Veröffentlicht in einer Broschüre des Auslandsreferats des AstA der TU Hannover, im Oktober 1976.


DAS SÜDLICHE AFRIKA AUF DEM WEG ZUR BEFREIUNG


(Revidierter und ergänzter Vortrag, der zwischen April und Juli 1976 an 25 Universitäten, Hochschulen und Fachhochschulen in der BRD gehalten wurde.)

von: Dr. Franz J.T. Lee


DAS ENTSTELLTE AFRIKABILD

SKLAVENHANDEL UND ENTWICKLUNG DES ABENDLANDES

IDEOLOGISCHE UND REPRESSIVE FUNKTION DES RASSISMUS

AFRIKA ERWACHT!

BRD ALS ZUVERLÄSSIGER VERBÜNDETER DES APARTHEIDSTAATES

WIRTSCHAFTLICHE VERFLECHTUNG BRD‑RSA, WAFFENLIEFERUNG

ZUR LAGE IN SÜDAFRIKA

EINSCHÄTZUNG AUS AFRIKANISCHER PERSPEKTIVE

 


DAS ENTSTELLTE AFRIKABILD

 

Freunde und Genossen, meine Damen und Herren!

 

Noch vor wenigen Jahren war Afrika für die überwältigende Mehrheit der bundesdeutschen Bürger, der geheimnisvolle, mystische, schwarze Kontinent, von dem man nur aus phantastischen Berichten wagemutiger Abenteurer und Großwildjäger erfuhr. Nach Karl May und Tarzan sind es jetzt die farbigen Reiseprospekte von Neckermann oder Touropa‑Scharnow, die über Kenia, Uganda, Tansania, Sambia, Namibia oder Südafrika berichten. Die Küste Tansanias ersetzt langsam die Costa Brava, Sansibar wird anstelle von Helgoland gesetzt, statt zum Montblanc fährt man zum Kilimandscharo.

 

Jedoch, während deutsche oder westeuropäische Ingenieure den Cabora‑ Bassa‑ oder Kunene‑Staudamm errichteten und Großwildjäger und Touristen sich für das Erinnerungsalbum in Pose stellten, wurden sie von der FRELIMO in Mozambique oder MPLA in Angola, der ZANU in Zimbabwe oder der SWAPO in Namibia angegriffen. Westdeutsche Auswanderer, Entwicklungshelfer oder Safarireisende werden in interrationale politische Konflikte verwickelt, gekidnappt oder erschossen, was ihnen normalerweise ‑ sollten sie überleben ‑ unverständlich bleibt. Wir hatten gerade in Entebbe so eine Entführung, und der „normale“ Bundesbürger weiß nicht so richtig, worum es da eigentlich geht! Woher rührt diese chronische Ignoranz in der BRD? Warum läßt das Soweto‑Massaker von etwa 200 Menschen, die getötet worden sind und über 1000 Menschen, die verwundet sind und 5000, die verhaftet sind, warum läßt dieses Massaker die bundesrepublikanischen Bürger eiskalt?

 

Für Millionen Westeuropäer ist Europa noch stets das Zentrum des Universums, hier weilt das Subjekt, der Geist, die Vernunft der Geschichte.

Es ist zivilisiert, kultiviert, christlich, hochentwickelt, weiß, superintelligent, kurzum: allmächtiger Generator des internationalen Fortschritts. Die „Neger“ Afrikas besitzen keine Kultur und Zivilisation ‑ sind im großen und ganzen gar nicht dazu fähig, schwingen sich noch von Baum zu Baum à la Tarzan, dem englischen Lord. Sie sind zwar arm, fröhlich, kindlich sportlich und potent, im Grunde genommen aber doch dumm, technisch unbegabt und vor allem stinkfaul.

 

Als Objekte der Geschichte, die erst entdeckt werden mußten, dann befriedet und christianisiert wurden, werden die Europäer ihnen helfen, geschichtsfähig und menschlich zu werden; deshalb auch Entwicklungshilfe.

 

Dieses Afrikabild, das sich in den deutschen Kolonialwissenschaften und z.T. heute noch in Geschichtsbüchern widerspiegelt, ist zwar etwas übertrieben, es enthüllt jedoch die Neger‑Chimäre Europas. Um dieses Phänomen des latenten und tendenziellen Rassismus im Kapitalismus - und nicht nur im südafrikanischen ‑ historisch zu begründen, werden wir einen flüchtigen Rückblick in die dunkle Vergangenheit des afrikanischen Kontinents werfen.

 

 

SKLAVENHANDEL UND ENTWICKLUNG DES ABENDLANDES

 

Abgesehen von den asiatischen und lateinamerikanischen Völkern, sind keine Völker der Welt jahrhundertelang auf so grausame Art und Weise wie die afrikanischen ausgebeutet, unterdrückt und massakriert worden. Es ist z.B. heute noch (sogar in intellektuellen Kreisen) kaum bekannt, daß allein der Sklavenhandel, hauptsächlich von Westeuropäern betrieben, Afrika im 18. und 19. Jahrhundert zwischen 50 und 100 Millionen unersetzliche Menschenleben gekostet hat. (Man braucht nur die Bücher von Basil Davidson und neuerdings auch von Walter Rodney (Wagenbach Verlag) „Afrika, Geschichte einer Unterentwicklung“ zu lesen, da kann man genau feststellen, was eigentlich während dieser Zeit passiert ist. Rodney gibt eine ganz interessante Statistik: Damals im 17./18. Jahrhundert hatte Afrika 1/5 der damaligen Weltbevölkerung und Westeuropa ebenso. Inzwischen lebt in Westeuropa immer noch 1/5 der Weltbevölkerung, Afrika erreicht gerade 1/15. Bei einer Bevölkerung von ca. 400 Millionen zur Zeit können sie sich vorstellen, wie die afrikanischen Menschen damals ausgerottet wurden. Gerade der Sklavenhandel war eine der Grundbedingungen für den westeuropäischen kapitalistischen „take‑off“ in eine profitreiche Zukunft für die „Entwicklung“ des Abendlandes, für die internationale Arbeitsteilung, für den Welthandel und den Weltmarkt. Ohne Frage war der Sklavenhandel mit allen Gräueltaten und Verachtung der Menschenwürde, ein entscheidender Faktor zur Entfaltung des europäischen Rassismus; er ist umgekehrt auch maßgebend für die heutige mißtrauische Haltung der Afrikaner gegenüber Europäern aller Schattierungen.

 

Die Engländer, Portugiesen, Spanier usw. kamen als rücksichtslose Sklavenhändler nach Afrika. Der schwarze Mann wurde systematisch unterjocht. Wie das Tier des Urwaldes wurde er zur Beute der weißen Jäger und ihrer schwarzen Diener. (Es gibt leider heute noch schwarze Matanzimas, Tschombes und Uncle Toms; es gibt z.B. auch in Soweto 7 oder 8 schwarze Millionäre.)

