor der „City-Hall“. Anschließend stürmten sie mit Stöcken die Polizeistation, um die Befreiung ihres Führers zu erzwingen. Daraufhin wurde Gewehrfeuer eröffnet, durch das 23 Eingeborene getötet wurden, während eine Europäerin von einem Eingeborenen einen tödlichen Schlag erhielt.

 

Um 1930 war dieser erste Versuch der Afrikaner, eine Gewerkschaft zu gründen, zunichte gemacht worden. Die I.C.U. desintegrierte. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß diese ersten organisatorischen Versuche 1880-1935 gescheitert sind, weil es die Afrikaner nicht schafften, gegen die organisierte Gewalt des britischen Imperialismus in S.A. eine nationale, alle Gruppen umfassende politische Aktionseinheit mit einem situationsadäquaten Programm zu organisieren, deren radikale Forderungen und Widerstandsmethoden der autoritären Herrschaftsstruktur angemessen gewesen wäre.

 

f) Die „All African Convention“ (1936), Versuch einer vereinten Front

 

Anfang der 30er Jahre begannen viele burische Farmer, Großgrundbesitzer und Geschäftsleute ihre Abhängigkeit vom kapitalistischen Wirtschaftssystem in S.A. zu begreifen. Sie investierten ihren Kapitalüberschuß in britischen und staatlichen Industrieunternehmen. Diese Fusion von britischem und burischem Kapital fand im Jahre 1933 ihr politisches Pendant in der Koalitionsregierung des britischen-liberalen Generals, J.C. Smuts, mit dem burisch-nationalistischen General, J.B.M. Hertzog, und ihre Unterdrückungspraxis in den drei notorischen „Hertzog-Gesetzen“.

Die Ziele dieser Gesetze waren:

1.      Abschaffung des Wahlrechts der Schwarzen.

2.      Vorbereitung einer radikalen Demarkation von Weiß- und Schwarz-Südafrika.

3.      Verschärfung des Arbeitsrechtes für Schwarze, Verbot der freien

         Wahl des Arbeitsplatzes und des Streiks.

 

Durch die „Hertzog-Gesetze“, die für alle sozialen Gruppen der Afrikaner - die Massen der Bauern und Arbeiter und die kleine Schicht der Intellektuellen - eine Verschärfung der Diskriminierung bedeuteten, wurde in aller Schärfe die Notwendigkeit nationaler Einheit im Freiheitskampf bewußt. Spontan sammelten sich die verschiedenen zersplitterten Organisationen, und ein Kongreß wurde einberufen.

 

Diese historische Konferenz fand am 29. Juni bis 2. Juli 1936 in Bloemfontein statt. 206 Delegierte waren anwesend und akzeptierten ein 11-Punkte-Programm, das gleiche demokratische Rechte für alle Südafrikaner forderte. Dies führte zur Gründung der ersten nationalen, alle unterdrückten Gruppen in der Gewerkschaft umfassenden Freiheitsbewegung, die „All African Convention“. Ein bürgerlich-demokratisches Programm, das Prinzip der Nichtzusammenarbeit mit den Unterdrückern und die Politik des politischen Boykotts wurden entwickelt und akzeptiert. Dieser erste, ernsthafte organisatorische Versuch, eine vereinte Front aller Unterdrückten in Südafrika zu bilden, war historisch gesehen ein revolutionärer Schritt vorwärts. Die A.A.C. verwarf die Hertzog-Gesetze; es fehlte ihr jedoch die politische und militärische Macht, um ihre Forderungen durchzusetzen.

 

Angesichts dieser organisierten Ablehnung der Hertzog-Gesetze befand sich die südafrikanische Kolonialregierung in einer sehr prekären Lage. General Hertzog plädierte für eine rasche, gewaltsame Unterdrückung der „Eingeborenenunruhe“. General Smuts war politisch klüger. Er wußte, daß der größte Teil der Führungsmitglieder der AAC alte ghandistische Pioniere des ANC von 1912 waren, d.h. Afrikaner, die prinzipiell die Hoffnung auf das Funktionieren demokratischer Regeln in Südafrika noch nicht aufgegeben hatten. Deshalb bestand er auf einer Politik des Kompromisses. Die schwarze Avantgarde des AAC wurde zu einer Verhandlung mit Premierminister Smuts nach Kapstadt geladen. Die Staatskasse versorgte sie mit Fahrkarten, Unterkünften und Verpflegung. In Kapstadt bekamen die „Kaffern“ weder Smuts noch Hertzog zu sehen, stattdessen wurden sie von einigen sorgfältig ausgesuchten weißen Liberalen empfangen. Nach tagelangen Diskussionen wurde der „compromise of 1937“ geschlossen: 3 Weiße würden die Schwarzen im zentralen weißen Parlament repräsentieren, außerdem sollten die Afrikaner mehr Land zur Nutzung erhalten. Daraufhin war nun eine Spaltung in der Führungsspitze unvermeidlich. Durch die Spaltung entständen zwei poltische Strömungen: Eine Unity- und eine Congress-Bewegung. Die erste wurde von sozialistischen Führern geleitet, die zweite von Christen, Liberalen und Stalinisten.