 

 

IDEOLOGISCHE UND REPRESSIVE FUNKTION DES RASSISMUS

 

Der Rassenhaß, sozusagen als Nebenprodukt der „Unterentwicklung“ Afrikas und der „Entwicklung“ Europas, entstand und wurde zum Kennzeichen der sozialen Beziehungen zwischen Menschen weißer und schwarzer Hautfarbe. Der Begriff „Neger“, der heute noch so unschuldig von fast allen Bundesbürgern ‑ sogar Linker ‑ benutzt wird, bekam so historisch seinen diskriminierenden Inhalt. Ich bin sicher, daß sehr wenige Leute hier im Publikum gerne das sein möchten, was ein „Neger“ sein soll. Ideologisch trat der Afrikaner als „Neger“ ins Bewußtsein Westeuropas. Es ist eigentlich interessant zu sehen, daß einer der drei Könige, die in der Bibel aus dem Osten kamen, dunkelhäutig war ‑ er war immerhin noch ein „unheimlicher Edelmensch“ und nach Shakespeare ist der „Kaufmann von Venedig“ Othello ein anständiger Edelmann gewesen. Aber bei „Struwwelpeter“ im 15./16. Jh., da fängt die Sache mit der sozialen Diskriminierung schon an: „Was kann der Neger dafür, daß er so schwarz ist?“ Da kann man die gesamte Kolonial‑Literatur durchsehen und wird merken, wie der Rassismus bis in den Überbau als Ideologie hineingegangen war. Die Ägypter haben hochnäsig auf die Nubier hinuntergeschaut, die Ägypter selbst waren blauäugig die anderen dunkelhäutig.

 

Rassismus ist nicht, daß Menschen einander nicht mögen, weil ihre Nasen krumm oder schief oder lang sind, Rassismus ist ein ganz bestimmtes soziales System zur Unterdrückung von Menschen mit anderen physischen Merkmalen.

 

Der Rassismus als Überbauphänomen, als ideologischer Ausdruck der internationalen Arbeitsteilung, der Beziehungen zwischen europäischen und nichteuropäischen Völkern entstand. Der Rassismus ist eng mit der Genese des Weltkapitalismus verknüpft, funktionierte als Verschleierung und Rationalisierung für die barbarischen Verbrechen der Kolonialepoche, für Raub, Piraterie und Völkermord. In Staaten wie den USA und der Republik Südafrika entwickelte sich der Rassismus zum katastrophenträchtigen Exzeß.

 

Aber auch zuhause, in den Mutterländern, in den europäischen Metropolen hat der Rassismus eine ideologische und repressive Funktion; die revoltierenden Arbeiter konnten jahrzehntelang beruhigt werden ‑ sie gehöre immerhin zur weißen Herrenrasse, die stehen höher auf der sozialen Stufenleiter der Welt als die „Neger „, „Kulis’ oder „Rothäute“. Sie sind Bestandteil der westlichen Kultur und christlichen Zivilisation.

 

 

AFRIKA ERWACHT!

 

Freunde und Genossen, gestatten Sie, den historischen Raum zwischen gestern und heute zu überspringen. Afrika erwacht! Seit 1960 erkämpft sich ein Land nach dem anderen die politische Freiheit. Die unaufhaltsame revolutionäre Dynamik der nationalen und nationalistischen Emanzipationsbewegungen in Südafrika vertreibt die Gespenster von gestern.

 

Afrikanische Geschehnisse beherrschen die Schlagzeilen der Weltpresse. Der schwarze Mann wird selbstbewußt. Der schwarze revolutionäre Riese zerreißt die Ketten des „Neger“‑Daseins und sein scheinbarer Gegner, der „zivilisierte“ Europäer in Afrika fängt an, insbesondere in Südafrika, den liliputanischen Charakter seiner Eigensucht zu erkennen. Diejenigen von ihnen, die in Zimbabwe, Namibia oder Südafrika, die sich von ihrem Drohnendasein nicht lossagen können ‑ Vorster, Smith & Co ‑ zittern und bangen zur Zeit um ihre parasitäre Existenz, sie ahnen den unmittelbar bevorstehenden Untergang der Apartheid.

 

Erwachendes Afrika ist heute zur unwiderruflichen historischen Emanzipationstendenz ‑ zur revolutionären Tatsache ‑ geworden. Die Zeiten, in denen Kolonialisten, Rassisten und Imperialisten den afrikanischen Volkern ihren hegemonialen Willen aufzwingen konnten, sind endgültig passé. Waren vor dem zweiten Weltkrieg nur Ägypten, Äthiopien und Liberia formal politisch unabhängig, befindet sich zur Zeit primär nur noch die Republik Südafrika, Zimbabwe und Namibia unter direkter fremder Herrschaft. Über 50 afrikanische Staaten haben sich seit 1960 zumindest politisch formal befreit.

 

 

BRD ALS ZUVERLÄSSIGER VERBÜNDETER DES APARTHEIDSTAATES

 

Seit der imperialistischen Niederlage in den portugiesischen Kolonien Mozambique, Guinea-Bissau und Angola und jetzt vor den unmittelbar bevorstehenden Sieg der Guerilla in Zimbabwe, d.h. Rhodesien, ist es klar daß Kissinger, Schmidt, Genscher und Vorster sich treffen müssen, um einen „Notplan für eine Lösung in Rhodesien und Südwestafrika“ ‑ wie sie das nennen ‑ zu entwerfen, um einen Rettungsanker für den Neokolonialismus zu schmieden.

 

Das Apartheidregime ist international isoliert, mit den fanatischen Rassisten am Kap der Guten Hoffnung will keiner so recht mehr verkehren.

 

Soziale Unruhe und ökonomische Krise im Lande, aber auch der Verlust der letzten Position im politisch‑unabhängigen Afrika zwingen das Vorster‑Herrenvolk dazu, die kapitalistische, westliche Welt um Hilfe zu bitten. Selbst der Friedensengel und Weltpolizist Henry Kissinger scheint gehemmt, Vorster zu Wahlzeiten in den USA zu ertragen oder gar in dessen Polizeistaat offiziell zu reisen.

 

Da bat sich nun im Juni 1976 die BRD als Zufluchtsort an; hier haben die Rassisten und Terroristen Südafrikas nicht nur einflußreiche treue Freunde in Politik und Militär (Franz‑Josef Strauß oder NATO‑General Günter Rall), sondern auch eine SPD‑FDP‑Regierung, die bisher darauf schaut, daß die DM nach Südafrika rollt. Vorster konnte sich hier wohl und sicher fühlen. Der größte Terrorist, der die afrikanische Bevölkerung maßlos unterdrückt, wurde hier von der Staatsgewalt peinlichst genau geschützt. Ich habe es selbst in Bonn erlebt und gesehen. Hier wurde er hinter Stacheldraht geschützt; in Südafrika leben die Afrikaner in Gettos und Konzentrationslagern hinter Stacheldraht.

 

Aber schon lange hatte sich die BRD als einer der zuverlässigsten Verbündeten des Apartheidstaates erwiesen; als am 29.9.1974 98 Staaten in der UNO die Empfehlung aussprachen, der Delegation der RSA (Republik Südafrika) die Akkreditierung zu verweigern, war es u.a. die BRD, die dagegen stimmte.

 

Im Oktober besuchte der westdeutsche NATO‑General Rall die RSA zu einer „inoffiziellen“ Besprechung gemeinsamer militärischer und nuklearer Projekte. Großes internationales Aufsehen erregten die im Jahre 1975 veröffentlichten Materialen zur nuklearen Zusammenarbeit zwischen der BRD und der RSA.

 

Der Nazi‑Freund Vorster besprach u.a. mit Kissinger und Allon (Israelischer Außenminister) in Bodenmais im Bayerischen Wald wie sie gegen die Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika und den Emanzipationskampf in ganz Afrika vorgehen können. Gleichzeitig hatte Vorster versucht, mit Vertretern des westdeutschen Kapitals die wirtschaftliche und militärische Unterstützung von Seiten der BRD für Südafrika abzuklären. Der „Welt“ vom 8.6.1976 zufolge ging es bei diesem Treffen vorrangig um folgendes: „Der Schutz der weißen Minderheit soll nach den amerikanischen Vorstellung von Pretoria und Washington garantiert werden, während den Streitkräften beider Länder ein Interventionsrecht zum Schutz der Weißen in Rhodesien eingeräumt werden soll.“

 

Anders formuliert: Zwischen dem 20. und 26. Juni 1976 wurde in der BRD ein ‑ und das trotz der zerschmetternden Lektion der Vietkong ‑ afrikanisches Vietnam vorbereitet. Es war nicht zufällig, daß sich der israelische Außenminister Allon auch zu der Zeit in der BRD aufhielt. Die wahre Absicht des Treffens ist militärisch‑strategischer, aber auch wirtschaftlicher Natur. Der unerbittlichen Dynamik des Befreiungsprozesses im südlichen Afrika soll dringend durch neue Absprachen bis zur Weitergabe von Atomwaffen an das Vorsterregime haltgemacht werden. Auch wenn Frankreich Atomreaktoren an Südafrika liefern soll, wird trotzdem zusätzlich die westdeutsche bundeskontrollierte Firma STEAG in Essen und die staatliche Gesellschaft für Kernforschung in Karlsruhe eine Urananreicherungsanlage liefern, die nach dem westdeutschen Trenndüsenverfahren, das weltweit patentrechtlich durch die SfK‑STEAG geschützt ist, vorbereitet werden soll. Da diese Anlage die südafrikanischen Kernreaktoren nicht mit angereichertem Uran beliefern wird, kann man schlußfolgern, daß sie in erster Linie für militärische Zwecke konzipiert ist. Sie soll bis 1973 mit enormer finanzieller und technischer Unterstützung aus der BRD fertiggestellt werden. Am 17.5.1976 konnte Vorster in „Newsweek“ unverblümt warnen: „Wir sind nur an der friedlichen Anwendung der Atomkraft interessiert. Aber wir können Uran anreichern, wir haben die Fähigkeit dazu. Und wir haben den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet.“ Merkwürdigerweise hilft die BRD, der Handelspartner Nr. 1 von Südafrika, dem Apartheidstaat zum Aufbau der Kernwaffenkapazität und die BRD hat den Sperrvertrag unterzeichnet. Bis zum Jahre 1992 sollen die geplanten Kernreaktoren Südafrikas mit angereichertem Uran aus den USA gespeist werden. Wozu dann eine Urananreicherungsanlage in Südafrika? Es ist bekannt, daß Atombomben entweder durch Urananreicherung oder durch Wiederaufbereitung von Plutonium, das durch Abbrand in Kernreaktoren entsteht, hergestellt werden können.

 

 

WIRTSCHAFTLICHE VERFLECHTUNG BRD‑RSA, WAFFENLIEFERUNG

 

Schauen wir uns die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der kapitalistischen Welt, insbesondere der BRD und der RSA flüchtig an:

 

Stabilität und Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft der BRD werden unter dem Aspekt ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten im Ausland u.a. in Zukunft von folgenden Faktoren abhängen:

 

1. der Steigerung des Warenexports. Die BRD ist ein kleines Land, für einen rationellen Produktionsumfang braucht die deutsche Industrie den Weltmarkt, d.h. Exportmärkte in Afrika z.B. müssen langfristig abgesichert werden, nicht zuletzt wegen ihrer konjunkturstützenden Wirkung. Besonders die großen westdeutschen multinationalen Konzerne wie VW, KRUPP, SIEMENS, AEG‑TELEFUNKEN oder BASF sind vom Weltmarkt abhängig.

 

2. dem Anstieg der Auslandsinvestitionen. Die private Kapitalexpansion im Ausland muß gestärkt werden, damit ihr Niedergang im Inland abgewendet werden kann: Das ist der imperialistische Imperativ. Dabei geht es um 1) Rohstoffquellen, Marktprivilegien und die Möglichkeiten des Kapitalexports und 2) um die Absicherung der privaten Kapitalproduktion im Weltmaßstab, wobei auch Verträge wie NATO, SEATO und die Assoziierung der afrikanischen Staaten an die EWG eine Rolle spielen. Seit 1966 sind die bundesrepublikanischen Kapitalexporte aus folgenden unmittelbaren Gründen gestiegen: Aufbau von Vertriebsnetzen, um den Warenexport zu konsolidieren, Einrichtung von Produktionsstätten z.B. VW in Sao Paulo (Brasilien) oder Port EIizabeth (Südafrika), um zu erwartende Handelsrestriktionen zu umgehen und die Nutzung ausländischer Wachstumspotentiale. Dieser Punkt ‑ Einrichtung von Produktionsstätten im Ausland - ist unheimlich wichtig, weil dies eine strukturelle Veränderung unseres gegenwärtigen kapitalistischen Systems bedeutet. Das ist auch für Ingenieur‑Studenten wichtig; das ist der Grund, warum seit 1970 Fachhochschulen und Gesamthochschulen wie Pilze aus dem Boden entstanden sind. Nach der berühmten Rekonstruktionsperiode konnte die BRD sich nur dadurch retten, daß sie eine wissenschaftlich‑technische Revolution durchgeführt hat. Durch die Auslagerung von Produktionsstätten (z.B. VW) verrichten die armen Brasilianer aus den Favelas (Elendsvierteln) in Sao Paulo und die Afrikaner aus der Transkei in Port Elizabeth Arbeiten an Fließband, die die europäischen Arbeiter früher hier geleistet haben.

 

In Sao Paulo wird z.B. von Pedro ein VW‑Motor gebaut, der dann nach Wolfsburg transportiert wird und dann hier von Peter dem Ingenieur und Techniker in den VW gebaut wird. Das bedeutet, der Begriff des Arbeiters, der Arbeiterklasse hat sich gewandelt; es zeigt sich auch, wie durch multinationale Konzerne das Problem internationalisiert wird. So hat sich auch die Bedeutung für uns ‑ der Kampf - internationalisiert.