 

Während sich die südafrikanische Befreiungsbewegung spaltete, brach der 2. Weltkrieg aus. Er trug viel dazu bei, das politische Bewußtsein der Afrikaner erneut zu radikalisieren. Aus Furcht vor einem Angriff Japans erwog General Smuts zeitweilig eine Bewaffnung der Afrikaner: Eine erstaunliche Parallele zur gegenwärtigen amerikanischen Politik, die es ihren schwarzen Unterprivilegierten gestattet, als „first-class citizens“ auf dem Schlachtfeld in Vietnam für das Vaterland zu sterben. Im Jahre 1943 wurde auf dem linken Flügel der Befreiungsbewegung das „Unity Movement of South Africa“ (UMSA) gegründet, geführt von dem Trotzki-Schüler Isaac B. Tabata. Er gab dem Klassenkampf das Primat in seiner Politik und sah die bürgerliche Demokratie nur als Übergangsphase zum Sozialismus. Auf dem, rechten Flügel wurde der „Congress of the People“ (1955) gegründet, geführt von dem Ghandi-Schüler Albert J. Luthuli. Er gab dem Rassenkampf um Gleichberechtigung aller Gruppen Vorrang und sah die bürgerliche Demokratie als Hauptziel. Zwischen 1948 und 1960 bekämpften sich diese zwei antagonistisch-politischen Gruppen erbittert, anstatt ihren gemeinsamen Hauptfeind anzugreifen. Über 100 Rassengesetze und Gesetzesänderungen wurden zwischen 1948 und 1960 erlassen, die den Afrikanern die elementarsten Menschenrechte raubten. Diese Gesetze konnten nicht funktionieren ohne ihre passive Duldung durch die Masse der Afrikaner und die aktive Unterstützung durch diejenigen farbigen und schwarzen „Funktionäre“, die in den von der Regierung geschaffenen, das System der Apartheid funktionsfähig machenden Institutionen arbeiteten.

 

 

Sozialrevolutionäre Entwicklung seit 1960

 

a) Sharpeville-Massaker und Pondolandrevolte

 

Illegalisierung der nationalen Befreiungsbewegungen

 

Am 21. März 1960, während der Sharpeville-Ereignisse, wurden in Südafrika in den Städten 74 unbewaffnete friedlich demonstrierende Afrikaner erschossen und 240 schwer verletzt und 1043 ins Gefängnis gesperrt. Daraufhin rief der Congress-Organisator der Demonstration den Generalstreik aus. Er war so erfolgreich, daß er für 2 Wochen die gesamte Wirtschaft Südafrikas lähmte.

 

Am 30. März rief die Verwoerd-Regierung den Ausnahmezustand aus. Die „Congress“-Bewegung wurde verboten. Bis zum 8. April 1960 wurden 2.000 Congress-Anhänger verhaftet. Am 9. April brach der Generalstreik zusammen. Während des 21. März und 9. April wurden 82 Afrikaner erschossen, 365 schwer verletzt und mehr als 20.000 inhaftiert. Der Zusammenbruch des Generalstreiks und die Zahl der Opfer verschärften die Diskussion um den gewaltlosen Widerstand als angemessenes Mittel der Befreiung. Ghandis Ideen erwiesen sich den konkreten Verhältnissen gegenüber als nicht adäquat. Die „Congress“-Führer wurden seitdem zunehmend von Mao, Fanon und Guevara beeinflußt. Das wohl wichtigste Ereignis des Jahres 1960 in Südafrika war jedoch die „Bauern-Revolte“ in Pondoland. Hauptgründe für diesen Aufstand waren die allgemeine Armut und das Elend in den Reservaten und die Ereignisse und Massaker in den Städten Südafrikas. Auf großen illegalen Veranstaltungen diskutierten und beschlossen die landlosen Bauern und Wanderarbeiter ihre politische Strategie und Taktik. Sie schufen die sogenannten „mountain comitees“ und ihnen verantwortliche Volksgerichtshöfe, welche Marionetten und Spitzel verurteilten.