 

Das ist gar keine Frage mehr ‑ Pedro und Peter, die sitzen im gleichen VW‑Multi und produzieren international Mehrwert. Auch unsere Solidarität für Südafrika oder Brasilien ist keine Frage mehr ‑ sie ist Realität. Man soll nicht unbedingt „Carlos“ spielen oder Entebbe nachahmen, aber diese Ereignisse sind trotzdem negative Vorboten für das, was noch kommt, d.h. den international organisierten Klassenkampf. Diese Problematik „Techniker, Ingenieure, Facharbeiter und internationaler Klassenkampf’’ habe ich schon in einem Buch im Jahre 1974 (Reihe Fischer, Ffm) dargestellt und brauche hier nicht näher darauf einzugehen. Die BRD, Handelspartner Nr.1 der Republik Südafrika, ist ein Land, das arm an Rohstoffen ist. Für wichtige Rohstoffe wie Chrom, Nickel, Mangan, Molybdän, Wolfram, Vanadium, Bauxit, Kupfer, Titan, Zinn und alle Platinmetalle gibt es keine einheimischen Erze. Auch die einheimische Zink‑ und Bleiproduktion deckt nur ca. 1/3 des Gesamtverbrauchs.

 

Intensive Beziehungen der deutschen Wirtschaft und ihrer politischen Repräsentanten zu Südafrikas Herren bestanden Wolf Geißler zufolge unter Kaisern, Präsidenten, Diktatoren und Bundeskanzlern. Wie ungebrochen sich Kapitalinteressen und politische Gemeinsamkeiten erhalten haben, drückte 1970 das „Handelsblatt“ folgendermaßen aus: „Ein positives Deutschlandbild braucht in Südafrika gar nicht ‘verkauft’ zu werden. Es ist seit langem vorhanden und wurde lediglich durch zwei Weltkriege belastet, ohne indessen an Substanz zu verlieren.“ Für die „Südafrikaner sind deutsche geschichtliche Perioden wie das Kaiserreich und das Dritte Reich in angenehmer Erinnerung... Heute sind es VW, Mercedesstern und Photoapparate, die das deutsche Image prägen.“

 

Die Beziehungen zwischen der RSA und der BRD wurden in der letzten Zeit aufgrund folgende, Faktoren besonders eng:

 

1. Sympathien der südafrikanischen Nationalisten wie Dr. Verwoerd oder Vorster für den Nationalsozialismus und nach dem 2. Weltkrieg der beiden Ländern gemeinsame, von dem als Integrationsinstrument geforderte Antikommunismus. Der gegenwärtige Premier Vorster formulierte schon 1942 ‑ während er Hitler unterstützte ‑ seine Zukunftsziele: „Wir treten für den Christlichen Nationalismus ein, der ein Verbündeter des Nationalsozialismus ist. Man kann dieses antidemokratische Prinzip Diktatur nennen, wenn man will. In Italien heißt es Faschismus, in Deutschland Nationalsozialismus und in Südafrika Christlicher Nationalismus.“ ‑ und so heißt es noch heute in Südafrika, und dieser Nazi Vorster wurde hier in der BRD als „Gast“ geduldet.

 

2. Südafrika hat nicht nur sehr billige schwarze Wanderarbeitskräfte anzubieten, sondern auch eine gut ausgebaute Infrastruktur.

 

3. Südafrika besitzt reiche Rohstoffvorkommen, die in der BRD gar nicht vorkommen, das private Kapital ist dort vor Nationalisierungen sicher.

 

4. Dividenden und Zinsen aus Anlagen sind frei transferierbar. Die Besteuerung ist niedriger als in der BRD. Es gibt keine Mehrwertsteuern und keine Gewerbesteuern, die sozialen Pflichtabgaben an afrikanische Wanderarbeiter sind gering. Besondere Anreize und Vergünstigungen werden geboten.

 

5. Südafrika hat ein Hinterland afrikanischer Märkte, Länder wie Sambia, Malawi oder Mozambique, in denen Kapitalinvestitionen vom politischen oder wirtschaftlichen Standpunkt nicht attraktiv sind.

 

Ist auch der Anteil Afrikas am gesamten Welthandel nach dem 2. Weltkrieg rückläufig gewesen, so haben die Metropolen ihre Investitionstätigkeit seit 1960 in Südafrika und anderswo rapide verstärkt. Das Auslandskapital konzentriert sich auf die rohstoffreichen Staaten Afrikas, im Süden vor allem auf die RSA und Angola. Rund 70 % der Investitionen in der südafrikanischen Wirtschaft kamen seit 1972 aus dem Ausland; ‑ ich sag das deshalb, damit man genau merkt, wer noch an dem Soweto‑Massaker beteiligt war, ich behaupte: 400 bundesdeutsche Firmen! ‑ die durchschnittliche Profitrate beträgt offiziell 15 %, eine der höchsten der Welt. Dieser „Heißhunger nach Mehrwert“ bzw. der „Vampirdurst nach lebendigem (schwarzen) Arbeitsblut wurde zumindest für VW in Südafrika zwischen 1971 und 1973 reichlich belohnt. VW zahlte bis 45 % Netto Dividende aus.

 

Die EG (inklusive England) hält heute ca. 82 % des südafrikanischen Auslandskapitals. Diese Statistik ist unheimlich wichtig! Aber worum geht’s wirklich? Fällt Afrika südlich der Sahara ‑ ist Westeuropa im Wahrsten Sinne des Wortes im „Eimer“?. Die BRD‑Konzerne wie Siemens, AEG‑Telefunken, BASF, VW, Krupp, Bosch, Trevira, Braun, Leica, Geha, Zeiss, 4711, Dortmunder Union Bier, Henkel, Rosenthal, Bayer usw. usf. unterhalten, wie vorher erwähnt über 400 Filial‑ und Tochterunternehmen in der RSA. Ihre Tätigkeiten in Afrika sind lebensnotwendig für die Existenz der hiesigen freiheitlich‑demokratischen Grundordnung.

 

Die BRD liefert u.a. auch die Waffen, mit denen Vorster die Unterdrückung, die Massaker von Sharpeville und Soweto, zum Schutz des internationalen Kapitals betreibt.

 

1970/71 wurden 9 Transall‑Militärtransportflugzeuge, die zu 2/3 von deutschen Firmen, zu 1/3 von französischen Firmen gebaut wurden, an Vorster geliefert.

 

Die Firma Vereinigte Flugtechnische Werke, Bremen, liefert über ihre Beteiligungsfirma SABCA in Belgien Teile für Mirage F‑11 Düsenjäger und Puma‑Hubschrauber ‑ Kernstücke der südafrikanischen Luftwaffe gegen die Guerillas damals in Mozambique, in Angola und jetzt in Zimbabwe.

 

Messerschmidt‑Bölkow‑Blohm ist Zulieferer für die von Frankreich an Südafrika verkaufte Rakete Exocet. 1974/1975 wurden Milan‑Panzerabwehrraketen, eine deutsch‑französische Gemeinschaftsproduktion an Südafrika geliefert. Trotz des Einspruchs des Bundesamtes für gewerbliche Wirtschaft wurden 1974 137 Zugmaschinen für Panzerschwertransporter geliefert. Messerschmidt‑Bölkow‑Blohm hat diese Panzerabwehrrakete zu 50 % hergestellt. Die militärische Überwachungs‑ und Nachrichtenzentrale bei Simonstown wurde ausschließlich von Siemens, AEG und MAN für 60 Millionen DM geliefert. Der Direktor Grether von BBC‑Mannheim sitzt im Aufsichtsrat der südafrikanischen Waffenfirma BBC‑Orsal, Johannesburg. Ich könnte noch mehr solcher Beispiele bringen.

 

Die Bonner Regierung hat sich um das westdeutsche Kapital in Südafrika verdient gemacht. 1974 importierte die RSA Maschinen und elektrische Anlagen im Wert von DM 1,324 Mrd. aus der BRD, was einem Zuwachs von 35,6 % gegenüber 1973 entspricht; Transportausrüstungen für 790 Mill. DM (Zuwachs von 31 %), Grundmetalle für 508 Mill. DM (108 %), Textilien und Textilerzeugnisse für 279 Mill. DM (100 %), chemische Erzeugnisse für 450 Mill. DM (75 %) usw.

 

1974 ‑ die Zahlen für 1975 habe ich noch nicht ‑ als größter Handelspartner Südafrikas lieferte die BRD Waren im Wert von insgesamt 3,6 Mrd. DM nach Vorsters Polizeistaat, bezog aber nur Waren im Wert von ca. 2 Mrd. DM. Der Export der BRD nach Südafrika nahm seit 1951 um das 27fache zu, der Import nur um das 11fache. Größer und größer wird damit Südafrikas Schuldenberg; allein In den letzten 6 Jahren vergrößerte er sich um 5,3 Mrd. DM. Schmidt hat Vorster in der Hand wegen seiner Schulden! Bezogen aus der RSA wurden hauptsächlich: Gold, Kupfer, Persianerpelze, Wolle, Früchte, diverse Mineralien und sogar Kohle für DM 21 Mill.

 

Die gegenwärtige Unterdrückung im Inneren der BRD, z.B. „Berufsverbote“ für sozialkritische Wissenschaftlicher oder Verfolgung von politisch bewußten ausländischen Studenten oder Gelehrten, ist Produkt einer sich präventiv verhaltenden imperialistischen Regierung, die alles daran setzt, sich entwickelnde wirklich demokratische Bewegungen von vornherein zu unterdrücken, um den Rücken für die bürgerliche Klasse, für die Krupps oder Flicks frei zu haben, die BRD zum neuen, ökonomisch stabilen, US‑treuen Hegemonialmachtzentrum Europas zu machen und in der sogenannten 3. Welt durch die Unterstützung subimperialistischer Zentren, Militärdiktaturen oder Polizeistaaten wie Südafrika, Brasilien oder Persien ihre Rolle im Weltzusammenhang auszubauen.

 

 

ZUR LAGE IN SÜDAFRIKA

 

Jetzt schauen wir uns die Lage in Südafrika selbst genauer an und zwar vom wirtschaftspolitischen und machtmilitärischen Standpunkt:

 

Das südliche Afrika ist ohne Zweifel nach Vietnam zu einem Epizentrum des weltweiten Kampfes gegen den Imperialismus geworden. Es ist sehr klar, daß die Republik Südafrika, assistiert vom internationalen Kapital, spätestens seit 1960 gezielt versucht, die kapitalistische Entwicklung des südlichen Afrikas endgültig unter den von ihr dirigierten ökonomischen und militärpolitischen Bedingungen zu lenken, um somit das gesamte subsaharische Afrika neokolinialistisch zu penetrieren und dort ein expansiv-kapitalistisches Herrschaftssystem zu etablieren. Der wirkliche Grund für dieses Anliegen liegt auf der Hand: aufgrund der rasch zunehmenden Kapitalakkumulation in der Republik Südafrika, insbesondere seit den 60er Jahren, stößt das dortige Kapital auf die Grenzen des inneren Marktes. Der raschen „Entwicklung“, die primär der weißen Siedlerkaste zugute kommt, die 74 % des Nationaleinkommens als Minderheit konsumieren, wirkt die „Unterentwicklung“, d.h. die mangelnde Kaufkraft der 15 Millionen afrikanischen Lohnabhängigen, hemmend entgegen. Das heißt, die Schwarzen leben unter dem Existenzminimum oder gerade darüber; sie haben zu wenig Lohn, um die Waren, die jetzt auf den Markt gekommen sind, zu kaufen. Jetzt passiert noch etwas anderes, nämlich das, was Marxisten die „höhere organische Zusammensetzung des Kapitals“ nennen, d.h. daß die lebendige schwarze Arbeitskraft durch zunehmend tote ‑ durch Maschinen ‑ ersetzt wird. Die Errichtung immer neuer Produktionskapazitäten aufgrund steigender Auslandsinvestitionen bzw. die Auslagerung von Produktionsstätten in diese Submetropolen, d.h. diese ökonomische Aktivität führt zu einer ständig steigenden Masse an Gebrauchswerten, die sich an einem gewissen Punkt im nationalen Rahmen nur noch absetzen läßt, wenn die effektive Nachfrage erhöht wird. Waren, Produkte, Erzeugnisse, müssen ja verkauft werden; erst wenn sie verkauft sind, wird Mehrwert realisiert. Erst dann erzielen die Kapitalisten ihre Profite. Die wichtigste Frage in Südafrika für das internationale Kapital: „Wie verkauft man das Zeug, das überall überproduziert wird?“

 

Wenn die derzeitige Apartheidpolitik, d.h. die soziale Diskriminierung, die politische Entrechtung und die ökonomische Ausbeutung, die ungerechte Verteilung des Gesamtproduktes des Landes und der zentrale Widerspruch zwischen „schwarzer“ Arbeit und „weißem“ Kapital nicht geändert werden soll, hilft nur noch eins: Vergrößerung des Marktes in Richtung Zimbabwe, Sambia, Angola, Zaire usw. Jetzt wird erst einmal klar, warum Vorster auf seine Dialogpolitik, Detentepolitik, bzw. Nordpolitik gekommen ist, wie so eine weiße Hand es überhaupt wagen konnte, sie einer schwarzen über den Sambesi oder Limpopo in „Freundschaft“ zu reichen. Dies bedeutet eine imperialistische Expansion in Richtung Norden und damit eine Vergrößerung der Nachfrage durch regionale Expansion. Dies bedeutet zugleich eine Ausweitung des Wanderarbeitssystems, die Verwandlung des gesamten subsaharischen Afrikas in Slums, Ghettos und „Bantustans“. (Am 26. Oktober 1976 soll der 1. Bantustan frei werden. Der südafrikanische Außenminister war schon bei Genscher im letzten Jahr. Die Sache wurde schon besprochen und die BRD soll nach der Schweiz eines der ersten Länder sein, die die unabhängige Transkei anerkennen soll.) Nur mittels Löhne, d.h. verkaufte Wanderarbeitskraft, können die schwarzen Arbeiter aus Malawi, Zimbabwe, Lesotho, Botswana, Swaziland usw., dann auch wertvolle Konsumenten werden.