 

Der Intaba, der aus den Reihen der Versammlungsteilnehmer entstand, funktionierte mehrere Monate lang als Exekutivorgan, d.h. als eine de facto Volksregierung in weiten Teilen von Pondoland. Ende 1960 wurde die Bauernrevolution in der Transkei durch eine Serie von militärischen Angriffen der Regierung niedergeschlagen. Bauernorganisationen mit Tausenden von Anhängern existieren jedoch bis heute weiter. Das Jahr 1960 ist für die südafrikanische Befreiungsbewegung aus folgenden Gründen ein Wendepunkt gewesen:

 

1.    Es wurde klar, daß die Befreiungsbewegung, um erfolgreich zu sein, zuerst eine Massenbasis besitzen muß,

2.    daß die Vermittlungsinstanz zwischen revolutionärer Theorie und Praxis die Organisation ist, die einer langfristigen Planung bedarf,

3.    daß ein Organisationsprinzip entwickelt werden muß, daß nicht zur Dichotomie von Führung und Masse führt, sodaß die unvermeidlichen Inhaftierungen und Exekutionen den Freiheitskampf nicht führungs- und orientierungslos machen,

4.    daß die Verschiedenen Kaderorganisationen und Zweige der nationalen Befreiungsbewegungen auf nationaler Ebene koordiniert werden müssen,

5.    daß Sharpeville endgültig die These widerlegte, daß die ghandistisch-pazifistische Kampfmethode die ultima ratio sei, mit der Apartheid abgeschafft werden könne; der Gedanke der Selbstverwaltung mit der Waffe in der Hand als legitimes Mittel gegen die Staatsgewalt setzte sich durch,

6.    daß die Afrikaner keine Hilfe von außen zu erwarten haben, d.h. daß sie selbst ihre soziale Revolution tragen und durchführen müssen.

 

 

b) Phasen des Guerillakampfes

 

Seit dem Verbot der nationalen Befreiungsbewegungen im Jahre 1960 entstanden im Untergrund Organisationen wie „Poqo“, „Umkhonto we Siswe“ oder die NLF, die Partisanenkampfmethoden übernahmen. Auf der theoretischen Ebene haben die politisch bewußten Revolutionäre folgende wichtige Aufgaben:

 

1.                Das lebendige Studium der bereits praktisch gewordenen Revolutionen in der „Dritten Welt“, von denen jede vom Standpunkt der „Orthodoxie“ „nicht ordnungsgemäß“ verlief.

2.                Die genaue Untersuchung der Veränderung des südafrikanischen Systems seit 1960, und zwar unter dem Aspekt ihrer Bedeutung für eine sozialrevolutionäre Umwälzung.

3.                Die Untersuchung der internationalen politischen Situation, d.h. die Rolle der USA, Rußlands, Chinas und die Entwicklung Afrikas.

4.                Die Lösung der Frage nach den zu konstituierenden Methoden der Revolution in Südafrika (Land-Guerilla, Stadt-Guerilla, Generalstreik, Sabotage usw.) und nach der Koordinierung des revolutionären Kampfes im gesamten südlichen Afrika.

5.                Die Möglichkeit, Guerillas im Ausland auszubilden, sie in Südafrika einzuschleusen und Kader im Lande selbst aufzubauen. Zugleich soll das Problem der Anschaffung von Waffen gelöst werden.

6.                Die schwierigste Aufgabe ist, die afrikanische unterdrückte Bevölkerung für den bewaffneten Kampf zu gewinnen, ohne daß sie noch schlimmeren Repressionen ausgesetzt wird als zur Zeit. Auf praktischer Ebene hat der Guerillakampf in bestimmten Gegenden schon begonnen - es ist jedoch nicht unsere Aufgabe, dies hier zu erörtern. Es genügt zu wissen, daß die Emanzipationsbewegung Südafrikas die Phase des gewaltsamen Widerstands etwa emanzipatorischer Gegengewalt erreicht hat.