 

Die Geschichte Westeuropas zeigt, daß die Industrialisierung in einem Land unter kapitalistischen Vorzeichen immer die ökonomische Ausbeutung anderer weniger entwickelter Länder bedeutet. Ich will gerade erklären, warum diese Bantustans und auch die formal‑politisch unabhängigen Staaten um Südafrika herum, z.B. Mozambique oder Sambia überhaupt keine Lebenschance haben, wenn nicht entscheidende ökonomische Veränderungen eingeleitet werden. Es ist immer der ökonomisch und militärisch stärkere kapitalistische Staat, der seinem „Partner“ erst Nahrungsmittel und Rohstoffe entzieht (sei es durch Raub oder durch Handel), dann den Produktionsfaktor Arbeitskraft durch Auslagerung von Industrien oder Wanderarbeiter bzw. (wie hier bei uns) Gastarbeiter an sich reißt und schließlich das Monopol für den Vertrieb der eigenen industriell hergestellten Waren in dem unterentwickelten ausgebeuteten Land erhält. Und was ich hier darstelle, erinnert an das, was z.B. in der BRD gemacht wird, aber auch innerhalb der EG, bezogen auf Gastarbeiter. Für die RSA wird ein ähnlicher Plan entworfen. Zimbabwe ist geradezu ein klassisches Beispiel für diesen Ausbeutungsprozeß. So konnte sich früher Südrhodesien aufgrund der engen Verbindung mit der Südafrikanischen Union während der 40er Jahre nicht entwickeln. Erst Roy Welenskys Zentralafrikanische Föderation(1953) von Nyassaland (heute Sambia) erlaubte es Südrhodesien, sich gegen diesen wirtschaftlichen Druck zu schützen. Durch den Verfall der Föderation Anfang der 60er Jahre und die Bindung an die „Unheilige Allianz“ (Südafrika und Portugal) geriet Südrhodesien dann wieder in den Sog der südafrikanischen kapitalistischen Wirtschaft. Dann ging es wieder bergab. Neben zunehmenden Investitionen in Agrarwirtschaft und verarbeitender Industrie hat südafrikanisches Kapital seitdem vor allem zur Expansion, des Bergbaus in Zimbabwe beigetragen. ISCOR, Südafrikas staatliche Entwicklungsgesellschaft für Stahl und Eisen, investierte im Jahre 1966 z.B. nicht nur 2,5 Mill. Pfund Sterling in Zimbabwe; sie borgte damals ihrem rhodesischen Pendant FISCO auch ihren Namen, so daß das Eisenerz über Mozambique exportiert werden konnte.

 

Die Bantustan‑ und Detentepolitik Südafrikas sind zwei Seiten der gleichen konterrevolutionären Strategie. Als bloße „politische“ Übung gesehen, ist Detente ein Versuch Südafrikas, aus der internationalen Isolation, insbesondere in Afrika, auszubrechen. Der wahre Impetus ist jedoch ökonomischer Natur, forciert durch gehemmte Produktivkräfte und einheimische politökonomische Interessen.

 

Wie schon erwähnt, ist Südafrika eine Submetropole, der Kern eines ökonomisch integrierten und koordinierten Systems von afrikanischen Staaten südlich der Sahara. Viele der nördlichen Länder, z.B. Sambia oder Zaire haben hauptsächlich aus politischen Erwägungen den Fluß des Handelns und des Kapitals aus Südafrika blockiert. Da diese Länder aber keineswegs sozialistische Länder sind, mehr oder weniger monokulturell bzw. neokolonialistisch wirtschaftlich entwickelt sind und von einer afrikanischen Elite regiert werden, hat dieser Schritt, der von internationalen Faktoren geleitet wurde, schwerwiegende ökonomische Konsequenzen für die abhängigen Staaten südlichen Afrikas. Zur gleichen Zeit hat das bürgerliche Kolonial‑Wirtschaftssystem Südafrikas den Export von Fertigwaren, Minentechnologie und Minenkapital in diesen Ländern ermöglicht. Hinzu kommt, daß die gegenwärtige weltweite Inflation südafrikanische Waren auf dem afrikanischen Markt konkurrenzfähig gemacht hat. Mehr und mehr steigern die Staaten wie Malawi, Zaire oder Sambia ihre Einkäufe aus Südafrika. Dementsprechend werden sie auch politisch freundlicher gegenüber dem Apartheidstaat. Die Detente‑ bzw. Dialogpolitik ist folglich in diesem Kontext zu sehen.

 

Der Zwang, permanent neue Märkte in Afrika zu erschließen, führt auch im Inland dazu, daß Südafrika verstärkt seinen Binnenmarkt vergrößern muß. Das ist sehr wichtig, weil jeder von uns glauben soll, die Schwarzen haben es doch besser, haben jetzt einen höheren Lebensstandard. Den Schwarzen ist es „noch nie so gut gegangen wie heute“, das würde gerade beweisen, daß die noch nie so gut ausgebeutet worden sind, wie heute! Dies bedeutet für die Afrikaner, daß sie sich als Konsumenten an der westlich orientierten Lebensweise in Weißsüdafrika gewöhnen sollen, sich die Konsumtionsmuster zu eigen machen.

 

Mangel an einheimischen Facharbeitern, unregelmäßige und abflauende weiße Immigration, steigende ökonomische Bedürfnisse und ein erwachendes politisches Bewußtsein der afrikanischen Wanderarbeiter in den Minen und der verarbeitenden Industrie haben dazu geführt, daß das Pretoriaregime die Rassenschranke im sozialen Bereich langsam abbauen mußte. Das bedeutet aber nur: die Apartheid‑Schilder müssen weg, die anzeigen: „Toiletten nur für Weiße, nur Schwarze“ oder „Bänke nur für Schwarze, für Weiße“ oder für die Züge und die Taxis. Also das, was man normalerweise als Rassenkampf bezeichnet, das muß wegradiert werden. Das bedeutet, in bestimmten Bereichen können Afrikaner in Zukunft auch Facharbeiter werden. Die weißen Facharbeiter können sich zu Technikern und Ingenieure erheben, vorher fungierten die Schwarzen als billige Hilfsarbeiter, jetzt werden sie Facharbeiter. Hierdurch führt man Rationalisierungen in den Industrien, Automationen in den Minen durch, d.h. die „höhere organische Zusammensetzung des Kapitals“ wird auch in den Submetropolen Südafrikas hergestellt. Auch die Löhne mußten erhöht werden, um zu ermöglichen, die Überproduktion an Waren zu konsumieren. Es gibt jedoch einen Pferdefuß, man kann nicht absolut automatisieren denn Maschinen können keine Ware kaufen und konsumieren; das müssen schwarze Arbeiter machen. Maschinen können ja bekanntlich keinen Mehrwert realisieren. Die Verbesserung des Lebensstandards der Afrikaner, die nicht moralisch oder philanthropisch begründet ist, sondern von ökonomisch‑kapitalistischer Rationalität diktiert wird, bedeutet auch auf einer höheren Ebene intensivere ökonomische Ausbeutung und Extraprofite (wie z.B. bei VW) in Südafrika.

 

Die allmähliche Aufhebung der „sozialen Apartheid“ ist eng mit der Entwicklung der Bantustanpolitik verknüpft. (Erklärung des Begriffes: Bantustans. Während der Kolonialperiode wurden die Afrikaner zurückgedrängt und entmachtet. Das Vieh und Land wurden zerstört, die Afrikaner selbst massakriert und in 264 kleine Inseln gedrängt, die heute die Heimatländer sein sollen. Dort sollen sie seit eh und je gelebt haben. Und diese Heimatländer ‑ diese 264 kleine Inseln ‑ umfassen etwa 13,7 % des Landes. Diese Inseln werden jetzt nochmal zusammengefaßt. Dabei hat man aber Schwierigkeiten, weil zwischen ihnen bis zu 200 km liegen. Man versucht sie nun irgendwie zusammenzulegen, und sie sollen jetzt unabhängige Bantustans werden. Früher hat man von Stämmen gesprochen, die ihre eigene Kultur, Gebräuche und Sitten haben, die aber anders sind. Die „Bantus“ wollen gar nicht mit uns leben und uns heiraten. Sie sind hoffnungslos unterentwickelt. Wir werden ihnen helfen, geschichtsfähig zu werden, zivilisiert zu werden. Jetzt spricht Weißsüdafrika ganz anders. Die „Bantus“ sind keine Stämme mehr ‑ jetzt haben sie sich zu Nationen entwickelt, die verschiedenen Nationen sollen in verschiedenen Bantustans leben ‑ das ist jetzt „multinationale Entwicklung“ statt „getrennte Entwicklung“ (Apartheid).

 

Erklärung des Begriffes: Job Reservation war eigentlich ein Instrumentarium, um die weißen Arbeiter ruhig zu halten, sozusagen um eine weiße Arbeiteraristokratie zu züchten. Die sog. „poor whites“ (Buren) brauchte man seit 1936 zum wählen, als Wahlfutter. Um zu garantieren, daß sie wirklich weiß wählten, d.h. Apartheid wählten ‑ haben die „poor whites“ Privilegien bekommen, höhere Löhne wurden bezahlt, und es wurden ihnen „white‑collar“‑Jobs angeboten die im Grunde Aufseherjobs waren. Gesetzlich wurde festgelegt, daß Schwarze nicht einmal als Arbeiter bezeichnet werden können, keine Gewerkschaften gründen dürfen, kein Recht zum Streik haben usw. „Job reservation“, d.h. die besseren Jobs werden für Weiße reserviert und schlechteren für die Schwarzen, war seit den 30er Jahren ein Garant für den Lebensstandard der weißen „Arbeiteraristokratie“ aber auch für die sicheren Stimmen der allweißen Wählerschaft. Alle herrschenden Gruppen in Südafrika sind sich darüber einig: man muß die offensichtlichen Erscheinungsformen der Apartheid aufheben. Aber wenn das getan wird, werden die weißen Arbeiter sicherlich rebellieren, sie verlieren ihre Privilegien, ihre Positionen sind bedroht und dann gibt es wirklich eine proletarische Revolution von Weiß und Schwarz. Die Lösung sieht so aus: Erst nachdem Südafrika total geteilt ist, d.h. in geographisch getrennte „Nationen“ verwandelt ist, können die weißen Herrscher es wagen, die „ökonomischen“ Rassenschranken abzuschaffen. Die Afrikaner werden dann als Mitglieder einer Xhosa- ­Zulu‑ oder Sotho‑Nation als „Gastarbeiter“ nach Allweißsüdafrika einwandern, um Arbeit zu suchen, d.h. 15 Mill. Afrikaner werden einfach ihrem wirklichen Heimatland gesetzlich gestohlen (und die BRD wird noch diesen Pseudo‑Staat (die Transkei) anerkennen). Die Afrikaner werden sich als Ausländer fühlen und werden als Ausländer behandelt werden, so wie man sich z.B. als Ausländer in der BRD fühlt, so kann man sich etwa vorstellen, wie ein schwarzer Arbeiter in Weißsüdafrika verfolgt sein wird. Die weißen Arbeiter werden auch keinen Grund haben, sich vor der Konkurrenz der Ausländer zu fürchten, da Pretoria jederzeit einen Einwandererstop erlassen kann, was man ja schon in der BRD vor kurzem praktiziert hat. Dieser teuflische Plan bedeutet letzten Endes, daß die Submetropole das ganze südliche Afrika in Bantustans verwandeln wird ‑ nicht nur die Bantustans dort im Lande, sondern auch Botswana, Swasiland, Malawi usw. werden in Bantustans verwandelt; das ist die Funktion der Submetropole. Zugleich wird sich Südafrika auch international wieder „beliebt“ machen. Wir haben ihnen ja die Freiheit gegeben; was wollen sie eigentlich, sie haben ein eigenes Parlament, sie wählen, wir unterdrücken sie nicht mehr!

 

Der Angelpunkt dieser diabolischen Strategie ist die Errichtung einer afrikanischen Elite bzw. einer Art von Nationalbourgeoisie in diesen „Bantustans“. Zugleich muß die schon existente politische Elite in Sambia, Malawi oder Zaire beruhigt werden. Sie sollen durchaus anti‑Apartheid sein, dürfen aber niemals anti‑kapitalistisch werden. Das ist der feine Unterschied: Rassenkampf ja ‑ Klassenkampf nein.

 

 

EINSCHÄTZUNG AUS AFRIKANISCHER PERSPEKTIVE

 

Abschließend: Sicherlich tendieren die Emanzipationsbewegungen in den verschiedenen Staaten des südlichen Afrikas, vor allem in Namibia, Zimbabwe, Angola und Mozambique in Richtung Antikapitalismus, d.h. Aufhebung der Unterentwicklung auf globaler Ebene, die notwendigerweise das internationale kapitalistische System aufheben muß. Bewegungen wie die MPLA in Angola, FRELIMO in Mozambique oder ZANU in Zimbabwe sind jedoch nicht von vornherein sozialistisch, genau so wenig wie westdeutsche Arbeiter Revolutionäre an sich sind. Ich erkläre das deshalb so genau, weil es viele Probleme und Schwierigkeiten zwischen politischen Gruppen in der BRD gibt; sie streiten sich und zeigen sich geradezu die Zähne. MPLA wird unterstützt, dann wird wieder FNLA‑Unita unterstützt. Der KBW unterstützt diese Befreiungsorganisation, Spartacus (mit c oder k oder ‑) eine andere. Deshalb erkläre ich mal genau, worum es geht, d.h. vom südafrikanischen Standpunkt und aus unserer Perspektive.

 

Nationale Befreiungsbewegungen in Südafrika sind zunächst anti‑Apartheid, anti‑kolonial, anti‑Fremdherrschaft, bürgerlich‑demokratisch wenn nicht sogar kleinbürgerlich‑nationalistisch. Sie versuchen als Nahziel mit allen Mitteln die nationale Befreiung innerhalb der historisch künstlich entstandenen Kolonialgrenzen zu erreichen. Sie vertreten heute weder Stämme (im sinne der Stammesgesellschaft als Produktionsweise) noch Völker. Moderne Völker oder Nationen, soziale Phänomene, die mehr oder weniger in Europa eng mit der Genese des Bürgertums bzw. der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals verbunden sind, konnten und können nicht in den sog. afrikanischen Entwicklungsländern entstehen.

 

Die vorkolonialen Gesellschaftsstrukturen, die auf Versorgungswirtschaft basierten, wurden zerstört. Die atomisierten Afrikaner in Südafrika wurden nur als billige Wanderarbeitskräfte im Kolonialkapitalismus integriert. Als Revolte gegen dieses jahrzehntelange Dämmerdasein in einem Niemandsland, entstand der Afrikanische Nationalismus, der sich später ‑ nach den 60er Jahren zum Panafrikanismus gegen fremde Hegemonie entwickelte. Das war damals hauptsächlich mit den Theorien und Bemühungen von Kwame N’krumah verbunden. ANC (African National Congress) oder PAC (Pan African Congress of South Africa) sind z.B. von diesen sozialen Bewegungen stark beeinflußt. Ich sage das deshalb, weil wir von diesen zwei Bewegungen in den nächsten Jahren bei Friedensverhandlungen sehr viel hören werden. Und es gibt noch eine dritte, das „Unity Movement of South Africa“ (UMSA).

 

Die Entwicklung zum Guerillakampf, zum Volkskrieg ändert diese Bewegungen seit den 60er Jahren nicht unbedingt in sozialistische Bewegungen. Auch die Unterstützung der Sowjetunion, China, Ostblockstaaten oder Kuba ‑ egal aus welchen Beweggründen ‑ macht aus ihnen noch lange nicht sozialistische oder marxistische Bewegungen ‑ eine Sache, die ganz klar gesehen werden muß.

 

Die jahrhundertelange „divide et impera“ ‑ (d.h. teile und herrsche) und „Apartheid“ ‑Wirklichkeit hat eine Vielfalt von Emanzipationsbewegungen hervorgebracht. Sie alle haben ihre historische Berechtigung und reflektieren auch genau die verschiedenen Bewußtseinsstufen der erwachenden afrikanischen Bevölkerung. Keine nationale Bewegung kann heute einen hegemonialen (vorherrschafts‑) Anspruch bzw. Alleinvertretung beanspruchen. Dies würde letztlich eine „Apartheid der Befreiung“ bedeuten. Sicherlich operieren Sozialisten der diversesten Anschauungen in diesen Bewegungen und beeinflussen Politik und Programm. ‑ Sie sind jedoch stark in der Minderheit und müssen sich als Marxisten an die afrikanische Realität halten. Das ist dasselbe, was ich am Anfang meines Vortrages angedeutet habe, früher wurde Geschichte in Westeuropa gemacht, die Afrikaner waren nur Objekte. Die Befreiungsbewegungen sind Subjekte in der 3. Welt und unsere europäischen Marxisten sollen lernen, das 2/3 der Menschheit in Zukunft mehr zum Weltsozialismus zu sagen hat. Man soll den Afrikanern in erster Linie zuhören, was sie dort sagen, was sie dort tun, was für eine Politik, was für eine Richtung sie verfolgen, was für eine Theorie sie formulieren. Denn wenn der Klassenkampf wirklich international ist, dann werden wir ihnen sicherlich nicht beibringen können, was für eine „richtige“ Politik sie verfolgen sollen; wir müssen uns gegenseitig helfen, die Revolution zu machen. Sozialistische Theorie und Praxis können sich somit auch aus den wirklichen objektiven und subjektiven Bedingungen in Südafrika entwickeln ‑ egal wie wir uns hier streiten, ob die ZANU oder MPLA nun „sozialistisch“ sei oder ob sie die korrekte „Moskaulinie“ verfolgt usw.

 

Solche Kontroversen haben wenig mit internationaler Solidarität oder Internationalismus zu tun, eher mit Eurozentrismus und z.T. Paternalismus. MPLA, ZANU oder FRELIMO sind revolutionäre Subjekte. Eine MPLA im Kampf gegen portugiesischen Ultrakolonialismus und Südafrikanische Apartheid im Jahre 1970 und die gegenwärtige MPLA, die z.T. sogar Marxisten inhaftieren, die die Macht ausübt, die zwei Bewegungen sind tendenziell ähnlich aber qualitativ verschiedene Bewegungen. Die alte MPLA war gegen FNLA und UNITA und die neue MPLA die alle Angolaner mit ihren Bewußtseinsstrukturen umfaßt, hat auch die FNLA und UNITA als immanenten sozialen Bestandteil. Welche Bewegung sozialistisch orientiert ist und nicht nur gestern, sondern auch morgen, beweist sich in der revolutionären Praxis, in Befriedigung der Bedürfnisse der unterdrückten Völker. Solche Bewegungen sollen auch international materiell unterstützt werden. Sicherlich werden heute die MPLA, FRELIMO, ZANU auch SWAPO von großen Teilen der Bevölkerung getragen und sind somit auch sozialrevolutionär. Mit allen notwendigen Mitteln versuchen sie sich zu befreien ‑ Waffen brauchen sie gegen Apartheid ‑ wo der Apartheidstaat schon Atomwaffen hat ‑ und diese holen sie von Moskau, Peking, Washington, Paris oder Bonn, wenn es sein muß, d.h. ja nicht, wenn sie sie von Bonn holen, daß sie jetzt plötzlich imperialistisch würden.

 

Die Völker Südafrikas in Angola, Mozambique, Zimbabwe und Südafrika haben den Weg der bewaffneten Revolution gewählt, ob es uns paßt oder nicht.

 

Vorster, Kissinger, Schmidt und Genscher, egal was sie geheim in Bodenmais geplant haben, sie können die Räder der Geschichte nicht mehr zurückdrehen. Die Geschichte ist auf unserer Seite ‑ auf der Seite der Befreier der Menschheit. Der Anfang des Ende des Kapitalismus in Afrika ist deutlich in Sicht ‑ Pretoria, Bonn, Washington, Moskau und Peking können Südafrika zwar in ein Vietnam verwandeln, aber niemals können sie den dynamischen und unaufhaltsamen und unerbittlichen emanzipatorischen Willen der Völker der Dritten Welt bändigen. Freunde und Genossen, ich danke Euch!

 

(Von Tonbandaufzeichnungen zu Papier gebracht)

 

August 1976